Römer 11, 25-32

 

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem

Herrn Jesus Christus. Amen.

 

Von Zeit zu Zeit, liebe Gemeinde, ist es notwendig, dass wir uns auf die

Kernfragen unseres Glaubens besinnen. Was sind die Grundlagen

unserer christlichen Überzeugung und unseres christlichen Lebens, was

ist unverzichtbar, was macht den Kern unseres Glaubens und Lebens

aus, was verleiht ihm Struktur und Inhalt, macht diesen Glauben

erkennbar und damit auch unterscheidbar von anderen Religionen und

nicht-religiösen Überzeugungen? Es ist wichtig, sich darüber von Zeit zu

Zeit klar zu werden, denn der christliche Glaube besteht nicht einfach

aus politischen Statements und sozialem Engagement – so wichtig es

ist, dass das christliche Bekenntnis öffentlich zur Sprache gebracht, dass

es hörbar und sichtbar wird.

Was also gehört zum Kern unseres Glaubens? Sicher fällt jedem und

jeder von uns dazu sofort einiges ein: das Glaubensbekenntnis, das

Vaterunser, die Taufe, das Abendmahl, die Texte der Bibel. Das alles

sind zweifellos zentrale Inhalte des Christentums. Von Zeit zu Zeit

müssen wir aber etwas genauer danach fragen, was unseren Glauben

im Kern bestimmt; wo er seine Wurzeln hat, worauf diejenigen Inhalte

gründen, die ihm bis heute sein Profil verleihen. Der 10. Sonntag nach

Trinitatis, der auch den Namen „Israelsonntag“ trägt, stellt ein solches

wesentliches und unverzichtbares Merkmal unseres Glaubens ins

Zentrum. Der Predigttext für diesen Sonntag macht das in all seiner

Brisanz und Differenziertheit deutlich.

Dieser Text stammt aus dem Römerbrief des Apostels Paulus. Wir haben

ihn vorhin in der Lesung der Epistel bereits gehört. Es ist einer der

wichtigsten und sensibelsten Texte über das Verhältnis des christlichen

Glaubens zum Volk Israel und zum jüdischen Glauben. Dieses Verhältnis

ist schon darum so wichtig, weil der christliche Glaube mitten im

Judentum entstanden ist. Jesus war ein Jude, ebenso wie Petrus und

alle anderen Jünger und Jüngerinnen Jesu und auch die Menschen, den

Jesus begegnet ist, auch diejenigen, mit denen er in Konflikt geriet, wie

etwa mit den Pharisäern, mit denen sich Jesus oftmals über die

Interpretation der Tora, das jüdische Gesetz, gestritten hat. Diese

Auseinandersetzungen sind später oft als Konflikte zwischen Christen

und Juden gelesen worden. Dadurch haben sie eine antijüdische

Auslegungsgeschichte erfahren, in der die Juden abgewertet,

angefeindet, später auch verfolgt und getötet wurden. Die Pharisäer

wurden zu Prototypen von Heuchlern, die ihre Frömmigkeit nur äußerlich

vor sich her tragen, in Wahrheit aber an sich selbst und ihrem Ansehen

interessiert sind. Noch heute ist „Heuchler“ eine Bedeutung von

„Pharisäer“, das steht sogar so im Duden.

Diese Sicht ist Ausdruck der unseligen und furchtbaren Geschichte des

christlichen Antijudaismus, die in der unvorstellbaren Grausamkeit der

Ermordung von Millionen jüdischer Menschen durch die

Nationalsozialisten ihren entsetzlichen und traurigen Tiefpunkt fand. Der

Israelsonntag dient nicht zuletzt dazu, dass wir uns daran erinnern, was

dem jüdischen Volk in seiner Geschichte für Leid angetan wurde. Dass

wir dessen eingedenk sind, dass auch die christlichen Kirchen ihren

Anteil daran haben, wieviel Leid jüdische Menschen ertragen mussten.

Dieses Gedenken ist darum wichtig, weil es die moralische

Verantwortung gebietet, sich die Schuld und das Versagen

einzugestehen, nicht mutiger geglaubt, nicht furchtloser bekannt, nicht

deutlicher widerstanden zu haben, als unsere jüdischen Geschwister

angefeindet, verfolgt und ermordet wurden. Es ist aber auch darum

wichtig, weil der christliche Antijudaismus das Leid, das dem jüdischen

Volk in seiner Geschichte zugefügt wurde, wesentlich mitverursacht hat.

