Markus 2,23-28,
Liebe Gemeinde,
was ein Winter! 1946, der Krieg steckt allen noch in den Knochen. Viele Menschen leben weiterhin in zerstörten Häusern. Der Magen knurrt, die Versorgungslage ist katastrophal. Und dann noch diese Kälte. Bis zu minus 15 Grad zeigt das Thermometer an. Eisschollen schwimmen auf dem Rhein. Heizmaterial gibt es kaum, hier in Köln – genauso wie an vielen anderen Orten des Landes. Zwar fahren die Güterzüge mit Kohlebriketts durch das Rheinland. Aber sich davon etwas zu nehmen, steht unter hoher Strafe.
Als der Kölner Erzbischof, Josef Kardinal Frings, am Silvesterabend des Jahres 1946 auf die Kanzel steigt, warten viele Gläubige mit Spannung darauf, was er ihnen für das neue Jahr in der schweren Zeit mitgeben würde. Mit den Worten, die Frings schließlich findet, hat allerdings niemand gerechnet. Bei seinen Ausführungen zum 7. Gebot, Du sollst nicht stehlen, sagt er:
„Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten nicht erlangen kann.“
Kaum ein Predigttext verbreitet sich so schnell wie dieser. Hatte der Kölner Kardinal tatsächlich dazu aufgerufen, sich in der Not selbst zu bedienen – selbst wenn es sich dabei um Diebstahl handelte? Die britischen Besatzungsmächte sind entsetzt, laden den Erzbischof vor, können ihn aber nicht dazu bewegen, seine Worte zurückzunehmen. Im Gegenteil, Frings erklärt später: „Ich selbst würde mir von den Waggons die Briketts holen, wenn ich kein Heizmittel hätte.“ Einer Mischung aus souveränem Auftreten und Chuzpe ist es zu verdanken, dass Frings letztlich nicht von der britischen Besatzungsmacht belangt wurde.
Liebe Gemeinde,
an diese knapp 80 Jahre alte Begebenheit musste ich denken, als ich den heutigen Predigttext erstmals las. Er steht beim Evangelisten Markus im 2. Kapitel und führt uns in die weite Landschaft Galiläas zur Erntezeit:
23 Und es begab sich, dass Jesus am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen.
24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat, was nicht erlaubt ist?
25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren:
26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?
27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.
Liebe Gemeinde,
wie gut ist es, dass wir Gesetze und Gebote haben. Bereits in unserem Alltag vermitteln uns staatliche Gesetze Sicherheit und ermöglichen uns ein friedliches Zusammenleben. Gesetze und Verordnungen regeln den Verkehr, schützen Eigentum und sorgen idealerweise dafür, dass alle Bürger eines Landes gleich behandelt werden. Schon Kinder haben ein untrügliches Gespür für die Bedeutung von Regeln. Sie merken es sofort, wenn nicht für alle die gleichen Regeln gelten.
Auch die Gebote Gottes geben uns Orientierung. Sie stärken die Handlungsfähigkeit des Einzelnen und führen idealerweise dazu, dass es allen besser geht, wenn jeder sich daran hält. Ja, selbst Gott bindet sich selbst an sein Wort, wie uns die Geschichte der Arche Noah verdeutlicht, die wir auf Italienisch gehört haben: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen.“
Um der Menschen willen. Das wird zum Schlüssel, 1946 auch für Kardinal Frings. Bei dem konkreten Fall der lebensbedrohlichen Kälte in Köln handelt der Erzbischof nicht aus einem spontanen Impuls heraus, sondern nach reiflicher Überlegung, wie wir heute wissen. Frings stellt damit den Schutz des individuellen Lebens über den Schutz
des Eigentums. Ein klassisches Dilemma: Da ist eine für sich genommen sinnvolle Regelung, meist aus guten Überlegungen heraus entstanden. Und dann kommt die Erkenntnis, das bestehendes Recht nicht immer zu Gerechtigkeit führt.
