Korinther 3,9–17
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag, liebe Gemeinde, steht im 1.
Korintherbrief, im 3. Kapitel. Paulus schreibt dort:
9 Wir sind gemeinsam Arbeiter für Gott; Gottes Ackerfeld, Gottes Bau seid
ihr. 10 Gemäß der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein
kundiger Architekt das Fundament gelegt; ein anderer baut darauf. Ein
jeder aber sehe zu, wie er aufbaut. 11 Ein anderes Fundament kann
nämlich niemand legen außer dem, das gelegt ist, das ist Jesus
Christus. 12 Wenn aber jemand auf dem Fundament baut Gold, Silber,
Edelsteine, Holz, Heu, Stroh, 13 so wird das Werk eines jeden offenbar
werden. Der Tag des Gerichts wird es ans Licht bringen; denn mit Feuer
wird er sich offenbaren. Und von welcher Art das Werk eines jeden ist, wird
das Feuer erweisen. 14 Wird jemandes Werk bleiben, das er aufgebaut
hat, so wird er Lohn empfangen. 15 Wird aber jemandes Werk verbrennen,
so wird er Schaden leiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie
durchs Feuer hindurch. 16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und
der Geist Gottes in euch wohnt? 17 Wenn jemand den Tempel Gottes
zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der
seid ihr.
Was, liebe Gemeinde, braucht man, um eine Kirche zu bauen? Als sich
lutherische Christen in Rom diese Frage zu Beginn des 19. Jahrhunderts
stellten, dachten sie nicht an einen Bauplatz, einen Architekten und
Baumaterial, um ein großes Gebäude zu errichten. Das kam alles erst
später. Die protestantischen Christen in Rom hatten zunächst anderes im
Sinn. Ihnen war wichtig, sich zur Feier evangelischen Gottesdienstes zu
versammeln, ihn nach ihrer eigenen Liturgie zu feiern, die Botschaft des
Evangeliums auf der Grundlage von Luthers Theologie auszulegen. Sie
wollten Gott loben und preisen, ihr lutherisches Bekenntnis zum Ausdruck
bringen, mitten in Rom, dem Zentrum des römisch-katholischen Glaubens,
mitten in der damals vom Papst regierten Stadt.
Die äußeren Umstände waren dabei bescheiden. Ein evangelisches
Kirchengebäude gab es nicht und durfte es auch nicht geben, eine
evangelische Gemeinde musste erst gegründet werden. Es war die
Initiative einiger engagierter lutherischer Christen, insbesondere der
preußischen Gesandten, die zur Entstehung einer solchen Gemeinde
führte – der Gemeinde, die wir jetzt sind. Ihre Anfänge liegen in
Gottesdiensten, die in der Wohnung des preußischen Gesandten gefeiert
wurden, der damals im Obergeschoss des Marcello-Theaters residierte.
Wenig später wurde eine kleine Kapelle im Palazzo Caffarelli auf dem
Kapitol eingerichtet, in der fortan lutherische Gottesdienste gefeiert
wurden. Zum Bau der Christuskirche, in der wir heute zusammenkommen,
kam es erst viel später.
Wahrscheinlich kennen Sie alle diese bemerkenswerte Geschichte der
evangelisch-lutherischen Gemeinde Roms. Sie ist eine treffliche Illustration
unseres heutigen Predigttextes. Was braucht man, um eine Gemeinde zu
gründen, eine Kirche zu bauen? Man braucht nicht zuerst ein
Kirchengebäude. Auch Organisationsstrukturen, Ämter, Ausschüsse und
Beauftragte für diverse Aufgaben sind nicht unverzichtbar für eine
christliche Gemeinde. Das alles wird unter anderen Vorzeichen wichtig,
und wir wissen aus der Geschichte der christlichen Kirchen aller
Konfessionen, dass es irgendwann dazu gekommen ist, dass solche
Strukturen ausgebildet wurden. Irgendwann wurden Gebäude errichtet –
zunächst einfache Kirchen, später dann größere Basiliken, noch später
prachtvolle gotische Kathedralen. Irgendwann gab es Ämter – zunächst
solche, die bestimmte Aufgaben in der und für die Gemeinde übernahmen,
später dann auch solche, die für Repräsentation und Leitung von
Gemeinde und Kirche zuständig waren. Die Strukturen wurden komplexer,
die Ämter wurden immer mehr, die Kirche wurde zu einer großen, mitunter
ziemlich unübersichtlichen Institution. Bei größer werdenden Einrichtungen
ist das unvermeidlich. Auch bei der lutherischen Kirche lässt sich diese
Entwicklung beobachten. Es ist auch nicht an sich problematisch oder zu
kritisieren. Wenn sich christliche Kirche in vielen Bereichen des
gesellschaftlichen Lebens engagiert, braucht sie die dafür notwendigen
Strukturen. Manchmal aber gibt es Situationen, in denen wir uns fragen
müssen, was der Kern von Kirche, von christlicher Gemeinde ist.
