Liebe Gemeinde!

Wir sind wie jedes Jahr einmal im Juni im Bibelgarten, und wir sind im 800. Jahr des Todes von Franziskus.

Wir sehen an Franziskus eine Begeisterung für die Natur und eine Sensibilität für die Schöpfung lange vor jeder ökologischen Bewegung der Gegenwart. Es kann bei Franziskus nicht die Sorge um ein sich veränderndes Klima, um knapp werdende Ressourcen und um die Verschmutzung der Umwelt gewesen sein, sich besonders der Schöpfung zuzuwenden.

Er muss andere Gründe gehabt haben.

Es war auch keine naive Schöpfungs-Romantik. Franziskus war kein bloßer Ästhet, der nur das Schöne sah und die Gefahren der Natur ausblendete.

Er kannte Krieg, Krankheit und Elend. Die Natur war für ihn keine Traumwelt.

Wenn es weder die Sorge um Umwelt war, die Franziskus mit der Schöpfung verbunden hat, noch eine naive Begeisterung für ihre Schönheit: Was war es dann?

Franziskus hatte tiefere Gründe, dauerhafte Gründe, tief im Glauben verankerte Gründe für seine Naturverbundenheit.

Damit ist er ein wertvolles Korrektiv für manche – auch christliche – Zeitgenossen, die sich nur aus oberflächlicher Begeisterung für das Schöne für die Schöpfung interessieren, oder die nur aufgrund der Not den Blick auf die Natur geworfen haben – freilich erst, seit die Temperaturen heiß und die Ressourcen knapp geworden sind.

 

Die Naturverbundenheit des Franziskus hat tiefere Gründe, dauerhafte Gründe. Das will ich Ihnen heute zeigen. Und er ist in dieser Haltung Martin Luther und Paul Gerhardt ganz verwandt.

 

1 Die anderen Geschöpfe sind Geschwister

Wenn wir den Sonnengesang des Franziskus anschauen, dann fällt uns ja schnell auf, dass er die Sonne und den Mond, den Wind und das Feuer Bruder und Schwester nennt.

Ein komischer Gedanke. Wir können als Menschen auch andere Menschen Geschwister nennen, die nicht leiblich mit uns verwandt sind.

Als Christen nennen wir uns Brüder und Schwestern. Auch der begeisterte Friedrich Schiller kann die ganze Menschheit in seiner Ode an die Freude als verwandt bezeichnen:

Deine Zauber binden wieder,
was die Mode streng geteilt,
alle Menschen werden Brüder,
wo Dein sanfter Flügel weilt.
Seid umschlungen, Millionen!
Diesen Kuss der ganzen Welt!

Ist es die enthusiastische Freude, die uns zu Geschwistern macht? Ist es die biologische Verwandtschaft?

Oder ist es die selbe Herkunft, der eine Vater im Himmel, der eine Schöpfer, der uns alle gemacht hat?

Wenn es so ist, liebe Gemeinde, dann hat Franziskus Recht, wenn er Sonne, Wind und Sterne auch Geschwister nennt, denn auch sie sind von Gott geschaffen. Sie sind uns wie eine leibliche Schwester oder ein leiblicher Bruder von Gott an die Seite gestellt – wir müssen mit ihnen leben, ob sie uns gefallen oder nicht. Auch hier ist es nicht anders als ein einer Familie.

 

Sonne, Mond und Sterne, Pflanzen und Tiere sind nicht unsere Geschwister, weil wir sie so schön oder so niedlich finden, sondern weil sie mit uns erschaffen wurden. Franziskus ist hier kein esoterischer Spinner, der seelenlose Dinge vermenschlicht, sondern einer, der Schöpfung radikal zu Ende denkt.

 

Hier ist er Martin Luther übrigens ganz nah. Luther sagt an entscheidender Stelle:

Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat, samt allen Kreaturen.

Der Mensch lebt nicht allein. Der Mensch kann nicht als Egoist nur seinen eigenen Weg gehen. Er kann auch nicht nur mit anderen Menschen leben, sondern er ist Teil einer Gesamtschöpfung. Ich kann nur leben inmitten anderer Kreaturen. So hat es Gott bestimmt.

Gott schuf die Welt nicht bloß für mich;

Mein Nächster ist sein Kind, wie ich. (EG 412).

Ich lebe nicht allein, sondern samt allen Kreaturen.

Ich bin auch nicht nur für mich allein von Gott konstruiert und erdacht, sondern nur um immer im Gefüge mit anderen Geschöpfen.

Das ist manchmal schön und angenehm. Das ist manchmal auch schwer und herausfordernd. Aber es geht nicht anders.

