9. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Schröter

Jeremia 1, 4-10Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem HerrnJesus Christus. Amen.
Kennen Sie das Gefühl, liebe Gemeinde, dass Sie sich zu schwach, zuklein, zu wenig vorbereitet fühlen für eine Aufgabe, die vor Ihnen liegt oderdie Sie sich vielleicht selbst vorgenommen haben? Dass wie ein großer,unbezwingbarer Berg vor Ihnen steht, was Sie in den nächsten Tagen oderWochen bewältigen müssen? Eine traurige Nachricht, die Sie überbringen,eine Operation, der Sie sich unterziehen, eine neue Lebenssituation, derSie sich stellen müssen? Etwas, das Sie nicht einfach unberührt lässt; dassIhr Leben vielleicht sogar nachhaltig verändern kann und bei dem Sie nochnicht wissen, wie es danach weitergehen kann. Solche Situationen, indenen wir in besonderer Weise herausgefordert werden, sindBewährungsproben. Sie können uns verunsichern, uns Angst machen.Aber solche Herausforderungen können uns auch die Erfahrung vermitteln,dass wir zu Dingen in der Lage sind, die wir uns zuvor gar nicht zugetrauthätten. Es ist ja eine vielfach zitierte Lebensregel, dass man Situationen,die beunruhigend oder bedrohlich erscheinen, nicht ausweichen, sondernsich ihnen stellen soll. Sicherheit gewinnen und Zuversicht: das geht nichtohne, dass wir auch solche Lebenslagen meistern, die uns beim erstenGedanken daran, was da auf uns zukommt, einen Schreck einjagen unddie wir uns lieber ersparen würden.Von einer solchen Situation erzählt unser heutiger Predigttext. Wir habenihn vorhin in der alttestamentlichen Lesung bereits gehört. Er steht ganzam Anfang des Jeremiabuches. Jeremia erhält einen Auftrag von Gott. Dastrifft ihn völlig unvorbereitet und er fühlt sich auch in keiner Weise in derLage dazu, was von Gott von ihm verlangt. Er hatte sich das nicht etwaselbst vorgenommen, sich nicht angeboten oder gar danach gedrängt.Aber das spielt alles keine Rolle. Er soll, so lautet Gottes Auftrag, vor dasVolk treten und ihm die Botschaften überbringen, die Gott Israelmitzuteilen hatte – und die waren alles andere als angenehm. Eine harscheKritik sollte er vortragen, daran, wie sich Israel verhalten hatte. Dass esabgewichen war von Gottes Weg, sich auf sich selbst verlassen hatte. Ersollte dem Volk ins Stammbuch schreiben, dass es umkehren soll zumGehorsam gegenüber Gott, seinen Eigensinn aufgeben, dorthinzurückkehren, was gut und heilvoll ist. Wer ist schon gerne der Überbringersolcher Nachrichten, wer übt gerne eine so scharfe Kritik am eigenen Volk,der eigenen Gemeinde, an denen, die uns nahestehen? Man macht sichdamit unbeliebt, setzt sich einem Shitstorm aus, wir kennen das heute zurGenüge.Und so verwundert es nicht, dass Jeremia alles andere als begeistert vonseinem Auftrag war. Er wäre lieber etwas anderes geworden alsausgerechnet Prophet, noch dazu einer, der nichts gilt im eigenen Land. Erwehrt sich dagegen, fühlt sich zu jung, der Aufgabe nicht gewachsen, dieihm da aufgeladen wird. Aber Gott sieht das ganz anders. Gott bestehtdarauf, Jeremia zum Volk Israel zu schicken und es zur Besinnung zurufen. Gott weiß, dass Jeremia dazu in der Lage sein wird, auch der selbstsich das in keiner Weise zutraut. Gott sieht mehr in Jeremia als dieserselbst in seinem Zögern und Zagen. Und Gott sagt Jeremia seinen BeistandEr wird ihm helfen, ihn