Datum Name des TagesPredigttextPredigerPredigt
09.08.202610. Sonntag nach TrinitatisRömer 11, 25-32Prof. Dr. SchröterGnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem

Herrn Jesus Christus. Amen.



Von Zeit zu Zeit, liebe Gemeinde, ist es notwendig, dass wir uns auf die

Kernfragen unseres Glaubens besinnen. Was sind die Grundlagen

unserer christlichen Überzeugung und unseres christlichen Lebens, was

ist unverzichtbar, was macht den Kern unseres Glaubens und Lebens

aus, was verleiht ihm Struktur und Inhalt, macht diesen Glauben

erkennbar und damit auch unterscheidbar von anderen Religionen und

nicht-religiösen Überzeugungen? Es ist wichtig, sich darüber von Zeit zu

Zeit klar zu werden, denn der christliche Glaube besteht nicht einfach

aus politischen Statements und sozialem Engagement – so wichtig es

ist, dass das christliche Bekenntnis öffentlich zur Sprache gebracht, dass

es hörbar und sichtbar wird.

Was also gehört zum Kern unseres Glaubens? Sicher fällt jedem und

jeder von uns dazu sofort einiges ein: das Glaubensbekenntnis, das

Vaterunser, die Taufe, das Abendmahl, die Texte der Bibel. Das alles

sind zweifellos zentrale Inhalte des Christentums. Von Zeit zu Zeit

müssen wir aber etwas genauer danach fragen, was unseren Glauben

im Kern bestimmt; wo er seine Wurzeln hat, worauf diejenigen Inhalte

gründen, die ihm bis heute sein Profil verleihen. Der 10. Sonntag nach

Trinitatis, der auch den Namen „Israelsonntag“ trägt, stellt ein solches

wesentliches und unverzichtbares Merkmal unseres Glaubens ins

Zentrum. Der Predigttext für diesen Sonntag macht das in all seiner

Brisanz und Differenziertheit deutlich.

Dieser Text stammt aus dem Römerbrief des Apostels Paulus. Wir haben

ihn vorhin in der Lesung der Epistel bereits gehört. Es ist einer der

wichtigsten und sensibelsten Texte über das Verhältnis des christlichen

Glaubens zum Volk Israel und zum jüdischen Glauben. Dieses Verhältnis

ist schon darum so wichtig, weil der christliche Glaube mitten im

Judentum entstanden ist. Jesus war ein Jude, ebenso wie Petrus und

alle anderen Jünger und Jüngerinnen Jesu und auch die Menschen, den

Jesus begegnet ist, auch diejenigen, mit denen er in Konflikt geriet, wie

etwa mit den Pharisäern, mit denen sich Jesus oftmals über die

Interpretation der Tora, das jüdische Gesetz, gestritten hat. Diese

Auseinandersetzungen sind später oft als Konflikte zwischen Christen

und Juden gelesen worden. Dadurch haben sie eine antijüdische

Auslegungsgeschichte erfahren, in der die Juden abgewertet,

angefeindet, später auch verfolgt und getötet wurden. Die Pharisäer

wurden zu Prototypen von Heuchlern, die ihre Frömmigkeit nur äußerlich

vor sich her tragen, in Wahrheit aber an sich selbst und ihrem Ansehen

interessiert sind. Noch heute ist „Heuchler“ eine Bedeutung von

„Pharisäer“, das steht sogar so im Duden.

Diese Sicht ist Ausdruck der unseligen und furchtbaren Geschichte des

christlichen Antijudaismus, die in der unvorstellbaren Grausamkeit der

Ermordung von Millionen jüdischer Menschen durch die

Nationalsozialisten ihren entsetzlichen und traurigen Tiefpunkt fand. Der

Israelsonntag dient nicht zuletzt dazu, dass wir uns daran erinnern, was

dem jüdischen Volk in seiner Geschichte für Leid angetan wurde. Dass

wir dessen eingedenk sind, dass auch die christlichen Kirchen ihren

Anteil daran haben, wieviel Leid jüdische Menschen ertragen mussten.

Dieses Gedenken ist darum wichtig, weil es die moralische

Verantwortung gebietet, sich die Schuld und das Versagen

einzugestehen, nicht mutiger geglaubt, nicht furchtloser bekannt, nicht

deutlicher widerstanden zu haben, als unsere jüdischen Geschwister

angefeindet, verfolgt und ermordet wurden. Es ist aber auch darum

wichtig, weil der christliche Antijudaismus das Leid, das dem jüdischen

Volk in seiner Geschichte zugefügt wurde, wesentlich mitverursacht hat.

Schon sehr früh haben Christen damit begonnen, Gottes Verheißungen

für sein erwähltes Volk auf sich selbst zu beziehen und sie dem Volk

Israel abzusprechen. Damit haben sie der Feindschaft gegenüber dem

Judentum erheblichen Vorschub geleistet. Schon sehr früh haben

Christen damit begonnen, die Juden als „Gottesmörder“ zu

verunglimpfen, obwohl es natürlich die Römer und nicht die Juden

waren, die Jesus gekreuzigt haben. Schon sehr früh haben Christen

damit begonnen, jüdische Mitmenschen aus- und sich von ihnen

abzugrenzen. Daraus ist die christliche Judenfeindschaft entstanden, die

dazu geführt hat, dass jüdische Menschen für alles Mögliche und

Unmögliche verantwortlich gemacht wurden: für Epidemien, Seuchen

und sonstige Unglücksfälle; dass ihnen absurde Praktiken unterstellt und

ihnen abstruse Vorwürfe gemacht wurden. Auch daran ist heute, am

Israelsonntag, zu denken.

Die Erinnerung an diese unselige Geschichte bewahrt uns vor

unsensibler Sprache und undifferenzierten Urteilen. Sie bewahrt uns

aber auch davor, alte Vorurteile wieder aufleben zu lassen, etwa

denjenigen einer vermeintlichen Überlegenheit des Christentums über

das Judentum oder einer angeblichen Minderwertigkeit des Alten

Testaments gegenüber dem Neuen. Wie schnell solche verheerenden

Vorurteile wieder aufleben können, haben wir seit dem entsetzlichen und

brutalen Terrorakt der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 vielfach

erlebt. Es war erschütternd zu sehen, wie schnell in vielen europäischen

Ländern, auch in den USA und anderen Staaten, antijüdische

Ressentiments auflebten und eine oftmals völlig undifferenzierte und nur

schwer erträgliche Solidarisierung mit dem palästinensischen Volk bei

gleichzeitiger Ablehnung des jüdischen Volkes, etwa bei

Demonstrationen und Kundgebungen, im Zentrum stand. Es geht in

dieser Predigt in keiner Weise darum, die Politik des Staates Israel und

sein militärisches Vorgehen im Gazastreifen in irgendeiner Weise

rechtfertigen zu wollen. Worum es vielmehr geht, ist, dass wir als

Christen hellhörig und sensibel sind für antijüdische oder antisemitische

Ausfälle, dass wir aufmerksam sind, wie schnell Herabwürdigungen

jüdischer Menschen und Feindseligkeiten gegen sie mobilisiert werden.

Hierfür sensibel zu sein, haben wir als Christen allen Grund, es gehört zu

unseren unaufgebbaren Verpflichtungen und Verantwortlichkeiten

gegenüber unserem eigenen Glauben.

Aber es gibt noch einen weiteren Grund, warum es wichtig ist, dass wir

uns als Christen mit den jüdischen Wurzeln unseres Glaubens befassen.

Die Auseinandersetzungen zwischen Jesus und jüdischen Mitmenschen

seiner Zeit sind innerjüdische Debatten darüber, wie die jüdischen

Schriften und Traditionen auszulegen sind. Diese Diskussionen

gründeten immer darauf, dass alle Beteiligten sich darum bemühen, den

Glauben an Gott, der Israel erwählt und es in seiner Geschichte geführt

und bewahrt hat, so auszulegen, dass man sein Leben daran ausrichten

kann. Darüber, wie dies genau aussehen sollte, gab es damals und gibt

es heute unterschiedliche, mitunter auch gegensätzliche und strittige

Auffassungen. Wir verstehen die Texte des Neuen Testaments erst dann,

wenn wir sie in diesem Kontext lesen.

Aber nicht nur Jesus und die Menschen in seinem Umfeld waren Juden.

Auch Paulus war ein Jude. Das betont er in seinen Briefen immer wieder

sehr deutlich. Paulus hatte zunächst sogar die Jesusanhänger verfolgt,

weil er der Auffassung war, das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus

sei mit dem jüdischen Glauben nicht vereinbar. Dann hatte er ein

einschneidendes Erlebnis, das ihm die Überzeugung vermittelte, die

jüdischen Schriften und Traditionen müssten auf der Grundlage des

Glaubens an Jesus Christus verstanden und gelebt werden. Dazu

gehörte für Paulus, dass der Gott Israels der Gott aller Menschen ist,

egal woher sie kommen, ob sie Juden oder Nichtjuden sind, Männer

oder Frauen, Freie oder Sklaven. Gott will alle Menschen durch das

Evangelium von Jesus Christus retten, daran gab es für Paulus keinen

Zweifel. Wer an Jesus Christus glaubt, muss darum auch den Gott

Israels glauben. Das hat sich seither nicht verändert. Wir bekennen uns

zu demselben Gott, zu dem auch unsere jüdischen Geschwister beten.

Das verbindet den jüdischen und den christlichen Glauben seit jeher und

bildet die gemeinsame Grundlage von beiden.

Das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus markiert dagegen die

Differenz. Christen sehen in Jesus den Messias, mit dem sich die

Hoffnungen auf das Heil Gottes erfüllt haben. Juden tun das nicht. Darin

liegt der entscheidende Unterschied. Als Christen bekennen wir, dass

Gott sich in Jesus Christus offenbart hat und der Glaube an ihn zum Heil

führt. Das war damals so, das ist heute nicht anders. Diejenigen, die in

ihm den von Gott Gesandten sehen, auch und gerade angesichts seines

grausamen Todes am Kreuz, bildeten schnell eigene Gemeinschaften,

zunächst innerhalb des Judentums, sehr bald auch darüber hinaus. Zum

Bekenntnis zu dem einen Gott, dem Gott Israels, trat das Bekenntnis zu

Jesus Christus. In seinem Licht wurde nunmehr auch der Glaube an Gott

verstanden und die Schriften Israels, die wir Christen „Altes Testament“

nennen, erschlossen sich auf neue Weise. Sie wurden zu Zeugnissen

des Glaubens nicht nur an den Gott Israels, sondern auch an Jesus

Christus. Können sich Juden und Christen aber tatsächlich auf eine

gemeinsame Grundlage berufen, wenn sie dieselben Schriften offenbar

ganz unterschiedlich lesen – mit und ohne das Bekenntnis zu Jesus

Christus?

Der Israelsonntag, liebe Gemeinde, ist derjenige Sonntag im Kirchenjahr,

an dem wir über diese wichtige Frage nachdenken müssen. Und

natürlich ist uns dabei bewusst, auf welch sensiblem Terrain wir uns

dabei bewegen. Die Quellen des christlichen Glaubens verlangen es,

dass wir uns dieser Aufgabe stellen und darauf eine theologisch klare

und ethisch verantwortete Antwort finden. Gelten für die Gemeinschaften

der an Jesus Christus Glaubenden die an Israel gerichteten Texte

tatsächlich in derselben Weise? Können wir diese Texte einfach als an

uns Christen gerichtet lesen? So einfach ist es ganz offensichtlich nicht,

denn viele der Gebote – etwa die Einhaltung des Sabbats, die

Beschneidung oder die Speisegebote – werden in christlichen

Gemeinden ja gerade nicht als verbindliche Gebote Gottes betrachtet.

Paulus als ein zu Jesus Christus bekehrter Jude, war der festen

Überzeugung, dass die Beschneidung und die Einhaltung des Sabbats

für diejenigen, die „in Christus“ sind, nicht mehr verpflichtend sein

können, weil an ihre Stelle der Glaube an Jesus Christus getreten ist.

Wie aber ist dann das Verhältnis zwischen den Christen auf der einen

und Israel, Gottes auserwähltem Volk, auf der anderen Seite zu

bestimmen?



Es ist genau diese Frage, der Paulus im Römerbrief intensiv nachsinnt.

Sie hat ihn umgetrieben, ihm keine Ruhe gelassen, denn es war für ihn

die zentrale Frage überhaupt. Wie kann es sein, dass Gott in Jesus

Christus allen Menschen sein Heil angeboten hat und zugleich Israel,

sein auserwähltes Volk, in seiner Mehrheit dies nicht erkennt und einen

eigenen Weg geht?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag ist der Höhepunkt des Ringens

des Paulus um eine Antwort auf dieses Problem. Er geht dabei von zwei

Voraussetzungen aus, die für ihn gleichermaßen unumstößlich sind. Zum

einen: Israel ist und bleibt Gottes auserwähltes Volk. Daran ändert auch

der Glaube an Jesus Christus nichts. Zum anderen: Der Glaube an das

Evangelium von Jesus Christus ist der Weg zur Rettung für alle

Menschen, jüdische wie nichtjüdische. Was aber wird dann aus denen,

die zwar zum jüdischen Volk gehören, aber nicht an Jesus Christus

glauben? Diese Frage war für Paulus die wichtigste und zugleich die

schwierigste seines theologischen Nachdenkens und seines Wirkens als

Apostel. Es war nicht einfach ein theoretisches Problem, das er so oder

auch anders hätte lösen können. Für Paulus – und das ist für uns heute

nicht anders – stand mit dieser Frage vielmehr die Treue Gottes selbst

zur Disposition. Wie lassen sich Gottes Verheißungen an sein Volk so

verstehen, dass Israel Gottes Volk ist und bleibt, zugleich aber die an

Christus Glaubenden ebenfalls Adressaten dieser Verheißungen sind?

Paulus ringt mit dieser Frage. Ich bin doch selbst Israelit, Same

Abrahams, aus dem Stamm Benjamin, so betont er. Gott hat sein Volk

nicht verstoßen. Dem jüdischen Volk bleiben all die Vorzüge und

Verheißungen erhalten, die Gott ihm zugesagt hat, auch denen, die

nicht, wie Paulus selbst, an Jesus Christus glauben. Er versucht eine

Erklärung mit Hilfe eines Bildes zu finden: Es ist wie bei einem Ölbaum,

aus dem Zweige herausgebrochen und andere eingepflanzt werden, die

eigentlich nicht aus diesem Ölbaum stammen. Irgendwann können aber

auch die eigentlich dem Ölbaum zugehörenden Zweige wieder

eingepflanzt werden. Es geht bei diesem Bild, das Paulus kurz vor der

Passage entwirft, die unser heutiger Predigttext ist, nicht um botanische

Details; nicht darum, ob das alles plausibel ist und sich in einem

Handbuch für den Anbau von Ölbäumen so wiederfinden würde. Paulus

geht es vielmehr darum, mit diesem Bild eine Erklärung dafür zu finden,

warum Gott verschiedene Wege mit demjenigen Teil des auserwählten

Volkes geht, der nicht an Jesus Christus glaubt, und demjenigen, der,

wie Paulus selbst, zu eben diesem Glauben gefunden hat. Es geht

Paulus also im Kern darum, ein Problem zu lösen, dass in der Spaltung

Israels in diese beiden Teile besteht. Ein Teil, so sagt es Paulus, ist

zeitweilig von Gott verhärtet worden. Dieser Teil hat darum gegenwärtig

keine Einsicht in die Rettung durch das Evangelium. Irgendwann wird

Gott diese Verhärtung jedoch beenden. Dann, so sagt es Paulus in

unserem Predigttext, „wird ganz Israel gerettet werden“. Gott selbst wird

als der „Retter vom Zion“ kommen, er wird Israels Schuld beseitigen und

seinen Bund mit ihnen erneuern. Warum Gott einen solch komplizierten

Weg mit seinem auserwählten Volk geht, kann Paulus nicht beantworten.

Er bezeichnet es vielmehr als ein Geheimnis Gottes, als Ausdruck

seines unergründlichen Reichtums und seiner unerforschlichen

Ratschlüsse.

Am Israelsonntag, liebe Gemeinde, steht eines der zentralen Themen

des christlichen Glaubens im Mittelpunkt. Christliche Kirche und

Theologie haben sich oft nicht leicht getan mit einer Antwort auf die

Frage nach dem Verhältnis von christlichem und jüdischem Glauben, von

Kirche und Israel. Es gehört zu den bleibend wichtigen Aufgaben, sich

mit diesem Thema intensiv zu befassen. Das Ringen des Paulus um

eine Antwort auf die Frage nach dem Geschick Israels ist ein

eindrückliches Zeugnis dafür, dass wir als Christen dem jüdischen

Glauben gegenüber theologisch verantwortet, respektvoll und sensibel

dafür sein müssen, dass es letztlich in Gottes Ratschluss verborgen

liegt, auf welchen Wegen er sein auserwähltes Volk und die an Jesus

Christus Glaubenden auf je eigenen Wegen zum Heil führt. Auf dieser

Grundlage muss das christlich-jüdische Gespräch im gegenseitigen

Respekt vor der jeweils anderen Glaubensüberzeugung stattfinden.

Wo aber ist dann die Wahrheit? Darauf antwortet sehr schön ein kleiner

Text des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber: „Wir warten alle

auf den Messias. Die Christen glauben, er ist bereits gekommen, ist

wieder gegangen und wird einst wiederkommen. Ich glaube, dass er

bisher noch nicht gekommen ist, aber dass er irgendwann kommen wird.