Manchmal müssen wir alles auf den Prüfstand stellen. Solche Situationen
haben die christlichen Kirchen im Lauf ihrer Geschichte immer wieder
erlebt. Oft waren sie heilsam, nämlich dann, wenn deutlich wurde, worauf
Kirche Jesu Christi eigentlich gründet.
Schauen wir dazu in unseren Predigttext, fällt ins Auge, dass Paulus hier in
ganz spezifischer Weise vom „Bau“ der Gemeinde, ihrem „Fundament“ und
ihrem „Architekten“ spricht. Der „Bau“ ist bei Paulus ein Bild für die
Gründung, den Aufbau der Gemeinde, nicht für ein Gebäude aus Stein
oder Holz. Einen Kirchenbau hatte weder Paulus noch sonst irgendjemand
in Korinth oder anderswo in den Anfangsjahren des Christentums im Sinn.
Daran war nicht im Entferntesten zu denken, denn die Christen waren
kleine Gruppen, die ihren Platz mitten in einer nichtchristlichen Gesellschaft
erst finden mussten. Von eigenen Gebäuden und komplexen
Organisationsstrukturen war man weit entfernt.
Der „Bau“, von dem Paulus spricht, ist vielmehr die Gemeinde selbst.
„Kirche“ ist für ihn also zuerst und vor allem die sich zum Lob Gottes
versammelnde „Gemeinde“. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat Martin
Luther in seiner Übersetzung des Neuen Testaments das Wort „Kirche“
konsequent vermieden. Das entsprechende griechische Wort „Ekklesia“
wird bei ihm stattdessen immer mit „Gemeinde“ übersetzt. Damit wollte er
genau das zum Ausdruck bringen, worum es Paulus in unserem heutigen
Predigttext geht: Gemeinde Jesu Christi sind zuerst und vor allem die sich
zur Feier des Gottesdienstes, zum Bekenntnis ihres Glaubens, zum Gebet
und zur Feier des Abendmahls versammelnden Gläubigen. Gebäude,
Institutionen und Ämter sind dagegen im eigentlichen Sinn des Wortes
„sekundär“. Sie kommen später, sie sollen dem Evangelium dienen, aber
nicht an dessen Stelle treten.
Das Bild vom „Bau“ der Gemeinde wird in unserem Predigttext noch weiter
ausgebaut. Paulus nennt sich selbst „Architekt“. Als Apostel Jesu Christi
hat er die Gemeinde im Auftrag Gottes ins Leben gerufen. Paulus war kein
Gemeindeleiter, erst recht kein Bischof oder sonst irgendein Amtsträger. Er
war als Apostel rastlos unterwegs, um Gemeinden zu gründen, darunter
auch diejenige in Korinth. Wie ein Architekt hat er gewirkt, der ja in der
Regel auch nicht in den Häusern wohnt, die er entwirft, sondern nach der
Planung weiterzieht zu seinem nächsten Vorhaben. Nicht zufällig heißt es
darum auch in unserem Predigttext, dass ein anderer auf dem Fundament
weiterbaut, das Paulus errichtet hat. Damit sind diejenigen gemeint, die
dasjenige, was Paulus in Korinth begonnen hat, weitergeführt, also die
Gemeinde gestärkt und sie gefestigt haben.
Wichtiger noch ist, dass Paulus das Tun von sich selbst und den anderen
sofort relativiert: Sie sind alle Arbeiter am Bau Gottes. Paulus selbst hat
dank der Gnade Gottes in Korinth gewirkt; das Fundament, das er gelegt
hat, ist niemand anderes als Jesus Christus selbst. Er brauchte dafür keine
Steine und keinen Zement, Paulus bezeichnet sich auch nicht etwa selbst
als das Fundament der Gemeinde. Wie jede andere christliche Gemeinde,
auch unsere Gemeinde hier in Rom, gründet die Gemeinde von Korinth auf
nichts anderem als auf dem Bekenntnis zu Jesus Christus.
Dass das so ist, müssen wir uns von Zeit zu Zeit ins Bewusstsein rufen.
