Reformationsfest – Prof. Dr. Dr. Meyer-Blanck

Matthäus 10,26b.27. 32–33 
Der von der EKD für den diesjährigen Reformationstag vorgeschlagene Predigttext steht bei Matthäus im 10. Kapitel. Das ist die zweite der fünf Reden Jesu im Matthäusevangelium nach der Bergpredigt in Mt. 5–7. Der Predigttext aus Mt 10 richtet sich an die Jünger, die Jesus aus-sendet. Ich beschränke mich auf die Verse 26–27 und 32–33.
26b [Jesus spricht zu seinen Jüngern:] Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.
Liebe Gemeinde,
Es ist nichts auf Dauer verborgen. Es kommt alles heraus. Auf lange Sicht bleibt nichts unbe-kannt, auch wenn man das gerne so hätte. Der Mensch ist ein Erzählwesen; „Hast Du schon gehört?“ – „Jetzt weiß ich endlich, was los ist!“ – „Die Frau hat auf einmal ihr wahres Gesicht gezeigt. Jetzt bin ich schlauer.“ So reden wir, wenn wir etwas oder vor allem, wenn wir jeman-den durchschaut haben. Lügen haben kurze Beine und Enthüllungen haben schnelle Füße. Be-sonders, wenn wir uns empören können, steigt die Geschwindigkeit der Informationsweiter-gabe. Manchmal dauert es etwas, aber über kurz oder lang wird das meiste bekannt. Vor allem, wenn man etwas unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählt, kann man sicher sein, dass es sich verbreitet. Ein Vermerk „Streng vertraulich“ steigert die Fließgeschwindigkeit von Neu-igkeiten immens; das ist besonders dann der Fall, wenn es sich um Negatives handelt.
Es kommt alles heraus. Jede und jeder von uns trägt selbst eine Abteilung dunkle Flecken, Peinlichkeiten und Verdrängtes mit sich herum. Wir sind froh, wenn niemand daran rührt. Po-litiker werden manchmal von üblen Geschichten oder von fatalen Äußerungen eingeholt und verlieren binnen kürzester Zeit ihr Ansehen, buchstäblich ihr Gesicht. Aber auch auf unser all-tägliches Leben trifft ähnliches zu. Den nächsten Menschen, den guten Freunden, dem Partner, den Kindern, ihnen bleibt fast nichts verborgen. Manchmal wissen diese früher als man selbst, was mit einem los ist.
Besonders Jugendlichehaben die Gabe, einem ins Herz zu sehen. Sie hören nicht so sehr auf das, was man sagt, sondern mehr auf das, was man meint und empfindet. Das liegt daran, dass sie sich so viel mit sich selbst und den Beziehungen zu andern beschäftigen. Der Erwachsene hat Beziehungen, Jugendliche sind ihre Beziehungen. Darum durchschauen sie die ihnen nächsten Menschen durch Resonanz, durch Mitempfinden.
Alles kommt heraus: Das gilt schließlich auch für das Selbstverhältnis. In der Spätmoderne sind wir gezwungen, uns selbst genau zu beobachten, um mit verschiedensten Menschen Kontakt halten zu können. Das führt zu einem ständigen inneren Gespräch. Noch nie hat sich der durch-schnittliche Mensch so gut selbst gekannt wie heute, vor allem die eigenen Widersprüche, dunklen Flecke und egoistischen Motivationen hinter der eigenen Fassade. Je mehr man nach außen als perfekt dastehen muss, desto schwieriger wird es mit dem eigenen Selbst.
Wenn uns vielleicht das Gericht Gottes nicht mehr so schreckt wie die Menschen zu Luthers Zeiten, dann ist es stattdessen unser eigenes Gericht, das uns ständig anklagt: Das Stehen vor dem eigenen inneren Gerichtshof macht uns zu schaffen.
Ich denke dabei an die alttestamentliche Geschichte von der Schrift an der Wand, an Belsazars Gastmahl im Buch Daniel. Wie von Zauberhand geschrieben erscheinen dort die Worte: „Mene, mene Tekel u parschin“ – „Gewogen und zu leicht befunden“ – angeklagt und schuldig. Wahrscheinlich wird das herauskommen bei der eigenen Bilanz. Es muss nicht einmal die große Enthüllung, der grobe Fehltritt in der Vergangenheit oder die peinliche Geschichte sein. Es reicht die innere Anklage vor uns selbst, das vorgestellte Urteil, die Schrift an der Wand wie im 5. Kapitel des Danielbuches: „Mene, mene Tekel u parschin“. Ein Menetekel. Alles kommt raus.
Doch dieser unser innerer Gerichtshof ist nur ein Horrorszenario. Unser Leben ist kein „Mene-tekel“. Das liegt daran, dass Gott keiner ist, der bedrohliche Botschaften an die Wand schreibt. So ist Gott nicht. Genau das war ja Luthers Entdeckung: Die Gerichtsprediger, die Sündenzähler, die Mentekelmaler, die Enthüller, sie haben an einer Stelle zutiefst geirrt: Sie zeichneten Gott als einen, der missgünstig auf das Leben des Menschen blickt und der darauf wartet, dass er sich empören kann. Luther und die anderen Reformatoren kehrten zurück zur eigentlichen Be-deutung der Bibel: Es kommt alles heraus, und das wird gut sein. Gott kommt heraus als der, der er von Herzen ist: Denn er ist gnädig, barmherzig geduldig und von großer Güte und Treue, wie es schon Mose am Sinai erfuhr (2 Mose 34,6).