Deshalb mache ich Ihnen einen Vorschlag: Lassen Sie uns gemeinsam

warten. Wenn er dann kommen wird, fragen wir ihn einfach: Warst du

schon einmal hier? Und dann hoffe ich, ganz nahe bei ihm zu stehen, um

ihm ins Ohr zu flüstern: ,Antworte nicht‘.“



Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre

unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
02.08.202609. Sonntag nach TrinitatisJeremia 1, 4-10Prof. Dr. SchröterGnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn

Jesus Christus. Amen.



Kennen Sie das Gefühl, liebe Gemeinde, dass Sie sich zu schwach, zu

klein, zu wenig vorbereitet fühlen für eine Aufgabe, die vor Ihnen liegt oder

die Sie sich vielleicht selbst vorgenommen haben? Dass wie ein großer,

unbezwingbarer Berg vor Ihnen steht, was Sie in den nächsten Tagen oder

Wochen bewältigen müssen? Eine traurige Nachricht, die Sie überbringen,

eine Operation, der Sie sich unterziehen, eine neue Lebenssituation, der

Sie sich stellen müssen? Etwas, das Sie nicht einfach unberührt lässt; dass

Ihr Leben vielleicht sogar nachhaltig verändern kann und bei dem Sie noch

nicht wissen, wie es danach weitergehen kann. Solche Situationen, in

denen wir in besonderer Weise herausgefordert werden, sind

Bewährungsproben. Sie können uns verunsichern, uns Angst machen.

Aber solche Herausforderungen können uns auch die Erfahrung vermitteln,

dass wir zu Dingen in der Lage sind, die wir uns zuvor gar nicht zugetraut

hätten. Es ist ja eine vielfach zitierte Lebensregel, dass man Situationen,

die beunruhigend oder bedrohlich erscheinen, nicht ausweichen, sondern

sich ihnen stellen soll. Sicherheit gewinnen und Zuversicht: das geht nicht

ohne, dass wir auch solche Lebenslagen meistern, die uns beim ersten

Gedanken daran, was da auf uns zukommt, einen Schreck einjagen und

die wir uns lieber ersparen würden.

Von einer solchen Situation erzählt unser heutiger Predigttext. Wir haben

ihn vorhin in der alttestamentlichen Lesung bereits gehört. Er steht ganz

am Anfang des Jeremiabuches. Jeremia erhält einen Auftrag von Gott. Das

trifft ihn völlig unvorbereitet und er fühlt sich auch in keiner Weise in der

Lage dazu, was von Gott von ihm verlangt. Er hatte sich das nicht etwa

selbst vorgenommen, sich nicht angeboten oder gar danach gedrängt.

Aber das spielt alles keine Rolle. Er soll, so lautet Gottes Auftrag, vor das

Volk treten und ihm die Botschaften überbringen, die Gott Israel

mitzuteilen hatte – und die waren alles andere als angenehm. Eine harsche

Kritik sollte er vortragen, daran, wie sich Israel verhalten hatte. Dass es

abgewichen war von Gottes Weg, sich auf sich selbst verlassen hatte. Er

sollte dem Volk ins Stammbuch schreiben, dass es umkehren soll zum

Gehorsam gegenüber Gott, seinen Eigensinn aufgeben, dorthin

zurückkehren, was gut und heilvoll ist. Wer ist schon gerne der Überbringer

solcher Nachrichten, wer übt gerne eine so scharfe Kritik am eigenen Volk,

der eigenen Gemeinde, an denen, die uns nahestehen? Man macht sich

damit unbeliebt, setzt sich einem Shitstorm aus, wir kennen das heute zur

Genüge.

Und so verwundert es nicht, dass Jeremia alles andere als begeistert von

seinem Auftrag war. Er wäre lieber etwas anderes geworden als

ausgerechnet Prophet, noch dazu einer, der nichts gilt im eigenen Land. Er

wehrt sich dagegen, fühlt sich zu jung, der Aufgabe nicht gewachsen, die

ihm da aufgeladen wird. Aber Gott sieht das ganz anders. Gott besteht

darauf, Jeremia zum Volk Israel zu schicken und es zur Besinnung zu

rufen. Gott weiß, dass Jeremia dazu in der Lage sein wird, auch der selbst

sich das in keiner Weise zutraut. Gott sieht mehr in Jeremia als dieser

selbst in seinem Zögern und Zagen. Und Gott sagt Jeremia seinen Beistand

Er wird ihm helfen, ihn beschützen, ihn nicht allein lassen, wenn die

äußeren Widerstände und die inneren Selbstzweifel übermächtig

erscheinen.

Jeremia hat keine Wahl. Gott beruft ihn zum Propheten, stattet ihn mit

einem Auftrag aus, dem sich Jeremia nicht entziehen kann. Ab sofort hat er

eine neue Lebensaufgabe, muss sich der Herausforderung stellen, die jetzt

vor ihm liegt. Er muss Israel von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten,

ihm ins Gewissen reden, unangenehme Wahrheiten aussprechen. Jeremia

wäre lieber ausgewichen, aber Ausflüchte gelten nicht, wenn das Leben

uns in Situationen stellt, die wir bestehen müssen.

Gott lässt Jeremias Ausreden nicht gelten. Er versichert ihm vielmehr, dass

er sehr wohl dazu in der Lage sein wird, wozu er ihn auserwählt hat. Gott

hat Großes mit Jeremia vor. Er soll an sich glauben, Mut fassen,

zuversichtlich sein. Er soll darauf vertrauen, dass Gott ihn nicht allein

lassen, dass er ihm beistehen und ihm die Kraft dazu geben wird, was er

tun soll. Als Jeremia sich dann tatsächlich daran macht, die ihm

übertragene Aufgabe anzugehen, kommt es ganz anders, als er es erwartet

hatte. Jeremia wird zu einem der großen und wichtigen Propheten des

Volkes. Sein Lebensweg ist nicht leicht, aber er fühlt sich seiner Aufgabe

verpflichtet und auch gewachsen. Sie eröffnet ihm neue Horizonte, auch

wenn sie sein Leben auf eine Weise lenkt, die er sich selbst niemals

ausgemalt hätte.

Die Berufung des Jeremia zum Propheten gehört zu den

außergewöhnlichen Erzählungen der Bibel über Menschen, die von Gott in

den Dienst genommen werden. Es ist eine außergewöhnliche Geschichte,

aber sie ist nicht völlig einzigartig. Die Bibel erzählt häufiger davon, dass

Gott im Leben von Menschen plötzlich und unerwartet in Erscheinung tritt,

sie in die Verantwortung nimmt, etwas für die Menschen, für unsere

Gesellschaft, für diese Welt zu tun. Der Apostel Paulus ist ein anderes

solches Beispiel. Wie Jeremia wurde auch er dazu ausgewählt, Gottes

Wort zu verkünden. Auch für Paulus kam das gänzlich unerwartet und hat

seinen Lebensweg völlig auf den Kopf gestellt. Diese Wende im Leben des

Paulus vom Verfolger der Jesusanhänger zum Verkünder des Evangeliums

von Jesus Christus war so spektakulär und eindrücklich, dass sie nicht nur

viele Male nacherzählt, sondern auch oft bildlich dargestellt worden ist. Das

Gemälde von Caravaggio in der Cerasi-Kapelle in Santa Maria del Popolo

ist ein Beispiel für eine Interpretation dieser Begebenheit in der Form eines

bemerkenswerten Gemäldes.

Weder Jeremia noch Paulus hatten sich selbst als Propheten oder

Glaubenszeugen gesehen. Sie wurden das vielmehr wider Willen. Dann

aber haben sie sich dieser Aufgabe voll und ganz gewidmet, ohne jede

Einschränkung und auf die Gefahr hin, verspottet und verfolgt zu werden.

Weder Jeremia noch Paulus ging es dabei um sich selbst. Sie wollten sich

nicht in Szene setzen, vor anderen groß dastehen mit ihren Taten, Eindruck

machen damit, was sie vollbringen. Ganz im Gegenteil. Jeremia wäre lieber

davongelaufen als das Volk zur Umkehr zu rufen, es zu warnen vor den

Folgen, die seine Abkehr von Gott nach sich ziehen würde. Das Volk hatte

sich abgewendet von Gott, hatte seinen eigenen Willen über die Treue zu

Gott gestellt, hatte die Liebe Gottes und seine Heilstaten vergessen.

Jeremia sah das Unglück kommen. So, wie die Verhältnisse geworden

waren, wie das Volk Recht und Gerechtigkeit mit Füßen trat, auf Macht und

Ansehen mehr setzte als auf Recht und Barmherzigkeit – so konnte es

nicht weitergehen. Und Jeremia sollte Recht behalten. Es kam in der Tat

schlimm für Israel. Das Land wurde erobert, viele wurden ins Exil gebracht,

auch Jeremia selbst.

In keinem Buch der Bibel tritt uns die Gestalt eines Propheten so deutlich,

so drastisch vor Augen wie bei Jeremia. Das macht dieses Buch, das macht

die Person des Jeremia so einzigartig. Und das lässt diesen Propheten

zugleich in sehr direkter Weise in unsere Zeit hinein sprechen. Hören wir

die Warnungen, die unsere Zeit aussendet, die Signale, die ausgehen von

den Umständen, in die wir die Welt gebracht haben? Die Gefahren sind ja

nicht eben kleiner geworden gegenüber der Zeit, in der Jeremia Israel

Gottes Botschaft ausgerichtet hatte. Wir spüren heute die Folgen

europäischen Expansionsdranges und kolonialer Attitüden vielleicht so

deutlich, wie sie noch nie zuvor zu bemerken waren. Die ungleiche und oft

schreiend ungerechte Ressourcenverteilung, die verzweifelten Versuche

von Menschen, aus Kriegs- und Hungergebieten nach Europa zu gelangen,

sprechen eine deutliche Sprache. Gerade erleben wir das wieder sehr

drastisch. Auch die Folgen der Klimaveränderungen lassen sich nicht mehr

übersehen, hier in Europa nicht und in anderen Ländern der Erde noch viel

weniger. Alexander von Humboldt hatte schon am Anfang des 19.

Jahrhunderts vor den Folgen einer rücksichtslosen Abholzung der

Regenwälder in Südamerika gewarnt, mit denen die Europäer dort

begonnen hatten. Seltsam modern und geradezu prophetisch mutet es

heute an, dass Humboldt erkannte, wie Ökosysteme funktionieren, dass

Bäume als Wasserspeicher wichtig sind und Sauerstoff produzieren, dass

die Natur nicht rein mechanisch und funktional, sondern als lebendiger und

zu schützender Organismus zu begreifen ist.

Wir spüren die Folgen unseres Tuns auch an den fragilen Strukturen des

Miteinanders, hier in Europa, aber auch darüber hinaus. Die vielen

Menschen, die derzeit vom Verlust ihrer Lebensgrundlagen bedroht sind,

stellen uns nicht nur vor finanzielle und organisatorische

Herausforderungen, sondern auch vor die Fragen nach einer gerechten

Weltordnung, nach der Verantwortung europäischer Kolonial- und

Expansionspolitik an den Verhältnissen in Afrika und im Nahen Osten, nach

der Gestaltung von Handels- und Wirtschaftsstrukturen und der

moralischen Verantwortung für drastische Unterschiede zwischen reich und

arm – nicht nur zwischen Ländern, sondern auch mitten in unseren

Städten, in unserem eigenen Umfeld, hier in Rom, in Berlin und andernorts.

Wie Jeremia das Volk seiner Zeit warnte, gibt es auch heute warnende

Stimmen, denen es nicht um Selbstinszenierung, sondern um

verantwortliches Handeln geht. Es gibt solche Stimmen in der Politik, in der

Wissenschaft, in der Kirche. Wir sind gut beraten darauf zu achten,

sensibel dafür zu sein, was geschützt und bewahrt werden muss,

aufmerksam zu sein auf Beobachtungen und Hinweise, die vom hektischen

und selbstverliebten Medienbetrieb viel zu oft in den Hintergrund gedrängt

werden.

Als Christen sind wir aufgerufen, uns nicht einfach abzufinden mit

ungerechten Verhältnissen. Wir stehen in der Verantwortung, wie seinerzeit

Israel, dem Jeremia vor Augen führte, was es seinem Gott zu verdanken

hat. Er hatte es befreit aus Ägypten, bewahrt in der Wüste, es in das Land

geführt, in dem sie zu einem großen Volk geworden waren. Gott hat auch

uns bewahrt in großen Nöten; bis hierher hat er uns geführt, und wir

dürfen dankbar sein für alles, was wir von ihm erhalten haben: dass wir in

sicheren Verhältnissen leben dürfen und uns um unser tägliches

Auskommen nicht sorgen müssen; die Menschen, die um uns sind, uns

tragen uns Geborgenheit und Liebe schenken; das Land, in dem wir leben

und das wir mitgestalten dürfen; unsere christliche Gemeinde, die uns Halt

gibt und in der wir uns zu Hause fühlen.

All das Gute, das Gott uns zugewendet hat, dürfen und wollen wir nicht

vergessen. Es gibt uns Kraft geben und Zuversicht, auch schwere Zeiten zu

bestehen im Vertrauen darauf, dass Gott unsere Welt erhält, dass unser

Leben bei ihm geborgen ist, auch und gerade in Herausforderungen und

den schweren Zeiten.

Die Geschichte von Jeremia ist die Geschichte eines Menschen, der von

Gott in besonderer Weise in die Pflicht genommen wurde. Es lassen sich

auch Beispiele nennen, die uns näher sind als die Zeit des Jeremia. Dietrich

Bonhoeffer, ein engagierter und konsequenter Theologe des 20.

Jahrhunderts, hat sich aus Verantwortung gegenüber seinem christlichen

Gewissen dazu entschlossen, in den Widerstand gegenüber dem

nationalsozialistischen Regime zu treten. Das hat sein Leben nicht weniger

nachhaltig verändert, als es bei Jeremia und Paulus der Fall war. Für

Bonhoeffer bedeutete es, dass sein gerade erst begonnener Weg in die

Theologie und ins Pfarramt jäh abgebrochen wurde. Er wurde ins

Gefängnis geworfen und schließlich hingerichtet. Seine Briefe, die er aus

der Haft geschrieben hat, sind überaus tiefe und eindrucksvolle Zeugnisse

dafür, dass sein christlicher Glaube ihm die Kraft gegeben hat, diese

überaus schwere Zeit in seinem jungen Alter zu bestehen. Auch in unserer

unmittelbaren Gegenwart gibt es mutige und aufrechte Menschen, die sich

nicht korrumpieren und sich keine Angst einflößen lassen, sondern mutig

und konsequent zu ihrer Überzeugung stehen.

Was wir an diesen Menschen lernen können, liebe Gemeinde, ist das

Vertrauen, dass Gott uns die Kraft dazu geben wird, die Aufgaben, vor die

das Leben uns stellt, bewältigen zu können. Diese Aufgaben sind ganz

unterschiedlicher Art und es ist dafür auch nicht notwendig, dass wir uns

mit so eindrucksvollen Menschen wie Jeremia, Paulus oder Bonhoeffer

direkt vergleichen. Aber auch für jeden und jede von uns hält Gott eine

Aufgabe bereit. Diese Aufgabe kann schwer erscheinen, manchmal sogar

so schwer, dass sie uns Angst macht und wir uns zu schwach vorkommen.

Die Geschichte vom Propheten Jeremia macht uns dabei Mut. Sie macht

uns gewiss, dass Gott auch unseren Lebensweg begleitet; dass er uns für

die Aufgabe, der wir uns stellen sollen, auch die Kraft geben wird. Und so

ist unser Predigttext in seinem Kern eine große Ermutigung für uns alle. Er

ist die Ermutigung dazu, voller Hoffnung und Zuversicht für diese Welt

dasjenige zu tun, das wir als richtig und heilvoll erkannt haben. Er ist die

Ermutigung, dass unser Leben in Gottes Hand liegt und er es zu einem

guten Ende führen wird. Er ist die Ermutigung, dass wir nicht allein sind

mit unseren Sorgen und Ängsten, sondern Gott mit uns ist, uns bewahrt

und sicher geleitet. Amen.



Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre

unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
26.07.202608. Sonntag nach TrinitatisJohannes 9,1-7Past. Patrick Spitzenberger Liebe Schwestern und Brüder, eine Wundergeschichte. Nun gut. Da
kennen wir doch so einige. Wahrscheinlich schon von Kindesbeinen an.
Aber diese Wundergeschichte hat es in sich. In ihr steckt so viel mehr als
in diesen sieben Versen auf den ersten Blick zu erkennen ist. Daher
möchte ich heute zwei Sichtweisen auf diesen Text, zwei Perspektiven
anbieten: Wir hören zunächst den geheilten Menschen selbst, das, was
ihm vielleicht durch den Kopf gehen könnte. Und dann versuchen wir –
so gut es geht – von außen auf die Szene zu schauen. Wenn wir also
den geheilten Menschen erzählen ließen, klänge es in etwa so?
Da kam dieser Jesus, den ich davor nicht kannte. Die anderen um mich
herum waren in heller Aufregung, das spürte ich genau. Ich selbst hatte
mir ehrlich gesagt nicht viel erwartet. Als von Geburt an blinder Mensch
hatte ich ja außer Betteln keine Chance. Plötzlich blieb die Gruppe bei
mir stehen. Und dann stellen die diese Frage und reden über mich, als
ob ich nicht direkt danebensitze: Wer hat gesündigt, dass der blind ist?
Ja, so ist das Denken der Menschen. Irgendjemand muss ja schuldig
sein. Es braucht doch einen Grund – also habe ich mich darauf
eingestellt, wie so oft irgendeine langatmige Antwort zu bekommen. Aber
heute war alles anders. Jesus sagte dieses Unglaubliche, dass nämlich
ich und auch meine Eltern daran keine Schuld tragen. Dass Gott an mir
wirken möchte. Und dann ging alles ganz schnell. So richtig beschreiben
kann ich es gar nicht. Ich spürte nur seine Hand und etwas Warmes auf
meinen Augen und dann sendet er mich zum Teich Siloah – und mir
gehen die Augen auf. Könnt ihr das glauben?

