Hebräer 13. 1-3
Einer der größten Unterschiede, liebe Schwestern und Brüder, zwischen
Deutschland und Italien ist für mich die Tischgemeinschaft. Essen ist
mehr als reiner Selbstzweck. Für unsere deutschen Gäste war das bei
unserer Hochzeit im Piemont ganz schön herausfordernd, fünf Stunden
zu essen. Sitzen, aufstehen, essen, immer wieder neu
zusammenzukommen. Gerade an besonderen Tagen, ob Geburtstag
oder Feiertag, auch am Sonntag, kommen an vielen Orten viele
Menschen zusammen. Man isst und trinkt, aber noch viel mehr: Man
nimmt sich Zeit füreinander. Manche laden sogar die ein, von denen sie
wissen, dass diese sonst den Tag allein verbringen würden. So viel
gehört zur Tischgemeinschaft, viel mehr als schnell satt zu werden. Und
es fällt auf, wenn meinem Nebenmann der Appetit vergeht, wenn es ihm
nicht gut geht.
Tischgemeinschaft, das ist etwas Urchristliches. Wir lesen in der
Apostelgeschichte von den jungen Gemeinden, die sich nach Jesu
Auferstehung beinahe täglich treffen, das Brot brechen, also Abendmahl
feiern und dann im Anschluss gemeinsam essen. Tischgemeinschaft
haben. Unzählige Male lesen wir von Jesus, der mit seinen Jüngern
zusammenkommt, isst und trinkt, dass es für Aufsehen sorgt. Nicht nur,
dass und was er isst, sondern auch mit wem er da am Tisch sitzt. Ein
Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder (Lk 7,34)
wird ihm nachgerufen.
Wir hören, wie aus Wenigem Viele satt werden. Manchmal reichen
wirklich fünf Brote und zwei Fische und 5000 werden satt. Und das Volk
Israel fragt in der Wüste erstaunt: Man-hu? Was ist das? Es ist das Brot,
das euch der Herr zu essen gegeben hat. (Ex 16,15). Panem de caelo
praestitisti eis. / Omne delectamentum in se habentem. Brot vom Himmel
hast du ihnen gegeben. / Das alle Erquickung in sich birgt, so spricht die
biblische Weisheit und ihr Ruf hat Eingang gefunden in die Liturgie
(Weisheit 16,20).
Brot für Leib und Seele. Was wir am Altar feiern, hat Auswirkungen auf
unser Leben. Der Hunger nach dem Brot des Lebens, nach Jesus
Christus, den wir im Abendmahl empfangen, ist Hunger nach Leben.
Nach Heil Sein. Nach Gerechtigkeit. Nach Gemeinschaft und Solidarität.
Gott will beides stillen. Den Hunger des Leibes und der Seele. Und es soll für jeden reichen. Ein jeder sammle, so viel er zum Essen braucht,
gibt Mose die Anweisung Gottes weiter. (Ex 16,16). So viel du brauchst.
In diese Richtung lenkt auch der Hebräerbrief unseren Blick. Drei kurze
Verse werden uns heute mitgegeben. Müde gewordene Christen will er
ermuntern, das Vertrauen auf Gott nicht wegzuwerfen (Hebr 10,35). Eine
von Verfolgung gezeichnete Gemeinde in Rom, eigentlich mehr Predigt,
Motivationsrede als Brief. Haltet an Jesus fest. Mitten in der Bedrohung.
Mitten im Leid. So hören wir:
Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht;
denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an
die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten,
weil auch ihr noch im Leibe lebt. (Hebr 13,1-3)
Wenn sich die junge Gemeinde trifft, wenn sie Tischgemeinschaft mit
Gott und untereinander hält, dann sollen die mit dabei sein, denen es
nicht gut geht. Gefangene, Misshandelte, Fremde. Die Gemeinde weiß
es ja selbst wie es ist verfolgt, ausgestoßen, misshandelt, verlacht zu
sein, weil auch ihr noch im Leibe lebt. Brüderliche, geschwisterliche
Liebe. Nicht nur innerhalb des eigenen Kerns, der eigenen Familie, den
Freunden. Sondern auf die ganze Gemeinde bezogen.
