Liebe Festgemeinde!

Wie schön, dass wir heute auch eine festliche Musik haben! Die sogenannte „Deutsche Messe“ von Franz Schubert singt der Chor nun schon zum dritten Mal am Peter- und Pauls-Fest. Sie ist ein besonderes Werk. Besonders durch ihre Schlichtheit (manche sagen auch, sie sei langweilig), und besonders durch ihren Text, der auf Deutsch ist. Und das war für die Zeit, in der die Messe noch auf Lateinisch gelesen wurde, eine Revolution: Messgesänge in der Volkssprache! Damit war man gefährlich nah am evangelischen Kirchenlied.

Warum diese Schlichtheit und warum der Text auf Deutsch?

Damit er die Menschen erreicht! Damit er das Herz erreicht!

Während die lateinischen Texte des katholischen Ritus den Lobpreis Gottes virtuos in den Mittelpunkt stellen, rücken die Texte der Deutsche Messe eher den Menschen mit seinen irdischen Sorgen und Nöten in den Mittelpunkt.

„Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?“

„Ach wenn ich Dich nicht hätte, was wär‘ mir Erd‘ und Himmel?“

„Ehre sei Gott in der Höhe! Stammeln auch wir, die die Erde gebar.

Staunen nur kann ich, und staunend mich freu’n;

Vater der Welten! Doch stimm ich mit ein.“

 

In diesen Texten geht es nicht nur abstrakt um Gottes große, unfassbare Herrlichkeit, in diesen Worten geht es um mich, um mein religiöses Empfinden.

Diese Messe Schuberts soll ans Herz gehen!

 

Musik geht ans Herz. Sonst ist sie nicht gut oder schlecht gemacht.

Musik muss „von Herzen zu Herzen gehen“. So hat es Beethoven unter sein größtes geistliches Werk, die Missa solemnis, geschrieben.

 

Naja, ans Herz geht es uns durch die Musik ja schon. Und in der Kirche besonders.

Herzklopfen gibt es bei jeder Hochzeit beim Einzug des Brautpaars, wenn die Orgel erklingt und sich alle erheben.

Es läuft uns auch kalt den Rücken runter, wenn wir am Heiligen Abend in der abgedunkelten Kirche das „O du fröhliche“ mit aller Kraft singen. Und es wäre schade, wenn es dieses Ritual nicht gäbe.

Musik geht schon ans Herz.

Und jeder Mensch braucht etwas fürs Herz – auch der gröbste Klotz, ob er es zugibt oder nicht.

Und die Nationalhymnen bei der Fußball-WM, egal, wie laut oder falsch sie gebrüllt werden, sie werden eben auch von Herzen gesungen.

 

Musik geht ans Herz. Das erleben wir.

Musik bewegt uns, rührt uns, verleiht eine Gänsehaut.

 

Von Gott heißt es jetzt aber, dass er uns ein neues Herz gibt. Das ist viel mehr.

Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben (Hes 36,26).

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz

und gib mir einen neuen, beständigen Geist (Ps 51,12).

Das ist mehr als Gänsehaut im Stadion oder in der Kirche!

Das ist mehr als ein Hochgefühl, das es bei schöner Musik immer wieder geben kann oder bei gut gemachtem Lobpreis.

Gott verspricht uns nicht nur eine Rührung des Herzens, sondern eine Veränderung.

Und wir verstehen genau, was der Unterschied ist:

Rührung ist kurz und unverfügbar und wieder vorbei.

Eine Veränderung des Herzens bleibt. Und macht uns zu neuen, gestärkten, liebevolleren Menschen.

 

Und das ist ein Unterschied, den viele Menschen vom christlichen Glauben gar nicht kennen.

Die erwarten vielleicht von Gott eine Rührung, eine religiöse Emotion, ein frommes feeling.

Aber nach dem Evangelium geht es doch um mehr:

Gott rührt uns nicht nur an, sondern er will uns verändern.

Er will unser Herz nicht mal kurz anrühren, sondern er will uns ein neues Herz geben.

 

Wie das aussieht, sehen wir an Petrus und Paulus deutlich.

Die waren von Jesus nicht nur gerührt, sondern die wurden zu völlig neuen Menschen, zu Menschen, an die wir in der Kirche bis heute denken.

 

Den Paulus hat Gott radikal von jetzt auf nachher umgedreht, als ihn das Licht Jesu vor den Toren von Damaskus vom Pferd stürzen ließ.

Der Mann war von jetzt auf nachher ein anderer.

Da wird uns klar, was es heißt: Gott schenkt ein neues Herz.

 

Das ist beim großen Paulus beeindruckend.

Da würden wir schon alle beim Zuschauen sagen: Klar, Gott schenkt ein neues Herz.

 

Aber bei mir?