beschützen, ihn nicht allein lassen, wenn dieäußeren Widerstände und die inneren Selbstzweifel übermächtigerscheinen.Jeremia hat keine Wahl. Gott beruft ihn zum Propheten, stattet ihn miteinem Auftrag aus, dem sich Jeremia nicht entziehen kann. Ab sofort hat ereine neue Lebensaufgabe, muss sich der Herausforderung stellen, die jetztvor ihm liegt. Er muss Israel von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten,ihm ins Gewissen reden, unangenehme Wahrheiten aussprechen. Jeremiawäre lieber ausgewichen, aber Ausflüchte gelten nicht, wenn das Lebenuns in Situationen stellt, die wir bestehen müssen.Gott lässt Jeremias Ausreden nicht gelten. Er versichert ihm vielmehr, dasser sehr wohl dazu in der Lage sein wird, wozu er ihn auserwählt hat. Gotthat Großes mit Jeremia vor. Er soll an sich glauben, Mut fassen,zuversichtlich sein. Er soll darauf vertrauen, dass Gott ihn nicht alleinlassen, dass er ihm beistehen und ihm die Kraft dazu geben wird, was ertun soll. Als Jeremia sich dann tatsächlich daran macht, die ihmübertragene Aufgabe anzugehen, kommt es ganz anders, als er es erwartethatte. Jeremia wird zu einem der großen und wichtigen Propheten desVolkes. Sein Lebensweg ist nicht leicht, aber er fühlt sich seiner Aufgabeverpflichtet und auch gewachsen. Sie eröffnet ihm neue Horizonte, auchwenn sie sein Leben auf eine Weise lenkt, die er sich selbst niemalsausgemalt hätte.Die Berufung des Jeremia zum Propheten gehört zu denaußergewöhnlichen Erzählungen der Bibel über Menschen, die von Gott inden Dienst genommen werden. Es ist eine außergewöhnliche Geschichte,aber sie ist nicht völlig einzigartig. Die Bibel erzählt häufiger davon, dassGott im Leben von Menschen plötzlich und unerwartet in Erscheinung tritt,sie in die Verantwortung nimmt, etwas für die Menschen, für unsereGesellschaft, für diese Welt zu tun. Der Apostel Paulus ist ein anderessolches Beispiel. Wie Jeremia wurde auch er dazu ausgewählt, GottesWort zu verkünden. Auch für Paulus kam das gänzlich unerwartet und hatseinen Lebensweg völlig auf den Kopf gestellt. Diese Wende im Leben desPaulus vom Verfolger der Jesusanhänger zum Verkünder des Evangeliumsvon Jesus Christus war so spektakulär und eindrücklich, dass sie nicht nurviele Male nacherzählt, sondern auch oft bildlich dargestellt worden ist. DasGemälde von Caravaggio in der Cerasi-Kapelle in Santa Maria del Popoloist ein Beispiel für eine Interpretation dieser Begebenheit in der Form einesbemerkenswerten Gemäldes.Weder Jeremia noch Paulus hatten sich selbst als Propheten oderGlaubenszeugen gesehen. Sie wurden das vielmehr wider Willen. Dannaber haben sie sich dieser Aufgabe voll und ganz gewidmet, ohne jedeEinschränkung und auf die Gefahr hin, verspottet und verfolgt zu werden.Weder Jeremia noch Paulus ging es dabei um sich selbst. Sie wollten sichnicht in Szene setzen, vor anderen groß dastehen mit ihren Taten, Eindruckmachen damit, was sie vollbringen. Ganz im Gegenteil. Jeremia wäre lieberdavongelaufen als das Volk zur Umkehr zu rufen, es zu warnen vor denFolgen, die seine Abkehr von Gott nach sich ziehen würde. Das Volk hattesich abgewendet von Gott, hatte seinen eigenen Willen über die Treue zuGott gestellt, hatte die Liebe Gottes und seine Heilstaten vergessen.Jeremia sah das Unglück kommen. So, wie die Verhältnisse gewordenwaren, wie das Volk