Matthäus 11, 25-30
Liebe Gemeinde,
reisen wir für einen Augenblick nach Galiläa. Hinter uns der See Genezareth, Jesus sitzt an
einem Hügel, um ihn herum viele Menschen: die früheren Fischer, die in den langen Stunden
der Nacht ihre Netze ausgeworfen haben. Die Feldarbeiter, deren Hände gezeichnet sind
vom Bestellen des Ackers. Die Frauen, die wissen, wie viele Stunden man benötigt, um das
Essen für eine ganze Großfamilie zuzubereiten.
Und dann beginnt Jesus mit einem Paukenschlag: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels
und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen
offenbart.“
Vielleicht beginnt die eine oder der andere, stumm zu nicken. Dieser Jesus erzählt davon,
dass es weder die wenigen Gebildeten noch die gesellschaftliche Elite sind, die ein Monopol
darauf haben, den Willen Gottes recht zu deuten. „Positionswechselaxiom“ nennen das
heute die Theologen, also die Weisen der heutigen Zeit. Soll heißen: Im Reich Gottes
werden die Rollen anders verteilt sein.
Hat Jesus etwas gegen eine breite Bildung und ein tiefes Ergründen der Zusammenhänge
der Schrift? Mit Sicherheit nicht. Jesus selbst, so erzählt es Lukas, war als 12-Jähriger so
sehr im Jerusalemer Tempel ins Gespräch mit den Schriftgelehrten vertieft, dass er alles um
sich herum vergaß. Zeit seines Lebens spricht er mit den Vertretern der damaligen Theologie
über die rechte Auslegung der Gebote Gottes.
Und doch: In seinen Worten schwingt seine eigene Erfahrung mit. Die Menschen, die um ihn
herum sitzen, die in ihm die Stimme Gottes hören, die eine innere Offenheit für sein Wort
und für eine radikale Umkehr in ihrem eigenen Leben besitzen, sind nicht die Pharisäer,
Sadduzäer und Schriftgelehrten. Es sind die Menschen, die durch das Leben, durch den
harten Alltag, gebildet und geprägt wurden. Die „geistlich Armen“, wie es in der Bergpredigt
heißt. Sie folgen Jesus, hören ihm stundenlang zu und sind sogar bereit, Beruf und Familie
für ihn zu verlassen.
Es ist kein Zufall, dass die ersten christlichen Gemeinden – auch hier in Rom – besonders
attraktiv für solche Menschen waren, die am Rand der Gesellschaft standen: Frauen,
Sklaven, Ausländer. Nicht, und darauf kommt es an, sie alleine bildeten die Gemeinden.
Genauso gab es die Gebildeten, die Reichen, die Sklavenhalter. Mit all den
Herausforderungen, die solch eine Vielfalt für die Gemeinden bedeutete – am letzten
Sonntag haben wir in der Predigt zur Apostelgeschichte davon gehört.
In den Evangelien macht Jesus immer wieder deutlich: Die Frage des Bildungshintergrundes
oder der Geldbörse tritt in den Hintergrund. Entscheidend ist die Einstellung des Herzens:
Bin ich bereit, mich durch das, was ich spüre und erlebe, verändern zu lassen? Traue ich
mich, noch einmal einen neuen Weg zu gehen? Bin ich bereit, auch das, was ich gelernt
habe, auf den Prüfstand zu stellen?
„Ich preise dich, Vater […] dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es
Unmündigen offenbart.“
Martin Luthers letzte Predigt aus dem Jahr 1546 in Eisleben war genau zu diesem
Predigttext. Luther sagte damals:
„Das ist's nun, daß der Herr Christus hier spricht, er sei den Naseweisen feind, er wolle sie
nicht leiden in seiner christlichen Kirche, sie heißen Papst, Kaiser, Könige, Fürsten,
Doctoren, die ihm sein göttliches Wort meistern und mit ihrer eigenen Klugheit in den hohen,
großen Sachen des Glaubens und unserer Seligkeit regieren. Solcher Exempel haben wir
selbst viel erfahren in kurzer Zeit, daß solche Klüglinge sich unterstanden, Einigung oder
Reformation anzurichten, dadurch in der christlichen Kirche Einigkeit würde […].“ 1
Zwei Dinge, liebe Gemeinde, werden bei diesem kurzen Predigtabschnitt deutlich. Erstens:
Auch Martin Luther war ein Freund klarer Worte. Wie Jesus macht Luther aus seinem
Herzen keine Mördergrube. Im Gegenteil: Der eben verlesene Ausschnitt aus seiner Predigt
ist noch einer der diplomatischen. Luther hat in derselben Predigt noch ganz andere Worte
etwa für den Papst gefunden – Bezeichnungen, die wir heute im ökumenischen Dialog zum
Glück nicht mehr verwenden.
