Jeremia 29,1.4-7.10-14
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Das Alte hinter sich lassen. Aufbruch zu Neuem. Leben in der Fremde. Was verbinden Sie damit, liebe Schwestern und Brüder? Woran denken Sie, lieber Anton Adrian, liebe Tauffamilie, wenn Sie das hören? Vielleicht fällt Ihnen heute, am Tag Ihrer Taufe, ja zuerst das neue Leben ein, das als Getaufter nun vor Ihnen liegt – begleitet von Ihrer Familie und der ganzen christlichen Gemeinschaft, zu der Sie von jetzt an gehören. Der Taufspruch, den Sie sich ausgewählt haben und der Ihnen auf diesem neuen Weg Zuspruch, Trost und Ermunterung sein soll, stammt aus dem Buch Josua:
„Sei getrost und unverzagt, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst“.
So spricht Gott zu Josua am Anfang des Josuabuches. Josua ist der Nachfolger des Mose. Er soll das Volk ins verheißene Land führen, das Land in Besitz nehmen und es an das Volk verteilen. Das ist keine Kleinigkeit. Es verlangt Mut, Stärke, Zuversicht. Bevor er diese große Aufgabe in die Tat umsetzen wird, wird Josua darum, Gottes Schutz und Beistand zugesagt. Er soll sich nicht fürchten, Gott wird bei ihm sein, bei allem, was vor ihm liegt.
Diese Zusage, lieber Anton Adrian, liebe Tauffamilie, gilt auch für Sie. Gott sagt uns in der Taufe zu, dass wir bei ihm geborgen sind, uns nicht zu ängstigen brauchen, er bei uns sein und uns helfen will.
Die Taufe ist darum ein wichtiges, grundlegendes Ereignis im Leben eines jeden Christenmenschen. Sie markiert den Übergang von einer alten Lebensphase in eine neue, teilt das Leben gewissermaßen in zwei unterschiedliche Hälften. Sie, lieber Anton, haben sich bewusst für diesen Schritt entschieden und können ihn heute in diesem Gottesdienst intensiv und aufmerksam erleben. Das ist durchaus etwas Besonderes, denn zumeist werden ja kleine Kinder getauft, bei denen die Eltern diese Entscheidung getroffen haben und die vom Beginn ihres Lebensweges an in die christliche Gemeinde hineinwachsen sollen. Beides hat sein Recht, beides ist auf je eigene Weise gut und sinnvoll. Bei Ihnen, der Sie sich als religionsmündiger Erwachsener für die Taufe entschieden haben, ist dieser Schritt vergleichbar mit der Taufe an den Anfängen des Christentums. Auch damals wurden die Menschen zumeist erst als Erwachsene getauft, als Konsequenz ihrer Bekehrung zum Christentum. Zuvor durchliefen sie einen Taufunterricht, das Katechumenat, und wurden dann feierlich, oft im Ostergottesdienst, in die Gemeinde aufgenommen.
Die Bedeutung der christlichen Taufe kommt in den symbolischen Handlungen zum Ausdruck, die sie begleiten. Das wichtigste Symbol ist das Wasser. Wasser wäscht die Sünde und alle Unreinheit vom Menschen ab. In früheren Zeiten wurde das durch das gemeinsame Hinabsteigen von Täufling und Täufer in ein Becken veranschaulicht. In spätantiken und mittelalterlichen Taufbecken lässt sich das auch heute noch erkennen. Man stieg auf der einen Seite in das Taufbecken hinein, dort wurde der Täufling dreimal untergetaucht und es wurden ihm die Tauffragen gestellt: „Glaubst du an Gott?“; „Glaubst du an Jesus Christus?“ „Glaubst du an den Heiligen Geist?“ Auf der anderen Seite des Beckens stieg der Täufling wieder hinaus und empfing ein weißes Gewand als Zeichen des neuen Lebens und der Reinheit von der Sünde. In den orthodoxen Kirchen ist diese Symbolik bis heute ein Bestandteil der Tauffeier geblieben. Wir können all dies auch heute mit der Taufe verbinden: Eintritt in ein neues Leben unter dem Schutz und der Verheißung Gottes, dass er bei dem Getauften sein, ihn behüten und bewahren wird auf allen seinen Wegen.
Um Neuanfang also geht es bei der Taufe, um einen Neuanfang ging es auch für Josua, der das Volk ins verheißene Land führen sollte. Von einem Neuanfang spricht auch unser Predigttext aus dem Buch Jeremia, den wir vorhin gehört haben. Die Worte dieses Textes richten sich an das Volk Israel im babylonischen Exil. Das Volk war in einer schwierigen Situation Sie saßen an den Wassern von Babylon und weinten über das verlorene Land und ihr Dasein in der Fremde. Der Prophet Jeremia war mit einigen Wenigen dagegen in Jerusalem verblieben. Von dort aus schreibt er ihnen einen Brief. Darin ruft er sie dazu auf, nicht in Traurigkeit zu versinken und ihre Lage zu beklagen, sondern das Beste daraus zu machen. Sie sollten sich im fremden Land einleben, Häuser bauen, Gärten anlegen, Söhne und Töchter zeugen, der Stadt Bestes suchen – kurz, sie sollten sich der Herausforderung stellen, die die Fremde für sie bereithielt.
