2. Chr 5,2-5+12-14
Wir sollen aus unserem Herzen keine Mördergrube machen, sagt:
a) der Prophet Jeremia
b) der Dekan
c) Jesus
d) der Volksmund ?
Antwort: alle vier sind richtig.
Als wir Anfang des Jahres im Konsistorium überlegten, wer denn hier heute
die Predigt halten solle, da habe ich mich gerne gemeldet. „Noch einmal in
der schönen Christuskirche auf die Kanzel steigen“, dachte ich „und mit
Euch und Ihnen über ein schönes, sprechendes Bibelwort nachdenken. Tja,
und dann schaute ich so vor 10 Tagen mal nach, was denn der
vorgeschlagene Predigttext für diesen Sonntag sei: 2. Chronik 5. Das habe
ich dann aufgeschlagen und gelesen und, jetzt kommt das mit der
Mördergrube, erstmal vor mich hingesagt: Was soll das denn nun? Und was
soll ich damit für heute anfangen? Danke, für diesen Vorschlag, an wen auch
immer!
Textlesung:
2 Salomo plante eine Versammlung in Jerusalem.
Die Ältesten Israels sollten kommen,
dazu alle Stammesführer und Familienoberhäupter.
Er wollte nämlich die Bundeslade des Herrn heraufholen.
Sie war noch in der Stadt Davids – das ist Zion.
3 Und alle Israeliten versammelten sich zu einem Fest beim König in
Jerusalem. Das war im siebten Monat.
4 Alle Ältesten Israels kamen.
Die Leviten trugen die Lade des Herrn.
5 Sie trugen die Lade, das Zelt der Begegnung
und alle heiligen Geräte aus dem Zelt.
Es waren die Priester aus dem Stamm Levi, die alles wegtrugen.
2 Alle Sänger von den Leviten waren in feines Leinen gekleidet:
Asaf, Heman, Jedutun, ihre Söhne und ihre Brüder.
Mit Zimbeln, Harfen und Leiern standen sie östlich vom Altar.
Bei ihnen waren 120 Priester, die Trompeten bliesen.
13 Die Trompeter und Sänger musizierten mit einer Stimme.
Sie lobten und dankten dem Herrn.
Sie vereinten Trompeten, Zimbeln und alle Instrumente
zu einem Lobgesang für den Herrn: »Ja, er ist gut!
Für immer bleibt seine Güte bestehen.«
Im gleichen Moment erfüllte eine Wolke das Haus, das Haus des Herrn.
14 Solange diese Wolke da war, konnten die Priester nicht hineingehen
und Dienst tun.
Denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte den Tempel.
2. Chr. 5,1-5+12-14
Nach dem erzählten ersten Erschrecken fiel mir auf: Das klingt ja ein
bisschen so wie bei uns: Der Präsident plant eine Synode in der Hauptstadt
des Landes. Die Gemeindepräsidenten, Synodale und PfarrerInnen werden
eingeladen. Es gibt einen feierlichen Einzug. Es erklingen Musikinstrumente
und feiner Gesang.
Und das tut so gut! Gerade in den Gemeinden, die keine große Orgel
besitzen. In denen es keinen Chor gibt, in denen die Zahl der Teilnehmenden
nicht so groß ist. Mindestens einmal im Jahr während der Synode
zusammenkommen zu so einem festlichen, feierlichen Gottesdienst.
Gemeinsam mit anderen singen, und es klingt laut und kraftvoll.
Mal nicht die ganze Bank nur für sich allein haben, sondern einen
Nebenmann, eine Nebenfrau auf Tuchfühlung zu spüren. Das tut gut. Das
gibt Kraft für den Alltag in der Gemeinde. Dieses wunderbare, strahlende
Mosaik des Christus hier neben mir – ehrlich gesagt, keine Mördergrube: ich
brauche es nicht jeden Sonntag im Gottesdienst. Aber immer mal wieder im
Jahr bei der Synode, zu anderen Gottesdiensten mich hineinziehen zu lassen
in das prächtige Gold, die kräftigen Farben, den Anspruch zu hören: „Ich,
Christus, bin der Herr der Welt! An mir und meinen Worten kommt keiner
vorbei. Nicht einmal die, die sich selbst für die Herren halten und
entsprechend verhalten.“ Auch das tut gut. So oft sind wir doch beschäftigt
mit den Fragen und Problemen unserer unmittelbaren Umgebung in Torre
Annunziata, in Caldana, in Catania, dass wir darüber aus dem Blick
verlieren, zu welch großer, bedeutender Bewegung wir gehören. Bitte, nicht
falsch verstehen: Ich meine nicht, wir sollten jetzt wesentlich dicker
auftragen mit unserem Reden, unserem Tun! Nicht wir sind die Herren,
sondern Gott. Aber es tut eben der Seele und dem Glauben gut, wenn wir
uns immer wieder einmal in größeren Zusammenhängen treffen, miteinander
feiern, singen, Gott loben und beten. Denn das gibt Rückenwind für das
Leben in unseren Gemeinden. Nächste Gelegenheit nach heute für so ein
Auftanken wird der ELKI-Tag Mitte September in Meran sein. Wer das
bisher nicht im Kalender stehen hat, schnell noch vormerken. Ein tolles
Programm wird vorbereitet und dazu auch ein festlicher Gottesdienst, sicher
mit viel Musik und Gesang.
