Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.Von Zeit zu Zeit, liebe Gemeinde, ist es notwendig, dass wir uns auf dieKernfragen unseres Glaubens besinnen. Was sind die Grundlagenunserer christlichen Überzeugung und unseres christlichen Lebens, wasist unverzichtbar, was macht den Kern unseres Glaubens und Lebensaus, was verleiht ihm Struktur und Inhalt, macht diesen Glaubenerkennbar und damit auch unterscheidbar von anderen Religionen undnicht-religiösen Überzeugungen? Es ist wichtig, sich darüber von Zeit zuZeit klar zu werden, denn der christliche Glaube besteht nicht einfachaus politischen Statements und sozialem Engagement – so wichtig esist, dass das christliche Bekenntnis öffentlich zur Sprache gebracht, dasses hörbar und sichtbar wird.Was also gehört zum Kern unseres Glaubens? Sicher fällt jedem undjeder von uns dazu sofort einiges ein: das Glaubensbekenntnis, dasVaterunser, die Taufe, das Abendmahl, die Texte der Bibel. Das allessind zweifellos zentrale Inhalte des Christentums. Von Zeit zu Zeitmüssen wir aber etwas genauer danach fragen, was unseren Glaubenim Kern bestimmt; wo er seine Wurzeln hat, worauf diejenigen Inhaltegründen, die ihm bis heute sein Profil verleihen. Der 10. Sonntag nachTrinitatis, der auch den Namen „Israelsonntag“ trägt, stellt ein solcheswesentliches und unverzichtbares Merkmal unseres Glaubens insZentrum. Der Predigttext für diesen Sonntag macht das in all seinerBrisanz und Differenziertheit deutlich.Dieser Text stammt aus dem Römerbrief des Apostels Paulus. Wir habenihn vorhin in der Lesung der Epistel bereits gehört. Es ist einer derwichtigsten und sensibelsten Texte über das Verhältnis des christlichenGlaubens zum Volk Israel und zum jüdischen Glauben. Dieses Verhältnisist schon darum so wichtig, weil der christliche Glaube mitten imJudentum entstanden ist. Jesus war ein Jude, ebenso wie Petrus undalle anderen Jünger und Jüngerinnen Jesu und auch die Menschen, denJesus begegnet ist, auch diejenigen, mit denen er in Konflikt geriet, wieetwa mit den Pharisäern, mit denen sich Jesus oftmals über dieInterpretation der Tora, das jüdische Gesetz, gestritten hat. DieseAuseinandersetzungen sind später oft als Konflikte zwischen Christenund Juden gelesen worden. Dadurch haben sie eine antijüdischeAuslegungsgeschichte erfahren, in der die Juden abgewertet,angefeindet, später auch verfolgt und getötet wurden. Die Pharisäerwurden zu Prototypen von Heuchlern, die ihre Frömmigkeit nur äußerlichvor sich her tragen, in Wahrheit aber an sich selbst und ihrem Anseheninteressiert sind. Noch heute ist „Heuchler“ eine Bedeutung von„Pharisäer“, das steht sogar so im Duden.Diese Sicht ist Ausdruck der unseligen und furchtbaren Geschichte deschristlichen Antijudaismus, die in der unvorstellbaren Grausamkeit derErmordung von Millionen jüdischer Menschen durch dieNationalsozialisten ihren entsetzlichen und traurigen Tiefpunkt fand. DerIsraelsonntag dient nicht zuletzt dazu, dass wir uns daran erinnern, wasdem jüdischen Volk in seiner Geschichte für Leid angetan wurde. Dasswir dessen eingedenk sind, dass auch die christlichen Kirchen ihrenAnteil daran haben, wieviel Leid jüdische Menschen ertragen mussten.Dieses Gedenken ist darum wichtig, weil es die moralischeVerantwortung gebietet, sich die Schuld und das Versageneinzugestehen, nicht mutiger geglaubt, nicht furchtloser bekannt, nichtdeutlicher widerstanden zu haben, als unsere jüdischen Geschwisterangefeindet, verfolgt und ermordet wurden. Es ist aber auch darumwichtig, weil der christliche Antijudaismus das Leid, das dem jüdischenVolk in seiner Geschichte zugefügt wurde, wesentlich mitverursacht hat.Schon sehr früh haben Christen damit begonnen, Gottes Verheißungenfür sein erwähltes Volk auf sich selbst zu beziehen und sie dem VolkIsrael abzusprechen. Damit haben sie der