Ja, ihm gehen die Augen auf. Sehend kommt er wieder vom Bach. Und
alles ist neu. Schauen wir genauer auf diese wundersame Erzählung bei
Johannes im neunten Kapitel. Zunächst lässt sich Jesus nicht ein auf
das menschliche Fragen, wer denn nun gesündigt hat, dass der Mensch
am Straßenrand blind ist. Eine Vorstellung, die ja auch heute noch bei
manchen Mitchristen vorherrscht, einer muss der Schuldige sein,
gesündigt haben, sonst wäre doch der Mensch nicht so arm dran. Aber
wie soll das bei einem blind Geborenen funktionieren? Hier versagt – wie
so oft – das Denken im Tun-Ergehens-Zusammenhang.
Exemplarisch können wir da ins Buch Hiob schauen, das diesen
Gedanken Lügen straft. Und Jesus tut es ja auch, er lässt sich auf diese
Spielchen gar nicht ein. Er weist die Spekulation ab. Es hat weder dieser
gesündigt noch seine Eltern. Und nicht nur das, er wendet den Blick der
Menge und auch unseren Blick, die wir diese Geschichte hören. Von der
Vergangenheit, dem Blick zurück, in die Zukunft. Schau nach vorn, es
geht jetzt nicht darum, was gewesen ist, sondern, was kommen wird: Es
sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
Da wird mir erst einmal unwohl: Soll hier das Leiden, die Blindheit von
Geburt an, wegdiskutiert werden? Das ist alles in Gottes Plan
eingeschlossen, es hat schon einen Sinn? Kann das trösten? Wie oft
wird sich der Blinde und seine Angehörigen diese Fragen gestellt haben,
über ihnen verzweifelt sein? Da müssen wir weiter ausholen. Der
Evangelist Johannes stellt uns Jesus in seinem gesamten Evangelium
als souveränen Herrn vor. Jesus weiß immer schon mehr als seine
Jünger, als die Menschen, die mit ihm unterwegs sind und auch als wir
Leser. Jesus ist sich seiner Sendung, seiner Mission für diese Welt
bewusst. Und so schließt er auch die Heilung des Blinden in Gottes
Heilsplan für diese Welt ein. In das große Werk der Versöhnung Gottes
mit seinen Geschöpfen.
Die Werke Gottes [sollen] offenbar werden an ihm [dem blinden
Menschen]. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat,
solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Ja, es
kommt die Nacht, Jesus weiß das schon, in der er verraten, verspottet,
gefangen, gefoltert und schließlich getötet werden wird. Und alle mit ihm
werden gelähmt sein vor Schmerz und Trauer. Deshalb gilt es jetzt zu
wirken.
Jesus ist sich seiner Sendung in die Welt bewusst. Die Werke Gottes
wirkt er, schöpferisch wirkt er, wie Gott-Vater im Anbeginn der Zeiten.
Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.

Und als das Licht der Welt, als das Licht des ersten Schöpfungsmorgens, wirkt er die
Werke Gottes an diesem blinden Menschen. Er wird ihm zum Licht,
indem er ihm die Augen öffnet. Indem er schöpferisch wirkt. Und das
wird uns hier ganz plastisch, nahezu drastisch beschrieben. Als [Jesus]
das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und
strich den Brei auf die Augen des Blinden.
Jesus wirkt die neue Schöpfung. Er ist der Beginn der neuen Schöpfung.
Und handelt schöpferisch. Schauen wir ganz an den Anfang der Bibel,
lesen wir im zweiten Kapitel des Buches Genesis, wie Gott aus Staub
den Menschen erschafft. Kunstvoll, wie ein Handwerker. Da machte Gott
der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm
den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein
lebendiges Wesen (Gen 2,7). Jesus handelt schöpferisch an dem
blinden Menschen, er wirkt die Werke dessen, der ihn gesandt hat.
Und er schickt ihn nicht nach Hause, sondern zum Teich Siloah. Warum
das? Hier ist der Evangelist Johannes genial, spielt er doch mit den
Worten. Siloah ähnelt dem hebräischen Begriff für Gesandt. Der
Gesandte Gottes, Jesus Christus, ist der Grund der Heilung. Er ist der
Gesandte Gottes für diese Welt und sendet wiederum seine Jünger aus.
So wird der ehemals Blinde selbst zum Gesandten, der vielen Menschen
die frohe Kunde, das freimachende, augenöffnende Wort Jesu
verkünden wird. So wie uns am heutigen Morgen.
Und hier kommen wir ins Spiel. Jesus stellt auch uns wieder her. Sein
Tod am Kreuz überwindet alles, was zwischen Gott und uns Menschen
steht. Was seine gute Schöpfung verdorben hat. Unsere Blindheit.
Unsere Schuld. Unser Versagen. Mit dem Evangelisten Johannes
bekennen wir, dass wir alle sind so oft blind sind für die Werke Gottes,
dass wir Jesus als das Licht des Lebens brauchen. Alle müssen wir von
ihm angerührt werden, um sehend zu werden im Glauben. Jeder
Mensch, der zum Glauben kommt, wird aus seiner Blindheit
herausgeführt und so zu einem Sehenden. Wird in Christus Teil der
neuen Schöpfung. Weil ich durch den Glauben mein Leben neu sehen
kann. Weil ich mit den Augen des Glaubens Gott in meinem Leben
entdecken kann und auf ihn hin zugehe. Weil mein Leben so einen
Grund bekommt und ein Ziel. Bei Gott selbst.

Am heutigen Sonntag hören wir diese Geschichte, heute, wenn wir im
Evangelium aufgerufen sind, selbst Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Also in dieser Welt zu wirken aus unserem Glauben heraus. Für die
Menschen, die mit uns leben. So wie Jesus den ehemals Blinden sendet
und er zum Boten der Botschaft Jesu wird, so sendet er auch uns.
Und vielleicht kann ja auch ich an meinem Platz zum Licht werden.
Durch einen Anruf. Ein gutes Wort. Eine kleine Spende. Bei der nächsten
Begegnung, wenn ich erzähle, was mir Kraft zum Leben gibt. Wo ich
gehalten bin. Da können Augen aufgehen – es gibt ja noch Nachfolger
Jesu in unserer Zeit. Da bin ich ganz schnell in der Spur des Gesandten.
Denn wo Gott am Werk ist, da endet Geschichte nicht. Wo Gott am Werk
ist, da verändert sich das Leben. Und deshalb hören wir noch einmal
dem geheilten Menschen zu, geben ihm das letzte Wort. Der gesendet
wird, sich im Bach Siloah wäscht und sehend wieder kommt. Und
dessen Lebensgeschichte eine ganz neue Wendung nimmt:
Ich spürte noch seine Hand und etwas Warmes auf meinen Augen und
dann sendet er mich zum Teich Siloah – und mir gehen die Augen auf.
Hier endete ja die Geschichte, die ihr heute Morgen gehört habt. Aber
eigentlich geht es hier erst richtig los: Die Nachbarn glauben mir nicht,
dass ich es bin. Weil ich so verändert zurückkomme. Und dass Jesus an
mir gehandelt hat. Sie bringen mich zu den religiösen Autoritäten, aber
auch die suchen nur Gründe, um Jesus zu verurteilen. Dass er mich am
Sabbat geheilt hat. Dass er selbst ein sündiger Mensch ist. Es scheint,
dass sie blind geworden sind.
Aber ehrlich, mir war das egal. Jesus hat mich sehend gemacht. Und ich
habe immer mehr gesehen, immer tiefer. Er hat mich gesendet. Ich
konnte nicht mehr still sein. Mein ganzes Leben hat sich verändert. Er
hat mich zurück in die Gesellschaft gebracht. Er hat mich an Leib und
Seele berührt. Er hat mir die Augen für die Welt geöffnet, mich neu
geschaffen. Später traf mich Jesus wieder und er fragte: Glaubst du an
den Menschensohn? Und ich antwortete: Wer ist er, Herr, dass ich an ihn
glaube? Da sagte Jesus zu mir: Du hast ihn gesehen und der mit dir
spricht, ist es. Und ich fiel vor ihm nieder und konnte nur noch stammeln:
Ich glaube, Herr. Könnt ihr das glauben?
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure
Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
19.07.202607. Sonntag nach TrinitatisHebräer 13, 1-3Past. Patrick SpitzenbergerEiner der größten Unterschiede, liebe Schwestern und Brüder, zwischen
Deutschland und Italien ist für mich die Tischgemeinschaft. Essen ist
mehr als reiner Selbstzweck. Für unsere deutschen Gäste war das bei
unserer Hochzeit im Piemont ganz schön herausfordernd, fünf Stunden
zu essen. Sitzen, aufstehen, essen, immer wieder neu
zusammenzukommen. Gerade an besonderen Tagen, ob Geburtstag
oder Feiertag, auch am Sonntag, kommen an vielen Orten viele
Menschen zusammen. Man isst und trinkt, aber noch viel mehr: Man
nimmt sich Zeit füreinander. Manche laden sogar die ein, von denen sie
wissen, dass diese sonst den Tag allein verbringen würden. So viel
gehört zur Tischgemeinschaft, viel mehr als schnell satt zu werden. Und
es fällt auf, wenn meinem Nebenmann der Appetit vergeht, wenn es ihm
nicht gut geht.
Tischgemeinschaft, das ist etwas Urchristliches. Wir lesen in der
Apostelgeschichte von den jungen Gemeinden, die sich nach Jesu
Auferstehung beinahe täglich treffen, das Brot brechen, also Abendmahl
feiern und dann im Anschluss gemeinsam essen. Tischgemeinschaft
haben. Unzählige Male lesen wir von Jesus, der mit seinen Jüngern
zusammenkommt, isst und trinkt, dass es für Aufsehen sorgt. Nicht nur,
dass und was er isst, sondern auch mit wem er da am Tisch sitzt. Ein
Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder (Lk 7,34)
wird ihm nachgerufen.
Wir hören, wie aus Wenigem Viele satt werden. Manchmal reichen
wirklich fünf Brote und zwei Fische und 5000 werden satt. Und das Volk
Israel fragt in der Wüste erstaunt: Man-hu? Was ist das? Es ist das Brot,
das euch der Herr zu essen gegeben hat. (Ex 16,15). Panem de caelo
praestitisti eis. / Omne delectamentum in se habentem. Brot vom Himmel
hast du ihnen gegeben. / Das alle Erquickung in sich birgt, so spricht die
biblische Weisheit und ihr Ruf hat Eingang gefunden in die Liturgie
(Weisheit 16,20).
Brot für Leib und Seele. Was wir am Altar feiern, hat Auswirkungen auf
unser Leben. Der Hunger nach dem Brot des Lebens, nach Jesus
Christus, den wir im Abendmahl empfangen, ist Hunger nach Leben.
Nach Heil Sein. Nach Gerechtigkeit. Nach Gemeinschaft und Solidarität.
Gott will beides stillen. Den Hunger des Leibes und der Seele. Und es soll für jeden reichen. Ein jeder sammle, so viel er zum Essen braucht,
gibt Mose die Anweisung Gottes weiter. (Ex 16,16). So viel du brauchst.
In diese Richtung lenkt auch der Hebräerbrief unseren Blick. Drei kurze
Verse werden uns heute mitgegeben. Müde gewordene Christen will er
ermuntern, das Vertrauen auf Gott nicht wegzuwerfen (Hebr 10,35). Eine
von Verfolgung gezeichnete Gemeinde in Rom, eigentlich mehr Predigt,
Motivationsrede als Brief. Haltet an Jesus fest. Mitten in der Bedrohung.
Mitten im Leid. So hören wir:
Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. 2 Gastfrei zu sein vergesst nicht;
denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. 3 Denkt an
die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten,
weil auch ihr noch im Leibe lebt. (Hebr 13,1-3)
Wenn sich die junge Gemeinde trifft, wenn sie Tischgemeinschaft mit
Gott und untereinander hält, dann sollen die mit dabei sein, denen es
nicht gut geht. Gefangene, Misshandelte, Fremde. Die Gemeinde weiß
es ja selbst wie es ist verfolgt, ausgestoßen, misshandelt, verlacht zu
sein, weil auch ihr noch im Leibe lebt. Brüderliche, geschwisterliche
Liebe. Nicht nur innerhalb des eigenen Kerns, der eigenen Familie, den
Freunden. Sondern auf die ganze Gemeinde bezogen.
Es ist eben nicht so, dass die oberste Pflicht sei, erst die eigene Familie
zu lieben, dann den Nachbarn, dann die lokale Gemeinschaft, dann die
Mitbürger, und danach erst den Rest der Welt. Wenn Christus selbst Herr
und Bruder ist, dann sind wir Teil seiner neuen Familie. Er ist es, zu dem
wir aufschauen, der Herr über unser Leben ist und gleichzeitig der
Bruder, der mit uns – an der Seite – durch das Leben geht. Aufschauen
zu ihm heißt daher auch nach rechts und links zu blicken. Gastfrei zu
sein vergesst nicht.
Diese besondere Hochschätzung der filoxenia, der Gastfreundschaft,
finden wir in der Antike vor. Aber sie geht eben über die Familie hinaus.
Reisende sind im Blick, vielleicht andere Christen, die unterwegs sind.
Diese aufzunehmen, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel
beherbergt. Boten Gottes, die mir vielleicht neue Perspektiven geschenkt
haben. Im Glauben oder auf mein Leben. Vielleicht kennt ihr das auch,
wenn man zunächst gar keine Lust auf einen Termin, eine Begegnung
hat und dann eröffnet sich dort eine neue Perspektive. Das hätte ich
nicht gedacht, dass…So habe ich das noch nicht gesehen…Vielleicht
beim Incontro im Garten, bei der Begegnung mit den vielen Reisenden
und Gruppen, die zu uns kommen, ist mir das schon ab und an passiert.
Menschen begegnet zu sein, die ganz neu über Gott und diese Stadt reden. Und die manchmal dann auch hier, in unserer Gemeinde, Heimat
auf Zeit finden. Dazukommen, Brot und Wein, Tischgemeinschaft teilen.
Der Gast bringt eben manchmal Gott mit und das Netz der Gemeinde
reicht über den eigenen Nahraum, die eigene Familie hinaus, bis in
himmlische Sphären. Und diese himmlischen Höhen verweisen uns dann
wieder auf die Erde. Denn wie singen die Engel? Ehre sie Gott in der
Höhe und Friede auf Erden, den Menschen ein Wohlgefallen. So ist im
Gebet, in der Fürsorge, im Besuch, Platz im Leben für Gefangene und
Misshandelte, ein Platzhalter für alle Menschen, die unsere Zuwendung
mitten im Leben brauchen.
Der Gedanke ist ein Wunderbarer – selbst mitten in der schwierigsten
Situation ist noch Platz für meinen Nächsten. Und aus dem Mangel, aus
so wenigem, kann Gott Großes machen. Die Speisung der 5000 und das
Manna in der Wüste künden davon. Ja, in den Mangel hinein geht Gott.
Aber nicht nur in den Mangel meiner Nächsten, in den der anderen. Im
Abendmahl lässt mich Gott sein Versprechen schmecken. Dass er in
meine Fehler hineingeht. Dass er mir Neuanfang schenkt und
Gemeinschaft mit ihm. Er legt sich mir auf die Zunge. Mein Leben nimmt
sein Leben auf. Radikal. Von der Wurzel her. „Nimm hin und iss. Diese
Worte umfassen alle Geheimnisse des Todes und der Auferstehung“,
schreibt Luther (WA 9,660).
Wer diesen Worten im Glauben traut, der hat Vergebung der Sünde und
ewiges Leben. Weil Christus selbst durch diese Worte handelt. Weil er
seinen Leib und das einfache Brot zusammenspricht. Nimm hin uns iss.
Hier ist dein Leben geborgen und gehalten. Hier ist deine Versicherung
gegen Schuld und ewigen Tod. Es ist beachtlich, dass hier in Rom alle
zwei Wochen das Heilige Abendmahl gefeiert wird. Dass es der
Gemeinde und ihrem Vorstand wichtig ist. Viele evangelische
Gemeinden haben das leider ein bisschen aus den Augen verloren.
Dieses große Wunder. Dieses ewige Geheimnis. Dass sich Christus dir
schenkt im Abendmahl. Sich dir auf die Zunge legt. Dass er ganz bei dir
sein möchte, dass du ihn schmecken kannst. Tischgemeinschaft mit ihm
und untereinander. Und Friede, der vom Altar ausgeht. Bei den
Menschen ein Wohlgefallen.
Essen und Trinken, Tischgemeinschaft, hält eben Leib und Seele
zusammen. Was mir in Italien noch einmal so deutlich wird, das gilt im
Sakrament erst recht. Gottes Zusage ist es, die mich trägt. Der mir selbst
Wegzehrung ist. Der für mich Platz hat an seinem Tisch. Und für meinen Nächsten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
12.07.202606. Sonntag nach Trinitatis5. Mose 7, 6-12Pfr. Dr. JonasLiebe Gemeinde,

auf welchem Boden stehen wir?

