1. Petrus 2,21-25

Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen,

dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen;

er, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund sich kein Betrug fand;

der, als er geschmäht wurde, die Schmähung nicht erwiderte, nicht drohte, als er litt, es aber dem anheimstellte, der gerecht richtet;

der unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz, damit wir, den Sünden abgestorben, der Gerechtigkeit leben.

Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.

Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

 

Liebe Gemeinde!

I.

Am Sonntag des Guten Hirten bedenkt die Kirche ein wunderschönes Thema. Der zweite Sonntag nach Ostern widmet sich dem verbreiteten und beliebten Bild des Herrn als Hirten. „…. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Und schon finden wir uns – Ostern im Rücken und den Frühling vor Augen – in einer wunderbaren Szenerie wieder. In einer heilen Welt von blühenden Auen und grünen Wiesen, in einer friedlichen Natur und harmonischer Ruhe.

Idyllisch und problemlos, wie wir und das Leben manchmal wünschten.

Idyllisch und problemlos, wie sich viele auch die Wirkungen Gottes wünschten – und deshalb enttäuscht sind.

 

Dass die Kirche die biblischen Bilder des Guten Hirten in der Osterzeit liest, liegt aber nicht an der wunderbaren Jahreszeit und an der erwachenden Natur!

„Geh aus mein Herz und suche Freud“ – das singen wir im Sommer.

Der Grund für das Hirten-Thema jetzt liegt im Oster-Geschehen, wie es in einem ganz anderen Lied zum Ausdruck kommt:

 

Surrexit pastor bonus
qui posuit animam suam pro ovibus suis
et pro suo grege mori dignatus est.

 

Auferstanden ist der Gute Hirte,

der sein Leben für seine Schafe ließ

und würdig war, für seine Herde zu sterben.

 

Dieses Responsorium aus dem Mittelalter erkennt in Jesus, der sein Leben gelassen hat und auferstanden ist, die klarste Verwirklichung des Hirtenbildes:

Nicht, weil der Auferstandene über grüne Wiesen schreitet, sondern weil er sein Leben für seine Herde eingesetzt hat.

Wie hatte Jesus gesagt?

„Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Ein schlechter Hirte sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht. Aber ich lasse mein Leben für die Schafe.“ (Joh 10,11.15)

 

Dieser Hirte beweist seine Stärke nicht in der Idylle grüner Weiden und des Landlebens, wie sich das die antike römische Literatur (Vergils Hirtengedichte) oder Beethoven in seiner Hirten-Symphonie (VI. „Pastorale“) so schön vorstellten.

Dieser Hirte beweist seine Stärke im finsteren Tal.

Diesen Hirten zeichnet nicht seine Sorglosigkeit aus oder sein einfacher Lebensstil, sondern sein Leiden.

Deshalb beschreibt ihn uns der Petrusbrief heute auch mit so vielen Karfreitags-Formulierungen:

„Christus hat für euch gelitten;

er hat unsre Sünden selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz;

Durch seine Wunden seid ihr heil geworden.“

Ein Bibeltext für diese österliche Freudenzeit?

 

Wenn wir Ostern feiern, würden wir diese schmerzhaften Formulierungen ja gerne hinter uns lassen. Wenn wir an Auferstehung denken, würden wir diese ganze Rede von Leiden, Sünde und Sühne ja gerne wegwischen.

So, als würden wir im Gesangbuch von der Rubrik „Passion“ endlich zur Rubrik „Ostern“ umblättern.

„O Haupt voll Blut und Wunden“ war gestern; heute gilt „Christ ist erstanden“. Gestern hieß es „Miserere“; heute „Halleluja“.

 

So selten solch ein krasser Stimmungswechsel in unserem gelebten Leben vorkommt, so unpassend ist er für das Schicksal des Guten Hirten!

Der Auferstandene lässt den Tod nicht einfach hinter sich, sondern er bringt uns seine Frucht.

Er hat das Leiden nicht vergessen, sondern trägt noch die Male der Nägel.

Christus hat den Tod nicht hinter sich gelassen, sondern er hat ihn besiegt.