Schon sehr früh haben Christen damit begonnen, Gottes Verheißungen

für sein erwähltes Volk auf sich selbst zu beziehen und sie dem Volk

Israel abzusprechen. Damit haben sie der Feindschaft gegenüber dem

Judentum erheblichen Vorschub geleistet. Schon sehr früh haben

Christen damit begonnen, die Juden als „Gottesmörder“ zu

verunglimpfen, obwohl es natürlich die Römer und nicht die Juden

waren, die Jesus gekreuzigt haben. Schon sehr früh haben Christen

damit begonnen, jüdische Mitmenschen aus- und sich von ihnen

abzugrenzen. Daraus ist die christliche Judenfeindschaft entstanden, die

dazu geführt hat, dass jüdische Menschen für alles Mögliche und

Unmögliche verantwortlich gemacht wurden: für Epidemien, Seuchen

und sonstige Unglücksfälle; dass ihnen absurde Praktiken unterstellt und

ihnen abstruse Vorwürfe gemacht wurden. Auch daran ist heute, am

Israelsonntag, zu denken.

Die Erinnerung an diese unselige Geschichte bewahrt uns vor

unsensibler Sprache und undifferenzierten Urteilen. Sie bewahrt uns

aber auch davor, alte Vorurteile wieder aufleben zu lassen, etwa

denjenigen einer vermeintlichen Überlegenheit des Christentums über

das Judentum oder einer angeblichen Minderwertigkeit des Alten

Testaments gegenüber dem Neuen. Wie schnell solche verheerenden

Vorurteile wieder aufleben können, haben wir seit dem entsetzlichen und

brutalen Terrorakt der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 vielfach

erlebt. Es war erschütternd zu sehen, wie schnell in vielen europäischen

Ländern, auch in den USA und anderen Staaten, antijüdische

Ressentiments auflebten und eine oftmals völlig undifferenzierte und nur

schwer erträgliche Solidarisierung mit dem palästinensischen Volk bei

gleichzeitiger Ablehnung des jüdischen Volkes, etwa bei

Demonstrationen und Kundgebungen, im Zentrum stand. Es geht in

dieser Predigt in keiner Weise darum, die Politik des Staates Israel und

sein militärisches Vorgehen im Gazastreifen in irgendeiner Weise

rechtfertigen zu wollen. Worum es vielmehr geht, ist, dass wir als

Christen hellhörig und sensibel sind für antijüdische oder antisemitische

Ausfälle, dass wir aufmerksam sind, wie schnell Herabwürdigungen

jüdischer Menschen und Feindseligkeiten gegen sie mobilisiert werden.

Hierfür sensibel zu sein, haben wir als Christen allen Grund, es gehört zu

unseren unaufgebbaren Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten

gegenüber unserem eigenen Glauben.

Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum es wichtig ist, dass wir

uns als Christen mit den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens befassen.

Die Auseinandersetzungen zwischen Jesus und jüdischen Mitmenschen

seiner Zeit sind innerjüdische Debatten darüber, wie die jüdischen

Schriften und Traditionen auszulegen sind. Diese Diskussionen

gründeten immer darauf, dass alle Beteiligten sich darum bemühen, den

Glauben an Gott, der Israel erwählt und es in seiner Geschichte geführt

und bewahrt hat, so auszulegen, dass man sein Leben daran ausrichten

kann. Darüber, wie dies genau aussehen sollte, gab es damals und gibt

es heute unterschiedliche, mitunter auch gegensätzliche und strittige

Auffassungen. Wir verstehen die Texte des Neuen Testaments erst dann,

wenn wir sie in diesem Kontext lesen.

Aber nicht nur Jesus und die Menschen in seinem Umfeld waren Juden.

Auch Paulus war ein Jude. Das betont er in seinen Briefen immer wieder

sehr deutlich. Paulus hatte zunächst sogar die Jesusanhänger verfolgt,

weil er der Auffassung war, das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus

sei mit dem jüdischen Glauben nicht vereinbar. Dann hatte er ein

einschneidendes Erlebnis, das ihm die Überzeugung vermittelte, die

jüdischen Schriften und Traditionen müssten auf der Grundlage des

Glaubens an Jesus Christus verstanden und gelebt werden. Dazu

gehörte für Paulus, dass der Gott Israels der Gott aller Menschen ist,

egal woher sie kommen, ob sie Juden oder Nichtjuden sind, Männer

oder Frauen, Freie oder Sklaven. Gott will alle Menschen durch das

Evangelium von Jesus Christus retten, daran gab es für Paulus keinen

Zweifel. Wer an Jesus Christus glaubt, muss darum auch den Gott

Israels glauben. Das hat sich seither nicht verändert. Wir bekennen uns

zu demselben Gott, zu dem auch unsere jüdischen Geschwister beten.