Es ist eben nicht so, dass die oberste Pflicht sei, erst die eigene Familie
zu lieben, dann den Nachbarn, dann die lokale Gemeinschaft, dann die
Mitbürger, und danach erst den Rest der Welt. Wenn Christus selbst Herr
und Bruder ist, dann sind wir Teil seiner neuen Familie. Er ist es, zu dem
wir aufschauen, der Herr über unser Leben ist und gleichzeitig der
Bruder, der mit uns – an der Seite – durch das Leben geht. Aufschauen
zu ihm heißt daher auch nach rechts und links zu blicken. Gastfrei zu
sein vergesst nicht.
Diese besondere Hochschätzung der filoxenia, der Gastfreundschaft,
finden wir in der Antike vor. Aber sie geht eben über die Familie hinaus.
Reisende sind im Blick, vielleicht andere Christen, die unterwegs sind.
Diese aufzunehmen, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel
beherbergt. Boten Gottes, die mir vielleicht neue Perspektiven geschenkt
haben. Im Glauben oder auf mein Leben. Vielleicht kennt ihr das auch,
wenn man zunächst gar keine Lust auf einen Termin, eine Begegnung
hat und dann eröffnet sich dort eine neue Perspektive. Das hätte ich
nicht gedacht, dass…So habe ich das noch nicht gesehen…Vielleicht
beim Incontro im Garten, bei der Begegnung mit den vielen Reisenden
und Gruppen, die zu uns kommen, ist mir das schon ab und an passiert.
Menschen begegnet zu sein, die ganz neu über Gott und diese Stadt reden. Und die manchmal dann auch hier, in unserer Gemeinde, Heimat
auf Zeit finden. Dazukommen, Brot und Wein, Tischgemeinschaft teilen.
Der Gast bringt eben manchmal Gott mit und das Netz der Gemeinde
reicht über den eigenen Nahraum, die eigene Familie hinaus, bis in
himmlische Sphären. Und diese himmlischen Höhen verweisen uns dann
wieder auf die Erde. Denn wie singen die Engel? Ehre sie Gott in der
Höhe und Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen. So ist im
Gebet, in der Fürsorge, im Besuch, Platz im Leben für Gefangene und
Misshandelte, ein Platzhalter für alle Menschen, die unsere Zuwendung
mitten im Leben brauchen.
Der Gedanke ist ein Wunderbarer – selbst mitten in der schwierigsten
Situation ist noch Platz für meinen Nächsten. Und aus dem Mangel, aus
so wenigem, kann Gott Großes machen. Die Speisung der 5000 und das
Manna in der Wüste künden davon. Ja, in den Mangel hinein geht Gott.
Aber nicht nur in den Mangel meiner Nächsten, in den der anderen. Im
Abendmahl lässt mich Gott sein Versprechen schmecken. Dass er in
meine Fehler hineingeht. Dass er mir Neuanfang schenkt und
Gemeinschaft mit ihm. Er legt sich mir auf die Zunge. Mein Leben nimmt
sein Leben auf. Radikal. Von der Wurzel her. „Nimm hin und iss. Diese
Worte umfassen alle Geheimnisse des Todes und der Auferstehung“,
schreibt Luther (WA 9,660).
Wer diesen Worten im Glauben traut, der hat Vergebung der Sünde und
ewiges Leben. Weil Christus selbst durch diese Worte handelt. Weil er
seinen Leib und das einfache Brot zusammenspricht. Nimm hin uns iss.
Hier ist dein Leben geborgen und gehalten. Hier ist deine Versicherung
gegen Schuld und ewigen Tod. Es ist beachtlich, dass hier in Rom alle
zwei Wochen das Heilige Abendmahl gefeiert wird. Dass es der
Gemeinde und ihrem Vorstand wichtig ist. Viele evangelische
Gemeinden haben das leider ein bisschen aus den Augen verloren.
Dieses große Wunder. Dieses ewige Geheimnis. Dass sich Christus dir
schenkt im Abendmahl. Sich dir auf die Zunge legt. Dass er ganz bei dir
sein möchte, dass du ihn schmecken kannst. Tischgemeinschaft mit ihm
und untereinander. Und Friede, der vom Altar ausgeht. Bei den
Menschen ein Wohlgefallen.
Essen und Trinken, Tischgemeinschaft, hält eben Leib und Seele
zusammen. Was mir in Italien noch einmal so deutlich wird, das gilt im
Sakrament erst recht. Gottes Zusage ist es, die mich trägt. Der mir selbst
Wegzehrung ist. Der für mich Platz hat an seinem Tisch. Und für meinen Nächsten.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.