Das Kreuz ist nicht vergangen, sondern ins rechte Licht gestellt!

Persönliches Leid ist nicht weggewischt, sondern wird geheilt.

 

Die Vorstellung Jesu als Gutem Hirten zeigt uns, dass Ostern kein göttlicher oder menschlicher Stimmungswechsel ist, sondern ein Heilungsgeschehen, ein Erlösungsprozess – vollzogen durch einen Hirten.

Durch seine Wunden sind wir geheilt. Weil er heil wurde, kann auch ich heil werden.

„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ –

Das ist kein Sprachbild mehr für die eine oder andere schwere Stunde, sondern meint hier sogar den Tod.

 

Christus ist dort. Er ist als guter Hirte diesen Weg souverän vorausgegangen. Das heißt Auferstehung. Er führt uns noch da, wo Ärzte, Eltern, Freunde und Partner uns loslassen müssen.

Der österliche Gute Hirte ist kein Frühlings-Idyll, sondern ein echter Retter!

 

II.

Neben diesem Missverständnis des Guten Hirten droht ein weiteres:

Es heißt in unserem Abschnitt aus dem 1. Petrusbrief:

„Christus hat für euch gelitten und euch ein Vorbild hinterlassen,

dass ihr sollt nachfolgen seinen Fußstapfen.“

 

Wenn wir das hören, könnten wir versucht sein, Christus nur als Vorbild zu sehen.

Was ist daran denn falsch? Ist er es denn nicht?

Ist er es denn nicht bis heute für die Mehrheit der Menschen, auch wenn sie nicht an ihn glauben?

Jesus von Nazareth genießt bis heute viel Anerkennung und Respekt aller möglichen Kreise. Sein konsequenter Lebenswandel, seine moralischen Lehren: All das erhält bis heute viel Zustimmung.

Auch in der Kirche gewinnt eine Sicht immer mehr Gewicht, die Christus als Vorbild verkauft und ihn nicht mehr als Erlöser erkennt.

Sühne, Kreuz und Tod: Das scheint alt, schwer vermittelbar und deshalb blendet man das lieber aus.

Das scheinen die Worte der Bergpredigt oder manches nette Gleichnis sich besser zu verkaufen.

Wer aber Christus nur als moralisches Vorbild für sich selbst sieht, unterschätzt ihn und überfordert sich.

Schon Luther warnt uns davor:

„Sieh zu, dass du nicht aus Christus einen Mose machest, als tue er nicht mehr, als dass er Lehre und Beispiel gebe, wie die anderen Heiligen auch tun, so als sei das Evangelium nur ein Lehr- und Gesetzbuch.“ (Ein kleiner Unterricht 1522).

Wenn Christus nur ein Vorbild wäre, wäre er nicht mehr als eine beeindruckende Figur der Geschichte, ein Weisheitslehrer, wie es viele gab.

 

Aber Jesus ist Gottes Sohn. Er ist unser Guter Hirte. Er ist für uns gestorben und auferstanden. Davon leben wir. Verwechseln wir darum nicht Glaube mit Moral!

Luther hat das ganz deutlich unterschieden:

Christus kann uns nur Vorbild oder Beispiel sein, wenn er uns zuvor zum Sakrament geworden ist.

Wer Christus nachahmen will, ihn also als Beispiel (exemplum) haben will, muss ihn zuerst als Inbild (sacramentum) haben, also im Glauben annehmen, dass Christus für ihn gestorben ist. (Hebräerbriefvorlesung 1517/18; WA 57H 114)

 

Jesus lehrt uns keine Technik, sondern er öffnete uns einen Weg. Er nimmt uns mit auf einen Weg durch Leiden und Tod hin zur ungebrochenen Gemeinschaft mit Gott. Er hat eine Spur gelegt in der Welt, die zum Himmel führt. In dieser Spur dürfen wir uns bewegen. Diese Spur gibt uns die Freiheit, immer wieder neu unser Leben zu durchdenken.