Recht und Gerechtigkeit mit Füßen trat, auf Macht undAnsehen mehr setzte als auf Recht und Barmherzigkeit – so konnte esnicht weitergehen. Und Jeremia sollte Recht behalten. Es kam in der Tatschlimm für Israel. Das Land wurde erobert, viele wurden ins Exil gebracht,auch Jeremia selbst.In keinem Buch der Bibel tritt uns die Gestalt eines Propheten so deutlich,so drastisch vor Augen wie bei Jeremia. Das macht dieses Buch, das machtdie Person des Jeremia so einzigartig. Und das lässt diesen Prophetenzugleich in sehr direkter Weise in unsere Zeit hinein sprechen. Hören wirdie Warnungen, die unsere Zeit aussendet, die Signale, die ausgehen vonden Umständen, in die wir die Welt gebracht haben? Die Gefahren sind janicht eben kleiner geworden gegenüber der Zeit, in der Jeremia IsraelGottes Botschaft ausgerichtet hatte. Wir spüren heute die Folgeneuropäischen Expansionsdranges und kolonialer Attitüden vielleicht sodeutlich, wie sie noch nie zuvor zu bemerken waren. Die ungleiche und oftschreiend ungerechte Ressourcenverteilung, die verzweifelten Versuchevon Menschen, aus Kriegs- und Hungergebieten nach Europa zu gelangen,sprechen eine deutliche Sprache. Gerade erleben wir das wieder sehrdrastisch. Auch die Folgen der Klimaveränderungen lassen sich nicht mehrübersehen, hier in Europa nicht und in anderen Ländern der Erde noch vielweniger. Alexander von Humboldt hatte schon am Anfang des 19.Jahrhunderts vor den Folgen einer rücksichtslosen Abholzung derRegenwälder in Südamerika gewarnt, mit denen die Europäer dortbegonnen hatten. Seltsam modern und geradezu prophetisch mutet esheute an, dass Humboldt erkannte, wie Ökosysteme funktionieren, dassBäume als Wasserspeicher wichtig sind und Sauerstoff produzieren, dassdie Natur nicht rein mechanisch und funktional, sondern als lebendiger undzu schützender Organismus zu begreifen ist.Wir spüren die Folgen unseres Tuns auch an den fragilen Strukturen desMiteinanders, hier in Europa, aber auch darüber hinaus. Die vielenMenschen, die derzeit vom Verlust ihrer Lebensgrundlagen bedroht sind,stellen uns nicht nur vor finanzielle und organisatorischeHerausforderungen, sondern auch vor die Fragen nach einer gerechtenWeltordnung, nach der Verantwortung europäischer Kolonial- undExpansionspolitik an den Verhältnissen in Afrika und im Nahen Osten, nachder Gestaltung von Handels- und Wirtschaftsstrukturen und dermoralischen Verantwortung für drastische Unterschiede zwischen reich undarm – nicht nur zwischen Ländern, sondern auch mitten in unserenStädten, in unserem eigenen Umfeld, hier in Rom, in Berlin und andernorts.Wie Jeremia das Volk seiner Zeit warnte, gibt es auch heute warnendeStimmen, denen es nicht um Selbstinszenierung, sondern umverantwortliches Handeln geht. Es gibt solche Stimmen in der Politik, in derWissenschaft, in der Kirche. Wir sind gut beraten darauf zu achten,sensibel dafür zu sein, was geschützt und bewahrt werden muss,aufmerksam zu sein auf Beobachtungen und Hinweise, die vom hektischenund selbstverliebten Medienbetrieb viel zu oft in den Hintergrund gedrängtwerden.Als Christen sind wir aufgerufen, uns nicht einfach abzufinden mitungerechten Verhältnissen. Wir stehen in der Verantwortung, wie seinerzeitIsrael, dem Jeremia vor Augen führte, was es seinem Gott zu verdankenhat. Er hatte es befreit aus Ägypten, bewahrt in der