Christliche Kirche braucht Zeiten der Besinnung darauf, was ihr Fundament
ist, was unverzichtbar ist und was gegebenenfalls auch aufgegeben
werden kann. In unserer gegenwärtigen Situation stellt sich diese Frage mit
besonderer Dringlichkeit. Als evangelisch-lutherische Gemeinde hier in
Rom sind wir davon vielleicht nicht direkt betroffen, indirekt aber schon. In
deutschen evangelischen Landeskirchen wird die Frage nach kirchlichen
Strukturen dagegen gerade intensiv diskutiert. Notwendig geworden ist das
aufgrund sinkender Mitgliederzahlen der Kirchen, die zu geringeren
Einnahmen führen und damit auch unweigerlich zu der Frage, wie über
lange Jahre aufgebaute Strukturen den neuen Bedingungen angepasst
werden können. Weniger Geld und weniger Mitglieder machen es
unausweichlich, neu darüber nachzudenken, was Kirche ist und wie sie
aussehen soll. Welche Gebäude, welche Funktionen, welche Aktivitäten
sollen bleiben, welche können wegfallen? Natürlich ist ein solcher Prozess
alles andere als einfach. Es müssen schmerzhafte Entscheidungen
getroffen werden, die sich diejenigen, die sie fällen und durchsetzen
müssen, auch lieber ersparen würden. Aber manchmal geht es nicht
anders. Indirekt davon betroffen sind wir in unserer Gemeinde hier davon
auch, denn diese Situation ist ein Indiz für weiterreichende Veränderungen,
die keineswegs auf die deutschen evangelischen Landeskirchen
beschränkt sind. In vielen europäischen Ländern ist die Situation der
Kirchen, der katholischen und der evangelischen, nicht anders. Die Gründe
dafür sind vielfältig und man kann sie unterschiedlich gewichten. Wichtiger
ist, dass wir uns in einer solchen Situation fragen: Was ist der Kern
christlicher Kirche, wovon lebt sie, was ist ihr unverwechselbares Merkmal,
das sie von allen anderen Institutionen und Organisationen unterscheidet?
Das ist schon darum notwendig, weil der Kirche im Lauf ihrer Geschichte
viele Aufgaben zugewachsen sind, die für ihre Präsenz in der Gesellschaft
charakteristisch und durchaus auch wichtig sind, bei denen man sich aber
fragen kann, ob bzw. inwieweit sie notwendig zum Kern christlichen
Glaubens und Lebens gehören. In etlichen Landeskirchen wird zudem
darüber diskutiert, wie viele Gemeinden es in Zukunft geben soll, ob also
die gegenwärtige Zahl an Gemeinden durch Zusammenlegungen zu
größeren Verbünden reduziert werden kann oder sogar muss.
Das alles hat mit unserem Predigttext im Kern zu tun, weil das Bild vom
Bau der Gemeinde, das uns Paulus vor Augen stellt, sich genau damit
beschäftigt: Was ist das Fundament von Gemeinde, wovon lebt sie, und
zwar zunächst unabhängig davon, wie ihre äußeren Bedingungen
aussehen? Hier in Rom und auch in den anderen evangelischen
Gemeinden Italiens stellt sich diese Frage vielleicht etwas, aber nicht völlig
anders. Sie stellt sich als die Frage, wie evangelisches Bekenntnis in einer
Stadt, einem Land, aussehen kann, das vor allem katholisch geprägt ist, in
dem aber die Rolle der christlichen Kirchen und des christlichen
Bekenntnisses in der Gesellschaft insgesamt zurückgeht. Wie begegnen
wir dieser Situation, wie beschreiben wir den Kern unseres Glaubens, was
betrachten wir als den Grund, auf dem unsere Gemeinde, unsere Kirche,
unser Glaube gebaut ist?
„Ein anderes Fundament kann niemand legen, außer dem, das gelegt ist,
das ist Jesus Christus.“ So heißt der Kernsatz unseres Predigttextes. Jesus
Christus als Fundament – das ist ein wichtiges und ein tröstliches Bild
dafür, worauf wir uns bei all unserem Tun stützen können. Alles, was wir in
unserer Kirche tun, ist Arbeit auf und an diesem Fundament. Wir errichten
Gemeinden darauf, bringen unseren Glauben auf diesem Fundament zur
Geltung, gestalten unser Leben darauf.
