Apostelgeschichte 2
Als der Pfingsttag gekommen war, waren alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen.
Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.
Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden.
Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.
Da trat Petrus auf mit den elf Jüngern, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist:
»Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch.“
Liebe Festgemeinde,
liebe Isabel und lieber Giacomo!
Wir Menschen lieben das Spektakuläre. Wenn uns etwas beeindruckt, dann sind das besondere Erlebnisse, Überraschungen, Dinge, die wir nicht erwartet haben.
Wenn etwas in den Nachrichten kommt, dann sind das nicht die gewöhnlichen Ereignisse in unserem normalen Leben, sondern die großen Überraschungen – leider oft auch die schlimmen.
Wenn ihr Konfirmanden euch an ein Schuljahr zurückerinnert, dann denkt ihr wahrscheinlich nicht an Mathe oder Italienisch, und was ihr den vielen Stunden gelernt habt, sondern an das, was besonders war: Ausflüge und Aktionen, vielleicht auch Streit und Konflikte unter euch Schülern.
Wir Menschen erinnern uns vornehmlich an das Spektakuläre.
Auch in der Bibel stechen in die spektakulären Geschichten ins Auge.
Wie Jesus übers Wasser geht, ohne unterzugehen, wie Gott die Sintflut schickt und alles Land überschwemmt, wie es bei Mose blitzt und donnert, als Engel erscheinen, wie alles finster wird, als Jesus stirbt.
Die Bibel, oder besser, was wir von der Bibel im Gedächtnis halten, sind keine Alltagsgeschichten, sondern immer das Besondere.
Wir lesen nicht, was Jesus jeden Morgen gefrühstückt hat oder wie lange er geschlafen hat; nein, wir lesen von seinen spektakulären Wundern und überraschend neuen Worten.
Was die Bibel für viele Menschen interessant macht, sind ihre spektakulären Geschichten mit Naturgewalten, Heilungswundern und Lebenswenden.
Und was die Bibel so interessant macht, das macht sie uns auch fremd.
Denn genau dieses Spektakuläre erleben in unserem Leben ja nicht!
Wir waren nicht bei der Sintflut dabei und wurden in der Arche Noah gerettet. Wir sind nicht mit Mose durch das Rote Meer gezogen. Wir haben nicht vom Manna in der Wüste gegessen, das Gott vom Himmel schenkte und auch nicht von den Broten, die Jesus für Tausende vermehrt hat. Wir waren nicht dabei, als Jesus den Toten Lazarus aus dem Grab gerufen hat und auch nicht, als er selbst nach seinem Tod am Kreuz unter seine Jünger trat.
Das ist alles spektakulär und beeindruckt uns. Das baut aber alles auch eine Distanz auf, weil unser Leben – und auch unser Glauben – oft weniger spannend ist.
Das ist genug für viele Menschen, Gott, Jesus und die biblische Geschichte weit weg zu schieben. Das ist alles schön zu lesen oder zu hören, aber es hat mit meinem normalen Leben doch wenig zu tun.
Das ist alles wie ein Film, den ich bei Netflix oder im Kino anschaue. Er ist spannend und spektakulär. Aber ich weiß, es ist nur ein Film. In dem spiele ich nicht mit.
Das Ereignis, das hinter unserm heutigen Pfingstfest steht, ist auch so ein typisch biblisches Wunder. Es ist spektakulär und lässt die Menschen staunen: Damals in Jerusalem und auch uns, wenn wir es heute hören:
Da geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das Haus der Jünger.
Und dann erscheint noch auf wundersame Weise Feuer: Über den Köpfen einzelne Feuerflammen.
Was für ein Spektakel!
Dann noch ein Wunder: Plötzlich sprechen und verstehen alle ganz verschiedene Sprachen. Es scheint, als könnten die Jünger auf einmal alle Sprachen der Welt sprechen – ohne Unterricht.
Das wäre es ja für euch in der Schule: Wenn man nicht nur mit viel Energie vier oder fünf Sprachen in mehreren Jahren lernen könnte, sondern auf einmal – ganz ohne Lernen! – alle Sprachen der Welt.
Leider habe ich ein solches Wunder noch nie an der Deutschen Schule Rom oder irgendeiner anderen Schule der Welt erlebt.
Auch hier: Wir sehen das spektakuläre Wunder in der Bibel; wir staunen; aber wir merken: Das ist ganz weit weg von unserem Leben.
Liebe Gemeinde,
wir hätten den Bericht von jedem Pfingsttag aber nicht richtig verstanden, wenn wir das Ganze nur als Spektakel sehen würden. Es geht um mehr als Feuer und Sturm: es geht auch nicht um Sprachbegabung.
