Matthäus 6, 6-15
„Und wenn ihr betet“, liebe Gemeinde, „sollt ihr nicht viel plappern wie die
Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen .
Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft,
bevor ihr ihn bittet“. Tja. Und nochmals: Tja. Wie ist das denn, liebe Gemeinde,
mit unserem Beten? Viele Worte oder wenig Worte? Kurze, prägnante Sätze
oder einfach nur Geplapper? Palaver? Tja. Und nochmals: Tja. Es ist mir etwas
peinlich, aber mir fällt angesichts unseres heutigen Predigttextes viel eigenes
Geplapper ein. Viele Worte. Worte. Noch mehr Worte. Eine einzige Erinnerung
für viele aus dem vergangenen Monat April. Ein Festgottesdienst in Berlin.
Waren fünf hohe Geistliche, die im Gottesdienst mitwirkten, auch beim
Fürbittengebet zu berücksichtigen. Sie kennen das hier in Rom. Prominenz halt.
Und da gilt bei einem Fürbittengebet: Für jeden einen Textteil. Möglichst gleich
lang. Und für jeden ein eigenes Thema. Eröffnung durch den Ortsgeistlichen.
Der muss schließlich auch etwas sagen. Dann der Schwede: Wir beten für die
Opfer von Krieg und Gewalt. Bloß keine Konfliktregion vergessen. Ukraine und
Naher Osten. Dann der Australier: Wir beten für die Einheit der weltweiten
Christenheit. Bloß nicht die Orthodoxen vergessen. Und dann die Anglikaner.
Schließlich ist der Australier Anglikaner. Der Spanier bekommt das Thema mit
den Kranken und Sterbenden. Die müssen auch erwähnt werden. Und natürlich
die, die in Krankenhäusern und Altenheimen helfen. Und die, die trauern. Die
darf man nicht vergessen. Und den Abschluss mache ich besser selbst. Dann
kann man noch etwas hinzufügen, was vergessen wurde. So etwa, liebe
Gemeinde, geht das zu bei Fürbittengebeten in großen Gottesdiensten. Viele
Worte. Sehr, sehr viele Worte. Geplapper. Muss ja jeder auch seinen Text
haben. Und jede. Natürlich. Und wie war das mit Jesus von Nazareth und seinen
Worten über das Beten ohne viele Worte? Tja.
Nun gibt es natürlich, liebe Gemeinde, gute Gründe, bei festlichen
Gottesdiensten auch Gäste in die Liturgie einzubinden und ihnen eine Rolle
zuzuweisen, sie einen Text sprechen zu lassen. Wir wollen ja gute Gastgeber
sein, wir wollen das in Berlin, sie wollen das hier in Rom bei ökumenischen
Anlässen sein. Macht sich nicht gut, da jemanden unwirsch zu sagen: Bitte
möglichst kurz. Oder gar ganz harsch: Sei lieber mal still. Sind schon genug.
Unser Herr und Heiland wollte das offenbar aber genau so. Kurz und knapp.
Und lieber nur ein Vater unser. So steht das jedenfalls im Predigttext. Am besten
nur ein Vater unser. Für alle. Von allen gemeinsam. Gott weiß ohnehin auch so,
was uns gerade auf der Seele liegt, belastet, Freude macht. Aber kann man das
wirklich genauso machen, wie es im Predigttext steht? Kann man so bei
Festgottesdiensten agieren mit einem Schweden, einem Australier und einem
Spanier, mit anglikanischen, lutherischen und römisch-katholischen Gästen?
Das kann man so kurz und knapp, wie es Jesus im Predigttext vorschlägt, bei
Festgottesdiensten meist wirklich nicht machen und das wäre auch nicht gut so,
liebe Gemeinde. Derselbe Jesus war schließlich ein guter Gastgeber und hat
selbst kurz vor seinem Tod noch seine Freunde zum Essen eingeladen. Unser
Predigttext ist kein Ratgeber für ökumenische Festgottesdienste. Da muss es,
wenn wir wirklich im Namen Jesu feiern wollen, gastfreundlich zugehen und da
werden die Gebete halt etwas länger. Jedenfalls dann, wenn es wirklich allen nur
um eine gemeinsame Feier geht, und nicht darum, dass da Leute beten wollen,
die gern in den Kirchen und auf den Plätzen stehen und beten, um sich vor den
Leuten zu zeigen. Solche Menschen gab es natürlich nicht nur in längst
vergangenen Zeiten, als Jesus von Nazareth lebte und deren Beten nach dem
Bericht unseres Predigttextes kritisch aufspießte.