Das ist, liebe Gemeinde, liebe Tauffamilie, eine Zumutung. Es ist eine Zumutung wie das Gebot der Feindesliebe, das wir in der Lesung des Evangeliums gehört haben. Auch dieses Gebot ruft dazu auf, etwas Neues, Unerhörtes zu wagen. Sich auf die Fremde einlassen, dort Häuser bauen und heimisch werden – wie soll das gehen? So werden sich die Israeliten im Land Babylon gefragt haben. So werden sich auch diejenigen gefragt haben, denen Jesus das Feindesliebegebot aufgetragen hat. Wie sollen wir das machen? Ist das realistisch oder nicht vielmehr eine Utopie, Wunschdenken, das mit der Realität nichts zu tun hat?
So können wir uns auch heute fragen. Aber ist doch so, liebe Schwestern und Brüder: Diejenigen, die die Welt zum Guten verändern wollen, brauchen genau das: Utopie, Phantasie, eine Vorstellung davon, wie die Welt ein besserer Ort werden kann. Es sind die Träumer, nicht die Realisten oder gar die Pessimisten, die die Welt verändern. Die Vision einer besseren Welt, in der Friede und Gerechtigkeit herrschen, ist keine Phantasterei. Sie ist der erste Schritt hin zu einer Veränderung unserer Zustände, die im Kleinen beginnt und Großes bewirken kann. Es ist wie das Sich-Einrichten im fremden Land. Und dafür gibt es eine großartige Zusage. Diese Zusage steht in unserem Predigttext und sie passt zugleich hervorragend zum Taufspruch von Dir, lieber Anton Adrian. „Gedanken des Friedens und nicht des Leides habe ich über euch, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung“ – so heißt es im Predigttext aus dem Buch Jeremia. Und weiter: „Ich will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der HERR, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.“
Gott wird mit den im fremden Land Wohnenden sein. So wie er mit Josua war, als dieser die Aufgabe übernehmen sollte, das Volk zu führen. So wie er mit dir, Anton Adrian, sein wird, der du dich heute zu Gott bekannt hast, der du auf den Namen des dreieinigen Gottes getauft wurdest, der du nunmehr zu ihm, dem Gott des Friedens und der Gerechtigkeit, gehörst.
Leben in der Fremde, sich beheimaten, die Vision einer Welt, in der Gerechtigkeit und Friede herrschen – das bringt uns direkt in unsere eigene Zeit. Unter uns leben viele Menschen aus anderen Ländern. Sie sind hierher, nach Rom oder in andere Städte Italiens, sie sind nach Berlin und in andere Städte Deutschlands, sie sind in viele europäische Länder gekommen, weil sie aus ihrer Heimat geflohen sind, in der Hoffnung, bei uns ein neues, ein besseres, ein lebenswertes Leben beginnen zu können. Sie wollen Arbeit finden, sich heimisch fühlen, ein neues Zuhause für sich und ihre Familien bauen. Diese Menschen werden bei uns oftmals vor allem als Problem wahrgenommen. Worte wie „Flüchtlingsproblem“ oder „Migrationswelle“ verraten viel darüber, in welcher Weise bei uns oftmals über diese Menschen gedacht wird. Rechte Parteien schlagen daraus Kapital, indem sie das Thema permanent auf der politischen Agenda halten und uns vorgaukeln wollen, zu uns kommende Menschen aus anderen Ländern würden unseren Gesellschaften und unserem Wohlstand schaden. Nachweislich ist genau das Gegenteil der Fall. Wir sollten uns einen solchen Diskurs darum nicht aufnötigen lassen, sondern nüchtern und klar benennen, wo Probleme in unserem Zusammenleben tatsächlich liegen. Dass Menschen aus anderen Ländern bei uns leben, erweist sich dann sehr schnell als ein Gewinn, nicht als eine Gefahr.