Was ist die Grundlage?

Unseres Lebens, unseres Glücks, unseres Schicksals?

Was ist die Grundlage unserer Kirche und dieser Gemeinde?

Was gibt uns Sicherheit? Auf welchem Boden stehen wir?

Ist es unsere Kraft und Leistung, unsere Gesundheit und unsere finanzielle Vorsorge?

Und bei unserer Gemeinde:

Ist es ihre Tradition und Geschichte, ihre Kraft uns Anstrengung beim Bazar und sonst, ihre Bekanntheit in der römischen Ökumene oder gar ihr Pfarrer?

Was trägt?



Das wunderbare Gotteswort aus dem 5. Buch Mose spricht Klartext. Liebevoll, aber doch gleichzeitig entwaffnend klar.

Da wird die Frage beantwortet nach Grund und Fundament, nach Sicherheit und Zukunft – im Blick auf das Volk Gottes:



Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern.

Wir könnten vom Propheten Jesaja hinzufügen:

Fürchte dich nicht, Israel, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein. (Jes 43, 1)



Es ist die Zugehörigkeit, die Halt gibt.

Du bist mein. Gott hat dich zum Eigentum erwählt.

Was sich erst einmal schön anhört, löst ja bei uns ja auch Widerstand aus.



Zum einen sind wir als moderne aufgeklärte Menschen nicht gerne jemandes Eigentum, sondern individuelle freie Personen.

Zum andern definieren wir uns tendenziell lieber über unsere Leistungen und Verdienste, als über unsere Beziehung zu Gott.

Wie oft habe ich in dieser Gemeinde gehört, was jemand alles gemacht hat und geleistet hat beim Bazar oder im Frauenverein oder bei anderen Aktivitäten! Das ist alles wunderbar und verdient höchste Ankerkennung!

Aber wie selten habe ich gehört, dass jemand sagte: Ich gehöre zu dieser Gemeinde, weil ich hier Halt und Zugang zu meinem Gott finde.

Selbst im Glauben, selbst als Christenmenschen, selbst als Lutheraner im so katholischen Italien neigen wir eher dazu, uns über unsere Taten zu definieren. „Ich habe doch…“

Aber Gott unterbricht uns bei dieser Auflistung sofort und sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“

Er sagt nicht: „Ich lasse mir gerne vorrechnen, was du alles getan hast und wie leistungsfähig du bist, und entscheide mich dann vielleicht für dich.“

Er sagt: „Du bist mein.“ – schon bevor wir irgendetwas für ihn getan haben, schon in der Taufe, schon zum Säugling.



Es ist wie die Liebe einer Mutter, die ihr neugeborenes Kind nicht wegen seiner Leistungen liebt – die gibt es noch gar nicht! – , sondern allein wegen der Beziehung, wegen der Zugehörigkeit: „Du bist mein.“



Es ist schwer, sich das gefallen zu lassen, weil wir alle keine Babys mehr sind und auch keine Kinder mehr sein wollen. Aber im Glauben, in der Gottesbeziehung ist das leider die Wahrheit. Warum sonst nennt uns die Bibel an so vielen Stellen „Kinder Gottes“? Warum sonst nimmt Jesus die kleinen Kinder als Beispiel und sagt: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Mk 10,15)?



Wir sind von Gott aus definiert über unsere Beziehung zu ihm und nicht durch unsere Leistungen in dieser Welt.

Und diese Beziehung ist ziemlich einseitig gestaltet. Diese Beziehung hat ein eindeutiges Gefälle.

Gott hat dich erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern.

Jesus sagt später noch zugespitzter: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt (Joh 15, 16).

Gott hat dieses Verhältnis bestimmt. Er ist der Erste. Er macht die Regeln. Er hat alles in der Hand.

Eine junge Kollegin hat dieses Gefälle kritisiert. Ihr gefalle dieses Gottesverhältnis nicht. Sie wolle eine Partnerschaft in Freiheit und auf Augenhöhe. Gott und der Mensch als gleichberechtigte Partner, die sich annähern oder aus dem Weg gehen können…

Aber Gott ist der Schöpfer und wir seine Geschöpfe!

Er ist der Herr, und wir sind Ton in seinen Händen (Jer 18,6)!



Gott und Mensch stehen nie auf gleicher Ebene, gehen nie von denselben Voraussetzungen aus. Er ist der Unbedingte und wir, wir sind durch allerlei Voraussetzungen bedingt, limitiert, begrenzt.

Und es ist allein schon ein Wunder, dass sich dieser unendlich erhabene und ewige Gott für uns interessiert und sich zu uns hinabbeugt und uns in eine Beziehung anbietet.



Dich hat der Herr erwählt zu seinem Eigentum.

Das ist Beziehung. Das ist eine rettende Beziehung. Das ist Gemeinschaft, die uns trägt und hält.

Aber eben auch eine Beziehung mit Gefälle. Er ist der Herr!

Und er macht die Regeln: „So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.“



Es ist eine sonderbare Mode im gegenwärtigen Christentum, dass man (demokratisch verbrämt) jegliche Hierarchie im Gottesverhältnis verbannt und Gott zum bloßen Partner an deiner Seite macht.



Gott ist der Herr! Und wir sind seine Geschöpfe.

Es ist wie in der Beziehung vom Säugling zu seiner Mutter. Diese Beziehung hat auch ein Gefälle – aber eben auch die unbedingte Liebe.



Liebe, Beziehung und Demut im Gottesverhältnis zusammen zu denken, das ist die Stärke des 5. Buches Mose, des Deuteronomiums.



Gott liebt, erwählt, bindet sich, rettet und fordert, dass man dieser Bindung gerecht wird und entsprechend lebt. Das ist wunderbar auf den Punkt gebracht. Das Neue Testament wird diese Dynamik nicht ändern, sondern nur weiter vertiefen.



Haben wir uns schon einmal bewusst gemacht, dass die Heilige Schrift unser Verhältnis zu Gott nicht als Vertrag, nicht als Kalkulation, nicht als physikalische Formel darstellt, sondern als Liebe.

Es gibt genug Religionen, in denen die Kategorie der Liebe gar nicht vorkommt.

Bei unserem Gott kommt sie nicht nur vor, sondern ist sie leitend. Sie ist leidenschaftlich, so leidenschaftlich, dass sie das Leiden nicht ausschließt, sondern sich hinabbegibt bis in den Tod am Kreuz, um uns in blutiger Umarmung heimzuholen.

Ich sage nicht, dass das alles ohne Zumutung an uns ist. Aber seien wir ehrlich: Echte Liebe ist immer auch eine Zumutung.



Und wir, wir müssen uns diese erwählende, diese leidenschaftliche, diese uns zuvorkommende Liebe nur gefallen lassen – abseits aller Leistungen, Vergleiche und Erfolgsbilanzen.



Wie hieß es im 5. Buch Mose?

Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat.



Ist Israel nun klein oder groß?

Das kann man auch im Alten Testament ganz unterschiedlich sehen.

Natürlich war Israel im Vergleich mit den großen Nachbarvölkern immer klein.

Aber dennoch wurden sie in Ägypten auch groß – zu groß für den Pharao. Natürlich waren sie immer auch stark, so dass andere Völker zurückwichen.

Natürlich hatte Gott dem Abraham verheißen:

„So zahlreich wie die Sterne am Himmel werden deine Nachkommen sein“ (Gen 15,5).

Wir sehen: Die Größe und die Macht und Stärke Israels ist nie Vorbedingung von Gottes Liebe, sondern immer deren Folge!



Groß oder klein – wichtig oder unwichtig:

Alles eine Frage der Selbstdefinition.



Ist unsere Gemeinde klein oder groß, wichtig oder unwichtig?

Alles eine Frage der Selbstdefinition.

Natürlich sind wir zahlenmäßig verschwindend klein. Natürlich ist unser Einfluss ausgesprochen begrenzt und unsere Geschichte jung. Natürlich sind wir nur ein Teil der ELKI.

Aber doch sind wir auch immer wieder wichtig. Manchmal auch über die Maßen wichtig: Wenn deutsche Medien sich mehr für uns interessieren als für vielfach größere Gemeinden in Deutschland, wenn die Päpste uns besucht haben, wenn wir in der Ökumene ernstgenommen und geschätzt werden. [Und ich danke an dieser Stelle unseren anwesenden Freunden Pater Augustinus und Matthew Lafferty für Ihre geschwisterliche Treue!]

Wir waren wichtig, wenn wir hier bei aller Limitierung Menschen Rückhalt und Anbindung geboten haben. [Und ich danke an dieser Stelle allen, die in dieser Gemeinde dazu beitragen, besonders auch dem Vorstand mit seinem Präsidenten.]

Klein oder groß: Das ist alles eine Frage der Selbstdefinition.



Bist du klein oder groß, wichtig oder unwichtig, bedeutend oder leicht zu übersehen?

Das kannst du dich fragen, Israel. Das kannst du dich fragen, Christuskirche. Das kannst du dich fragen, Mensch, ob italienisch oder deutsch, ob reich oder arm, ob alt oder jung.



Klein oder groß: Das ist alles eine Frage der Selbstdefinition.

Nein! Nicht der Selbst-Definition, sondern der Gottes-Definition.

Er sagt Israel, was es wert ist.

Er schenkt dir die Augenblicke, in denen du dich wertvoll und angenommen fühlst.

Er ist es, der unser Leben am Ende beurteilt.



Von der Selbstdefinition zur Gottes-Definition überzugehen, das ist eigentlich das ganze Evangelium.

Mein Leben, meinen Wert, meine Größe nicht von anderen oder meinen eigenen Launen bestimmen zu lassen, sondern vom ewigen, lebendigen, wahren Gott: Das ist der Schritt ins Licht.

Deine wahre Größe erkennst du nicht beim Blick auf dein Konto, sondern am Handeln deines Schöpfers.

Deine wahre Schönheit siehst du nicht beim Blick in den Spiegel, sondern im makellosen Angesicht Jesu, das dir der Schöpfer anrechnen wird.

Deinen wahren Wert erkennst du nicht beim Blick auf deinen Leistungen, sondern in den Augen Jesu Christi, die dich auch noch anblicken, wenn du ganz unten bist.

Von der Selbstdefinition zur Gottes-Definition.

Das ist der Schritt, den die lutherische Lehre immer in die Mitte gestellt hat.

Das ist der Schritt, zu dem auf dieser Kanzel hoffentlich immer eingeladen werden wird.

Das ist der Schritt, der nie ins Leere treten wird, sondern in eine ewige Zukunft. Du bist mein!
05.07.202605. Sonntag nach TrinitatisLukas 5,1-11Pfr. Dr. JonasLiebe Gemeinde!

Fischer fangen Fische. Oder auch nicht!

Wir sind alle – zumindest im Hauptberuf – keine Fischer und hören heute im Evangelium diese Geschichte vom Fischfang im See Genezareth.

Simon Petrus ist Fischer. Er hat keine Fische gefangen. Jedenfalls zunächst nicht. Die ganze Nacht gefischt, gearbeitet und nichts gefangen.

Und als er dann auf Geheiß eines Mannes, den er am Ende der Geschichte seinen Herrn nennen wird, noch einmal in die Mitte des Sees hinaus rudert und mehr Fische fängt, als die Netze halten können – da kehrt der Fischer dem Fischen und seinem Boot den Rücken und folgt dem nach, der ihm diesen Fischzug geschenkt hat.

Aus ist’s mit dem bisherigen Beruf.

Fischer fangen Fische.

Aber nun heißt es: Jünger fangen Menschen.

Aus dem Fische fangenden Simon Petrus soll ein Menschenfischer werden.

Und aus dem wird der Apostel, auf dem der Herr seine Kirche bauen will.



Der Fischfang ist am Anfange der Geschichte ein Beruf und am Ende der Geschichte ist er nur noch eine Metapher dieser bilderreichen Geschichte.

Der See, das Ufer, der Fels, das Boot, die Fische…

Diese Geschichte ist ausgesprochen doppelbödig.

Und in ihrer Doppelbödigkeit bodenlos.



Natürlich ist allein schon die Natur in ihren Erscheinungsformen vieldeutig und Goethe hat uns geraten:



Müsset im Naturbetrachten

Immer eins wie alles achten. (Epirrhema)



Aber bei den vielen schönen Einzelheiten dürfen wir nicht stehen bleiben, sondern wir müssen sehen, was der Zusammenhang dieser bildreichen Geschichte ist.

So wie wir übrigens auch im Glauben eingeladen sind, unser eigenes Leben nicht nur als Abfolge vieler (schöner und interessanter) Einzelheiten zu verstehen, sondern dahinter und über allem und nach allem noch ein Ziel und einen roten Faden.

Dazu muss man freilich genau hinschauen! Und das tun wir in jedem Gottesdienst.



Schon am Anfang der Geschichte wird es bodenlos. Wie immer, wenn Gottes Wort die Menschen trifft.



Die Menge bedrängt Jesus, um das Wort Gottes zu hören. Wir können das nachvollziehen: Die Vornestehenden verstehen ihn gut; die hinten verstehen fast gar nichts.

Und der Zimmermannssohn aus Nazareth beschließt, aufs Wasser auszuweichen.

Nicht, um dem Volk den Rück zu kehren! Ganz im Gegenteil: Jesus verlässt das Land, auf dem man sicheren Boden unter den Füßen hat, und lässt sich ein wenig auf den See hinausrudern – so, dass ihn nun alle hören können:

Sie alle, die am sicheren Ufer mit sicherem Boden unter den Füßen dastehen, um Gottes Wort zu hören.



Ja, so sind wir, liebe Gemeinde, so sind wir, wenn wir Gott Wort hören.

Wir sind und wir bleiben gerne am sicheren Ufer. Wir wollen selbst dann den Boden unter den Füßen nicht verlieren, wenn uns einer etwas Einschneidendes, etwas Lebens-Entscheidendes zu sagen hat.

Immerhin, man hört zu. Das ist schon etwas. Vom Ufer aus kann man in Ruhe zuhören, sich eine Meinung bilden. Man kann sich in Ruhe entscheiden: Will ich weiter zuhören? Interessieren mich diese Geschichten und Gleichnisse vom Himmelreich? Will ich noch mehr hören von diesem Prediger aus Nazareth, kann ich vielleicht gar nicht genug kriegen von seinen Worten?

Oder man kommt zum entgegengesetzten Entschluss. Man zuckt die Achseln und fragt sich: Was soll’s? Und geht davon.



Doch von all diesen Hörern am sicheren Ufer mit sicherem Boden unter den Füßen unterscheidet sich der Prediger des Wortes Gottes signifikant – zumindest in unserer Geschichte: Er hat keinen festen Boden unter den Füßen. Sein Untersatz ist ein Fischerboot. Und dessen Untersatz ist das Wasser. Ohne Balken und Geländer. Eine wunderbare Szene ist das – nicht ohne Symbolik.

Der Gottessohn, Jesus, der Weg, Wahrheit und Leben ist, begibt sich auf einen schaukelnden Untergrund, der verlässt das sichere Ufer, um seine rettende Botschaft loszuwerden.

Das ist schon bodenlos.

Und wer bis heute Prediger sein will, zum Diener des göttlichen Worts berufen ist, der entfernt sich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit vom sicheren Ufer. Seine Existenz wird bodenlos. Wie eigentlich jede christliche Existenz, die etwas begriffen hat.

Aber er soll dennoch seinen Grund finden. Das muss aber ein anderer sein als das vermeintlich sichere Ufer, auf dem die Massen stehen.

Das müsste ein Anker sein, der ewig hält.



Simon Petrus ist, ohne es selbst zu wissen, schon auf dem Weg, diesen Grund zu finden.

Er ist bereits zum Ziel unterwegs, als der Herr ihn auf die Mitte des Sees hinausschickt: Dorthin, wo die Wasser am tiefsten sind.

Der Prediger des Wortes Gottes mischt sich ein ins Fischerleben.

Sein laienhafter Rat „Fahre hinaus, wo es tief ist!“ erstaunt den Fachmann. Immerhin hatte er die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen.



Die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen – das kennen wir. Bei mir als Schreibtisch-Täter kommt das wohl noch häufiger vor als bei waschechten Fischern. Je mehr man auf Erfolg versessen ist, desto eher stellt sich der Misserfolg ein. Am Schreibtisch, da passiert es, dass man dieselbe Erfahrung macht wie der Fischer: Die ganze Nacht gearbeitet und nichts, aber auch gar nichts erkannt, verstanden, begriffen.

Die ganze Nacht wachgelegen und nachgedacht; und nichts ist dabei herausgekommen.

Nichts, was die Lösung wäre, nichts, was man auf Papier gebracht hätte, nichts, was man den Kollegen am nächsten Tag präsentieren könnte.

Es ist am Schreibtisch des Pfarrers so, wie an vielen anderen auch, wo man diese bedrückende Erfahrung macht: Fleißig gewesen – doch ohne jeden Erfolg! Das ist zum Verzweifeln.