Und dass der Mensch vor Gott ganz offen daliegt, wie ein aufgeschlagenes Buch, das ist keine bedrohliche, sondern eine gute Nachricht, eben das ist das Evangelium. Man kann drei Gründe dafür nennen, warum das „alles kommt raus“ etwas Befreiendes hat. Der erste Grund ist der wichtigste, die Güte des Vaters Jesu, vor dem alles offenbar wird. Vor ihm verbreitet die Offen-heit meines Wesens keinen Schrecken. Der zweite Grund ist, dass ich damit vor mir selbst, vor meinem inneren Gerichtshof besser dastehe. Wer gewiss ist, dass ihm vergeben wurde, der kann sich auch selbst vergeben. Und der dritte Grund, warum das „alles kommt raus“ eine gute Nachricht ist, liegt darin, dass ich den Mut finde mich zu ändern, mich ändern zu lassen. Das ist wohl doch das Schwierigste. Mein Sosein, mein Charakter hat Beharrungsvermögen.
Dazu fällt mir ein alter Berliner Witz ein. Vor dem Berliner Dom warteten gewöhnlich die Pfer-dekutscher auf Kundschaft. Einige sozial gesinnte Damen gingen zu den Kutschern, versuchten diese in ein geistliches Gespräch zu verwickeln und verkauften ihnen für 5 Pfennig die letzte Sonntagspredigt des Dompfarrers. Nun kam eine der Damen wieder einmal zu einem der Kut-scher und wurde mit der glasklaren Botschaft empfangen: „Ick kaufe keine Predigten mehr.“ – „Warum denn das?“, fragte die Dame, „aber Sie haben doch immer welche gekauft!“ – „Ja,“ sagte der Kutscher, „det isset [das ist es] ja eben. Wenn ick det lese, denn muss ick mir ändern. Und det will ick nicht.“
Man wird sagen können, dass dieser Kutscher das Evangelium gut verstanden hatte. Er wusste, dass das bloße Aufnehmen, Hören oder Lesen einer Predigt nicht reicht. Alles kommt raus und dann musst Du Dich ändern. Gerade die Güte Gottes ist es, die in das Leben der Menschen eingreift. „Weißt Du nicht“, schreibt Paulus im Brief an die Römer in Kap. 2,4, „Weißt Du nicht, dass Dich Gottes Güte zur Umkehr leitet?“ Der Kutscher wusste das, auch indem er sich dage-gen entschied. –
Jesus setzt seine Ansprache an die Jünger fort mit der Aufforderung, die Nachricht von der Güte Gottes zu den Leuten zu bringen. Auch wenn ihnen selbst die Sache noch dunkel ist, auch wenn sie den Eindruck haben, selbst noch gar nicht so richtig zu Ohren bekommen zu haben, worum es geht, sollen sie in die Öffentlichkeit gehen.
27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.
Hier nimmt das „alles kommt raus“ noch einen anderen Sinn an: Die Worte Jesu sind unauf-haltsam. Auch wenn er diese seinen Jüngern in der Stille, irgendwo auf der Wanderung bei einem Nachtlager erzählt hat, irgendwo, irgendwie in der Finsternis, haben die Worte Jesu ihren Lauf angetreten; seine Zusagen in der Bergpredigt, sein Gebot der Feindesliebe, seine Geschichte vom Vater und den zwei Söhnen und vieles andere, dies alles hat an das Licht der Öffentlichkeit gedrängt. Von den Dächern, also mit möglichst großer Reichweite soll das Evan-gelium verbreitet werden. „Über die Dächer“: Das kann man leicht in die heutige Medienland-schaft übertragen. Auch da macht das Wort seinen Weg.
Luther selbst hat in der zweiten seiner Invokavit-Predigten im März 1522 so über das Wort gesprochen. Da heißt es:
„ich habe allein Gottes Wort getrieben, gepredigt und geschrieben, sonst hab ich gar nichts dazu gethan. Dieses Wort, wenn ich geschlafen habe, wenn ich Wittenbergisch Bier mit mei-nem Philippo (Melanchthon) und Amsdorf getrunken habe, oder bin guter Dinge gewest, hat so viel zuwege gebracht“ (10. März 1522, WA 10.3, S. 18f.=BoA 7,369).
Über die Dächer hat sich das Wort fortgepflanzt; und ein schönes Zeichen dazu ist das Witten-bergisch Geläut, das von dem Kirchturm dieser Kirche über die Dächer Roms geht, unaufhalt-sam, seit einem guten Jahrhundert. – Und schließlich noch das Letzte, Vers 32:
Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel.
Jesus gibt seinen Jüngerinnen und Jüngern den Auftrag, ohne Scheu zu bekennen. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht“, schreibt Paulus im Brief nach Rom (1,16). Das offene Bekennen war damals eine ernste Herausforderung und heute ist es mindestens eine Unbequemlichkeit. Mit dem Bekenntnis zum Glauben macht man sich, vorsichtig ausgedrückt, nicht immer beliebt. Es gilt „ein offenes Bekenntnis bei allem Widerstreit“, dichtete Philipp Spitta schon vor 200 Jahren (EG 136,4).
Wie aber macht man das? Ein offenes Bekenntnis darf nicht laut, nicht besserwisserisch und schon gar nicht triumphierend daherkommen. Offen heißt erkennbar, diskussionsoffen und mit dem Einsatz der eigenen Person. Reden heißt sich zu erkennen geben. Ich will mich nicht ver-stecken; oder, so hörte ich kürzlich eine schöne Formulierung: Ich will mich nicht vorenthalten. Das meint Bekennen. Ich will mitmischen, ich will dabei sein und das Leben aus der Güte zu fassen kriegen. Und ich bin davon überzeugt, dass es darauf einmal alles hinauslaufen wird. Die Güte hat das letzte Wort. Sie ist das Prinzip des Daseins – und nicht Macht und Profit und Triumph. Es kommt alles heraus. Und das Ende wird gut sein wie der Anfang, siehe: sehr gut. – Amen.

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