Und wenn wir das verstanden haben, führt uns das zum zweiten Punkt:

 

 

2 Die Phänomene der Natur sind ambivalent

 

Der fröhliche Charakter des Sonnengesangs und das Gotteslob bedeuten bei Franziskus nicht, dass er alles nur rosarot und sonnig sieht.

 

Alle Mitgeschöpfe, alle Naturphänomene sind ambivalent. Sie können gut und schlecht für uns sein.

 

Die Sonne leuchtet und wärmt. Sie kann aber auch verbrennen und erbarmungslos austrocknen.

Das Wasser stillt den Durst, lässt Pflanzen wachsen und kühlt. Es kann aber auch überschwemmen, zerstören und ertrinken lassen.

Das Feuer wärmt und gar; es kann uns aber auch verbrennen und vieles zerstören.

Tiere sind intelligent und wunderbar anzuschauen; sie können aber auch übereinander herfallen und sich erbarmungslos auffressen.

Pflanzen ernähren uns, bilden Sauerstoff und stiften Schatten. Sie können sich aber auch gegenseitig erbarmungslos überwuchern und ersticken.

Auch wenn Franziskus die Elemente der Natur lobt, so ist er doch nicht verträumt und naiv. Er nennt auch die Sünde.

Sie ist für ihn – und für die Bibel – nicht einfach eine falsche Tat, sondern der komplette Riss, der die Schöpfung durchzieht.

Die Sünde, die Fehlstellung, ist nicht nur ein Problem des Menschen. Sie betrifft alles, was lebt.

Paulus sagt es deutlich:

Die Schöpfung ist unterworfen der Vergänglichkeit – ob sie es will oder nicht, weil der Mensch mit seinem Sündenfall die Ordnung Gottes entstellt hat. Wir leben nicht im Paradies. Der Löwe frisst das Lamm. Und das Kind kann nicht am Loch der Otter spielen.

Es herrscht keine perfekte Harmonie. Es herrscht ein Missverhältnis – seit Adam und Eva.

Und das ausbeuterische und oft unbedachte Konsumverhalten des gegenwärtigen Menschen ist nur der letzte Stein in der Mauer menschlicher Überheblichkeit und Gottesferne.

 

Paulus nennt im Römerbrief (8) die menschliche Sünde den Grund für alles Leiden und Seufzen der Kreatur, und bietet damit wohl die einzige, aber die kraftvollste Botschaft des Neuen Testaments zur aktuellen Umwelt-Debatte.

 

Franziskus vergisst im Sonnengesang die Sünde nicht. Er verfällt nicht in eine gedankenvergessene Begeisterung, sondern sieht immer den großen Gesamtzusammenhang.

 

Sonne, Mond und Sterne, Wasser, Wind und Feuer sind nicht immer nur schön, sondern ambivalent.

Mitmenschen, Tiere und Pflanzen sind nicht immer nur lieb und nett zu uns, sondern manchmal auch anstrengend, lästig oder überaus gefährlich.

 

Franziskus sieht keine naive Harmonie, wenn er von Schwestern und Brüdern redetet, er sieht vielmehr ganz realistisch.

 

Leibliche Geschwister sind auch nicht immer nur lieb und nett. Manchmal haben sie uns schon gewaltig geärgert. Aber sie bleiben doch immer unsere Geschwister, weil wir die gleichen Eltern haben, weil wir im selben Boot sitzen!

Deshalb auch mit Sonne und Mond, mit Blumen und Kräutern.

 

Die Schöpfung ist unterworfen der Vergänglichkeit.

Aber die ganze Schöpfung darf auch auf Erlösung hoffen.

Sie soll laut Paulus Anteil haben an der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes.

Paulus hält – schon fast 2000 Jahre vor der Klimakrise – fest, dass die Schöpfung seufzt und leidet.

Aber er vergleicht das mit den Geburtswehen einer Frau. Das Leiden wird ein Ende haben und es wird neues Leben da sein.

 

  1. Zur Schöpfung gehört auch der Tod.

Wenn wir den schönen Sonnengesang des Franziskus anschauen, dann fällt uns auf, dass der Tod als Schwester bezeichnet wird, und dass Gott für ihn gelobt wird.

Dieser Gedanke ist uns wahrscheinlich fremd. Den Tod blenden wir bei aller Begeisterung für die Schöpfung gerne aus. Und wenn wir ihn bedenken, dann nicht dankbar und positiv, sondern in Trauer und Schmerz.

Wie kann Franziskus dazu kommen, den Tod als Schwester anzunehmen?

Auch das ist seine Gedankentiefe wieder die Antwort.