Und wie ist das aber mit unserem eigenen Beten? Wie ist das, wenn nun nicht
fünf hohe Geistliche zum Festgottesdienst kommen und tatsächlich ein paar
Worte mehr gemacht werden müssen? Wenn ich, liebe Gemeinde, am
Schreibtisch zu Hause Gottesdienste vorbereite, schreibe ich die Gebete meist
selbst und übernehme sehr selten Vorlagen. Und wenn ich die Gebete schreibe,
bemühe ich mich natürlich um Kürze. Schon deswegen, weil der Gottesdienst ja
nicht zu lange dauern soll. Und weil es ja schließlich zu den gesprochenen
Gebeten auch noch manche Kirchenlieder gibt, die wie Gebete formuliert sind,
und weil am Anfang ein Psalmgebet gesprochen wird – in einem normalen
Gottesdienst wird ohnehin schon ziemlich viel gebetet, da müssen es nicht noch
viele weitere Worte sein. Eigentlich dachte ich bisher, nicht zu viele Worte zu
machen und schon gar nicht zum Plappern anzuleiten, wenn ich in Gottesdienste
mit der versammelten Gemeinde bete: nicht alle möglichen Anliegen in die
Fürbitte packen, sondern nur ganz wichtige, ein eher kurzes Eingangsgebet,
lieber noch einmal einen Satz streichen im Manuskript. Dachte ich. Aber: Tja.
Und nochmals: Tja. Ich bin nämlich vor einigen Monaten erstmals ins Grübeln
gekommen, ob ich nicht doch viel zu viele Worte mache. Ich bin ins Grübeln
gekommen, liebe Gemeinde, nicht erst beim Nachdenken über unseren heutigen
Predigttext. Ich bin vielmehr ins Grübeln gekommen, als ich vor einigen
Monaten erstmals in der Leipziger Thomaskirche nicht nur gepredigt habe,
sondern den ganzen Gottesdienst gefeiert habe mit allen seinen Stücken. Seither
grüble ich, ob nicht auch ich zu viele Worte beim Beten mache und also von
unserem heutigen Predigttext getroffen werde als einer, der plappert und zum
Plappern anleitet. Und das muss ich daher kurz erzählen.
In der Leipziger Thomaskirche singt, wie wir natürlich alle wissen, liebe
Gemeinde, der berühmte Thomanerchor und Musik spielt auch sonst eine sehr,
sehr große Rolle im Gottesdienst. Und deswegen wird auch in der Liturgie der
Gottesdienste alles gesungen, was man überhaupt nur singen kann aus der
Gottesdienstordnung. Und deswegen werden auch die Gebete gesungen. Das
sogenannte Eingangsgebet vor der Evangeliumslesung beispielsweise. Auch das
wird in der Thomaskirche nicht gesprochen, sondern gesungen. Das war für
mich beim ersten Mal sehr ungewohnt und deswegen habe ich zu Hause mit
dem Klavier geübt, dieses Eingangsgebet zu singen und eine sehr alte Fassung
gewählt, die es im Internet mit Noten ausgedruckt gab. Bei diesen uralten
Gebeten im Internet war ich mir sicher, alles richtig singen zu können – man
will schließlich nicht zu sehr unter das Niveau der Thomaner fallen.
Und diese uralten Gebete zum Singen, die man seit der Antike – übrigens oft
nach Melodien, die in der Stadt Rom entstanden sind – nach den ewig gleichen
Melodien gesungen hat, und bis heute in vielen katholischen Gottesdiensten
noch singt, sind viel, viel kürzer als alles, was ich bisher als Gebet in meinem
Leben selbst geschrieben habe und was im Allgemeinen in unseren
evangelischen Gottesdiensten so gesprochen wird. Wer singt, betet kürzer. Wer
singt, betet viel kürzer. Wer singt, plappert natürlich auch nicht. Das nach dieser
uralten Art gesungene Eingangsgebet für unseren heutigen Sonntag wäre
übrigens so gegangen:
„Heiliger Gott, von dir kommt alles Gute und Vollkommene. Deshalb bitten wir:
Erleuchte uns zu erkennen, was recht ist, und leite uns, es auch zu tun. Durch unsern
Herrn Jesus Christus, deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und wirkt von
Ewigkeit zu Ewigkeit“.
Wer singt, liebe Gemeinde, betet kürzer. Wer – wie manche evangelischen
Gemeinden in Sachsen und eben auch die Thomaskirche in Leipzig – die
klassischen Gebete der christlichen Kirche singt, betet sogar sehr viel kürzer.
Wer singt, plappert auch nicht. Und obwohl das gesungene Gebet viel kürzer ist
als alles, was wir so zum Gebet zusammenschreiben, gilt doch der schöne Satz:
„Wer singt, betet doppelt“. Qui cantat, bis orat. Auch wenn das gesungene
Gebet kürzer ausfüllt, sind beim Singen nicht nur Zunge und Mund, sondern der
ganze Körper beteiligt, die Emotionen und der Verstand. Man kann also kürzer
beten, auf das Plappern verzichten, und doch doppelt beten, wenn man singt.