Das verbindet den jüdischen und den christlichen Glauben seit jeher und

bildet die gemeinsame Grundlage von beiden.

Das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus markiert dagegen die

Differenz. Christen sehen in Jesus den Messias, mit dem sich die

Hoffnungen auf das Heil Gottes erfüllt haben. Juden tun das nicht. Darin

liegt der entscheidende Unterschied. Als Christen bekennen wir, dass

Gott sich in Jesus Christus offenbart hat und der Glaube an ihn zum Heil

führt. Das war damals so, das ist heute nicht anders. Diejenigen, die in

ihm den von Gott Gesandten sehen, auch und gerade angesichts seines

grausamen Todes am Kreuz, bildeten schnell eigene Gemeinschaften,

zunächst innerhalb des Judentums, sehr bald auch darüber hinaus. Zum

Bekenntnis zu dem einen Gott, dem Gott Israels, trat das Bekenntnis zu

Jesus Christus. In seinem Licht wurde nunmehr auch der Glaube an Gott

verstanden und die Schriften Israels, die wir Christen „Altes Testament“

nennen, erschlossen sich auf neue Weise. Sie wurden zu Zeugnissen

des Glaubens nicht nur an den Gott Israels, sondern auch an Jesus

Christus. Können sich Juden und Christen aber tatsächlich auf eine

gemeinsame Grundlage berufen, wenn sie dieselben Schriften offenbar

ganz unterschiedlich lesen – mit und ohne das Bekenntnis zu Jesus

Christus?

Der Israelsonntag, liebe Gemeinde, ist derjenige Sonntag im Kirchenjahr,

an dem wir über diese wichtige Frage nachdenken müssen. Und

natürlich ist uns dabei bewusst, auf welch sensiblem Terrain wir uns

dabei bewegen. Die Quellen des christlichen Glaubens verlangen es,

dass wir uns dieser Aufgabe stellen und darauf eine theologisch klare

und ethisch verantwortete Antwort finden. Gelten für die Gemeinschaften

der an Jesus Christus Glaubenden die an Israel gerichteten Texte

tatsächlich in derselben Weise? Können wir diese Texte einfach als an

uns Christen gerichtet lesen? So einfach ist es ganz offensichtlich nicht,

denn viele der Gebote – etwa die Einhaltung des Sabbats, die

Beschneidung oder die Speisegebote – werden in christlichen

Gemeinden ja gerade nicht als verbindliche Gebote Gottes betrachtet.

Paulus als ein zu Jesus Christus bekehrter Jude, war der festen

Überzeugung, dass die Beschneidung und die Einhaltung des Sabbats

für diejenigen, die „in Christus“ sind, nicht mehr verpflichtend sein

können, weil an ihre Stelle der Glaube an Jesus Christus getreten ist.

Wie aber ist dann das Verhältnis zwischen den Christen auf der einen

und Israel, Gottes auserwähltem Volk, auf der anderen Seite zu

bestimmen?

 

Es ist genau diese Frage, der Paulus im Römerbrief intensiv nachsinnt.

Sie hat ihn umgetrieben, ihm keine Ruhe gelassen, denn es war für ihn

die zentrale Frage überhaupt. Wie kann es sein, dass Gott in Jesus

Christus allen Menschen sein Heil angeboten hat und zugleich Israel,

sein auserwähltes Volk, in seiner Mehrheit dies nicht erkennt und einen

eigenen Weg geht?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist der Höhepunkt des Ringens

des Paulus um eine Antwort auf dieses Problem. Er geht dabei von zwei

Voraussetzungen aus, die für ihn gleichermaßen unumstößlich sind. Zum

einen: Israel ist und bleibt Gottes auserwähltes Volk. Daran ändert auch

der Glaube an Jesus Christus nichts. Zum anderen: Der Glaube an das

Evangelium von Jesus Christus ist der Weg zur Rettung für alle

Menschen, jüdische wie nichtjüdische. Was aber wird dann aus denen,

die zwar zum jüdischen Volk gehören, aber nicht an Jesus Christus

glauben? Diese Frage war für Paulus die wichtigste und zugleich die

schwierigste seines theologischen Nachdenkens und seines Wirkens als

Apostel. Es war nicht einfach ein theoretisches Problem, das er so oder

auch anders hätte lösen können. Für Paulus – und das ist für uns heute

nicht anders – stand mit dieser Frage vielmehr die Treue Gottes selbst

zur Disposition. Wie lassen sich Gottes Verheißungen an sein Volk so

verstehen, dass Israel Gottes Volk ist und bleibt, zugleich aber die an

Christus Glaubenden ebenfalls Adressaten dieser Verheißungen sind?