Wer die Natur aufmerksam betrachtet, sieht Werden und Vergehen, sieht Aufblühen und Sterben, sieht Geburt und Tod.

Nichts macht uns die Vergänglichkeit und Sterblichkeit bewusster als ein Blick in die Natur. Schon das Alte Testament weiß:

Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde.

Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt (Jes 40).

Franziskus dichtet diesen Sonnengesang kurz vor seinem eigenen Tod. Er ist kein Gefühlsausbruch blühender Jugend, sondern das Bekenntnis eines todkranken Mannes.

Aber wie kann er den Tod als von Gott geschickte Schwester willkommen heißen?

Das kann er nur im Glauben. Denn sein Gott ist nicht nur der Schöpfer, sondern auch der Erlöser. Oder anders gesagt: Er ist nicht nur der Vater, sondern auch der Sohn. Wir glauben nicht nur an den Schöpfer dieser Welt, sondern auch an Jesus den Retter und an den Heiligen Geist als Vollender.

Nochmal anders gesagt: Gott hat nicht nur die Vergangenheit in der Hand, sondern auch die Zukunft.

Viele Menschen glauben ja irgendwie an Gott als die Grundlage dieser Welt, aber dass dieser Gott dann auch die Grundlage ihres Lebens und ihres Lebens nach dem Tod ist, das lassen sie dann gerne weg.

Wenn Gott aber allmächtig und ewig ist, dann muss alles in seinen Händen liegen.

Franziskus bleibt bei der Betrachtung der gegenwärtigen Welt nicht stehen, er blickt auch in das Jenseits, denn das gehört für ihn dazu.

Und damit ist er Paul Gerhardt, der ihn wohl gar nicht kannte, ganz ähnlich.

„Geh aus mein Herz und suche Freud“ bleibt nicht bei der Betrachtung der Gärten, Blumen und Bienen stehen. Paul Gerhardt blick auch ins Jenseits:

Ach, denk ich, bist du hier so schön
und lässt du’s uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden:
Was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden,
und güldnen Schlosse werden! (EG 503, 9)

Gottes Schöpferkraft hört nicht mit dem auf, was wir auf diesem Planeten vorfinden. Gottes Schöpferkraft wollte und will uns haben. Deshalb wird der Tod nur zum Übergang in das Leben bei Gott.

Franziskus unterscheidet den leiblichen Tod, der auf uns alle zukommt, in seinem Sonnengesag vom „zweiten Tod“. Dieser zweite Tod wäre die Gottesferne, die Gottesverlassenheit, das Verworfensein vor Gottes Gericht.

Vor diesem Tod sollten wir uns wirklich fürchten, indem wir uns im Glauben an Gott halten und in Jesus Christus seine Gnade annehmen.

Dann ist der leibliche Tod nur ein Übergang, kein Ende.

Und diesen Tod, der uns von hier nach dort bringt, den kann Franziskus als Schwester willkommen heißen.

Von diesem Tod kann Paul Gerhardt 500 Jahre später dichten:

 

Kann uns doch kein Tod nicht töten,

sondern reißt unsern Geist

aus viel tausend Nöten,

schließt das Tor der bittern Leiden

und macht Bahn, da man kann

gehn zu Himmelsfreuden. (EG 370, 8)

 

Der Tod nicht als bitteres Ende, sondern als Schwester, die unsere leiblichen Schmerzen beendet und uns hinüberbringt ans andere Ufer. Das ist ein gewagter, ein revolutionärer, ein glaubens-mutiger, aber ein zutiefst tröstlicher Gedanke. Franziskus und Gerhardt haben ihn gedacht.

Und wir dürfen es auch tun.

 

Liebe Geschwister,

wir haben heute nicht nur unseren schönen Bibelgarten genossen.

Wir haben nicht nur die schönen Texte von Franziskus, Luther und Paul Gerhardt betrachtet.

Wir haben auch gesehen, dass sich diese drei Glaubenszeugen sehr nahe sind.

Wir haben gesehen, dass sie sich eins sind, wenn es um den Schöpfer und den ewigen Sinn hinter allem, was ist, geht.

 

Wir haben aber hoffentlich vor allem gespürt, dass sich unser Gott eins ist:

Er hat uns und alles geschaffen, und er will, dass wir und alles andere eine Zukunft hat.

Nicht nur ein Über-leben, sondern Leben mit ihm, in Gemeinschaft, mit Sinn, mit ewiger Zukunft.

Da kann man wirklich nur sagen:

Dein ist das Lob, die Herrlichkeit und jeglicher Segen!

Amen.

3. Sonntag nach Trinitatis – Pfr. Dr. Jonas