Feindschaft gegenüber demJudentum erheblichen Vorschub geleistet. Schon sehr früh habenChristen damit begonnen, die Juden als „Gottesmörder“ zuverunglimpfen, obwohl es natürlich die Römer und nicht die Judenwaren, die Jesus gekreuzigt haben. Schon sehr früh haben Christendamit begonnen, jüdische Mitmenschen aus- und sich von ihnenabzugrenzen. Daraus ist die christliche Judenfeindschaft entstanden, diedazu geführt hat, dass jüdische Menschen für alles Mögliche undUnmögliche verantwortlich gemacht wurden: für Epidemien, Seuchenund sonstige Unglücksfälle; dass ihnen absurde Praktiken unterstellt undihnen abstruse Vorwürfe gemacht wurden. Auch daran ist heute, amIsraelsonntag, zu denken.Die Erinnerung an diese unselige Geschichte bewahrt uns vorunsensibler Sprache und undifferenzierten Urteilen. Sie bewahrt unsaber auch davor, alte Vorurteile wieder aufleben zu lassen, etwadenjenigen einer vermeintlichen Überlegenheit des Christentums überdas Judentum oder einer angeblichen Minderwertigkeit des AltenTestaments gegenüber dem Neuen. Wie schnell solche verheerendenVorurteile wieder aufleben können, haben wir seit dem entsetzlichen undbrutalen Terrorakt der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 vielfacherlebt. Es war erschütternd zu sehen, wie schnell in vielen europäischenLändern, auch in den USA und anderen Staaten, antijüdischeRessentiments auflebten und eine oftmals völlig undifferenzierte und nurschwer erträgliche Solidarisierung mit dem palästinensischen Volk beigleichzeitiger Ablehnung des jüdischen Volkes, etwa beiDemonstrationen und Kundgebungen, im Zentrum stand. Es geht indieser Predigt in keiner Weise darum, die Politik des Staates Israel undsein militärisches Vorgehen im Gazastreifen in irgendeiner Weiserechtfertigen zu wollen. Worum es vielmehr geht, ist, dass wir alsChristen hellhörig und sensibel sind für antijüdische oder antisemitischeAusfälle, dass wir aufmerksam sind, wie schnell Herabwürdigungenjüdischer Menschen und Feindseligkeiten gegen sie mobilisiert werden.Hierfür sensibel zu sein, haben wir als Christen allen Grund, es gehört zuunseren unaufgebbaren Verpflichtungen und Verantwortlichkeitengegenüber unserem eigenen Glauben.Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum es wichtig ist, dass wiruns als Christen mit den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens befassen.Die Auseinandersetzungen zwischen Jesus und jüdischen Mitmenschenseiner Zeit sind innerjüdische Debatten darüber, wie die jüdischenSchriften und Traditionen auszulegen sind. Diese Diskussionengründeten immer darauf, dass alle Beteiligten sich darum bemühen, denGlauben an Gott, der Israel erwählt und es in seiner Geschichte geführtund bewahrt hat, so auszulegen, dass man sein Leben daran ausrichtenkann. Darüber, wie dies genau aussehen sollte, gab es damals und gibtes heute unterschiedliche, mitunter auch gegensätzliche und strittigeAuffassungen. Wir verstehen die Texte des Neuen Testaments erst dann,wenn wir sie in diesem Kontext lesen.Aber nicht nur Jesus und die Menschen in seinem Umfeld waren Juden.Auch Paulus war ein Jude. Das betont er in seinen Briefen immer wiedersehr deutlich. Paulus hatte zunächst sogar die Jesusanhänger verfolgt,weil er der Auffassung war, das Bekenntnis zu Jesus als dem Christussei mit dem jüdischen Glauben nicht vereinbar. Dann hatte er eineinschneidendes Erlebnis, das ihm die Überzeugung vermittelte, diejüdischen Schriften und Traditionen müssten auf der Grundlage desGlaubens an Jesus Christus verstanden und gelebt werden. Dazugehörte für Paulus, dass der Gott Israels der Gott aller Menschen ist,egal woher sie kommen, ob sie Juden oder Nichtjuden sind, Männeroder Frauen, Freie oder Sklaven. Gott will alle Menschen durch dasEvangelium von Jesus Christus retten, daran gab es für Paulus keinenZweifel. Wer