Nicht zufällig spricht unser Text von der Nachfolge in „seinen Fußstapfen“.

 

Genau beachten müssen wir auch das Wort, das hier für „Vorbild“ verwendet wird. Es heißt eigentlich „Schreib-Vorlage“.

 

Die Lehrerin schreibt an die Tafel. Die Schüler schreiben Stück für Stück ab und lernen so Buchstaben. Die krakeligen Versuche werden erst nach und nach besser. Die Lehrerin begleitet, korrigiert und hilft nach. Keiner kann es gleich beim ersten Mal.

Jeder entwickelt am Ende seine persönliche Handschrift. Keiner „kopiert“ in vollkommener Weise die Schrift der Lehrerin. Und wenn dies das Ziel wäre, handelte es sich um eine bedenkliche Pädagogik.

In der Schule Jesu seine eigene, persönliche Handschrift zu entwickeln: das ist Nachfolge.

 

III.

Schließlich wird dem christlichen Bild vom Guten Hirten immer wieder vorgeworfen, es mache Menschen zu entmündigten „Schafen“, die blind ihrem Herren nachlaufen und keine eigene Verantwortung wahrnehmen.

Haben wir wirklich keine Verantwortung?

Wir haben doch alle, so wir sind, Verantwortung über Menschen, Tiere und Pflanzen.

Das fängt doch schon bei allen an, die Eltern werden.

Natürlich ist man dann Hirte über so ein kleines Wesen und natürlich versucht man alles, so ein anvertrautes Kind auf die beste Weide hinzuführen und von möglichst allen Gefahren wegzuführen.

Und das ist eine gewaltige – ja man kann sagen: eine heilige – Verantwortung über das Leben eines Kindes.

Und das ist nicht leicht.

Wie mache ich das? Soll ich eher streng sein oder eher nachgiebig?

Soll ich das Kind schon früh ran lassen ans Internet, damit es damit klarkommt, oder soll ich es möglichst lange vor dessen Gefahren bewahren? Das sind doch die Fragen eines guten Hirten, wohin er seine Schafe führt und wohin gerade nicht.

Und alle, die Eltern und Großeltern sind, kennen dieses Ringen und diese Verantwortung über Menschen und auch das Gefühl, dabei immer wieder zu scheitern.

 

Und egal, wo und wie wir arbeiten, da haben wir auch Verantwortung!

Das gilt auch für mich, dessen Beruf man auch „Pastor“, also wirklich „Hirte“, nennt. Wenn unser Abschnitt aus dem Petrusbrief vom „Pastor“ und „Bischof“ der Seelen spricht, dann handelt es sich noch nicht um fest geprägte Begriffe für kirchliche Ämter, wenngleich diese schon anklingen.

Man darf bei aller Verantwortung in der Kirche nie vergessen: Der eigentliche „Amtsträger“ der Kirche ist immer der Herr selbst!

Wir müssen unsere Hirten-Verantwortung und Gottes Hirten-Verantwortung zusammenbringen.

Er entlässt uns nicht aus unserer Verantwortung für Menschen und Umfeld.

Aber er nimmt uns hinein ins seine große Verantwortung, in der er es immer noch besser kann als wir allein.

 

Und wenn wir als Eltern, als Pastoren, Ärzte, Verantwortungsträger und Konsumenten immer wieder scheitern, dann lasst uns auf den guten Hirten hoffen, der das einsammelt, was uns runtergefallen ist.

So – und vielleicht nur so – können wir ehrlich die Verantwortung auf uns nehmen, die Gott auf uns legt.

Der Glaube an den guten Hirten ist kein frommes Märchen, und er entmündigt uns auch nicht.

Er stellt unser begrenztes Hirte-Sein in den richtigen Rahmen.

 

Der Gute Hirte geht voran. Durch den Tod ins Leben.

Seinen Fußstapfen folgen, in seiner Schule lernen, in der eigenen Handschrift Gott und den Menschen dienen:

Das ist unser Weg. Er führt am Ende auf grüne Auen.

Amen.

Misericordias Domini – Pfr. Dr. Jonas