14. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Wallraff

Lukas 19,1-10

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.
„Und er begehrte Jesum zu sehen, wer er wäre.“ Das ist, liebe Gemeinde, der Kernsatz des Evangeliums, das wir gerade gehört haben. Es ist zugleich der Predigttext. „Er begehrte Jesum zu sehen, wer er wäre.“ Der kleine Zachäus will eigentlich nichts anderes: nicht vom Aussatz geheilt werden oder wieder sehen können, oder wieder gehen können. Nur einfach dies: Er begehrte Jesum zu sehen. Warum will er das?
Wir können das als eine Art von Schaulust bezeichnen. Jesus war unterdessen eine lokale Berühmtheit. Die Leute laufen zusammen, wenn er kommt, wo er kommt, und Zachäus ist auch dabei. Weil er klein ist, muss er auf einen Baum klettern, um Jesus zu sehen.
Meine Predigt geht eigentlich nur um dieses kleine Wörtchen „Schaulust“. Das Wort ist ja meist negativ konnotiert. Wir kennen das von Unfällen, wo die Schaulustigen den Rettungskräften die Arbeit erschweren. Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen. Oder jedenfalls: Es hat keinen Sinn hinzustarren, wenn es nur um das wohlige Gefühl geht, dass mir das nicht passiert ist, was da passiert ist. Es hat auch keinen Sinn hinzustarren, wenn es eigentlich um Schadenfreude geht, ein Gefühl, das so deutsch ist, dass es auch in anderen Sprachen genau mit diesem Ausdruck verwendet wird.
Und doch gibt es so etwas wie eine „Schau-Lust“. Sie muss ja gar nicht so negativ konnotiert sein. Unser kleiner Zachäus will ja gar nicht irgendwelche Schadensfälle sehen oder sich über Unschönes freuen. Ganz im Gegenteil. Er begehrte Jesum zu sehen, wer er wäre. Also besser zu verstehen, wer dieser Prediger und Heiland eigentlich ist. Und er tut das nicht im Medium des Nachdenkens oder des Glaubens, sondern im Medium des Schauens, eben der „Schau-Lust“, der Lust am Hinschauen. Da gibt es ein Stück Neugier, und da gibt es ein Stück Heils-Hoffnung im eher diffusen Sinn.
Dieses Thema passt besonders gut für die Teilnehmenden des Sommerkurses und des Studienjahres des Centro Melantone. Denn sie werden mir vielleicht zustimmen, wenn ich sage: Die Begegnung mit der Stadt Rom ist eine Herausforderung und eine Chance vor allem für die Schau-Lust. Seit ich die Stadt als Student kennengelernt habe, habe ich immer gefunden: Es geht ums Sehen bei der Begegnung mit Rom. Augen auf bei jedem Weg durch die Stadt! Es geht darum, all das Fremde und all das Schöne, auch das Ungewöhnliche und manchmal das Abstoßende mit den Augen in sich hineinzusaugen, gerade auch als Theologe oder Theologin. Natürlich gibt es dabei auch konfessionelle Herausforderungen, Momente, in denen man merkt, wie sehr man als Protestant sieht. Aber zumindest für mich war das in aller Regel nicht die konfessionelle Differenz im dogmatischen Sinne.
Gewiss gibt es solche Differenzen, in der Mariologie, beim Papsttum, in der Auffassung vom kirchlichen Amt. Aber das sind alles Differenzen, die man auf einer intellektuellen Ebene relativ schnell beschreiben kann und die nicht wirklich erklären, was es da alles zu sehen gibt. Und zudem gilt der alte, so oft angeführte Satz aus der Ökumene: Es ist so viel mehr, was uns verbindet, als was uns trennt.
Wichtiger als dieser konfessionelle Punkt ist, glaube ich, ein anderer: Wir neigen dazu, unser Christsein sehr stark über das Konzept „Glauben“ abzubilden. Wie mein Glaube ist, was dies oder jenes für meinen Glauben bedeutet, was mir Stärkung oder Anfechtung im Glauben ist. Das ist nicht der Ansatz des Zachäus. „Er begehrte Jesum zu sehen, wer er wäre.“ Bei ihm geht es ums Sehen. Sein Jesus-Bezug ist reine Schau-Lust. Ich will nicht sagen, dass wir das auch so machen sollten. Ich kann das gar nicht sagen, ohne den Ast abzusägen, auf dem ich sitze. Denn als akademischer Theologe lebe ich ja gerade davon, dass reflektiert und studiert wird, dass das Gesehene beschrieben und kohärent verarbeitet wird. Das alles leugne ich nicht. Aber lassen wir uns doch einen Moment von der Schau-Lust mitnehmen. Bevor das ganze Glauben und Reflektieren kommt, also diese ganzen kognitiven Akte: lasst uns doch einfach einmal sehen, wer Jesus ist. Ob die vielen Bilder in dieser Stadt zu ihm hinführen oder von ihn ablen-ken. Ob das Sehen vor Ort etwas anderes ist als das Sehen im Internet und in der gut gemachten Powerpoint der Vorlesung. Ob Christsein nicht nur Glauben ist, sondern auch Sehen.