Solche Abwägungen zwischen mindestens zwei jeweils schützenswerten Gütern kennen wir auch heute aus dem säkularen Recht: Der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages prüft, ob rechtliche Regelungen im Einzelfall doch zu Ungerechtigkeit geführt haben. Der italienische Staatspräsident hat die Möglichkeit, einzelne Personen, die rechtskräftig verurteilt worden sind, zu begnadigen. Und auch hier haben wir in den letzten Tagen und Wochen immer wieder gesehen, wie schwierig es ist, Recht und Gnade in ein stimmiges Verhältnis zu setzen.
Auch im Evangelium, das wir gehört haben, geht es um einen klaren Normenstreit. Am Sabbat zog Jesus mit seinen Jüngern durch die Kornfelder. Wir können uns weite, leuchtende Felder vorstellen. Galiläa galt als die Kornkammer Israels. Zugleich diente der Sabbat, der heilige Tag des Judentums, der Ruhe und der Rückbesinnung auf Gottes gute Schöpfung. Gott zu ehren, hieß den Sabbat zu heiligen. Ob man an diesem Tag ernten durfte, war innerhalb der jüdischen Rechtsauslegung umstritten. Klauen durfte man am Sabbat natürlich ebenso wenig wie an allen anderen Tagen.
Doch genau das werfen die Pharisäer, in christlicher Terminologie die „Kirchenrechtler“ der damaligen Zeit, Jesu Jüngern vor: Warum tun deine Jünger, was nicht erlaubt ist?
Jesus geht dem Konflikt nicht aus dem Weg. Im Gegenteil. Er macht, was wir uns in unseren politischen und sozialen Blasen, in denen wir heute leben, oft nicht trauen: Er geht hinein in den Diskurs. Jesus macht das, was in der damaligen Zeit üblich ist unter Schriftgelehrten. Er nimmt (in relativ freier Auslegung, wie man sagen kann) eine andere Bibelstelle, um auf die Verhältnismäßigkeit der Gebote aufmerksam zu machen: Er bezieht sich auf David, den von allen anerkannte König Israels. David – schon gesalbt, aber noch nicht regierend – wurde von Saul, dem bisherigen König, verfolgt. David und seine Begleiter sind auf der Flucht und sie haben Hunger. Nun bittet David den Hohenpriester, ihm die Schaubrote zu essen zu geben. Die Schaubrote, das waren zwölf ungesäuerte Brote, die in der Stiftshütte (später im Tempel) lagen und am Sabbat ausgewechselt wurden. Dann durften sie von den Priestern gegessen werden. David hatte überhaupt keinen Anspruch auf diese kultisch wichtigen Brote und verlangt sie trotzdem. Genauso, so macht Jesus deutlich, handeln auch seine Jünger aus einer verständlichen Not heraus: Der Hunger kennt keinen Feiertag.
Das Neue Testament ist voll von solchen Konflikten: Ob es um die Heiligung des Sabbats geht, um die Bestrafung der sogenannten Ehebrecherin oder die Frage, ob man dem Kaiser Steuern zu zahlen habe. Immer wieder geht es darum, zwischen Rechtsauffassungen, die für sich alleine genommen, alle konsistent sind, schwierige Abwägungen zu treffen.
Auch in unseren politischen und kirchlichen Debatten der Gegenwart kennen wir solche Konflikte. Und spannend werden sie natürlich dann, wenn sie wirklich weh tun und wir merken, dass es keine einfachen Lösungen gibt. Nur zwei möchte ich hier nennen.
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Etwa der Streit um den Anfang des Lebens. Da stehen der Schutz und die Würde des ungeborenen Lebens von Anfang an gegenüber der Notlage einer werdenden Mutter, die sich im Einzelfall sehr unterschiedlich gestalten kann. Eine klare und sinnvolle Schutzregel, die nicht immer, aber oft von dramatischen Umständen angefragt wird, durch die eine Frau schwanger wird. Ich kenne Pfarrerinnen, die gehen zu sogenannten Märschen für das Leben, um für das uneingeschränkte Recht des ungeborenen Lebens einzutreten. Und ich kenne Pfarrerinnen, die begleiten Frauen, die keine andere Unterstützung haben, zur Abtreibungsklinik.