an Jesus Christus glaubt, muss darum auch den GottIsraels glauben. Das hat sich seither nicht verändert. Wir bekennen unszu demselben Gott, zu dem auch unsere jüdischen Geschwister beten.Das verbindet den jüdischen und den christlichen Glauben seit jeher undbildet die gemeinsame Grundlage von beiden.Das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus markiert dagegen dieDifferenz. Christen sehen in Jesus den Messias, mit dem sich dieHoffnungen auf das Heil Gottes erfüllt haben. Juden tun das nicht. Darinliegt der entscheidende Unterschied. Als Christen bekennen wir, dassGott sich in Jesus Christus offenbart hat und der Glaube an ihn zum Heilführt. Das war damals so, das ist heute nicht anders. Diejenigen, die inihm den von Gott Gesandten sehen, auch und gerade angesichts seinesgrausamen Todes am Kreuz, bildeten schnell eigene Gemeinschaften,zunächst innerhalb des Judentums, sehr bald auch darüber hinaus. ZumBekenntnis zu dem einen Gott, dem Gott Israels, trat das Bekenntnis zuJesus Christus. In seinem Licht wurde nunmehr auch der Glaube an Gottverstanden und die Schriften Israels, die wir Christen „Altes Testament“nennen, erschlossen sich auf neue Weise. Sie wurden zu Zeugnissendes Glaubens nicht nur an den Gott Israels, sondern auch an JesusChristus. Können sich Juden und Christen aber tatsächlich auf einegemeinsame Grundlage berufen, wenn sie dieselben Schriften offenbarganz unterschiedlich lesen – mit und ohne das Bekenntnis zu JesusChristus?Der Israelsonntag, liebe Gemeinde, ist derjenige Sonntag im Kirchenjahr,an dem wir über diese wichtige Frage nachdenken müssen. Undnatürlich ist uns dabei bewusst, auf welch sensiblem Terrain wir unsdabei bewegen. Die Quellen des christlichen Glaubens verlangen es,dass wir uns dieser Aufgabe stellen und darauf eine theologisch klareund ethisch verantwortete Antwort finden. Gelten für die Gemeinschaftender an Jesus Christus Glaubenden die an Israel gerichteten Textetatsächlich in derselben Weise? Können wir diese Texte einfach als anuns Christen gerichtet lesen? So einfach ist es ganz offensichtlich nicht,denn viele der Gebote – etwa die Einhaltung des Sabbats, dieBeschneidung oder die Speisegebote – werden in christlichenGemeinden ja gerade nicht als verbindliche Gebote Gottes betrachtet.Paulus als ein zu Jesus Christus bekehrter Jude, war der festenÜberzeugung, dass die Beschneidung und die Einhaltung des Sabbatsfür diejenigen, die „in Christus“ sind, nicht mehr verpflichtend seinkönnen, weil an ihre Stelle der Glaube an Jesus Christus getreten ist.Wie aber ist dann das Verhältnis zwischen den Christen auf der einenund Israel, Gottes auserwähltem Volk, auf der anderen Seite zubestimmen?Es ist genau diese Frage, der Paulus im Römerbrief intensiv nachsinnt.Sie hat ihn umgetrieben, ihm keine Ruhe gelassen, denn es war für ihndie zentrale Frage überhaupt. Wie kann es sein, dass Gott in JesusChristus allen Menschen sein Heil angeboten hat und zugleich Israel,sein auserwähltes Volk, in seiner Mehrheit dies nicht erkennt und eineneigenen Weg geht?Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist der Höhepunkt des Ringensdes Paulus um eine Antwort auf dieses Problem. Er geht dabei von zweiVoraussetzungen aus, die für ihn gleichermaßen unumstößlich sind. Zumeinen: Israel ist und bleibt Gottes auserwähltes Volk. Daran ändert auchder Glaube an Jesus Christus nichts. Zum anderen: Der Glaube an dasEvangelium von Jesus Christus ist der Weg zur Rettung für alleMenschen, jüdische wie nichtjüdische. Was aber wird dann aus denen,die zwar zum jüdischen Volk gehören, aber nicht an Jesus Christusglauben? Diese Frage war für Paulus die wichtigste und zugleich dieschwierigste seines theologischen Nachdenkens und seines Wirkens alsApostel. Es war nicht einfach ein theoretisches Problem, das er so oderauch anders hätte