In der Zachäus-Geschichte geht es weiter, denn Jesus kommt nun tatsächlich vorbei, und dann heißt es: „Jesus blickte auf, sah ihn und sagte.“ Also: Jesus hat nicht nur irgendwie nach oben geschaut, sondern er hat Zachäus wirklich gesehen, er hat auf ihn geachtet. Er hat ihn als Person gesehen und dann auch als Person angesprochen.
Die ganz Bibelfesten unter den Zuhörenden werden jetzt sagen: Nein, das steht da gar nicht im Bibeltext. Das ist eine gute Frage. Wie wir den Text gerade als Lesung gehört haben, lautete er nur: Jesus blickte auf und sagte. Aber die meisten Handschriften haben dieses Wort vom Sehen, auch bei Jesus, also das gegenseitige Sehen. Zachäus begehrte Jesum zu sehen, und Jesus blickte auf und sah ihn. So hat auch Luther übersetzt, vielleicht sogar noch schöner: „Jesus sah auf und ward seiner gewahr.“ Ob dieses „gewahr werden“, also das bewusste Sehen, wirklich Teil des Urtextes ist oder nicht, will ich hier nicht vertiefen, wir dürfen es getrost den Spezialisten überlassen. Selbst wenn nicht, muss man sagen: Wer das zugefügt hat, hat sich ganz sicher etwas dabei gedacht.
Jesus und Zachäus – das ist eine Beziehung, die wesentlich auf dem Sehen beruht. Der eine begehrte den anderen zu sehen, wer er wäre, und der andere blickte auf und wurde seiner gewahr. Das ist vielleicht wichtiger oder jedenfalls früher als jede Form des religiösen Bekennens, der Anrede als „Herr“ oder „Rabbi“ oder der Bitte „Erbarme dich meiner“ oder „Rette mich“. Das alles kommt später und ist abgeleitet.
Das Wichtigste und das Erste ist in jedem Fall, den anderen sehen zu lernen. Ihn als Mensch wahrzunehmen und ihm in die Augen zu sehen. Das gilt übrigens auch für die Geschichte. Man muss sie erst sehen und dann reflektieren. Das ist der Grund, weshalb wir Sommerkurse und Studienjahre anbieten. Es ist übrigens auch der Grund, warum der Kurs mit den allermeisten Bewerbungen – mit großem Abstand – am Ende des Pandemie-Zeit war. Was man hier sieht, sieht man nicht genauso auch im Internet oder im Lehrbuch oder via Zoom. Die Schau-Lust im besten Sinn des Wortes bringt uns nach Rom, und das ist gut so. An den großen Orten des Tourismus ist es meist ein einseitiges Schauen. Der sixtinischen Kapelle ist es egal, ob dort Tausende vorbei defilieren oder Tausende plus mein kleines Ich. Aber abseits des Tourismus und des over-tourism gibt es immer wieder Orte des Sehens und des Gesehen Werdens. Es muss nicht gleich eine Jesus-Vision sein, in der Jesus aufblickt und dich sieht. Es gibt auch so viel andere Möglichkeiten, wo das Sehen auch zum Gesehen Werden führt, das Sehen zum Gespräch wird und das Gespräch in einen Glaubensdialog führt.
Aber zum Schluss muss ich doch noch das eine Bibelwort anführen, das zum Thema passt und auf das mich ganz sicher jemand ansprechen würde beim kühlen Wasser im Garten nach dem Gottesdienst. Zu Thomas sagt Jesus nach Ostern: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben. Ist das nicht das Gegenteil des Zachäus-Sehens? Ist das nicht der Beleg für die reine Theorie-Schiene, das rein Geistige ohne das körperliche Sehen?
Ich weiß es nicht. Ich glaube eigentlich, es sollte heißen: Selig sind, die nicht nur sehen, sondern auch glauben. Wir brauchen beides, und wir wollen beides. Wir wollen sehen. Ja, wir begehren Jesum zu sehen, wer er wäre. Aber wir wollen nicht dabei stehen bleiben. Wir sehen, was hinter dem Sehen noch kommt. Wir glauben, dass Sehen ein Anfang ist, aber nicht alles. Wir wissen, dass hinter dem Sehen noch so viel kommt. Denn das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Aber das heißt ja nicht, dass man nicht hinsehen soll, dass man nicht die Augen öffnen, das Sichtbare auskosten soll. Das wünsche ich uns allen in dieser Woche und in diesen Tagen in Rom.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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