Apostelgeschichte 4,32-37
Liebe Schwestern und Brüder,
was macht eine gute Gemeinde aus? Woran hängt es, was ist das Geheimnis lebendiger Gemeinden? Die Richtschnur, an der man misst, wie eine Gemeinde läuft? Und kann man das überhaupt? Geht das und wenn ja mit welchen Kriterien? Ist es die Anzahl der Gottesdienstbesucher oder die Mitgliederzahl? Nein, wir sind ja kein Fußballverein und außerdem sieht man doch gerade hier in Italien, wie Gemeinde auch mit kleineren Zahlen funktioniert. Ist es dann vielleicht, wie viele Gruppen und Kreise angeboten werden oder wie hoch die Qualität der Musik ist? Oder ist es die Frage wie theologisch eine Gemeinde unterwegs ist?
Heute lesen wir in der Apostelgeschichte von einer der ersten Gemeinden und wenn ihr gleich diesen Bericht hört, dann warne ich euch vor, denn man wird leicht neidisch, denn so vieles scheint perfekt zu sein, wie es der Verfasser der Apostelgeschichte berichtet. Aber hört selbst im vierten Kapitel der Apostelgeschichte:
Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
33Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.
34Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte. 36Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig, 37der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.
Ein Herz und eine Seele war also die Gemeinde und nicht einer hatte mehr als der andere, alles hatten sie gemeinsam. „Religiöser Liebeskommunismus“ hat Ernst Tröltsch diesen Abschnitt einmal genannt, ein griechisches Ideal, zur Zeit der Abfassung der Apostelgeschichte, das uns der Autor vor Augen stellt.
Ein faszinierendes Armutsideal. Menschen, die alles geben, so klar sind, faszinieren immer wieder. Durch alle Zeiten hindurch. Da denke ich in diesem Jahr an den 800. Todestag des Heiligen Franziskus von Assisi. Er ist bis heute eine der leuchtendsten und schillerndsten Figuren, ein Mensch, der dieses Ideal für viele glaubhaft verwirklicht hat. Wer einmal in Assisi war – und das werden schon viele gewesen sein – wird auch diese Faszination gespürt haben, die von ihm und der einfachen Lebensweise der Brüder zu Beginn der franziskanischen Bewegung ausging und für manche bis heute geht. Christentum kann nicht bestehen ohne eine moderne Sozialethik, ohne die Frage, wie wir das, was wir im Glauben bezeugen, auch in der Tat leben. Dass sich der römische Bischof Leo genannt hat, ist für viele Beobachter Name und Programm. Der letzte Leo vor ihm, Leo XIII, der erste Papst mit einer Sozialenzyklika.
Aber zurück zum Text. Die Apostelgeschichte ist die Geschichte Gottes mit seiner Gemeinde, von den Anfängen der ersten Gemeinden an und wir könnten diese Geschichte fortschreiben, denn auch wir sind Gemeinde Gottes durch die Zeit hindurch. Alle Getauften gehören dazu in so vielen Kirchen und Konfessionen und auch wir sind mit Gott unterwegs. Der Autor der Apostelgeschichte traut Gott zu, dass er immer noch am Werk ist, mit dabei, wenn wir als Gemeinde in seinem Namen zusammenkommen, wenn wir als Gemeinde miteinander unterwegs sind.
Im ersten Teil der Apostelgeschichte hören wir, wie die Apostel in Jerusalem Zeugnis für Jesus ablegen, der Heilige Geist ist auf sie ausgegossen und macht sie sprachfähig. Er lässt sie Zeugnis ablegen, verändert Leben und hier in diesen Versen wird noch ein weiterer Aspekt in Erinnerung gerufen. Gütergemeinschaft. Die Gläubigen sind so auf Jesus ausgerichtet, in der Erwartung, dass er bald wiederkommt, dass sie das private Eigentum überwinden. Dass sie vieles gemeinsam nutzen, ja dass sogar niemand Mangel hat, denn wer Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen. Diese konnten damit alle versorgen, die weniger hatten.
Ja und dann hören wir das Beispiel von Josef, dem Levit aus Zypern. Der seinen Acker verkauft und das Geld den Aposteln bringt. Heile Welt also? Dieser Text ist eine kleine Utopie, will er uns doch zeigen, dass Gemeinden wachsen, die das Zentrale nicht vergessen.