Zugleich gilt auch: Alles, was wir im Namen unseres Glaubens, im Namen
der Kirche Jesu Christi tun, muss sich davor verantworten, ob bzw. wie es
diesem Fundament entspricht. Dass wir mit unserem Tun den Glauben an
Jesus Christus zur Wirkung bringen, andere trösten, ein Segen sind für
diese Welt. Daran bemisst sich, was Bestand hat uns was vergehen wird.
Paulus beschreibt das im Bild vom letzten Gericht, in dem sich zeigen wird,
was bleibt und was durch das Feuer vernichtet werden wird. Dieses Bild
sagt: Alles, was wir tun, steht im größeren Zusammenhang von Gottes
Plan für diese Welt. Es ist nicht einfach gleichgültig, wofür wir uns
einsetzen, was wir als Ziel unseres Lebens verfolgen, auf welchem
Fundament wir unser Leben bauen.
Dass dabei nicht immer alles gelingt und wir auch mit Rückschlägen
rechnen müssen, stand niemandem deutlicher vor Augen als Paulus
selbst. Er war als Apostel und Gemeindegründer keineswegs ein stets
erfolgreicher Architekt. Er hatte mit Widerständen zu kämpfen wurde
angefeindet, verfolgt und verhaftet. Mitunter ist er auch mit dem Versuch,
eine Gemeinde zu gründen, gescheitert. Nicht jeder Entwurf gelangte zur
Ausführung, nicht jeder Bau wurde errichtet. Wir wissen auch nicht, ob
Paulus die Gemeinden, die er gegründet hat, mit seinen Briefen tatsächlich
überzeugen konnte. Aber immerhin: Diese Briefe sind aufbewahrt und
gesammelt worden, sie wurden Teil des Neuen Testaments und damit der
christlichen Bibel. So können wir sie noch heute lesen und uns daran
orientieren.
Paulus kannte die Probleme des Gemeindeaufbaus wie kaum ein anderer.
Wenn er in seinem Brief an die Korinther auf Jesus Christus als das
Fundament jeder christlichen Gemeinde verweist, dürfen wir deshalb
getrost davon ausgehen, dass er wusste, wovon er schrieb. Und außerdem
dürfen wir es als einen für unsere heutige Situation als Kirche Jesu Christi
wichtigen, ja unverzichtbaren und im eigentlichen Sinn grund-legenden
Hinweis darauf betrachten, worauf auch wir uns bei all unseren
Bemühungen stützen dürfen, unseren Glauben im Alltag der Welt zu Gehör
zu bringen.
Am Schluss unseres Predigttextes fasst Paulus prägnant zusammen,
wovon er die Gemeinde von Korinth mit seinem Brief überzeugen will. „Ihr
seid der Tempel Gottes“, so heißt es da, „der Geist Gottes wohnt in euch“.
Paulus schreibt dies an Leute, die in einer Stadt voller Tempel und
Götterstatuen wohnten. In Korinth waren sie, wie in anderen antiken
Städten auch, ständig präsent. Sie standen auf dem Markt und an den
großen Straßen, täglich wurden Opfer dargebracht und die Götter
angerufen. Hier in Rom kann man sich auf dem Forum Romanum und den
unmittelbar angrenzenden Kaiserforen einen Eindruck von der Präsenz
griechischer und römischer Gottheiten mitten in einer antiken Großstadt
verschaffen. In späterer Zeit trat hier in Rom eine nahezu unüberschaubare
Zahl an Kirchen an deren Stelle. „Ihr seid der Tempel Gottes“ – das lenkt
den Blick weg von den Gebäuden und hin auf uns selbst, auf die an Jesus
Christus Glaubenden. Wir sind es, die dafür einstehen, was der christliche
Glaube in der Welt bedeutet und was er für die Welt bewirkt. Gottes heiliger
Geist wohnt in uns, nicht in Tempelgebäuden und auch nicht
Kirchenmauern.
Und so verweist uns der Predigttext für den heutigen Sonntag letztlich
darauf, dass wir aus Gottes Kraft und seiner Gnade leben und in der Welt
wirken dürfen. Sein Heiliger Geist, den wir bei der Taufe empfangen,
befähigt uns dazu, voller Zuversicht und Hoffnung in dieser Welt und für
diese Welt zu wirken. Unsere Gemeinde, alle christlichen Gemeinden, die
christlichen Kirchen aller Konfessionen, gründen auf dieser Zusage. Sie
macht uns gewiss, dass Gott die Seinen trägt, auch in Zeiten, in denen
Veränderungen anstehen und sich christliche Kirche neu ausrichten muss.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.