Exodus 12,1-14
Liebe Gemeinde,
schnell gepackt, hastig angezogen, so stehen sie da. Das Feuer brennt
noch, der Duft von Gebratenem liegt in der Luft. Aber viel Zeit dem
Nachzusinnen bleibt nicht, sie sind mit einem Fuß schon aufgebrochen.
Losgelaufen. Schnell muss es gehen, wollen sie dem vertrauen, was
ihnen gesagt wurde. Hastig sollt ihr essen, bereit, loszugehen. Viel Zeit
bleibt nicht. Auch nicht zum Nachdenken. Was wird kommen? Will ich
überhaupt losziehen? Ich habe mich ja eigentlich hier eingerichtet. Auch
wenn so Vieles schwer ist, schwerer ist doch die Trägheit. Und das
Relativieren. „Ja, schon, aber eigentlich und überhaupt.“ Auf der
Schwelle steht das Volk Gottes. Sein Volk Israel. Hinter ihnen soll die
Sklaverei liegen. Vor ihnen das gelobte Land. Und sie selbst irgendwo
mitten darin. Hören wir auf Worte aus dem Buch Exodus:
1 Der Herr aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: 2 Dieser Monat
soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate
des Jahres zählen. 3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage
dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein
Haus. 4 Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so
nehme er’s mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten
wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. 5 Ihr
sollt aber ein solches Lamm nehmen, an dem kein Fehler ist, ein
männliches Tier, ein Jahr alt. Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s
nehmen 6 und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats.
Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten
gegen Abend.
7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür
und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie’s
essen, 8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer
gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren
Kräutern essen. 9 Ihr sollt es weder roh essen noch mit Wasser gekocht,
sondern am Feuer gebraten mit Kopf, Schenkeln und inneren
Teilen. 10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn
aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr’s mit Feuer verbrennen.
11 So sollt ihr’s aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und
eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt
es in Eile essen; es ist des Herrn Passa.
Detailliert wird beschrieben, wie das Passa auszusehen hat. Wer, wann
mit wem und wie feiert. Da kann man ganz durcheinanderkommen, bei
all den Anweisungen. Die Begründung eines neue Ritus, einer Tradition,
die dieses Volk prägen wird, bis in unsere Zeit. Die durchtragen wird,
beibehalten im Untergrund, in der Verfolgung. In Rückschlägen und
Anfeindungen. Allen Versuchen, das hier gegründete Fest auszulöschen,
wird das Volk widerstehen. Allen Versuchen, dieses Volk auszulöschen,
wird der Herr widerstehen. Hier gründet sich ein Fest. Aber das
Eigentliche kommt erst noch. Hören wir weiter:
12 Denn ich [der HERR] will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen
und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und
will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin
der Herr. 13 Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in
denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen,
und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt,
wenn ich Ägyptenland schlage.
14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein
Fest für den Herrn, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.
Im Zentrum steht des Herrn Passa. Sein Vorbeigehen. Das Fest für sein
Volk Israel. Und er lässt seinem Volk durch seinen Diesner Mose sagen:
Erinnert euch. Feiert. Vollzieht mit. Lasst es an euch geschehen. Den
Übergang vom Tod zum Leben. Aus Gefangenschaft in die Freiheit. Weg
von dem, was gefangen hält. Heute geschieht es, also seid bereit. Es ist
keine Zeit für große Vorbereitung. Hastig müsst ihr es essen. Gegürtet,
bereit zum Aufbruch. Das Verderben lauert vor der Tür. Ihr esst es auf
der Schwelle. Gott wird kommen und Gericht vollziehen, an denen, die
euch bedrängen. Verheißung, die durch so lange Zeit schon trägt. Das
Blut am Türsturz wird den Todesengel abhalten. Er wird euch
verschonen. Er, Gott mit euch. Höher als alle ägyptischen Götter. Stärker
als Unterdrückung und Gewalt. Heute ist der Tag. Denkt daran und gebt
es an eure Nachkommen weiter.