Die Vision einer Welt, in der Gerechtigkeit und Friede regieren, in der das Feindesliebegebot Jesu ernst genommen wird – dieser Aufruf, liebe Gemeinde trifft auf eine Welt, in der viele Kriege toben. Diejenigen in der Ukraine und im Nahen Osten beherrschen die Schlagzeilen unserer Nachrichten schon seit geraumer Zeit, in den letzten Tagen wieder in besonderer Weise. Der Aufruf Jesu trifft in eine Welt, in der viele Menschen Hunger leiden, verfolgt werden wegen ihrer politischen Überzeugung, ihrer Religion, ihrer Hautfarbe oder ihrer geschlechtlichen Orientierung. In der die Spannungen in unseren Ländern, Städten und Familien zunehmen. Vor kurzem hat sich in französischen Städten furchtbare Gewalt entladen. Auch hier in Italien hat es schlimme Ausschreitungen gegeben. Die zurückliegenden Wahlen in deutschen Bundesländern haben Parteien gestärkt, die problematische, mitunter auch menschenverachtende Positionen vertreten. Die Ansichten darüber, wie es unter uns zugehen soll, in welch einer Gesellschaft wir leben wollen, stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Der Ton ist rauer geworden, unerbittlicher, unkontrollierter. Die digitalen Medien leisten dazu einen nicht unwesentlichen Beitrag. Um so wichtiger ist es, dass wir uns darauf besinnen, was im Zentrum unseres Denkens und Handelns stehen soll.
Die Feinde lieben – das klingt beim ersten Hören ungeheuerlich. Aber das ist es nicht. Es ist nicht gemeint, dass ich mit denen, die mir fernstehen oder sogar meine Gegner sind, nun plötzlich in inniger Freundschaft verbunden oder gar mit ihnen zusammenleben soll. Gemeint ist vielmehr, den Kreislauf von Vergeltung und Wiedervergeltung zu durchbrechen und so dem Bösen Einhalt zu gebieten. Gemeint ist eine Haltung, mit der wir zum Ausdruck bringen: Auch wenn der oder die mir ein Unrecht zugefügt hat, zahle ich ihm oder ihr das nicht mit derselben Münze heim. Feindesliebe heißt zuerst und vor allem: Dem Bösen keinen Raum zu geben in meinen Beziehungen zu anderen Menschen. Das ist nicht einfach und kostet manchmal ziemlich viel Überwindung. Aber damit tue ich nicht nur anderen, sondern auch mir selbst etwas Gutes, weil es eine Atmosphäre der Ausgeglichenheit und Zufriedenheit schafft. Dass dies unser körperliches und seelisches Wohlbefinden befördert, haben medizinische und psychologische Studien schon lange herausgefunden. Darum kann man sogar sagen: Feindesliebe ist auch Selbstliebe. Ich mache nicht nur dem anderen deutlich, dass ich dem bösen Wort, dem bösen Gedanken keinen Raum gebe, sondern lasse das auch bei mir selbst nicht die Oberhand gewinnen. Hass und Feindschaft zerstören Beziehungen und das eigene Leben; Zuwendung, Rücksicht, Barmherzigkeit machen das Leben dagegen lebenswert, für mich selbst und für die Menschen um mich herum.
Die Feindesliebe ist ein wichtiger Schritt dabei. Sie kann Beziehungen zwischen Menschen und in Gemeinschaften zum Guten verändern. Wenn Friede und Gerechtigkeit unser Zusammenleben prägen, verliert das Böse an Kraft und Bedeutung. Wenn Geduld und Mitgefühl unseren Umgang miteinander bestimmen, wird die Welt heller, freundlicher, lebenswerter.
Und so führen uns die biblischen Texte dieses Sonntags – der Taufspruch aus dem Josuabuch, der Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia, das Evangelium aus dem Matthäusevangelium, der Wochenspruch vom Überwinden des Bösen durch das Gute – eine andere, eine neue Sicht darauf vor Augen, was es bedeutet, als Christ zu leben. Diese Texte zeigen uns, warum es sich lohnt, für Anstand, Frieden und eine lebensfreundliche Welt einzustehen. Und sie zeigen uns auch, woher wir die Kraft und die Motivation zu einem solchen Leben nehmen können. Gott hat seinen Beistand denen zugesagt, die sich an sein Wort halten. Die darauf setzen, dass die Liebe stärker ist als der Hass; dass die Gerechtigkeit über die Ungerechtigkeit triumphieren wird; dass das Böse das Gute überwinden wird.
All das kommt zum Ausdruck in dem Taufspruch, den du, Anton Adrian, für den heutigen Tag und für deinen weiteren Lebensweg im christlichen Glauben ausgesucht hast. Du kannst gewiss sein, dass Gott dich begleiten wird bei allem, was vor dir liegt. Du darfst darauf bauen, dass er dich auch in schweren Stunden nicht allein lässt. Du kannst dein Leben in dem Wissen darum führen, zur Gemeinschaft derer zu gehören, die auf die verändernde Kraft der Barmherzigkeit Gottes setzen. Möge dies dich von nun an begleiten. Mögest du dich aufgehoben wissen in der christlichen Gemeinde. Mögen wir alle aus der Hoffnung leben, dass Gottes Liebe unsere Herzen hell werden lässt und diese Welt zu einem lebenswerten und freundlichen Ort macht. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.