Die Apostelgeschichte beschreibt, wie sehr die jungen Gemeinden auf Jesus und sein baldiges Kommen ausgerichtet sind, dass es gar keine Rolle mehr spielt, wer was besitzt, oder wie viel Geld in der Kasse ist. Da werde ich neidisch, wenn ich an die Finanzdebatten der ELKI-Synode oder auch in den deutschen Kirchen im Kopf habe. Und es stimmt auch: Gesunde Gemeinden brauchen gute Mittel, um ihre Arbeit zu tun, ja auch unsere Gemeinde könnte nicht bestehen, gäbe es nicht so viele Menschen, die ihren Beitrag leisten ehrenamtlich und finanziell. Wie sollten sonst hier Gottesdienste zum Lobe Gottes stattfinden, mit festlicher Musik, aber auch alle Arbeit, die sich um die Poveri im Quartier kümmert, an Menschen richtet, denen es nicht gut geht.
Dass wir uns um diese Menschen kümmern, das ist zu allen Zeiten ein zentraler Auftrag von Kirche und Gemeinde. Sie nicht vor der Türe liegen zu lassen, wie den armen Lazarus im Evangelium, sondern helfend zur Tat zu schreiten und den Reichtum der Gemeinde – so er denn existiert – zu nutzen, um Armut zu lindern und Räume zu schaffen, wo Glaube gelebt werden kann.
Aber das können wir nur, wenn wir das Zentrale nicht vergessen. Und das Zentrale ist hier in der Mitte dieses kurzen Textes zu finden. Wir erinnern uns, am Anfang die Rede von der Gemeinde als ein Herz und eine Seele und am Ende das Beispiel mit Josef, der seinen Besitz, sein Geld den Aposteln zu Füßen legt. In der Mitte Vers 33: Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus und große Gnade war bei ihnen allen.
Das ist das Zentrale: Das Zeugnis der Auferstehung Jesu, das ist es. Nicht Geld zu verwalten und Grundstücke zu verkaufen, sondern Zeugnis abzulegen. Gott wendet sich ihnen in Gnade zu und weil sie sich an ihm orientieren, trägt das Gemeindeleben Früchte, es verändert die Gemeinde im Inneren und im Äußeren. Dieser Text ist kein historischer Bericht, nein er kann uns ein Beispiel sein. Ein Beispiel, wie wir Gemeinde und Kirche verstehen, eine Mahnung, dass die Prioritäten richtig gesetzt sind. So schön festliche Chormusik und so hilfreich und wichtig der Einsatz für die Menschen am Rande der Gesellschaft ist, so zentral ist doch aus welcher Motivation es geschieht, was im Zentrum steht, und die Richtschnur ist.
Und übrigens muss auch nicht immer gelten, was der Verfasser so enthusiastisch beschrieben hat. Gemeinden müssen nicht ein Herz und eine Seele sein. Im Gegenteil: Wenn immer nur Harmonie im Vordergrund steht, kann es sogar richtig gefährlich werden. Für Gemeinden und einzelne Mitglieder. Nein, die Richtschnur ist eine andere: Wer sich an Leben, Tod und Auferstehung Jesu orientiert, der wird Gemeinde bauen können, ob mit großen finanziellen Ressourcen oder auf der kleinsten Rille, weil wir uns dann nicht um uns selbst drehen, sondern den lebendigen Gott in den Mittelpunkt stellen.
Liebe Gemeinde in Rom, was macht eine gute Gemeinde aus? Woran hängt es, was ist das Geheimnis lebendiger Gemeinden? Gerade wenn wir jetzt auf das Jahr der Vakatur zugehen, ist das noch einmal wichtiger denn je, dass Jesus Christus im Mittelpunkt steht, dass wir ihn groß machen, auch mit eingeschränkten Ressourcen, auch ohne hauptamtlichen Pfarrer. Ich glaube, das ist auch im Sinne des scheidenden Kollegen. Dass wir im Blick auf Jesus Christus Gemeinde sind. Weil wir dann ein Leuchtturm sind, der sich aus Gottes Liebe heraus speist und wir Jesu Auferstehung groß machen. Und so mit unseren begrenzten Möglichkeiten hier in dieser Stadt mutige Zeuginnen und Zeugen des Auferstandenen sind.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.