Simon Petrus hat in unserer Geschichte keine Zeit zum Verzweifeln.

Der predigende Zimmermannsohn setzt ihn nochmals in Bewegung, obwohl der von der Fischerei vermutlich herzlich wenig verstehen dürfte.

„Auf dein Wort hin“ sagt Simon Petrus. Der Berliner Handwerker würde wohl mit leicht gequältem Unterton sagen „Wenn se meenen, Mester…“

Oder der römische “se lo dite voi, sor Mae’…”,

Und er machts sich aufs Neue ans Werk, fährt mit seinen Gesellen hinaus, wirft die Netze aus und – wundert sich. Denn dieser Fischzug ist mehr als erfolgreich. Die Netze drohen zu reißen. Der Reichtum der Schöpfung wird sichtbar.

Das Wort des predigenden Zimmermannssohns, auf das hin Petrus nach erfolgloser Nachtarbeit nochmals herausgefahren ist – „wenn se meenen, Mester…“ dieses Wort war mehr als ein Geheimtipp.



„Hier sind die starken Kräfte, die unerschöpfte Macht;

das weisen die Geschöpfe, die seine Hand gemacht:

der Himmel und die Erde mit ihrem ganzen Heer,

der Fisch unzähl‘ge Menge im großen wilden Meer.“ (EG 302,3)



Hier muss die Schöpfungsmacht am Werke sein.

Und der Prediger aus Nazareth ist irgendwie mit dieser Macht im Bunde.

Gott war gegenwärtig – damals im See Genezareth. Der ewig reiche Gott unter Fischen und Fischern.

Die überreiche Beute, die Petrus ins Netz geht, löst dann auch keinen profitorientierten Jubel aus, sondern blankes Entsetzen.

„Ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die mit ihm waren.“

Statt Jubel Erschrecken: Erschrecken über die unerschöpfliche Schöpfermacht Gottes!

Die Fischer, die sonst immer nur mit anderen Geschöpfen zu hatten – (schön darwinistisch) Kreatur mit Kreatur – die stoßen jetzt auf den Schöpfer.

Sie haben das erfahren, was wir gesungen haben:

„Hier sind die starken Kräfte, die unerschöpfte Macht;

das weisen die Geschöpfe, die seine Hand gemacht.“

Der göttliche Hintergrund der Geschichte hat sich über ihren weltlichen Vordergrund geschoben.

Ja, liebe Gemeinde, das kann passieren.



Petrus geht dann auch auf die Knie; er wirft sich dem Mann, der offensichtlich mit dem Schöpfer im Bunde ist, vor die Füße.

Er fängt an – nein, er fängt nicht an, sich zu bedanken, sondern er fängt an, sich selber zu bezichtigen.

„Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“

Anstatt die schöpferische Nähe dieses Jesus zu suchen, geht Petrus auf Distanz: Auf die Distanz, die einem Sünder im Gegenüber zu seinem Schöpfer wohl ansteht.

„Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“

Das Sündenbekenntnis des Petrus ist zugleich ein Bekenntnis zur Gottheit Jesu.

Und ist doch das Dümmste, was ein Sünder angesichts der starken Kräfte und der unerschöpften Macht Gottes tun kann. Fromm, aber dumm!

Nicht: „Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch.“

Sondern: „Herr, komm zu mir, komm mit ganz nah, denn ich bin ein sündiger Mensch!“ – Das wäre ein gutes, ein wahres, weil hilfreiches Sündenbekenntnis. Dem Sünder hilft nur die Gegenwart dessen, der die Sünde auch besiegen und vergeben kann.



Jesus geht dann auch nicht davon, ohne dem Sünder die Furcht zu nehmen und den sündigen Simon Petrus gleich mitzunehmen.

Mehr noch: Simon war ein Fischer. Und Fischer fangen Fische.

Der Sünder Simon Petrus soll ab jetzt aber Menschen fangen. Er wird als Apostel enden.



Wir sind alle keine Apostel und werden es auch nicht werden. Aber Menschenfischer werden – will heißen: Menschen mit Gott zusammenführen – das ist auch unsere Bestimmung.

Dass es dabei immer zu solch üppigen „Fängen“ wie damals auf dem See Genezareth kommt, das hat der Herr nicht einmal dem Petrus selbst versprochen.

Die Kategorie des Erfolgs und der Zahlen ist – wenn es um das Glück geht, auf Gott zu treffen – sowieso viel zu schäbig für dieses Geschehen. Hier trifft schon eher die Kategorie des Wunders.



Die Metapher vom Menschenfischen hat es allerdings in sich.

Sie kann zu verheerenden Missverständnissen führen. Lukas hat hier bewusst vorsichtiger formuliert als die Evangelisten Markus und Matthäus.

Denn dass uns Menschen ins Netz gehen oder dass sie gar wie Fische an der Angel zappeln – das ist nicht der Wille Jesu! Das wollen nur Ideologen. Die soll es auch unter den Theologen immer wieder geben. Leider!



Echte Menschenfischer – das sind diejenigen, die die schlimmen Netze, in denen wir uns verfangen haben oder verfangen können, zerreißen. Menschenfischer in der Nachfolge Jesu das sind Agenten der Freiheit: Der schöpferischen Freiheit Gottes.



Zu dieser Freiheit sollten wir eigentlich in jedem Gottesdienst angestiftet werden. Und wer sich wiederholt dazu anstiften lässt, der wird sich vielleicht auch wohltuend von Simon Petrus unterscheiden, nämlich darin, dass er sich nicht selbst niedermacht, sondern herzlich lacht, dass er seine Sünde im Namen Gottes regelrecht auslacht.

Eigentlich hätte Simon Petrus ja schallend lachen müssen.

Zunächst über seine eigene Dummheit: Sein Sündenbewusstsein, das den Herrn verjagen wollte; gerade ihn, der allein von Sünden frei machen kann!

Ein schlechter Witz, ein Witz, über den man nur im Nachhinein lachen kann, nach dem Petrus vom Fischer zum Apostel geworden ist.



Fischer fangen Fische. Das war die Normalität im Leben.

Von nun an sind es Menschen. Petrus wird zum Menschenfischer – jedoch ohne Angel und Netz, sondern allein mit dem Wort.

Mit dem Wort fischen – was für ein Witz!

Aber diesmal ein guter Witz. Ein Witz, den sich der liebe Gott selbst einfallen ließ.

Über dessen Pointe kann man befreit auflachen.

Gottes Wort, Jesu Wort, vom schaukelnden Boot aus gesprochen,

gegen alle Widerstände der Vernunft und des menschlichen Dickschädels gesprochen,

führt dazu, dass die Netze reißen.

Und das tun sie auch noch heute. Amen.
28.06.2026Peter und PaulDeutsche Messe von Franz Schubert Pfr. Dr. JonasLiebe Festgemeinde!

Wie schön, dass wir heute auch eine festliche Musik haben! Die sogenannte „Deutsche Messe“ von Franz Schubert singt der Chor nun schon zum dritten Mal am Peter- und Pauls-Fest. Sie ist ein besonderes Werk. Besonders durch ihre Schlichtheit (manche sagen auch, sie sei langweilig), und besonders durch ihren Text, der auf Deutsch ist. Und das war für die Zeit, in der die Messe noch auf Lateinisch gelesen wurde, eine Revolution: Messgesänge in der Volkssprache! Damit war man gefährlich nah am evangelischen Kirchenlied.

Warum diese Schlichtheit und warum der Text auf Deutsch?

Damit er die Menschen erreicht! Damit er das Herz erreicht!

Während die lateinischen Texte des katholischen Ritus den Lobpreis Gottes virtuos in den Mittelpunkt stellen, rücken die Texte der Deutsche Messe eher den Menschen mit seinen irdischen Sorgen und Nöten in den Mittelpunkt.

„Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken?“

„Ach wenn ich Dich nicht hätte, was wär‘ mir Erd‘ und Himmel?“

„Ehre sei Gott in der Höhe! Stammeln auch wir, die die Erde gebar.

Staunen nur kann ich, und staunend mich freu’n;

Vater der Welten! Doch stimm ich mit ein.“



In diesen Texten geht es nicht nur abstrakt um Gottes große, unfassbare Herrlichkeit, in diesen Worten geht es um mich, um mein religiöses Empfinden.

Diese Messe Schuberts soll ans Herz gehen!



Musik geht ans Herz. Sonst ist sie nicht gut oder schlecht gemacht.

Musik muss „von Herzen zu Herzen gehen“. So hat es Beethoven unter sein größtes geistliches Werk, die Missa solemnis, geschrieben.



Naja, ans Herz geht es uns durch die Musik ja schon. Und in der Kirche besonders.

Herzklopfen gibt es bei jeder Hochzeit beim Einzug des Brautpaars, wenn die Orgel erklingt und sich alle erheben.

Es läuft uns auch kalt den Rücken runter, wenn wir am Heiligen Abend in der abgedunkelten Kirche das „O du fröhliche“ mit aller Kraft singen. Und es wäre schade, wenn es dieses Ritual nicht gäbe.

Musik geht schon ans Herz.

Und jeder Mensch braucht etwas fürs Herz – auch der gröbste Klotz, ob er es zugibt oder nicht.

Und die Nationalhymnen bei der Fußball-WM, egal, wie laut oder falsch sie gebrüllt werden, sie werden eben auch von Herzen gesungen.



Musik geht ans Herz. Das erleben wir.

Musik bewegt uns, rührt uns, verleiht eine Gänsehaut.



Von Gott heißt es jetzt aber, dass er uns ein neues Herz gibt. Das ist viel mehr.

Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben (Hes 36,26).

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz

und gib mir einen neuen, beständigen Geist (Ps 51,12).

Das ist mehr als Gänsehaut im Stadion oder in der Kirche!

Das ist mehr als ein Hochgefühl, das es bei schöner Musik immer wieder geben kann oder bei gut gemachtem Lobpreis.

Gott verspricht uns nicht nur eine Rührung des Herzens, sondern eine Veränderung.

Und wir verstehen genau, was der Unterschied ist:

Rührung ist kurz und unverfügbar und wieder vorbei.

Eine Veränderung des Herzens bleibt. Und macht uns zu neuen, gestärkten, liebevolleren Menschen.



Und das ist ein Unterschied, den viele Menschen vom christlichen Glauben gar nicht kennen.

Die erwarten vielleicht von Gott eine Rührung, eine religiöse Emotion, ein frommes feeling.

Aber nach dem Evangelium geht es doch um mehr:

Gott rührt uns nicht nur an, sondern er will uns verändern.

Er will unser Herz nicht mal kurz anrühren, sondern er will uns ein neues Herz geben.



Wie das aussieht, sehen wir an Petrus und Paulus deutlich.

Die waren von Jesus nicht nur gerührt, sondern die wurden zu völlig neuen Menschen, zu Menschen, an die wir in der Kirche bis heute denken.



Den Paulus hat Gott radikal von jetzt auf nachher umgedreht, als ihn das Licht Jesu vor den Toren von Damaskus vom Pferd stürzen ließ.

Der Mann war von jetzt auf nachher ein anderer.

Da wird uns klar, was es heißt: Gott schenkt ein neues Herz.



Das ist beim großen Paulus beeindruckend.

Da würden wir schon alle beim Zuschauen sagen: Klar, Gott schenkt ein neues Herz.



Aber bei mir?

Nun erleben wir alle aber wohl kaum so eine heftige Lebenswende – und auch so eine tiefe Krise wie Paulus.



Und deshalb bin ich froh, dass die Kirche nicht nur an Paulus denkt, sondern mit ihm zusammen immer auch an Petrus.

Und bei dem sah es ganz anders aus.

Der Petrus war nicht nur ein anderer Charakter, sondern der Weg, den Jesus mit Petrus ging, war auch ganz anders.

Das war viel länger, viel unspektakulärer. Das war ein langer Prozess. Mehrfaches Versagen und Rückschläge eingeschlossen.

Die erste vorsichtige Nachfolge Jesu am Anfang, das immer tiefere Verstehen, wer Jesus ist, als Petrus seine Worte über Jahre immer wieder hörte, das Versagen im Leiden und trotzdem die Annahme durch Jesus nach der Auferstehung.

Und wir würden doch keine Sekunde zögern, zu sagen, dass Gott dem Petrus durch diesen Prozess auch ein neues Herz geschenkt hat.



Es gibt dafür eben das Petrus-Modell und das Paulus-Modell.

Den langen Prozess und das spektakuläre Wunder.



Unser Problem ist nur, dass wir meistens als Christen das Paulus-Modell wollen: Heute, hier und sofort!

Durch Jesus so vom hohen Ross runtergeholt werden, dass es gar keine Raum mehr für Zweifel gibt.



Solche Glaubenserfahrungen kann es geben.

Es kann aber eben auch sein, dass Gott das Petrus-Modell für uns vorgesehen hat:

Einen längeren Weg. Ein längeres Hören auf Jesus. Kleinere, aber viele Erfahrungen mit Jesus. Sünde und Vergebung.

Aber im Laufe der Zeit eben doch: Ein neues Herz.

Ein starkes Herz, ein fester Glaube, der uns durch Krisen trägt und ein Herr, der uns am Ende – trotz Versagens – in die Arme schließt.



Gott verändert unser Herz. Das tut er ganz sicher mit jedem, der sich darauf einlässt.

Aber den Weg, auf dem das passiert, den müssen wir schon Gott überlassen.

Ob er nun eine Sekunde Licht vor Damaskus bedeutet oder eine jahrelange Wanderung durch Berg und Tal von Galiläa, das entscheidet Gott für uns.



Und das andere Problem sind unsere zu hohen Erwartungen.

Wenn wir das hören, ein neues Herz, dann denken wir sofort an Hochgefühle und grenzenloses Glück, dann erwarten wir Sorglosigkeit und ein tadelloses reines Gewissen.

Und wenn sich das dann nicht einstellt, dann denken wir:

„Naja, dann kann das eben bei mir nicht sein mit dem neuen Herz.“

Weil wir ein neues Herz gleichsetzen mit totalem Stimmungswandel, mit einer reinen Gefühlssache.

Aber ein neues Herz ist mehr. Es ist eine neue Grundlage für unsere Gefühle. Es sind nicht nur einfach nur neue Gefühle.

Es ist deren Grundlage!

Und ihr könnt mir glauben, dass Petrus und Paulus in all ihrer apostolischen Heiligkeit durchaus auch schlechte Gefühle kannten.



Gott verändert unser Herz.

Mir ist in der Bibel ein Gedanke wichtig geworden, wie Gott dies prozess-haft tut.

Der Prophet Jesaja sagt von Jesus, dass er die zerbrochenen Herzen verbinden wird. (61,1).

Der Heiland wird die zerbrochenen Herzen verbinden.

Gott macht unser Herz in erster Linie neu, indem er seine Wunden heilt.

Unser Herz wird gerade darin neu, dass Jesus die alten Wunden heilt, dass er unser gebrochenes Herz, verbindet.

Dass er das Herz, das in tausend Einzelteile auseinanderdriften würde, zusammenhält und uns zu der einen, einzigartigen Persönlichkeit macht, die er haben will.



Gott schenkt uns ein neues Herz. Vielleicht mehr durch sein Verbandsmaterial als durch eine spektakuläre Transplantation.



Da wird wirklich etwas neu und nicht nur emotional gerührt.

Das geht nicht nur ans Herz, sondern verändert das Herz.



Unsere Musik aber, als Sänger oder Hörer, soll die Herzen aber so stark anrühren, wie sie kann.

Nicht als Selbstzweck.

Sondern als Hinweis auf jene Herzensveränderung, die nur Gott schenken kann.

Und von dem Jesus, der uns nicht so lässt, wie wir sind, sondern der uns mitnimmt auf einen Weg in ein besseres Leben, stückweise hier und am Ende bei ihm einmal ganz perfekt.

Dafür sind Petrus und Paulus Zeugen – bis zum heutigen Tag.

Amen.
14.06.202602. Sonntag nach TrinitatisMatthäus 11, 25-30Pfr. Dr. LenskiLiebe Gemeinde,
reisen wir für einen Augenblick nach Galiläa. Hinter uns der See Genezareth, Jesus sitzt an
einem Hügel, um ihn herum viele Menschen: die früheren Fischer, die in den langen Stunden
der Nacht ihre Netze ausgeworfen haben. Die Feldarbeiter, deren Hände gezeichnet sind
vom Bestellen des Ackers. Die Frauen, die wissen, wie viele Stunden man benötigt, um das
Essen für eine ganze Großfamilie zuzubereiten.
Und dann beginnt Jesus mit einem Paukenschlag: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels
und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen
offenbart.“
Vielleicht beginnt die eine oder der andere, stumm zu nicken. Dieser Jesus erzählt davon,
dass es weder die wenigen Gebildeten noch die gesellschaftliche Elite sind, die ein Monopol
darauf haben, den Willen Gottes recht zu deuten. „Positionswechselaxiom“ nennen das
heute die Theologen, also die Weisen der heutigen Zeit. Soll heißen: Im Reich Gottes
werden die Rollen anders verteilt sein.
Hat Jesus etwas gegen eine breite Bildung und ein tiefes Ergründen der Zusammenhänge
der Schrift? Mit Sicherheit nicht. Jesus selbst, so erzählt es Lukas, war als 12-Jähriger so
sehr im Jerusalemer Tempel ins Gespräch mit den Schriftgelehrten vertieft, dass er alles um
sich herum vergaß. Zeit seines Lebens spricht er mit den Vertretern der damaligen Theologie
über die rechte Auslegung der Gebote Gottes.
Und doch: In seinen Worten schwingt seine eigene Erfahrung mit. Die Menschen, die um ihn
herum sitzen, die in ihm die Stimme Gottes hören, die eine innere Offenheit für sein Wort
und für eine radikale Umkehr in ihrem eigenen Leben besitzen, sind nicht die Pharisäer,
Sadduzäer und Schriftgelehrten. Es sind die Menschen, die durch das Leben, durch den
harten Alltag, gebildet und geprägt wurden. Die „geistlich Armen“, wie es in der Bergpredigt
heißt. Sie folgen Jesus, hören ihm stundenlang zu und sind sogar bereit, Beruf und Familie
für ihn zu verlassen.
Es ist kein Zufall, dass die ersten christlichen Gemeinden – auch hier in Rom – besonders
attraktiv für solche Menschen waren, die am Rand der Gesellschaft standen: Frauen,
Sklaven, Ausländer. Nicht, und darauf kommt es an, sie alleine bildeten die Gemeinden.
Genauso gab es die Gebildeten, die Reichen, die Sklavenhalter. Mit all den
Herausforderungen, die solch eine Vielfalt für die Gemeinden bedeutete – am letzten
Sonntag haben wir in der Predigt zur Apostelgeschichte davon gehört.