Wüste, es in das Landgeführt, in dem sie zu einem großen Volk geworden waren. Gott hat auchuns bewahrt in großen Nöten; bis hierher hat er uns geführt, und wirdürfen dankbar sein für alles, was wir von ihm erhalten haben: dass wir insicheren Verhältnissen leben dürfen und uns um unser täglichesAuskommen nicht sorgen müssen; die Menschen, die um uns sind, unstragen uns Geborgenheit und Liebe schenken; das Land, in dem wir lebenund das wir mitgestalten dürfen; unsere christliche Gemeinde, die uns Haltgibt und in der wir uns zu Hause fühlen.All das Gute, das Gott uns zugewendet hat, dürfen und wollen wir nichtvergessen. Es gibt uns Kraft geben und Zuversicht, auch schwere Zeiten zubestehen im Vertrauen darauf, dass Gott unsere Welt erhält, dass unserLeben bei ihm geborgen ist, auch und gerade in Herausforderungen undden schweren Zeiten.Die Geschichte von Jeremia ist die Geschichte eines Menschen, der vonGott in besonderer Weise in die Pflicht genommen wurde. Es lassen sichauch Beispiele nennen, die uns näher sind als die Zeit des Jeremia. DietrichBonhoeffer, ein engagierter und konsequenter Theologe des 20.Jahrhunderts, hat sich aus Verantwortung gegenüber seinem christlichenGewissen dazu entschlossen, in den Widerstand gegenüber demnationalsozialistischen Regime zu treten. Das hat sein Leben nicht wenigernachhaltig verändert, als es bei Jeremia und Paulus der Fall war. FürBonhoeffer bedeutete es, dass sein gerade erst begonnener Weg in dieTheologie und ins Pfarramt jäh abgebrochen wurde. Er wurde insGefängnis geworfen und schließlich hingerichtet. Seine Briefe, die er ausder Haft geschrieben hat, sind überaus tiefe und eindrucksvolle Zeugnissedafür, dass sein christlicher Glaube ihm die Kraft gegeben hat, dieseüberaus schwere Zeit in seinem jungen Alter zu bestehen. Auch in unsererunmittelbaren Gegenwart gibt es mutige und aufrechte Menschen, die sichnicht korrumpieren und sich keine Angst einflößen lassen, sondern mutigund konsequent zu ihrer Überzeugung stehen.Was wir an diesen Menschen lernen können, liebe Gemeinde, ist dasVertrauen, dass Gott uns die Kraft dazu geben wird, die Aufgaben, vor diedas Leben uns stellt, bewältigen zu können. Diese Aufgaben sind ganzunterschiedlicher Art und es ist dafür auch nicht notwendig, dass wir unsmit so eindrucksvollen Menschen wie Jeremia, Paulus oder Bonhoefferdirekt vergleichen. Aber auch für jeden und jede von uns hält Gott eineAufgabe bereit. Diese Aufgabe kann schwer erscheinen, manchmal sogarso schwer, dass sie uns Angst macht und wir uns zu schwach vorkommen.Die Geschichte vom Propheten Jeremia macht uns dabei Mut. Sie machtuns gewiss, dass Gott auch unseren Lebensweg begleitet; dass er uns fürdie Aufgabe, der wir uns stellen sollen, auch die Kraft geben wird. Und soist unser Predigttext in seinem Kern eine große Ermutigung für uns alle. Erist die Ermutigung dazu, voller Hoffnung und Zuversicht für diese Weltdasjenige zu tun, das wir als richtig und heilvoll erkannt haben. Er ist dieErmutigung, dass unser Leben in Gottes Hand liegt und er es zu einemguten Ende führen wird. Er ist die Ermutigung, dass wir nicht allein sindmit unseren Sorgen und Ängsten, sondern Gott mit uns ist, uns bewahrtund sicher geleitet. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahreunsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.