Nun erleben wir alle aber wohl kaum so eine heftige Lebenswende – und auch so eine tiefe Krise wie Paulus.

 

Und deshalb bin ich froh, dass die Kirche nicht nur an Paulus denkt, sondern mit ihm zusammen immer auch an Petrus.

Und bei dem sah es ganz anders aus.

Der Petrus war nicht nur ein anderer Charakter, sondern der Weg, den Jesus mit Petrus ging, war auch ganz anders.

Das war viel länger, viel unspektakulärer. Das war ein langer Prozess. Mehrfaches Versagen und Rückschläge eingeschlossen.

Die erste vorsichtige Nachfolge Jesu am Anfang, das immer tiefere Verstehen, wer Jesus ist, als Petrus seine Worte über Jahre immer wieder hörte, das Versagen im Leiden und trotzdem die Annahme durch Jesus nach der Auferstehung.

Und wir würden doch keine Sekunde zögern, zu sagen, dass Gott dem Petrus durch diesen Prozess auch ein neues Herz geschenkt hat.

 

Es gibt dafür eben das Petrus-Modell und das Paulus-Modell.

Den langen Prozess und das spektakuläre Wunder.

 

Unser Problem ist nur, dass wir meistens als Christen das Paulus-Modell wollen: Heute, hier und sofort!

Durch Jesus so vom hohen Ross runtergeholt werden, dass es gar keine Raum mehr für Zweifel gibt.

 

Solche Glaubenserfahrungen kann es geben.

Es kann aber eben auch sein, dass Gott das Petrus-Modell für uns vorgesehen hat:

Einen längeren Weg. Ein längeres Hören auf Jesus. Kleinere, aber viele Erfahrungen mit Jesus. Sünde und Vergebung.

Aber im Laufe der Zeit eben doch: Ein neues Herz.

Ein starkes Herz, ein fester Glaube, der uns durch Krisen trägt und ein Herr, der uns am Ende – trotz Versagens – in die Arme schließt.

 

Gott verändert unser Herz. Das tut er ganz sicher mit jedem, der sich darauf einlässt.

Aber den Weg, auf dem das passiert, den müssen wir schon Gott überlassen.

Ob er nun eine Sekunde Licht vor Damaskus bedeutet oder eine jahrelange Wanderung durch Berg und Tal von Galiläa, das entscheidet Gott für uns.

 

Und das andere Problem sind unsere zu hohen Erwartungen.

Wenn wir das hören, ein neues Herz, dann denken wir sofort an Hochgefühle und grenzenloses Glück, dann erwarten wir Sorglosigkeit und ein tadelloses reines Gewissen.

Und wenn sich das dann nicht einstellt, dann denken wir:

„Naja, dann kann das eben bei mir nicht sein mit dem neuen Herz.“

Weil wir ein neues Herz gleichsetzen mit totalem Stimmungswandel, mit einer reinen Gefühlssache.

Aber ein neues Herz ist mehr. Es ist eine neue Grundlage für unsere Gefühle. Es sind nicht nur einfach nur neue Gefühle.

Es ist deren Grundlage!

Und ihr könnt mir glauben, dass Petrus und Paulus in all ihrer apostolischen Heiligkeit durchaus auch schlechte Gefühle kannten.

 

Gott verändert unser Herz.

Mir ist in der Bibel ein Gedanke wichtig geworden, wie Gott dies prozess-haft tut.

Der Prophet Jesaja sagt von Jesus, dass er die zerbrochenen Herzen verbinden wird. (61,1).

Der Heiland wird die zerbrochenen Herzen verbinden.

Gott macht unser Herz in erster Linie neu, indem er seine Wunden heilt.

Unser Herz wird gerade darin neu, dass Jesus die alten Wunden heilt, dass er unser gebrochenes Herz, verbindet.

Dass er das Herz, das in tausend Einzelteile auseinanderdriften würde, zusammenhält und uns zu der einen, einzigartigen Persönlichkeit macht, die er haben will.

 

Gott schenkt uns ein neues Herz. Vielleicht mehr durch sein Verbandsmaterial als durch eine spektakuläre Transplantation.

 

Da wird wirklich etwas neu und nicht nur emotional gerührt.

Das geht nicht nur ans Herz, sondern verändert das Herz.

 

Unsere Musik aber, als Sänger oder Hörer, soll die Herzen aber so stark anrühren, wie sie kann.

Nicht als Selbstzweck.

Sondern als Hinweis auf jene Herzensveränderung, die nur Gott schenken kann.

Und von dem Jesus, der uns nicht so lässt, wie wir sind, sondern der uns mitnimmt auf einen Weg in ein besseres Leben, stückweise hier und am Ende bei ihm einmal ganz perfekt.

Dafür sind Petrus und Paulus Zeugen – bis zum heutigen Tag.

Amen.

Peter & Paul – Pfr. Dr. Jonas