In den Evangelien macht Jesus immer wieder deutlich: Die Frage des Bildungshintergrundes
oder der Geldbörse tritt in den Hintergrund. Entscheidend ist die Einstellung des Herzens:
Bin ich bereit, mich durch das, was ich spüre und erlebe, verändern zu lassen? Traue ich
mich, noch einmal einen neuen Weg zu gehen? Bin ich bereit, auch das, was ich gelernt
habe, auf den Prüfstand zu stellen?
„Ich preise dich, Vater […] dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es
Unmündigen offenbart.“
Martin Luthers letzte Predigt aus dem Jahr 1546 in Eisleben war genau zu diesem
Predigttext. Luther sagte damals:
„Das ist's nun, daß der Herr Christus hier spricht, er sei den Naseweisen feind, er wolle sie
nicht leiden in seiner christlichen Kirche, sie heißen Papst, Kaiser, Könige, Fürsten,
Doctoren, die ihm sein göttliches Wort meistern und mit ihrer eigenen Klugheit in den hohen,
großen Sachen des Glaubens und unserer Seligkeit regieren. Solcher Exempel haben wir
selbst viel erfahren in kurzer Zeit, daß solche Klüglinge sich unterstanden, Einigung oder
Reformation anzurichten, dadurch in der christlichen Kirche Einigkeit würde […].“ 1
Zwei Dinge, liebe Gemeinde, werden bei diesem kurzen Predigtabschnitt deutlich. Erstens:
Auch Martin Luther war ein Freund klarer Worte. Wie Jesus macht Luther aus seinem
Herzen keine Mördergrube. Im Gegenteil: Der eben verlesene Ausschnitt aus seiner Predigt
ist noch einer der diplomatischen. Luther hat in derselben Predigt noch ganz andere Worte
etwa für den Papst gefunden – Bezeichnungen, die wir heute im ökumenischen Dialog zum
Glück nicht mehr verwenden.
Zum zweiten zielt auch Luther in seiner Argumentation auf seine eigenen Erfahrungen: Der
Großteil der theologischen und gesellschaftlichen Elite seiner Zeit war nicht bereit, seinen
Argumenten zu folgen und die Bibel als zentralen Maßstab der Wortverkündigung
heranzuziehen. Ja, auch Luther hatte schließlich gebildete und mächtige Unterstützer, wie
etwa Kurfürst Friedrich von Sachsen, und kluge Helfer wie etwa Philipp Melanchthon. Aber
aus seiner eigenen Biographie heraus war der Reformator davon überzeugt, dass wir alle
durch den Geist im Moment unserer Taufe die Voraussetzung dafür haben, das Wort Gottes
zu verstehen und zu deuten.
Wie ein roter Faden begegnet uns diese Erkenntnis in der Kirchengeschichte. Noch heute
singen wir Luthers Lieder, die damals auf den Straßen und Plätzen von den Menschen
angestimmt wurden. Wir hören den Schrei der Christen in Südamerika, die im 20.
Jahrhundert aufbegehrten gegen eine Theologie der Mächtigen und des Militärs und die seit
1968 im kolumbianischen Medellín eine „Theologie der Befreiung“ entwickelten. Eine
Befreiung aus politischer und theologischer Unterdrückung. Wir hören den Ruf der
Menschen nach Freiheit, in den etwa viele Christen im Südafrika der Apartheid
miteinstimmten – entgegen der offiziellen Theologie der staatsnahen Niederländisch-
Reformierten Kirche, die das Apartheidssystem theologisch verteidigte.
Zu all diesen Zeiten gab es, wie auch zur Zeit Jesu, konkurrierende Deutungen um die
Frage, was das rechte Wort Gottes sei. Und keinesfalls dürfen wir es uns zu einfachen
machen und alleine die Meinung der Massen, die pure Quantität von Anhängern einer Lehre
zum Maßstab ihrer inneren Richtigkeit machen. Als lutherische Protestanten in einer
katholisch geprägten Diaspora hier in Italien wissen wir, wie anstrengend das ist, auch gegen
den Strom zu schwimmen. Gerade deshalb durften Waldenser, Lutheraner und viele andere
immer wieder darauf trauen, dass der Geist Gottes nicht nur ihr Herz, sondern auch ihren
Verstand anrührt.
1 https://glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:l:luther:p:letzte_predigt_in_eisleben, abg. 12.06.26.

Mit seinen radikalen Worten nimmt uns Jesus alle in den Blick. Nicht als Gäste und
Fremdlinge, sondern, wie wir es im Epheserbrief gehört haben, als Mitbürger der Heiligen
und Gottes Hausgenossen. Gott traut uns etwas zu. Er mutet uns etwas zu. Und er spricht
uns etwas zu. In kaum einem Predigttext sind Gottes Anspruch und Zuspruch an uns so
stark verbunden wie hier. Denn unsere Perikope endet mit einem starken Zuspruch:
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
Dieser Vers ist bekannt, auf unzähligen Stickereien, in vielen Kirchen begegnet er uns immer
wieder. Und doch bekommt er vor dem Hintergrund des eben Gesagten noch einmal eine
neue Schattierung: So wie wir alle eine Grundkompetenz darin haben, das Wort Gottes zu
deuten, so sind wir alle eingeladen zu Jesus Christus, diesem lebendigen Wort zu kommen,
um uns stärken zu lassen. Wie an einer Wasserquelle in der Wüste. Der griechisch-
sprachliche Kontext dieses Verses erinnert an Lastenträger im Alten Orient. Eine Karawane,
die nach langer beschwerlicher Reise endlich eine Pause macht. Wie solche Lastenträger
sind wir alle eingeladen, uns hinzusetzen, um einmal durchzuatmen.
Welche Lasten müssten wir für einen Moment ablegen? Ich denke an die Sorgen, die ich
alleine in unserer Gemeinde in der letzten Woche vernommen habe: die Hitze der römischen
Großstadt, gesundheitlichen Herausforderungen, die Sorge um die älter werdenden Eltern,
Angst um Frieden in dieser Welt, Sorge um die rechten beruflichen Entscheidungen,
Spannungen in der Familie, Einsamkeit auf dem Schulhof. Würden wir beginnen, wir hätten
auch heute Morgen hier in der Christuskirche sicherlich keine Schwierigkeit, Sorgen
zusammenzutragen.
Wenn Jesus am See Genezareth zu den Menschen spricht, die um ihn herumsitzen, dann
dürfen wir uns für einen Moment dazusetzen, auf das Wasser des Sees blicken und uns
genauso ansprechen lassen:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt
auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so
werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
Ja, auch die Pause hat ihre Recht. Sei es bei einem guten Chorkonzert, im Telefonat mit
einer vertrauten Freundin oder in einem ruhigen Moment einer der kühlen Kirchen Roms. Die
Last wird vielleicht nicht verschwinden. Aber wir merken, dass da noch jemand ist, der sie
mitträgt. Und schon dadurch fühlt sich das Gewicht leichter an.
Liebe Gemeinde, was ein Text: Sechs Verse, die es in sich haben. Sechs Verse, in denen es
um Erkenntnis, um Macht und um Kraft für uns alle geht. Verse, die uns mutig und stark
machen. Aber die uns auch eine Pause gönnen. Eine Pause wie eine kühle Erfrischung an
heißen Tagen. In diesem Sommer und in allen Momenten, in denen wir sie brauchen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, stärke genau so unsere Herzen und
Sinne in Christo Jesu.
Amen.
07.06.202601. Sonntag nach TrinitatisApostelgeschichte 4, 32-37Past. Patrick SpitzenbergerLiebe Schwestern und Brüder,
was macht eine gute Gemeinde aus? Woran hängt es, was ist das
Geheimnis lebendiger Gemeinden? Die Richtschnur, an der man misst,
wie eine Gemeinde läuft? Und kann man das überhaupt? Geht das und
wenn ja mit welchen Kriterien? Ist es die Anzahl der
Gottesdienstbesucher oder die Mitgliederzahl? Nein, wir sind ja kein
Fußballverein und außerdem sieht man doch gerade hier in Italien, wie
Gemeinde auch mit kleineren Zahlen funktioniert. Ist es dann vielleicht,
wie viele Gruppen und Kreise angeboten werden oder wie hoch die
Qualität der Musik ist? Oder ist es die Frage wie theologisch eine
Gemeinde unterwegs ist?
Heute lesen wir in der Apostelgeschichte von einer der ersten
Gemeinden und wenn ihr gleich diesen Bericht hört, dann warne ich
euch vor, denn man wird leicht neidisch, denn so vieles scheint perfekt
zu sein, wie es der Verfasser der Apostelgeschichte berichtet. Aber hört
selbst im vierten Kapitel der Apostelgeschichte:
Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht
einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war
ihnen alles gemeinsam. 
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn
Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. 
34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen
Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das
Verkaufte  35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem
jeden, was er nötig hatte. 36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas
genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus
Zypern gebürtig,  37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte
das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.
Ein Herz und eine Seele war also die Gemeinde und nicht einer hatte
mehr als der andere, alles hatten sie gemeinsam. „Religiöser
Liebeskommunismus“ hat Ernst Tröltsch diesen Abschnitt einmal
genannt, ein griechisches Ideal, zur Zeit der Abfassung der
Apostelgeschichte, das uns der Autor vor Augen stellt.

Ein faszinierendes Armutsideal. Menschen, die alles geben, so klar sind,
faszinieren immer wieder. Durch alle Zeiten hindurch. Da denke ich in
diesem Jahr an den 800. Todestag des Heiligen Franziskus von Assisi.
Er ist bis heute eine der leuchtendsten und schillerndsten Figuren, ein
Mensch, der dieses Ideal für viele glaubhaft verwirklicht hat. Wer einmal
in Assisi war – und das werden schon viele gewesen sein – wird auch
diese Faszination gespürt haben, die von ihm und der einfachen
Lebensweise der Brüder zu Beginn der franziskanischen Bewegung
ausging und für manche bis heute geht. Christentum kann nicht
bestehen ohne eine moderne Sozialethik, ohne die Frage, wie wir das,
was wir im Glauben bezeugen, auch in der Tat leben. Dass sich der
römische Bischof Leo genannt hat, ist für viele Beobachter Name und
Programm. Der letzte Leo vor ihm, Leo XIII, der erste Papst mit einer
Sozialenzyklika.
Aber zurück zum Text. Die Apostelgeschichte ist die Geschichte Gottes
mit seiner Gemeinde, von den Anfängen der ersten Gemeinden an und
wir könnten diese Geschichte fortschreiben, denn auch wir sind
Gemeinde Gottes durch die Zeit hindurch. Alle Getauften gehören dazu
in so vielen Kirchen und Konfessionen und auch wir sind mit Gott
unterwegs. Der Autor der Apostelgeschichte traut Gott zu, dass er immer
noch am Werk ist, mit dabei, wenn wir als Gemeinde in seinem Namen
zusammenkommen, wenn wir als Gemeinde miteinander unterwegs
sind.
Im ersten Teil der Apostelgeschichte hören wir, wie die Apostel in
Jerusalem Zeugnis für Jesus ablegen, der Heilige Geist ist auf sie
ausgegossen und macht sie sprachfähig. Er lässt sie Zeugnis ablegen,
verändert Leben und hier in diesen Versen wird noch ein weiterer Aspekt
in Erinnerung gerufen. Gütergemeinschaft. Die Gläubigen sind so auf
Jesus ausgerichtet, in der Erwartung, dass er bald wiederkommt, dass
sie das private Eigentum überwinden. Dass sie vieles gemeinsam
nutzen, ja dass sogar niemand Mangel hat, denn wer Land oder Häuser
hatte, verkaufte sie und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu
Füßen. Diese konnten damit alle versorgen, die weniger hatten.
Ja und dann hören wir das Beispiel von Josef, dem Levit aus Zypern.
Der seinen Acker verkauft und das Geld den Aposteln bringt. Heile Welt
also? Dieser Text ist eine kleine Utopie, will er uns doch zeigen, dass
Gemeinden wachsen, die das Zentrale nicht vergessen.
Die Apostelgeschichte beschreibt, wie sehr die jungen Gemeinden auf
Jesus und sein baldiges Kommen ausgerichtet sind, dass es gar keine

Rolle mehr spielt, wer was besitzt, oder wie viel Geld in der Kasse ist. Da
werde ich neidisch, wenn ich an die Finanzdebatten der ELKI-Synode
oder auch in den deutschen Kirchen im Kopf habe. Und es stimmt auch:
Gesunde Gemeinden brauchen gute Mittel, um ihre Arbeit zu tun, ja
auch unsere Gemeinde könnte nicht bestehen, gäbe es nicht so viele
Menschen, die ihren Beitrag leisten ehrenamtlich und finanziell. Wie
sollten sonst hier Gottesdienste zum Lobe Gottes stattfinden, mit
festlicher Musik, aber auch alle Arbeit, die sich um die Poveri im Quartier
kümmert, an Menschen richtet, denen es nicht gut geht.
Dass wir uns um diese Menschen kümmern, das ist zu allen Zeiten ein
zentraler Auftrag von Kirche und Gemeinde. Sie nicht vor der Türe liegen
zu lassen, wie den armen Lazarus im Evangelium, sondern helfend zur
Tat zu schreiten und den Reichtum der Gemeinde – so er denn existiert
– zu nutzen, um Armut zu lindern und Räume zu schaffen, wo Glaube
gelebt werden kann.
Aber das können wir nur, wenn wir das Zentrale nicht vergessen. Und
das Zentrale ist hier in der Mitte dieses kurzen Textes zu finden. Wir
erinnern uns, am Anfang die Rede von der Gemeinde als ein Herz und
eine Seele und am Ende das Beispiel mit Josef, der seinen Besitz, sein
Geld den Aposteln zu Füßen legt. In der Mitte Vers 33: Und mit großer
Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus und
große Gnade war bei ihnen allen.
Das ist das Zentrale: Das Zeugnis der Auferstehung Jesu, das ist es.
Nicht Geld zu verwalten und Grundstücke zu verkaufen, sondern
Zeugnis abzulegen. Gott wendet sich ihnen in Gnade zu und weil sie
sich an ihm orientieren, trägt das Gemeindeleben Früchte, es verändert
die Gemeinde im Inneren und im Äußeren. Dieser Text ist kein
historischer Bericht, nein er kann uns ein Beispiel sein. Ein Beispiel, wie
wir Gemeinde und Kirche verstehen, eine Mahnung, dass die Prioritäten
richtig gesetzt sind. So schön festliche Chormusik und so hilfreich und
wichtig der Einsatz für die Menschen am Rande der Gesellschaft ist, so
zentral ist doch aus welcher Motivation es geschieht, was im Zentrum
steht, und die Richtschnur ist.
Und übrigens muss auch nicht immer gelten, was der Verfasser so
enthusiastisch beschrieben hat. Gemeinden müssen nicht ein Herz und
eine Seele sein. Im Gegenteil: Wenn immer nur Harmonie im
Vordergrund steht, kann es sogar richtig gefährlich werden. Für
Gemeinden und einzelne Mitglieder. Nein, die Richtschnur ist eine
andere: Wer sich an Leben, Tod und Auferstehung Jesu orientiert, der

wird Gemeinde bauen können, ob mit großen finanziellen Ressourcen
oder auf der kleinsten Rille, weil wir uns dann nicht um uns selbst
drehen, sondern den lebendigen Gott in den Mittelpunkt stellen.
Liebe Gemeinde in Rom, was macht eine gute Gemeinde aus? Woran
hängt es, was ist das Geheimnis lebendiger Gemeinden? Gerade wenn
wir jetzt auf das Jahr der Vakatur zugehen, ist das noch einmal wichtiger
denn je, dass Jesus Christus im Mittelpunkt steht, dass wir ihn groß
machen, auch mit eingeschränkten Ressourcen, auch ohne
hauptamtlichen Pfarrer. Ich glaube, das ist auch im Sinne des
scheidenden Kollegen. Dass wir im Blick auf Jesus Christus Gemeinde
sind. Weil wir dann ein Leuchtturm sind, der sich aus Gottes Liebe
heraus speist und wir Jesu Auferstehung groß machen. Und so mit
unseren begrenzten Möglichkeiten hier in dieser Stadt mutige Zeuginnen
und Zeugen des Auferstandenen sind.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
31.05.2026TrinitatisfestNumeri 6, 22–27Prof. Dr. SchröterGnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Amen.