Kürzer beten und weniger plappern kann also durchaus ein Gewinn sein,
doppelter Gewinn. „Doppelt betet, wer singt“.
Kürzer beten und nicht plappern kann also durchaus, liebe Gemeinde, ein
Gewinn sein. Es muss nicht immer so lang gebetet werden wie in
Festgottesdiensten mit vielen Gästen, wie bei sehr frommen Menschen am
Mittagstisch oder bei Pastoren, die bei der Vorbereitung des Gottesdienstes –
wie mein Vater gern sagte – die Tinte nicht halten konnten. Aber wie begründet
nun eigentlich Jesus von Nazareth in unserem Predigttext seine Aufforderung,
kürzer zu beten, nicht zu plappern und am besten nur das Vater unser zu beten?
Jesus begründet seine Aufforderung sehr kurz: „Denn euer Vater weiß, was ihr
bedürft, bevor ihr ihn bittet“. Diese Antwort stellt auf den ersten Blick den Sinn
des Betens ganz grundsätzlich in Frage. Wozu überhaupt noch beten, wenn Gott
ohnehin längst weiß, was uns bekümmert und was uns freut? Wozu überhaupt
noch beten, wenn Gott ohnehin uns längst schon an der Nasenspitze angesehen
hat, wovor wir Angst haben und worauf wir stolz sind? Wozu überhaupt noch
beten, wenn Gott längst die Menschen kennt, an deren Not wir ihn erinnern
wollen? Gott ist ja schließlich kein vergesslicher Freund, den wir um einen
Gefallen bitten, und dann erinnern müssen, weil er es vielleicht wieder
vergessen hat oder uns irgendwie übersehen hat. Der Gott, der uns geschaffen
hat, kennt uns seit Kindesbeinen mit allen unseren Sorgen und Ängsten, mit
unserem Glück und unseren Hoffnungen. Das alles weiß er. Aber so, wie sich
zwei Menschen, die sich lieben, immer wieder sagen, dass sie sich lieben –
obwohl sie es doch längst wissen –, weil sie es so gern hören, hört Gott gern,
dass wir uns vertrauensvoll an ihn wenden und es tut uns auch gut, liebe
Gemeinde. Wir beten nicht, weil Gott unser Gebet braucht. Es freut ihn aber.
Wir brauchen das Gebet und es macht uns Freude dazu. Schenkt Heiterkeit.
Tröstet in Trauer. Hilft uns, Sorgen um andere Menschen nicht immer mit uns
herumzuschleppen, sondern auf den Altar zu legen. Und da liegen sie gut.
Wenn ich ganz für mich selbst bete, liebe Gemeinde, bete ich oft sehr kurz.
Mein kürzestes Gebet kommt mir oft in den Sinn. Beispielsweise, wenn ich in
Fiumicino aus dem Flugzeug steige und die wunderbare italienische Luft
erstmals einatme, so Kerosin-geschwängert sie da auch sein mag. Oder
beispielsweise, wenn ich von der Autobahn abfahre und Rom erstmals vor mir
liegt. Dann sage ich einfach „Danke“ und ich richte dieses „Danke“ an Gott,
weil er mir mein Leben und Gesundheit geschenkt hat, das Augenlicht, die
herrlichen Farben dieser Stadt zu sehen, ein Herz, das alles zu fühlen, und einen
Verstand, darüber zu reden. Aber, liebe Gemeinde, das waren schon wieder viel
zu viele Worte. Hart an der Grenze zum Plappern. Ich sage ja auch einfach nur
„Danke“, wenn ich für mich selbst, im stillen Kämmerlein, nur für mich selbst,
still bete.
Rogate 2026, der Sonntag, an dem es ums Beten geht, will uns zum Beten
ermuntern. Auch ein kurzer Stoßseufzer oder ein knappes „Danke“ sind
vollwertiges Gebet, ein sehr kurzes Gebet zwar – aber Gott freut sich gerade
über die ganz kurzen Gebete, das Beten ganz ohne Plappern, im Kämmerlein, im
Gottesdienst und sogar im Festgottesdienst. Und wer singt, liebe Gemeinde,
betet, auch wenn er kurz betet, gleich doppelt. Und wird doppelt getröstet,
doppelt fröhlich. „Dein Vater, in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten“,
heißt es in unserem Predigttext. Wird ein solches Beten vergelten. Wird uns
daraus Segen entstehen lassen. Reichen Segen. Vergelts Gott, liebe Gemeinde,
vergelts Gott, unser Beten. Unser kurzes Beten. Und das lange aber auch. Amen.