19. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Christoph Markschies

Epheser 4,22-32

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da
kommt. Amen.
„Lass die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen“ – diesen Satz habe ich, liebe
Gemeinde, ziemlich oft aus dem Mund meines Vaters gehört. „Lass die Sonne
nicht über deinem Zorn untergehen“: Das gab er mir ganz liebenswürdig als eine
Art Lebensweisheit mit, grundgütig, wie er war. Ob er im Umgang mit meiner
Mutter selbst so gehandelt hat, weiß ich nicht; meine Eltern haben sich vor mir
und meinem Bruder niemals gestritten. „Lass die Sonne nicht über deinem Zorn
untergehen“: Ob mein Vater so lebte, wenn Kollegen an der Universität ihn är-
gerten, wenn die ziemlich böse Hausmeisterin uns einmal wieder mit der Kündi-
gung gedroht hatte – ich weiß es nicht. Ich weiß nur noch, dass er diesen Satz gern
sagte und er sich mir daher eingeprägt hat. Dass es ein Satz der Bibel ist, der aus
dem Neuen Testament stammt, war unausgesprochen deutlich, ich denke sogar,
dass mein Vater dann und wann den Satz in seiner biblischen Fassung, im Plural
statt im Singular sagte: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“. Wie
ist das aber nun genau mit diesem Satz und der Bibel? Bei biblischen Versen,
liebe Gemeinde, die so in die allgemeine Überlieferung eingewandert sind wie der
Satz über Zorn und Sonnenuntergang, lohnt immer der Blick auf den biblischen
Kontext. Der schützt vor Missverständnissen. Und heute haben wir das Glück,
dass die Weisheit der Kommission, die die Bibeltexte für Gottesdienste und die
Predigttexte für die Sonntage aussucht, uns exakt diesen Kontext zum Satz über
Sonnenuntergang und Zorn als Predigttext dieses neunzehnten Sonntags nach
Trinitatis beschert hat. Und so lese ich aus dem Brief an die Epheser im vierten
Kapitel die Verse 22 bis 32:
Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügeri-
sche Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den
neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
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Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir
untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn
untergehen und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, son-
dern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen ab-
geben kann. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist,
was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören. Und betrübt
nicht den Heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle
Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller
Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie
auch Gott euch vergeben hat in Christus.
Nun, liebe Gemeinde, da wir den Kontext des Satzes über Sonnenuntergang und
Zorn kennen, wird deutlich, dass der gütige Ton meines Vaters bestens zu diesem
Vers passte. Denn hier wird ja überraschend freundlich zu den Menschen geredet.
Nicht gedroht, nicht geschimpft, nicht gedonnert. Da sind offenbar Menschen an-
geredet, die schon einmal gelogen haben. Keine Katastrophe, aber bitte in Zukunft
die Wahrheit sagen. Da sind Menschen in Zorn geraten, auch kein Beinbruch, aber
bitte bis zum Abend wieder von der Decke herunterkommen. Da sind sogar Men-
schen, die gestohlen haben. Auch die werden nicht verurteilt, sondern nur darauf
hingewiesen, in Zukunft von eigener Hände Arbeit zu leben. Mir kommt der Text
jedes Mal, wenn ich diese Verse höre, sehr seelsorgerlich vor: War nicht gut, was
Dir da passiert ist, Lüge, Zorn, Diebstahl, aber Du kannst neu anfangen, Du hast
sogar eine richtige Gnadenfrist bis zum Abend, um vom Zorn wieder herunter zu
kommen, tu es, komm runter, bis die Sonne ins Meer sinkt und igle Dich nicht ein
in der Bosheit, lass nicht zu, dass Du weiter lügst, erzürnt bist und Dir fremdes
Gut aneignest.