In dieser Predigt, liebe Gemeinde, blicken wir schon einmal voraus auf das
Ende. Nicht auf das Ende der Welt, auch nicht auf das Ende unseres
Lebens, sondern auf das Ende des Gottesdienstes. Und zwar nicht nur des
heutigen, sondern eines jeden Gottesdienstes, den wir feiern. Jeder
Gottesdienst endet mit dem Segen. Bevor wir wieder auseinandergehen,
stellen wir uns noch einmal unter Gottes Wort, lassen uns zusprechen,
dass er uns segnen und behüten möge. Als Gesegnete gehen wir dann in
die neue Woche. Der Wunsch, dass Gott mit uns sein, uns schützen und
bewahren möge, beschließt so die Feier all unserer Gottesdienste, und
natürlich ist das auch heute nicht anders. Etwas aber ist heute anders.
Heute steht der Segen nicht nur am Ende des Gottesdienstes, sondern er
ist auch der Inhalt des Predigttextes. Im Buch Numeri, im 4. Buch Mose, im
6. Kapitel, heißt es folgendermaßen:

„Und der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen
Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie
segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein
Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein

2

Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen
auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.“

Natürlich kennen wir diese Segensworte, liebe Gemeinde. Wir kennen sie
sogar so gut, dass wir vielleicht gar nicht mehr genau hinhören, was uns da
zugesprochen wird, in jedem Gottesdienst aufs Neue. Wir alle wissen, was
kommt, wenn der Pfarrer die Hände zur Segensgeste hebt. Er wird die
vertrauten Worte sprechen, die wir schon so oft gehört haben. Und doch,
oder vielleicht auch gerade weil wir sie so gut kennen, ist es gut, wenn wir
wieder einmal genau hinhören und darüber nachdenken, was eigentlich der
Inhalt dieser Worte ist. Denn Gottes Segen ist ja nicht irgendetwas
Nebensächliches oder Belangloses. Er ist vielmehr für unser Leben im
eigentlichen Sinn grundlegend, etwas, mit dem wir rechnen und auf das wir
uns verlassen dürfen. Der Segen ist nicht einfach ein gutgemeinter
Wunsch, so wie wir uns einen schönen Sonntag oder eine angenehme
neue Woche wünschen. Gottes Segen ist vielmehr die Kraftquelle für das,
was vor uns liegt. Er stellt unser Leben auf eine sichere Basis, gibt uns die
Gewissheit, dass Gott uns auch durch die kommende Woche tragen wird.
Grund genug also, dass wir einmal wieder darauf achten, mit welchem
Wunsch und mit welcher Zusage wir unsere Gottesdienste beschließen.
Was also ist das eigentlich, dieser Segen Gottes, den wir uns immer wieder
neu zusprechen lassen?
Schauen wir erst einmal etwas genauer auf das Wort selbst. Das ist in
diesem Fall besonders lohnend, denn mit dem Deutschen Wort „Segen“
kommen wir dem noch nicht so recht auf die Spur, was die Bibel sagt. Im
Deutschen heißt „segnen“ eigentlich: ein Zeichen, lateinisch: signum,
machen. Gemeint ist damit in der Regel das Kreuzzeichen beim Sprechen
des Segens. Wenn wir von „Segen“ und „segnen“ sprechen, tun wir das
zumeist in kirchlichen, liturgischen Zusammenhängen. In Gottesdiensten,
bei Trauungen oder Trauerfeiern, manchmal auch bei der Segnung

3

weltlicher Dinge. Gelegentlich kann man hören, jemand, der verstorben ist,
habe „das Zeitliche gesegnet“, aber das meint eigentlich nichts anderes,
als dass er eben gestorben ist – obwohl damit ursprünglich etwas viel
Tiefgründigeres gemeint war: nämlich, dass jemand all denen, die er auf
der Erde zurücklässt, Wohlergehen wünscht, bevor er ins ewige Leben
eingeht.
Etwas näher kommen wir dem biblischen Gehalt, wenn wir auf die
italienischen Worte benedire und benedizione schauen, die es ähnlich
auch im Französischen und Spanischen gibt. Sie meinen „etwas Gutes,
Positives, Schönes sagen“. Dem Inhalt und der tiefen Bedeutung, um die
es beim biblischen Segen geht, entspricht das schon eher. Wenn wir aber
noch einen Schritt weitergehen und auf die hebräischen Worte schauen,
die wir mit „Segen“ oder „segnen“ übersetzen, wird der Inhalt des Segens
noch viel deutlicher. Im Hebräischen heißt Segen und segnen b e racha und
barach. Gemeint ist damit die Zusage von gelingendem Leben, von Schutz
und Bewahrung, von Wohlergehen, Heil und Zuversicht. Das umfasst alle
Bereiche unseres Daseins: das seelische und körperliche Wohlbefinden,
Sicherheit und Geborgenheit, auch materiellen Wohlstand. All das ist
gemeint in den drei Sätzen unseres heutigen Predigttextes, die diesen
Segen formulieren.
„Der Herr segne dich und er behüte dich.“ Am Anfang steht der Zuspruch
von Lebensfülle und Bewahrung. Wir dürfen darauf vertrauen, dass wir
nicht allein sind. Dass wir unter Gottes Schutz alle Wege unseres Lebens
gehen, jede Woche neu.
„Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir.“ Der Schein von Gottes
Angesicht weist uns den Weg, er wärmt uns und umgibt uns, damit wir uns
in ihm geborgen wissen.
„Der Herr hebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.“ Gottes ist
bei uns mit seiner gnädigen Gegenwart. Sein Friede, sein Schalom, ist um

4

uns, lässt uns heiter und gelassen den Herausforderungen des Lebens
begegnen.
So können wir die drei Segensbitten verstehen, die im Zentrum unseres
Predigttextes stehen und wir uns am Ende eines jeden Gottesdienstes
sagen lassen; mit denen wir uns stärken für die Woche, die vor uns liegt.
Lebensfülle, Schutz, Wärme, Geborgenheit, all das soll uns begleiten auf
unseren Wegen. Und ganz wichtig an unserem Predigttext ist der letzte
Satz: „Ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne“
spricht Gott. Sein Name, sein Schutz, sein Mit-Sein geben seinem Volk
Sicherheit, Zuversicht und Geborgenheit.

Zugleich aber wissen wir: In unserem Leben steht nicht immer alles zum
Besten. Es ist nicht so, dass wir uns immer sicher, geborgen und
angenommen wissen. Krankheiten machen uns zu schaffen; Verluste,
Einschränkungen, schmerzliche Veränderungen können uns plagen. Ob
wir materiell sorglos sind, hängt von den Umständen ab, in denen wir uns
gerade befinden und die wir auch nicht immer in der Hand haben: von
familiären Verhältnissen, von unserer Arbeitsstelle, von neuen Situationen,
die sich unerwartet einstellen und uns verunsichern können.
Auch wenn wir auf die gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen
Verhältnisse schauen, gibt es nicht nur Dinge, die uns zuversichtlich und
heiter stimmen. Gerade in den zurückliegenden Jahren und auch in
unserer unmittelbaren Gegenwart gibt es vielfach Grund zur Sorge um den
Frieden, um die Bewahrung der Natur, um den Zusammenhalt in unserer
Gesellschaft. Wo bleibt da Gottes Segen? So mögen wir fragen. Und
gerade darum ist es wichtig, dass wir noch einmal etwas genau darauf
schauen, was es auf sich hat mit dem Segen Gottes für diese Welt, für sein
Volk und für uns ganz persönlich.

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Der Segen, von dem die Bibel spricht, leugnet die schwierigen,
unübersichtlichen und manchmal enttäuschenden Seiten unseres Lebens
keineswegs. Die Bibel spricht vom Menschen in ganz unterschiedlichen
Lebenslagen. Leiden und Tod sind den Verfassern der biblischen Texte
ebenso wenig fremd wie Not und Hilflosigkeit, Hunger und Verzweiflung.
Die Bibel erzählt von Kriegen, in die das Volk Israel verstrickt war, von
Hungersnöten, von persönlichen Schicksalsschlägen und großen Ängsten.
In manchen Psalmen klagen die Beter Gott ihr Leid, rufen ihn an in ihrer
Not, flehen zu ihm um Rettung. Der Segen Gottes bedeutet nicht, dass uns
Herausforderungen und Rückschläge erspart bleiben würden. Im
Gegenteil. Die Bibel sagt: Das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, mit
den Erfolgen und den Missgeschicken, mit dem Gelungenen und dem,
worin wir versagt haben, steht unter Gottes Segen. Gott segnet unser
Leben mit allem, was dazu gehört, gerade auch mit seinen Widrigkeiten
und Anfechtungen und trotz allem, worin wir uns verfehlt haben.
Der biblische Segen ist darum alles andere als ein leeres
Heilsversprechen. Segen bedeutet nicht: Mach dir keine Sorgen, es wird
schon alles gut werden. Gottes Segen stellt unser ganzes Leben, bis hinein
in Not und große Verzweiflung, unter die Gewissheit, dass wir geborgen
sind bei Gott, dem Ursprung und Ziel unseres Daseins. Gottes Segen
bedeutet: er überlässt diese Welt und jeden von uns nicht einfach sich
selbst. Wir dürfen darauf vertrauen, dass unser gesamtes Leben umfangen
ist von Gottes Zusage, dass seine Macht weiter reicht als diejenige von uns
Menschen, dass er größer und stärker ist als alle Mächte dieser Welt.

Genau darum ist der Segen Teil der Verfügungen, die Gott seinem Volk
gibt, als er mit ihm seinen Bund schließt. Dieser Bund stiftet eine
Beziehung, die geprägt ist von Treue, Verlässlichkeit und Vertrauen. Das
Volk ist nicht allein, es darf sich darauf verlassen, dass Gott mit ihm sein
wird, auch und gerade, wenn es sich verirrt hat. Die Wege, die das Volk

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Israel, das jüdische Volk gehen wird in seiner Geschichte, bis hinein in
unsere Gegenwart, waren und sind geprägt von Abbrüchen und
Neuanfängen, von Vertreibung und Zerstreuung, von Verfolgungen und
großem Leid. Aber Gott hat sein Volk niemals verlassen. Er ist bei ihm mit
seinem Segen, auch und gerade in der größten Not.

Der Ursprung von Gottes Segen führt zurück an die allerersten Anfänge
der Geschichte Gottes mit seinem Volk. Gott hat Abraham gesegnet und
ihm zugesagt, dass aus ihm ein großes Volk hervorgehen soll. Gott hat
Jakob gesegnet und damit seine Zusage erneuert. Gottes Treue wird so
erkennbar in seinem Segen. Dabei ist es geblieben, bis heute. Das sagt
auch unser heutiger Predigttext, der uns eine ganz besondere Situation
des Volkes Israel und des Segens, der ihm zugesprochen wird, vor Augen
stellt.

Gott, so haben wir vorhin gehört, sagt Mose, dass und wie das Volk Israel
gesegnet werden soll. Mose soll dies an seinen Bruder Aaron und dessen
Söhne weitergeben, darum heißt dieser Segen auch „aaronitischer Segen“.
Aaron gilt als der Begründer des Priestertums in Israel. Gottes Segen wird
über Aaron und die Priester Israels dem Volk zugesprochen. Darum kann
dieser Segen auch von Menschen weitergegeben werden. Darum dürfen
auch wir ihn uns heute zusprechen.

Der Auftrag zum Segnen ergeht, als sich das Volk mitten in der Wüste
befindet. Die Begegnung am Sinai, dem Berg, an dem das Volk Gottes
Gebote erhält, erfolgt in einer Situation radikalen Neubeginns. Israel ist
aufgebrochen aus Ägypten, aber noch nicht angekommen im Gelobten
Land. Es ist eine eigenartige Zwischensituation, geprägt von Unsicherheit
und voller Befürchtungen, was da kommen mag. Die Zeit in der Wüste war
auch eine Zeit der Versuchungen. Das Volk fühlte sich verlassen von Gott

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und auch von Mose, weil er so lange auf dem Berg blieb. Sie wollten sich
lieber anderem anvertrauen, Sichtbarem, Greifbarem, statt immer länger
darauf zu warten, dass Mose endlich wieder herunterkommen würde vom
Berg, auf den er zu seiner Gottesbegegnung hinaufgestiegen war. Und so
haben sie sich ein Bild gemacht, das sprichwörtlich gewordene „goldene
Kalb“, um dieses anzubeten, statt des fernen unsichtbaren Gottes.

Diese Situation gibt viel davon zu erkennen, worum es bei Gott und seinem
Segen geht. Was Aaron dem Volk im Auftrag Gottes zusprechen soll, ist
die Zusage, dass er bei ihnen sein wird, auch und gerade, wenn die Zeiten
lang und schwer werden. Wenn das Leben durch unwegsames Gelände
und lange Durststrecken führt. Wenn sie sich von Gott entfernt haben, auf
Abwege geraten sind und anderen Göttern nachlaufen. Der Segen ist
Gottes Zusage: Ich lasse euch nicht allein, ich bin bei euch, was immer
auch kommen mag. Und er ist auch eine Mahnung: Lasst euch nicht
irritieren davon, dass das Leben Durststrecken und Anfechtungen
bereithält. Vertraut auf Gott, der euch führen und euch beistehen wird in
Unsicherheit und Not, der euren Fuß sicher geleitet, damit euer Leben heil
werde.

Vom Segen Gottes spricht auch das Neue Testament. Als der
auferstandene Jesus das letzte Mal mit seinen Jüngern zusammen ist,
segnet er sie auf einem Berg – eine Szene, die an die Gottesbegegnung
Moses auf dem Sinai erinnert. Jesus sagt den Jüngern zu, dass er ihnen
nach seiner Erhöhung Gottes Beistand, den heiligen Geist, senden wird.
Dass er bei ihnen sein, sie schützen und bewahren wird, bis an der Welt
Ende.
Wenn wir heute, am Trinitatisfest, über Gottes Segen nachdenken, dann
gibt das diesem Sonntag, an dem die Dreieinigkeit Gottes im Zentrum
steht, eine ganz besondere Bedeutung. Auch für uns soll dieser Segen

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gelten, der Segen Gottes, der Israel erwählt und mit ihm seinen Bund
geschlossen hat. Gottes Geschichte mit seinem Volk ist darum der weite
Raum, in den wir uns hineinstellen, wenn auch wir uns den Segen
zusprechen lassen. Gott möge uns bewahren und uns gnädig sein, alle
Tage unseres Lebens.

Bitte erlauben Sie mir, liebe Gemeinde, diese Predigt mit einem
persönlichen Wort zu beschließen. Es ist dies der letzte Gottesdienst, den
ich gemeinsam mit Michael Jonas, während seiner Zeit als Pfarrer der
Gemeinde hier an der Christuskirche feiern darf. Wir haben in den
zurückliegenden Jahren viele Gottesdienste gemeinsam gestaltet, wir
haben viel miteinander über theologische und persönliche Fragen diskutiert
und wir sind in diesen Jahren gute Freunde geworden. Es waren
ausgesprochen fruchtbare, interessante und atmosphärisch überaus
angenehme Jahre. Da wir bei Deinem Abschiedsgottesdienst leider nicht
dabei sein können, möchten wir Dir, lieber Michael, an dieser Stelle für alle
unsere Begegnungen, Gespräche und gemeinsamen Erlebnisse danken.
Der Predigttext dieses Gottesdienstes bietet dabei eine gute Gelegenheit,
Dir für alles, was vor Dir liegt, von Herzen Gottes Segen zu wünschen.
Möge sein guter Geist Dich begleiten auf all Deinen Wegen, mögest Du
bewahrt und behütet bleiben, bei allem, was vor Dir liegt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
22.02.2026JudikaHebräer 13,12-14Prof. Dr. SchröterGnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Amen.