Ja, liebe Gemeinde, der Auszug aus Ägypten ist das Urereignis des
jüdischen Glaubens. Und mit jedem Passa, an jedem Sederabend, in
diesem Jahr war es der gestrige Abend, erinnert sich die jüdische
Gemeinschaft wieder daran. An die Fundamente ihres Glaubens.
Aber es ist mehr als bloße Erinnerung. Es ist ewige Ordnung. Da wird
Vergangenheit zur Gegenwart. Im Jetzt und hier.
In diesem Jahr liegen gestriger Sederabend und heutiger
Gründonnerstag so wunderbar nah beieinander. Wir sind keine jüdische
Gemeinde. Wir feiern Abendmahl. Warum Abendmahl? Würde es nicht
reichen heute, am Abend, bevor Jesus ausgeliefert wurde,
zusammenzukommen. Zu hören. Vom letzten Abend Jesu. Wie er seinen
Jüngern die Füße wäscht, mit ihnen isst und trinkt. Würde es nicht
reichen zu wachen? Zu beten. Warum braucht es da Brot und Wein?
Weil wir an das Urereignis unseres christlichen Glaubens erinnern. Weil
es auch für uns gegenwärtig wird. In diesen drei Heiligen Tagen feiern
wir Leiden, Tod und Auferstehung Jesu. Wir feiern den, der gesagt hat:
Das tut zu meinem Gedächtnis. Wir feiern, dass in jeder
Abendmahlsfeier der Weg vom Tod zum Leben beschritten wird. Dass
Jesus versprochen hat, selbst da zu sein, in Brot und Wein. Dass sein
Leib und Blut Stärkung ist für unseren Lebensweg. Dass Schuld
vergeben wird, immer neu. Dass Neuanfang möglich und der Weg offen
ist. Wir feiern, dass der Verderber keine Macht über uns hat. Dass die
Nacht ein Ende und der Weg zu Gott offensteht. Wir feiern, dass wir
dank Jesu Anteil haben an dem Gott, der sich unseren jüdischen
Geschwistern zuerst offenbart hat.
Mit dem Sohn Gottes gehen wir. An seiner Seite stehen wir heute Abend.
Hören von seinem letzten Abend auf dieser Welt. Von der Gemeinschaft
mit seinen Jüngern. Vom Auftrag, diese Gemeinschaft weiterzugeben.
Hören von seiner menschlich-allzu-menschlichen Angst. Gehen mit ihm
hinein in diese Nacht. Lassen uns von ihm stärken. Nehmen ihn in uns
auf. Nein, es reicht heute Abend nicht zu hören, zu beten, zu wachen.
Gott will unser Leben ganz füllen. Uns ganz nahekommen. Ganz leiblich.
Wir sind doch so viel mehr als bloße Kopfwesen. Wir brauchen die Nähe
anderer Menschen, wir brauchen Speise, die uns stärkt, Musik, die uns
berührt, Worte, die uns bewegen. Erinnerung, die Geschichte lebendig
hält. Tut dies zu meinem Gedächtnis. Dann bin ich bei euch. Denn sooft
ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den
Tod des Herrn, bis er kommt.
Ja, wir tun es heute Abend und dann immer wieder, bis wir mit Jesus
selbst am Tisch sitzen. Ist das zu hoch gegriffen für einen Menschen?
Nein, gerade andersrum: Es ist der Gott, der selbst ganz nach unten
kommt. Mit uns steht auf der Schwelle, heute Abend. Zwischen Leben
und Tod. Zwischen Hoffen und Bangen. Angst und Zuversicht. Die Koffer
so halb gepackt, aber wohin wird es gehen? In meinem Leben. So vieles
steht offen. Das Land vor uns. Aber er, Gott selbst, an unserer Seite. Mit
auf der Schwelle. Bleiben wir bei ihm heute Abend. Erinnern wir uns
dankbar mit unseren jüdischen Geschwistern. Feiern wir Gott. Amen.