So weit, so gut. Aber in unserem Text steckt noch viel mehr Lebensweisheit, liebe
Gemeinde, als diese gerade behandelten Sätze ausdrücken. Der Schüler des Apos-
tels Paulus, der im Geist diese Sätze vor vielen Jahrhunderten an die christliche
Gemeinde der Hafenstadt Ephesus schrieb, wusste nämlich einen ziemlich klugen
Rat, wie man gar nicht auf so schlechte Verhaltensweisen wie tagelangen Zorn,
beständiges Herumlügen und andauerndes Stehlen verfällt. Sein Rat ist ebenso
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schlicht wie klug: Die Sprache macht’s! Wer auf seine Sprache achtet, lebt dann
gar nicht in der Sphäre, in der Zorn, Lüge und Diebstahl uns unterlaufen können
und sich schließlich in unserem Verhalten einnisten. Wenn wir, liebe Gemeinde,
auf unsere Sprache achten, ist uns immer präsent, dass es besser ist, gelassen zu
bleiben, die Wahrheit zu sagen und fremdes Eigentum zu achten. Im Brief heißt
das: „Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut
ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Gnade bringe denen, die es hören.
… Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern
von euch samt aller Bosheit“. Wer gern andere anbrüllt, kommt aus seinem Zorn
schlecht heraus. Wer voller Bitternis und Grimm auf andere schaut, lügt sich gern
mal das Leben schön. Wer nur über andere lästert, nimmt diese anderen Menschen
auch nicht wirklich ernst und achtet nicht, was ihnen wichtig ist und was ihnen
zum Eigentum gehört. Solches entgleiste Reden nennt der Autor unseres Predigt-
textes faul, weil solches Reden – Geschwätz – alles verfaulen lässt, aus gutem
Verhalten wird fauliges, verfaultes Verhalten, aus Gelassenheit Zorn, aus Wahr-
heit Lüge, aus Ehrlichkeit Diebstahl. Schließlich alles verfault, alles verdorben.
Kluge Worte, die wir da hören heute im Predigttext. Sensible Worte, die man im
Epheserbrief lesen kann, liebe Gemeinde. Aber ich muss leider ganz ehrlich be-
kennen: Manchmal ist es verdammt schwer, bei der Wahrheit zu bleiben. Manch-
mal ist es verdammt schwer, gelassen zu bleiben. Und: Manchmal ist es verdammt
schwer, die Finger zu lassen von etwas, was mir eigentlich gar nicht gehört. Ich
expliziere das jetzt nicht an meinem eigenen Leben, weil ich vermute, dass es ja
keineswegs allein nur mir so geht. So zu leben, wie der Epheserbrief will, dass
wir leben, ist manchmal wahrlich nicht sehr einfach. Schwupp, und schon ist die
Sonne über meinem Zorn untergegangen. Und ich habe über einen anderen Men-
schen gelästert. Weil er so herrlich dumm, so furchtbar ungeschickt ist, das Läs-
tern einfach Freude macht, alle um mich herum auch lästern. Da macht man gern
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mit. Oder ich war verbittert über das und grimmig, was mir ungerechterweise wi-
derfahren ist von irgendeinem Dödel. Da ist es schwer, heiter zu bleiben.
So bin ich, liebe Gemeinde, mindestens dann und wann, so sind wir, mindestens
dann und wann. Und da fordert uns der Epheserbrief heute morgen auf, uns in
Geist und Sinn zu erneuern und denkt, man könne ein besseres Verhalten, eine
bessere Sprache, Gelassenheit, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, anziehen wie ein
Kleid: „Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Men-
schen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit“.
Kann man aber wirklich Lüge, Zorn und Unehrlichkeit, das ganze verfaulte Ver-
halten und loses, verfaultes Reden dazu ablegen wie eine schmutzige Hose oder
wie stinkende Strümpfe? Kann man ein besseres Verhalten und eine angemesse-
nere Sprache anziehen wie frische Strümpfe und eine saubere Hose? Wo ist der
Schrank, in dem das alles frisch gewaschen und gebügelt liegt? Etwa bei mir zu
Hause?
Die Antworten auf solche bangen Fragen, liebe Gemeinde, Antworten auf bange
Fragen, die wir alle miteinander haben, finden sich am Schluss unseres Predigt-
textes aus dem Epheserbrief: „Seid aber untereinander freundlich und herzlich
und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus“.