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Oder nehmen wir den Streit um das Ende des Lebens. Auch hier der Schutz des Lebens bis zum letzten Atemzug. Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte leuchtet es unmittelbar ein, warum Kirchen in Deutschland das Leben zu jedem Zeitpunkt schützen wollen und kirchliche Einrichtungen die Ausübung von Sterbehilfe in ihren Räumen ablehnen. Und zugleich kennen wohl viele uns das Leid eines Menschen, der von Krankheit gezeichnet am Ende seines Lebens steht und mitunter selbst hofft, dass dieses Leben bald ein Ende nehmen möge.
Evangelische Ethik der Gegenwart zeichnet sich dadurch aus, dass sie oft keine einfachen und eindeutigen Antworten kennt. Dass sie vom Einzelfall, vom Abwägen, vom Differenzieren spricht. Das macht sie angreifbar. Setzt
sie dem Vorwurf der Relativierung und Subjektivität aus. Und doch kenne auch ich keinen anderen Weg, um diesen unheimlich schweren Abwägungen gerecht zu werden.
Auch der heutige Predigttext gibt uns keinen einfachen Schlüssel für die ethischen Fragen der Gegenwart, den wir für eine Problemlösung einfach nur einstecken und umdrehen müssten. Aber der vorletzte Vers deutet doch eine Spur an, der es sich zu folgen lohnt:
„Und Jesus sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
Hier ist es wieder, was wir bei Noah gehört haben: um des Menschen willen. Jesus gibt den Geboten ein menschliches Antlitz. Er negiert nicht die festgelegte Norm an sich. In der schwierigen Abwägung fokussiert Jesus auf das, was den Menschen dient. Er nimmt den Menschen in seiner Not, hier auf dem Kornfeld ganz konkret: in seinem Hunger wahr. Und ist dafür auch bereit, Konflikte in Kauf zu nehmen. In dieser Spitze stimmt er mit Paulus überein, der in unserem Lesungstext davon schreibt, dass der Buchstabe töte, der Geist aber lebendig mache. Es geht letztlich immer um den Menschen und das heißt auch, um den Einzelfall. Dieser Maßstab wird zum Schlüssel einer angemessenen Auslegung. Dabei geht Jesus im Laufe seiner Lehrtätigkeit ganz unterschiedlich mit den vorgegebenen Geboten um: Es gibt solche, die er verschärft und solche, die Jesus abmildert, jeweils um des Menschen willen.
Der Evangelist Markus hat diese Begebenheit auf dem galiläischen Feld aufgeschrieben. Er stellt sie als eine der ersten Erzählungen ganz an den Anfang seines Buches. Vielleicht nicht zufällig. Sie ist wie ein Leitmotiv: Nicht in seiner Strenge, sondern in seiner Menschlichkeit wird Gott in Jesus erfahrbar – in Jesu Heilungen, in seinen Wundern, aber eben gerade auch in seiner Auslegung der Regeln und der Tradition. „So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat,“ heißt dann auch: Mit Jesu Person, mit Jesu Lehre beginnt etwas Neues. Anders als menschenzugewandt sollen die Gebote Gottes nicht mehr ausgelegt werden.
Vielleicht sind es diese zwei Elemente, die bei all den schwierigen Fragen zurückbleiben. Zum einen die Frage, ob das Gebot, die Regel, ob unsere Tradition den Menschen in seiner Not im Blick hat. Zum anderen die Bereitschaft Jesu, den Fragen der Andersdenkenden nicht auszuweichen, sondern hineinzugehen in das Gespräch. Im Gespräch zu bleiben, gerade angesichts unserer eigenen Überzeugungen, unserer Fragen und unserer Wunden. Ja, das Gespräch zu suchen mit denen, die anders denken und anders handeln. Vielleicht können wir das heute wieder von Jesus lernen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in diesem Christo Jesu.
Amen.