Zum zweiten zielt auch Luther in seiner Argumentation auf seine eigenen Erfahrungen: Der
Großteil der theologischen und gesellschaftlichen Elite seiner Zeit war nicht bereit, seinen
Argumenten zu folgen und die Bibel als zentralen Maßstab der Wortverkündigung
heranzuziehen. Ja, auch Luther hatte schließlich gebildete und mächtige Unterstützer, wie
etwa Kurfürst Friedrich von Sachsen, und kluge Helfer wie etwa Philipp Melanchthon. Aber
aus seiner eigenen Biographie heraus war der Reformator davon überzeugt, dass wir alle
durch den Geist im Moment unserer Taufe die Voraussetzung dafür haben, das Wort Gottes
zu verstehen und zu deuten.
Wie ein roter Faden begegnet uns diese Erkenntnis in der Kirchengeschichte. Noch heute
singen wir Luthers Lieder, die damals auf den Straßen und Plätzen von den Menschen
angestimmt wurden. Wir hören den Schrei der Christen in Südamerika, die im 20.
Jahrhundert aufbegehrten gegen eine Theologie der Mächtigen und des Militärs und die seit
1968 im kolumbianischen Medellín eine „Theologie der Befreiung“ entwickelten. Eine
Befreiung aus politischer und theologischer Unterdrückung. Wir hören den Ruf der
Menschen nach Freiheit, in den etwa viele Christen im Südafrika der Apartheid
miteinstimmten – entgegen der offiziellen Theologie der staatsnahen Niederländisch-
Reformierten Kirche, die das Apartheidssystem theologisch verteidigte.
Zu all diesen Zeiten gab es, wie auch zur Zeit Jesu, konkurrierende Deutungen um die
Frage, was das rechte Wort Gottes sei. Und keinesfalls dürfen wir es uns zu einfachen
machen und alleine die Meinung der Massen, die pure Quantität von Anhängern einer Lehre
zum Maßstab ihrer inneren Richtigkeit machen. Als lutherische Protestanten in einer
katholisch geprägten Diaspora hier in Italien wissen wir, wie anstrengend das ist, auch gegen
den Strom zu schwimmen. Gerade deshalb durften Waldenser, Lutheraner und viele andere
immer wieder darauf trauen, dass der Geist Gottes nicht nur ihr Herz, sondern auch ihren
Verstand anrührt.
Mit seinen radikalen Worten nimmt uns Jesus alle in den Blick. Nicht als Gäste und
Fremdlinge, sondern, wie wir es im Epheserbrief gehört haben, als Mitbürger der Heiligen
und Gottes Hausgenossen. Gott traut uns etwas zu. Er mutet uns etwas zu. Und er spricht
uns etwas zu. In kaum einem Predigttext sind Gottes Anspruch und Zuspruch an uns so
stark verbunden wie hier. Denn unsere Perikope endet mit einem starken Zuspruch:
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Dieser Vers ist bekannt, auf unzähligen Stickereien, in vielen Kirchen begegnet er uns immer
wieder. Und doch bekommt er vor dem Hintergrund des eben Gesagten noch einmal eine
neue Schattierung: So wie wir alle eine Grundkompetenz darin haben, das Wort Gottes zu
deuten, so sind wir alle eingeladen zu Jesus Christus, diesem lebendigen Wort zu kommen,
um uns stärken zu lassen. Wie an einer Wasserquelle in der Wüste. Der griechisch-
sprachliche Kontext dieses Verses erinnert an Lastenträger im Alten Orient. Eine Karawane,
die nach langer beschwerlicher Reise endlich eine Pause macht. Wie solche Lastenträger
sind wir alle eingeladen, uns hinzusetzen, um einmal durchzuatmen.
Welche Lasten müssten wir für einen Moment ablegen? Ich denke an die Sorgen, die ich
alleine in unserer Gemeinde in der letzten Woche vernommen habe: die Hitze der römischen
Großstadt, gesundheitlichen Herausforderungen, die Sorge um die älter werdenden Eltern,
Angst um Frieden in dieser Welt, Sorge um die rechten beruflichen Entscheidungen,
Spannungen in der Familie, Einsamkeit auf dem Schulhof. Würden wir beginnen, wir hätten
auch heute Morgen hier in der Christuskirche sicherlich keine Schwierigkeit, Sorgen
zusammenzutragen.
Wenn Jesus am See Genezareth zu den Menschen spricht, die um ihn herumsitzen, dann
dürfen wir uns für einen Moment dazusetzen, auf das Wasser des Sees blicken und uns
genauso ansprechen lassen:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt
auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so
werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Ja, auch die Pause hat ihre Recht. Sei es bei einem guten Chorkonzert, im Telefonat mit
einer vertrauten Freundin oder in einem ruhigen Moment einer der kühlen Kirchen Roms. Die
Last wird vielleicht nicht verschwinden. Aber wir merken, dass da noch jemand ist, der sie
mitträgt. Und schon dadurch fühlt sich das Gewicht leichter an.
Liebe Gemeinde, was ein Text: Sechs Verse, die es in sich haben. Sechs Verse, in denen es
um Erkenntnis, um Macht und um Kraft für uns alle geht. Verse, die uns mutig und stark
machen. Aber die uns auch eine Pause gönnen. Eine Pause wie eine kühle Erfrischung an
heißen Tagen. In diesem Sommer und in allen Momenten, in denen wir sie brauchen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, stärke genau so unsere Herzen und
Sinne in Christo Jesu.
Amen.