Das ist ja so ein Grundbaustein unserer evangelischen Gottesdienste. Als
Gemeinde Gott gemeinsam zu loben mit Musik und Gesang als den, der
gütig ist, dessen Barmherzigkeit ewig währt. Lieder waren schon für Martin
Luther nicht einfach nur eine Zwischenmusik, die die eigentlich wichtigen
Worte von einander absetzt. Nein, im Gegenteil, Kirchenmusik, Lieder sind
genauso Verkündigung der frohen Botschaft Gottes wie Bibellesung und
Predigt. Deswegen wird in Deutschland ja nun auch an der Herausgabe eines
neuen Gesangbuches gearbeitet, semper reformanda und im Advent 2028
soll es in Gebrauch gehen. Vielleicht auch ein Anlass für die ELKI, über ein
Beiheft zum Innario nachzudenken. Neue Lieder zu den bestehenden
aufnehmen, neue Texte, andere Rhythmen. Nicht nur am Sonntag Kantate,
einmal im Jahr, sondern öfter, stärker Musik und gemeinsames Singen in den
Mittelpunkt unserer Gottesdienste rücken. Neben dem Wort Gottes auch die
Melodie Gottes erklingen und in uns wirken lassen. Das kann wunderbare
Wirkungen erzielen. Der Verfasser der Chronik beschreibt es eindrücklich,
wie hier Musiker und Priester, Sänger und Beter zueinander finden und in
Harmonie Gott loben. Welch wunderbarer, klingender Moment. „Ja, Gott ist
gut. Für immer bleibt seine Güte bestehen.“ Amen. Höhepunkt,
Schlussakkord dieser Szene, in der sich Himmel und Erde miteinander zu
verbinden scheinen. Schlusssatz dieser Predigt und ich könnte die Kanzel
verlassen. Wenn’s am Schönsten ist, sollte man gehen.
Doch es kommt noch etwas. Im gleichen Moment zieht eine Wolke herein in
das Haus des Herrn, eine dunkle Wolke. Das wird die Menschen damals
vermutlich erschreckt, mindestens verunsichert haben. Was hat denn das
noch zu bedeuten? Was kommt denn jetzt noch, wo alles gerade so schön
und wunderbar ist?
Die erste Folge war, dass die Priester nicht in den Tempel gehen konnten,
um ihren Dienst zu verrichten. Heißt das, wir Pfarrer und Pfarrerinnen sind
überflüssig und können alle gehen? Ich glaube nicht, dass es so zu verstehen
ist. Mir erschließt sich der Text so:
1. Bis zu diesem Moment des Auftauchens der Wolke war alles
Menschenwerk: Den Tempel gebaut, die Bundeslade herbeigeholt, der
Einzug geplant, die Instrumente gestimmt. Alles gut, aber erst mit dem
Einzug der Wolke wird es abgeschlossen. Bei Trauungen sage ich immer den
Satz: „Gott gibt sein Ja zu dem Ja, dass ihr beide zueinander gesagt habt.“
Damit wird es bestätigt, rechtskräftig. Gott sagt Ja zu unseren Schritten. Erst
damit werden sie vollkommen. Wie am Ende der Schöpfungstage: Gott sah
sein Werk an und siehe, es war sehr gut. Alles ist an Gottes Segen, könnte
man jetzt singen. Erst mit Gott und seinem Segen wird unser menschliches
Handeln vollkommen.
2. Warum ist aber diese Wolke dann dunkel? Dunkelheit hat doch als erstes
die Folge, dass wir verunsichert sind, weil wir nichts erkennen können.
Wenn etwas im Dunklen liegt, dann verbinden wir damit in der Regel etwas
Negatives, Bedrohliches. Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Ich erkläre es mir
so, dass bildlich ausgedrückt wird, dass wir Gott in seiner Fülle nicht
erkennen können. Die dunkle Wolke hat dieselbe Aussage wie an anderer
Stelle die glänzende Herrlichkeit, von der wir geblendet werden. Gott lässt
sich, so oder so, nicht vollständig erkennen. Da ist noch weit mehr als wir
sehen können. Gott entzieht sich unserem menschlichen Zugriff, unseren
Zuschreibungen. Wenn ich etwas vollständig beschreiben kann, gewinne ich
Macht darüber. Das Unbeschreibliche entzieht sich aber meiner Macht. Das
gilt sowohl für das tief Dunkle wie das absolut Helle. Darum geht es meiner
Meinung nach hier. Gott bleibt trotz aller Nähe im Tempel manchmal auch
der Ferne, der Unsichtbare, Nichtgreifbare, der Nichtverständliche. Das so
zu sagen, ist relativ einfach. Das in seinem eigenen Leben zu erfahren, ist
schmerzhaft. Viele von uns kennen das. Und ich glaube darüber kann man
eigentlich nur in der Ich-Form reden. Wenn wir also im Advent singen:
„Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt,“ dann stellen wir uns
damit an die Seite des Dichters, Jochen Klepper, der das so schreiben kann,
weil er es so erlebt hat. In seinen dunklen Momenten leuchtete Gott für ihn
auf.
Und ähnliches gilt dann auch für so viele, für alle Lieder des Gesangbuches.
Sie erzählen von den Erfahrungen und Hoffnungen des Glaubens so vieler
Menschen vor uns. Und wenn wir sie heute singen, entsteht zusammen mit
den Melodien ein Klangraum, in dem wir erleben: Gott ist spürbar, aber
nicht fassbar. Gott ist stark, mächtig, großartig, belebend, erfrischend… .
Wir singen die Worte anderer und erleben dabei, dass sie manchmal auch zu
unseren werden. Gott zieht ein, nimmt Raum ein in uns und zwischen uns,
erfüllt uns und den ganzen Raum uns. „Ja, Gott ist gut. Für immer bleibt
seine Güte bestehen.“ Amen