Wenn der Heilige Geist ins Spiel kommt, geht es nicht um außergewöhnliche Erlebnisse. Gottes Wirken ist nicht um Sturm und im Feuer.
Der Heilige Geist schenkt kein Spektakel.
Es geht um Verstehen und Verstanden werden!
Das große Wunder, das am Pfingsttag passiert ist, dass Menschen etwas verstehen.
Das große Wunder ist, dass den Menschen das Entscheidende im Leben klar wird.
Der Bericht aus der Apostelgeschichte bleibt ja nicht beim Erzählen vom Sturm und vom Feuer oder von den verschiedenen Sprachen.
Das wäre alles nur ein bemerkenswertes Spektakel.
Der Pfingstbericht kommt ans Ziel, als Petrus anfängt zu reden und eine klare Ansage macht.
Der Pfingstbericht liefert das eigentliche Wunder: Menschen verstehen, was Gott von ihnen will. Menschen verstehen, was Gott mit ihnen vorhat. Menschen verstehen, dass Jesus die Linie in ihrem Leben sein soll.
Liebe Konfirmanden, seht ihr, das wahre Wunder im Leben sind nicht die Naturspektakel oder Highlights, sondern, dass wir richtig verstehen.
Denn dass Menschen sich richtig verstehen, das ist eher die Ausnahme.
Dass Menschen sind selber immer richtig verstehen, das ist nicht automatisch so. Und Teenager erkennen das auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden.
Dass Menschen Gott richtig verstehen – und damit den Sinn ihres Lebens, warum sie da sind und wo sie hingehen – das ist auch eher selten.
Aber wenn das passiert, dann ist es ein Wunder, dann ist es etwas, das Gott schenkt, dann ist es etwas, was Gottes Geist tut.
Das wahre Pfingstwunder, liebe Gemeinde, ist kein Spektakel.
Das wahre Pfingstwunder, ist Wahrheit und Klarheit.
Das wahre Pfingstwunder ist keine ferne biblische Geschichte, die weit weg ist.
Das wahre Pfingstwunder kann auch hier und heute bei uns passieren:
Gott sagt dir, wer du bist. Und du hast Klarheit über dein ganzes Leben.
Jesus Christus tritt dir gegenüber und du findest deinen Lebensweg und das, was zählt, in ihm.
Das ist es, was der Heilige Geist und bringt.
Das ist der Kern seines Wirkens – und alles andere sind Begleiterscheinungen, spektakulär oder nicht.
An Pfingsten geht es um Verstehen und Verstanden werden.
Und in unserem Leben geht es, wenn wir ehrlich sind, eigentlich auch um nichts anderes: Wir wollen verstehen und von anderen verstanden werden.
Gott ermöglicht das. Ja, ohne ihn geht das nicht richtig.
Pfingsten ist kein Spektakel, sondern ein geschenkter Moment der Klarheit und der Wahrheit.
Und so, liebe Konfirmationsgemeinde, ist diese Einsegnung von Isabel und Giacomo heute kein magischer Moment, sondern ein ausgesprochen realistischer Moment:
Wir sind ehrlich: Die, die wir sind mit unseren Stärken und Schwächen, und Gott ist der, der uns durch und durch kennt.
Gott ist der, vor dem wir unsere schwierigen Seiten aushalten können, weil er uns nicht fallen lässt, wie das viele anderen tun, wenn wir nicht mehr funktionieren oder gefallen.
Isabel und Giacomo, ihr erlebt heute keinen magischen Moment, sondern einen durch und durch realistischen Moment:
Ihr steht heute hier vor Menschen, die mit euch gegangen sind und mich euch gehen werden.
Ihr steht vor Gott, vor dem ihr sein dürft, wie ihr seid.
Ihr werdet nicht irgendwie verwandelt oder verzaubert, sondern ihr seid angenommen als die, die ihr wirklich seid. Das ist die Zusage, die ihr heute bekommt; und das ist eigentlich auch der Kern des evangelischen Glaubens.
So lässt es sich es sich leben.
Ehrliche Worte von ehrlichen Menschen, die ehrlich mit sich umgehen wollen – und das alles vor einem Gott, der euch kennt, der euch will und der von euch nichts anderes verlangt als diese Ehrlichkeit ihm gegenüber.
So kann man ins Leben gehen.
Jesus ordnet dann schon alles, was nicht passt.
Das ist der rote Faden für euer Leben. Der wird euch heute geschenkt.
Der wird uns allen immer wieder in die Hand gegeben. Und immer wenn das passiert, wenn wir die Linie in unserem Leben erkennen, dann wirkt der Heilige Geist.
Und die Spektakel der Welt, die können wir dann anderen überlassen.
Amen.