Meint: Wenn wir dankbar sind dafür, dass Gott uns alle unsere Schuld allein aus
Gnaden verzeiht in Jesus Christus, dann können auch wir freundlich und herzlich
verzeihen, den aufsteigenden Zorn in dieser Freundlichkeit ertränken, niemandem
ins Gesicht lügen, dem Gott ja wie uns vergeben hat, niemanden bestehlen, der
ein Kind dieses so unendlich großzügigen Gottes ist wie auch wir es sind. Wer
Gott dankbar ist, ist freundlich und herzlich. Redet freundlich und herzlich, nicht
hässlich, gemein und faul. Wer weiß, dass er Gott sein Leben verdankt, nimmt
niemand unrechtmäßig etwas, sondern schenkt auch gern etwas einem anderen,
wie er beschenkt wurde, grundlos, aus lauter Gnade.
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So steht das übrigens nicht nur im Epheserbrief und im Neuen Testament – wir
haben vorhin aus dem Alten Testament, aus der Hebräischen Bibel gehört, wie
Gott Mose verspricht, die Halsstarrigkeit der Menschen zu brechen durch Gottes
große Taten am Volk Israel, die quasi automatisch zur Dankbarkeit, zu dankbarem
Reden, zu dankbaren Taten führen, quasi automatisch zu Freundlichkeit und
Herzlichkeit. Beten hilft, zu danken. Von solchen wunderbaren Taten redet auch
das Evangelium des heutigen Sonntags, das wir auch vorhin vorgelesen bekom-
men haben – aber nicht nur die Menschen damals vor langer, langer Zeit, nein
wir, liebe Gemeinde, wir können doch auch heute für wunderbare Taten Gottes
dankbar sein: für ein paar wunderschöne Tage in Rom beispielsweise kann ich
wieder dankbar sein und viele unter uns vermutlich auch. Oder gar dafür, für län-
ger in dieser herrlichen Stadt leben zu dürfen., wie wieder andere unter uns, die
zu dieser Gemeinde gehören und nicht nur ihre Gäste sind. Der Schrank mit den
frisch gewaschenen, gebügelten Sachen steht aber tatsächlich auch bei uns zu
Hause, bei einem jeden und einer jeden. Ich meine die Bibel, ich meine das Ge-
sangbuch: Biblische Texte lesen hilft, dankbar zu leben, in Freundlichkeit und
Herzlichkeit. Gesangbuchlieder singen hilft, zu danken, freundlich und herzlich
zu reden und dankbar zu leben. Lieder von Paul Gerhardt eignen sich, wie ich
finde, liebe Gemeinde, besonders gut dazu und deswegen singen wir heute von
seinem Lied „Ich singe dir mit Herz und Mund“ einmal ausnahmsweise alle Stro-
phen, die im Gesangbuch stehen. Stolze achtzehn Stück. Viele wissen vermutlich,
dass wir in diesem Jahr zwar den dreihundertfünfzigsten Todestag von Paul
Gerhardt begehen, aber seine Texte immer noch ganz frisch klingen und unmit-
telbar zu uns sprechen. „Ich singe dir mit Herz und Mund“ entstand 1653, als
Gerhardt Propst in einem kleinen Ackerbürgerstädtchen südlich von Berlin war.
Einer beginnt – ich singe dir –, und der eine, der Vorsänger, der Dichter oder wer
auch immer, nimmt dann schnell die anderen hinein „daraus uns allen früh und
spat viel Heil und Gutes fließt“. Und dann zeigt der eine uns allen die großen
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Wunder: das schöne Himmelszelt, Tau und Regen für die Felder, die Frucht der
Ernte jetzt zu Erntedank: „Ach, Herr mein Gott, das kommt von dir“. So kommen
wir alle miteinander ins Danken. Mit Herzen, Mund und Händen.
Ich muss jetzt keine Liedpredigt halten, jede Strophe von Gerhardt auslegen. Das
Lied spricht ja für sich selbst. Ich habe es auch nur deswegen ins Gottesdienstpro-
gramm hineingenommen, weil es uns so gut hilft, den Predigttext aus dem Ephe-
serbrief nicht nur zu hören. Sondern auch zu leben. Den neuen Menschen anzu-
ziehen, der nicht die Sonne über dem Zorn untergehen lässt, gerade so, wie mir
mein Vater das immer empfohlen hat, der freundlich und herzlich mit sich und
anderen umgeht, ohne Grimm, ohne Zorn, von Herzen dankbar für die großen
Wunder von Gottes bunter Gnade. Immer wieder neu. Heute. Jetzt. Und bis die
Sonne wieder untergeht. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und
Sinne in Christus Jesus. Amen.

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