lösen können. Für Paulus – und das ist für uns heutenicht anders – stand mit dieser Frage vielmehr die Treue Gottes selbstzur Disposition. Wie lassen sich Gottes Verheißungen an sein Volk soverstehen, dass Israel Gottes Volk ist und bleibt, zugleich aber die anChristus Glaubenden ebenfalls Adressaten dieser Verheißungen sind?Paulus ringt mit dieser Frage. Ich bin doch selbst Israelit, SameAbrahams, aus dem Stamm Benjamin, so betont er. Gott hat sein Volknicht verstoßen. Dem jüdischen Volk bleiben all die Vorzüge undVerheißungen erhalten, die Gott ihm zugesagt hat, auch denen, dienicht, wie Paulus selbst, an Jesus Christus glauben. Er versucht eineErklärung mit Hilfe eines Bildes zu finden: Es ist wie bei einem Ölbaum,aus dem Zweige herausgebrochen und andere eingepflanzt werden, dieeigentlich nicht aus diesem Ölbaum stammen. Irgendwann können aberauch die eigentlich dem Ölbaum zugehörenden Zweige wiedereingepflanzt werden. Es geht bei diesem Bild, das Paulus kurz vor derPassage entwirft, die unser heutiger Predigttext ist, nicht um botanischeDetails; nicht darum, ob das alles plausibel ist und sich in einemHandbuch für den Anbau von Ölbäumen so wiederfinden würde. Paulusgeht es vielmehr darum, mit diesem Bild eine Erklärung dafür zu finden,warum Gott verschiedene Wege mit demjenigen Teil des auserwähltenVolkes geht, der nicht an Jesus Christus glaubt, und demjenigen, der,wie Paulus selbst, zu eben diesem Glauben gefunden hat. Es gehtPaulus also im Kern darum, ein Problem zu lösen, dass in der SpaltungIsraels in diese beiden Teile besteht. Ein Teil, so sagt es Paulus, istzeitweilig von Gott verhärtet worden. Dieser Teil hat darum gegenwärtigkeine Einsicht in die Rettung durch das Evangelium. Irgendwann wirdGott diese Verhärtung jedoch beenden. Dann, so sagt es Paulus inunserem Predigttext, „wird ganz Israel gerettet werden“. Gott selbst wirdals der „Retter vom Zion“ kommen, er wird Israels Schuld beseitigen undseinen Bund mit ihnen erneuern. Warum Gott einen solch kompliziertenWeg mit seinem auserwählten Volk geht, kann Paulus nicht beantworten.Er bezeichnet es vielmehr als ein Geheimnis Gottes, als Ausdruckseines unergründlichen Reichtums und seiner unerforschlichenRatschlüsse.Am Israelsonntag, liebe Gemeinde, steht eines der zentralen Themendes christlichen Glaubens im Mittelpunkt. Christliche Kirche undTheologie haben sich oft nicht leicht getan mit einer Antwort auf dieFrage nach dem Verhältnis von christlichem und jüdischem Glauben, vonKirche und Israel. Es gehört zu den bleibend wichtigen Aufgaben, sichmit diesem Thema intensiv zu befassen. Das Ringen des Paulus umeine Antwort auf die Frage nach dem Geschick Israels ist eineindrückliches Zeugnis dafür, dass wir als Christen dem jüdischenGlauben gegenüber theologisch verantwortet, respektvoll und sensibeldafür sein müssen, dass es letztlich in Gottes Ratschluss verborgenliegt, auf welchen Wegen er sein auserwähltes Volk und die an JesusChristus Glaubenden auf je eigenen Wegen zum Heil führt. Auf dieserGrundlage muss das christlich-jüdische Gespräch im gegenseitigenRespekt vor der jeweils anderen Glaubensüberzeugung stattfinden.Wo aber ist dann die Wahrheit? Darauf antwortet sehr schön ein kleinerText des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: „Wir warten alleauf den Messias. Die Christen glauben, er ist bereits gekommen, istwieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass erbisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird.Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsamwarten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst duschon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, umihm ins Ohr zu flüstern: ,Antworte nicht‘.“Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahreunsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.