Paulus ringt mit dieser Frage. Ich bin doch selbst Israelit, Same

Abrahams, aus dem Stamm Benjamin, so betont er. Gott hat sein Volk

nicht verstoßen. Dem jüdischen Volk bleiben all die Vorzüge und

Verheißungen erhalten, die Gott ihm zugesagt hat, auch denen, die

nicht, wie Paulus selbst, an Jesus Christus glauben. Er versucht eine

Erklärung mit Hilfe eines Bildes zu finden: Es ist wie bei einem Ölbaum,

aus dem Zweige herausgebrochen und andere eingepflanzt werden, die

eigentlich nicht aus diesem Ölbaum stammen. Irgendwann können aber

auch die eigentlich dem Ölbaum zugehörenden Zweige wieder

eingepflanzt werden. Es geht bei diesem Bild, das Paulus kurz vor der

Passage entwirft, die unser heutiger Predigttext ist, nicht um botanische

Details; nicht darum, ob das alles plausibel ist und sich in einem

Handbuch für den Anbau von Ölbäumen so wiederfinden würde. Paulus

geht es vielmehr darum, mit diesem Bild eine Erklärung dafür zu finden,

warum Gott verschiedene Wege mit demjenigen Teil des auserwählten

Volkes geht, der nicht an Jesus Christus glaubt, und demjenigen, der,

wie Paulus selbst, zu eben diesem Glauben gefunden hat. Es geht

Paulus also im Kern darum, ein Problem zu lösen, dass in der Spaltung

Israels in diese beiden Teile besteht. Ein Teil, so sagt es Paulus, ist

zeitweilig von Gott verhärtet worden. Dieser Teil hat darum gegenwärtig

keine Einsicht in die Rettung durch das Evangelium. Irgendwann wird

Gott diese Verhärtung jedoch beenden. Dann, so sagt es Paulus in

unserem Predigttext, „wird ganz Israel gerettet werden“. Gott selbst wird

als der „Retter vom Zion“ kommen, er wird Israels Schuld beseitigen und

seinen Bund mit ihnen erneuern. Warum Gott einen solch komplizierten

Weg mit seinem auserwählten Volk geht, kann Paulus nicht beantworten.

Er bezeichnet es vielmehr als ein Geheimnis Gottes, als Ausdruck

seines unergründlichen Reichtums und seiner unerforschlichen

Ratschlüsse.

Am Israelsonntag, liebe Gemeinde, steht eines der zentralen Themen

des christlichen Glaubens im Mittelpunkt. Christliche Kirche und

Theologie haben sich oft nicht leicht getan mit einer Antwort auf die

Frage nach dem Verhältnis von christlichem und jüdischem Glauben, von

Kirche und Israel. Es gehört zu den bleibend wichtigen Aufgaben, sich

mit diesem Thema intensiv zu befassen. Das Ringen des Paulus um

eine Antwort auf die Frage nach dem Geschick Israels ist ein

eindrückliches Zeugnis dafür, dass wir als Christen dem jüdischen

Glauben gegenüber theologisch verantwortet, respektvoll und sensibel

dafür sein müssen, dass es letztlich in Gottes Ratschluss verborgen

liegt, auf welchen Wegen er sein auserwähltes Volk und die an Jesus

Christus Glaubenden auf je eigenen Wegen zum Heil führt. Auf dieser

Grundlage muss das christlich-jüdische Gespräch im gegenseitigen

Respekt vor der jeweils anderen Glaubensüberzeugung stattfinden.

Wo aber ist dann die Wahrheit? Darauf antwortet sehr schön ein kleiner

Text des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: „Wir warten alle

auf den Messias. Die Christen glauben, er ist bereits gekommen, ist

wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er

bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird.

Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam

warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du

schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um

ihm ins Ohr zu flüstern: ,Antworte nicht‘.“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre

unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

10. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Schröter