Manchmal, liebe Gemeinde, will man einfach nur noch weg. Den
eintönigen und kraftraubenden Alltag hinter sich lassen; die Nachrichten
über die Kriege in der Welt nicht mehr hören; nicht belästigt werden von
den nervtötenden Dingen, mit denen wir uns herumschlagen müssen; nicht
mehr daran denken, was heute und dann gleich wieder morgen alles zu
erledigen ist. Manchmal will man irgendwo anders hin. Raus aus dem
Alltagstrott. Neues sehen und erleben; der Tristesse entrinnen; auf andere
Gedanken kommen; davon träumen, dass das Leben auch ganz anders
sein könnte: aufregend, inspirierend, voller Kraft und Leidenschaft. Dem
Gedanken Raum geben, dass es diesen Ort geben muss, der als die
Erfüllung all unserer Wünsche beschrieben wird: als Paradies, Insel der
Seligen, Utopia.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag Judika spricht von einem
Aufbruch. Aber er tut das auf ganz eigene Weise. Nicht von einem
Aufbruch zu einer Urlaubsreise, nicht vom Auswandern auf eine
Südseeinsel, nicht von der Flucht vor den Lästigkeiten des Alltags. In
unserem Predigttext geht es um den Aufbruch, der uns zu Gott führt.
Dorthin, wo unser Leben wahre Erfüllung findet. Es ist ein Aufbruch ganz
eigener Art. Er führt uns nach draußen. Hinaus aus den Gewohnheiten, in

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denen wir uns eingerichtet haben – hinein in die Nachfolge Jesu. Dieser
Text steht im 13. Kapitel des Hebräerbriefs. Er lautet:

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut,
gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor
das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine
bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Hinausgehen „vor das Lager“ sollen wir. Dorthin, wo die Schmach Jesu zu
tragen ist. Das klingt einigermaßen rätselhaft und auch nur wenig
verlockend. So gar nicht nach Auszeit und Erholung. Der Aufbruch, um den
es hier geht, rückt vielmehr die grausame Wirklichkeit des Todes Jesu ins
Zentrum. Darum gehört dieser Text in die Passionszeit.
Was aber will der Autor des Hebräerbriefs damit sagen, dass wir
„hinausgehen“ sollen „vor das Lager“? Zunächst sollen wir den Tod Jesu
verstehen – und zwar so, dass er zu unserem eigenen Lebensinhalt wird;
dass er auch unser Leben prägt; zur Anleitung dafür wird, was im
Mittelpunkt unseres Denkens und Tuns steht. Dafür steht das Bild des
„Draußenseins“. Jesus hat „draußen“ gelitten – das ist zunächst eine
historische Notiz. Der Golgotha-Hügel, auf dem Jesus gekreuzigt wurde,
befand sich zu dieser Zeit tatsächlich außerhalb der Stadt. Jesus wurde
dort gekreuzigt, weil in der Antike innerhalb einer Stadt keine Todesstrafen
vollstreckt wurden. Das wusste der Verfasser des Hebräerbriefs natürlich.
Aber es geht ihm nicht einfach um eine historische Information. Der Ort
außerhalb der Stadt wird vielmehr zum Symbol für das „Draußen“. Das wird
deutlich, wenn wir uns den Satz anschauen, der unmittelbar vor unserem
Predigttext steht. Dort heißt es: „Denn die Leiber der Tiere, deren Blut
durch den Hohenpriester als Sündopfer in das Heilige getragen wird,
werden außerhalb des Lagers verbrannt.“

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Ein Opferritus des Volkes Israel wird hier geschildert. Am Großen
Versöhnungstag wurde das Blut der Opfertiere im Allerheiligsten des
Tempels dargebracht, die Kadaver der Tiere wurden dagegen draußen
verbrannt. Auch hier also geht es um ein „Draußen“. Und es gibt noch eine
weitere Beziehung zwischen dem Tod Jesu und dem Großen
Versöhnungstag: In beiden Fällen geht es um Blut, das zur Reinigung von
Sünden vergossen wird. So, wie der Hohepriester das Blut von Tieren
dargebracht hat, so wurde durch das Blut Jesu das Volk geheiligt.
Eine sehr tiefgründige Deutung des Todes Jesu also. Die Bedeutung
seines Todes erschöpft sich nicht einfach in der historischen Feststellung,
dass er von den Römern hingerichtet wurde. Vielmehr hat es mit seinem
Tod eine besondere Bewandtnis. Dieser Tod befreit alle von ihren Sünden,
die an Jesus glauben. So, wie der Hohepriester das Volk Israel durch den
Opferritus von seinen Sünden gereinigt hat.
Wie gehen wir heute mit dieser Deutung um? Ist es uns fremd, dass da
einer sterben musste, um uns von unseren Sünden zu erlösen? In der Tat
haben sich Theologen und Philosophen oft schwer getan mit dieser
Vorstellung. Der Gedanke einer stellvertretenden Übernahme von Schuld
sei dem modernen Menschen nicht zugänglich, heißt es bei Immanuel
Kant. Andere haben sich ähnlich geäußert. Der Verfasser des
Hebräerbriefs sieht das ganz anders. Zwischen Gott und uns Menschen, so
sieht er es, steht die Schuld, die wir auf uns geladen haben. Wir Menschen
können uns nicht aus dieser Situation befreien. Darum musste Gott selbst
eingreifen. Das war auch schon der Sinn der Opferrituale des Volkes Israel,
von denen wir im Alten Testament lesen und auf die sich auch der
Hebräerbrief bezieht. Durch diese Rituale wurde das Verhältnis zwischen
Gott und dem Volk wiederhergestellt, indem die Sünden durch den
Opfervollzug getilgt wurden.
Solche Rituale mögen uns heute fremd sein, blutige, bei denen Tiere
getötet werden, allemal. Eine verstörende Geschichte haben wir ja bereits

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vorhin in der Lesung aus dem Alten Testament gehört. Abraham sollte Gott
seinen einzigen Sohn darbringen, der ihm und Sara im hohen Alter noch
geschenkt wurde. Dazu kommt es nicht, Gott selbst greift ein und
verhindert es. Abrahams Gehorsam gegenüber Gott sollte so auf die Probe
gestellt werden. Das Alte Testament macht damit auch deutlich:
Menschenopfer sollen und dürfen nicht sein. Blutige Opferrituale haben
etwas Befremdliches, für uns heute noch viel mehr als für antike
Menschen, für die das Opfern von Tieren ein religiöses Ritual war.
Wir sollten wir die Bedeutung von Ritualen aber nicht zu schnell
beiseiteschieben. Ihr Sinn liegt darin, das gestörte Verhältnis zwischen
Gott und uns Menschen wieder herzustellen. Die Vergebung der Sünden,
um die es dem Hebräerbrief geht, ist im jüdischen und christlichen Glauben
tief verankert. Sie gründet in der Einsicht, dass wir nicht so leben, wie wir
es als Gottes Geschöpfe, die nach seinem Ebenbild geschaffen wurden,
tun sollten. Dass wir uns verfehlen gegenüber unseren Mitmenschen,
gegenüber der Schöpfung, gegenüber Gott und seinen Geboten. Der
Hebräerbrief deutet den Tod Jesu vor diesem Hintergrund. Gott hat durch
Jesus Christus die Schuld von uns genommen. Dessen dürfen wir uns
immer wieder neu vergewissern. Wir tun das, wenn wir Gott unsere
Sünden bekennen, wenn wir uns des Zuspruchs seiner Vergebung
vergewissern, wenn wir im Abendmahl Anteil haben an der heilvollen
Wirkung von Jesu Leib und Blut.
Dem Verfasser des Hebräerbriefs geht es aber um noch mehr. Er will, dass
das Opfer, das Jesus für uns gebracht hat, unser Leben ganz konkret
bestimmt; dass es uns erfasst, in Bewegung versetzt, auf neue Pfade führt.
Darum führt er den Vergleich zwischen dem Opfer des Hohenpriesters und
dem Tod Jesu noch ein Stück weiter. Der Ort wird wichtig: „Draußen“
geschah dieser Tod, außerhalb der Stadt. Und auch das hat eine
besondere Bedeutung.

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Es weist uns als Christen einen Platz in der Welt zu, der nicht von
Angepasstheit und Bequemlichkeit geprägt ist. Hinausgehen und die
Schmach tragen sollen wir. „Draußen“ – da sind die, die nicht am Tisch der
Reichen und Mächtigen sitzen. „Draußen“ wohnen die, die kein Dach über
dem Kopf haben; die am Rande unserer Gesellschaft existieren, die leiden
und sterben in den Kriegen in der Ukraine und im Nahen Osten. Draußen
sind die, denen menschliche Wärme fehlt, die nicht dazugehören, die im
Abseits leben, dort, wo es kaum einer sieht. Die Schmach tragen – das
heißt für den Verfasser des Hebräerbriefs, dass wir uns mit Jesus auf den
Weg machen, dorthin, wo diejenigen sind, die der Hilfe und Zuwendung
bedürfen.
Christsein heißt so betrachtet, gegen den Strom zu schwimmen; für
unbequeme Wahrheiten einzustehen. Der Platz der Christen ist dort, wo
Menschen der Nähe bedürfen, wo ein wärmendes Wort nötig ist und eine
helfende Hand. Nach „draußen“ gehen, „die Schmach tragen“ meint: unser
Leben geprägt sein lassen vom Vorbild Jesu, der schmachvoll gestorben
ist. Dorthin gehen, wo es auch einmal unangenehm werden kann. Die
Komfortzone verlassen, in der wir uns eingerichtet haben. Die Augen
öffnen für die Menschen, die „draußen vor dem Lager“ sind, für die
Traurigen und die, die keine Hoffnung haben. Auch und gerade für sie hat
Jesus die Schmach seines Todes getragen.
Natürlich können wir fragen, ob wir uns das zumuten können und sollen.
Einstehen für die Wahrheit Gottes gegen den Strom der Zeit – können wir
das durchhalten? Haben wir die Kraft, den Mut, das durchzuhalten? Wird
es sich am Ende auszahlen?
Der Hebräerbrief gibt darauf eine klare Antwort: Der Weg nach draußen,
heraus den Annehmlichkeiten dieser Welt, ist der Weg der Nachfolge Jesu,
der sich nicht an den Maßstäben dieser Welt orientiert. „So soll es nicht
sein unter euch“ sagt Jesus im Markusevangelium seinen Jüngern. Wir
haben es vorhin in der Lesung des Evangeliums gehört. Nicht so, wie es in

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der Welt zugeht, wo einer den anderen unterdrückt und jeder der Größte
sein will. Und auch hier ist Jesus selbst das Vorbild: „Der Menschensohn
ist nicht gekommen, damit er sich dienen lasse, sondern damit er diene
und sein Leben gebe als Lösegeld für viele“. Das ist ganz nahe beim
Hebräerbrief und seiner Rede von der „Schmach“, die Jesus draußen, vor
den Toren, getragen hat.
Dieser Weg in der Nachfolge Jesu führt uns zum wahrhaft erfüllten Leben,
das wir nicht in den Ordnungen dieser Welt finden. Der Hebräerbrief drückt
das so aus: „Wir haben hier keine bleibende Stadt“. Unsere Existenz im
Hier und Jetzt ist eine vorübergehende, vergängliche. Hier in Rom, der
„ewigen Stadt“, klingt das besonders herausfordernd. Ja, auch die „ewige
Stadt“ ist im Horizont Gottes nur eine vorübergehende Heimstatt. Die
zukünftige Stadt, zu der wir unterwegs sind, ist nicht in dieser Welt und
auch nicht von dieser Welt. Der Blick richtet sich auf die Wirklichkeit
Gottes, die größer ist und weiter als alles, was wir hier auf der Erde erleben
und erreichen können. Die „zukünftige Stadt“ ist nicht die „ewige Stadt“.
Nicht Rom, auch nicht das von Kaiser Konstantin neu gestaltete Jerusalem.
Es ist die himmlische Gottesstadt, wo es keinen Tempel mehr geben wird
und auch keine Kirche. Zu dieser Stadt sind wir unterwegs, sie ist unsere
wahre Heimat. Der Weg dorthin führt nach „draußen“, schon hier und jetzt.

Manchmal, liebe Gemeinde, will man einfach nur weg. Die Fluchtgedanken,
die uns überkommen mögen, wenn wir auf den Zustand dieser Welt
schauen, werden durch unseren Predigttext auf eine erstaunliche und
unerwartete Weise verwandelt. Es ist keine Weltflucht, die den Verfasser
des Hebräerbriefs plötzlich überfallen hat. Ganz im Gegenteil. Der Text
formuliert die sehr tiefe Einsicht, dass wir den letzten Sinn unseres Daseins
nicht finden, wenn wir uns auf weltliche Sicherheiten verlassen. „Draußen“
wird so zu einem symbolischen Ort. „Draußen“ eröffnen sich neue
Horizonte. Horizonte, die wir erst sehen und verstehen, wenn wir unser

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kleines Ich mit seiner Verzagtheit, seinem Kleinmut und Eigensinn hinter
uns lassen. Wenn wir sehen, dass trotz allem, was uns bedrückt und was
in unserem Leben anders gelaufen ist, als wir es uns vorgestellt hatten,
das Licht der Hoffnung aufscheint. Einer Hoffnung darauf, dass es gut
werden wird mit mir, mit uns, mit unserer Welt.

Dass diese Hoffnung keine billige Vertröstung ist, wird verbürgt durch Gott
selbst. Er überlässt diese Welt nicht dem Treiben der Despoten und
Größenwahnsinnigen. Er überlässt sie nicht uns fehlbaren Menschen. Gott
hat durch Jesus Christus all unsere Verfehlungen, all das Halbfertige und
Nichtgelungene unter ein neues Vorzeichen gestellt. Wir gehen zu auf die
zukünftige Stadt, in der es keine menschlichen Herrscher mehr gibt und
alle Tränen abgewischt sein werden.

Diese Zuversicht lässt uns gewiss sein, dass es nicht vergeblich ist, sich
um Mitmenschlichkeit, Frieden und Barmherzigkeit zu bemühen. Dass ein
freundliches und zugewandtes Miteinander, Barmherzigkeit und
Friedfertigkeit Schritte sind auf dem Weg hin zu Gottes ewiger Stadt.

Und so ist es alles andere als ein Zufall, dass in eben dem Kapitel des
Hebräerbriefs, aus dem unser heutiger Predigttext für den Sonntag Judika
stammt, auch derjenige Satz steht, der sich im Zentrum der Apsis dieser
Kirche findet, zwischen dem Gekreuzigten auf dem Altar und dem
auferweckten Christus oben, im Mosaik: „Jesus Christus – gestern und
heute und derselbe auch in Ewigkeit.“ Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
28.01.2024Predigt zur EinheitswochePfr. Dr. Jonas

Liebe Brüder und Schwestern!

Wer sind wir? Wir präsentieren uns heute Abend hier als verschiedene christliche Kirchen und Gemeinden. Wir können die Vielfalt der christlichen Traditionen sehen, und es ist schön, dass wir uns gegenseitig wahrnehmen. Das allein ist schon ein Gewinn dieser Vesper und der traditionellen Woche des Gebets für die Einheit der Christen. Ich bin dankbar dafür, dabei zu sein.

Wir sehen, wer die anderen sind; wir sehen die Unterschiede; und wir begreifen dadurch auch tiefer, wer wir selbst sind.

Wer sind wir? Ich möchte diese Frage heute aber im Blick auf unser Evangelium stellen. Ich möchte diese Frage stellen im Blick auf Jesu Gleichnis vom Barmherzigen Samariter und uns fragen: Wer sind wir in dieser Geschichte? Mit wem identifizieren wir uns?



Und jetzt sagt nicht sofort, wie wir das in unseren frommen Kreisen immer automatisch denken: Wir sind der Samariter! Wir sind der, der Gutes tut, der Liebe übt, der barmherzig ist! Natürlich wollen wir der gute Samariter sein; natürlich drängt uns das Gleichnis dahin; natürlich sollen wir Liebe üben; aber so einfach ist das Gleichnis nicht, so schnell entlässt uns der Herr nicht aus seiner Lektion.



I Der Gesetzeslehrer

Wer sind wir? Wir sind doch der, der am Anfang unseres Evangeliums seine Frage stellt. Wir sind doch ganz ähnlich dem Gesetzeslehrer, der aufsteht und Jesus fragt: „Meister, was muss ich tun, damit ich das ewige Leben erbe?“ „Meister, wer ist mein Nächster?“

Der Gesetzeslehre kennt seine heilige Schrift. Der Gesetzeslehrer weiß, doch, was bei dem einen Gott Israels zählt.

Wir sind doch auch die, welche die Gebote Gottes kennen. Wir doch auch solche, die nicht überrascht sind, wenn wir heute wieder zum tausendsten Mal hören:

“Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst“.

Wir kennen das, und wir wissen das – die meisten von uns seit der Katechese ihrer Kindheit.

Das Motto dieser Gebetswoche ist nicht neu. Die Antwort des Gesetzeslehrers ist nicht neu. Das Konzept der Nächstenliebe ist nicht neu. Selbst die meisten Menschen in unseren säkularisierten Zeiten wissen, dass das zum Christentum gehört.

“Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst“.

Wir kennen das, und wir wissen das – vielleicht schon viel zu lange. Wir sind müde geworden. Es ist wie in einer alten Ehe. Man kennt sich, aber die Leidenschaft ist verschwunden.

“Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen und deinen Nächsten wie dich selbst“.

Seht ihr, liebe Freunde, das Problem ist nicht das Wissen; das Problem ist die Motivation, die Überzeugung, das Handeln!

Deshalb ist dieser Dialog zwischen Jesus und dem Pharisäer kein zynisches Spiel, sondern ein wichtiges Beispiel für uns, gerade für uns als Gesetzeslehrer unserer Kirchen:

Wir brauchen den dauernden Dialog mit Jesus. Wir müssen ihn täglich fragen: Was sollen wir tun?

Das alte Wissen reicht nicht. Katechese und Studium sind wichtig, aber sie sind nicht genug. Wir brauchen den täglichen Dialog mit Jesus.

Er muss uns immer wieder das Wort Gottes erschließen. Er muss immer wieder das Feuer in unserem Herzen entflammen. Er muss uns immer wieder Kraft geben – gerade uns, die wir unsere verschiedenen Kirchen repräsentieren.

Wenn die Repräsentation unserer verschiedenen Traditionen hier kein Museum der Religion sein soll, sondern ein lebendiges Zeugnis, dann brauchen wir alle den konstanten Dialog mit dem Herrn.

Und jener kühle, verdächtige Pharisäer wird uns zum Vorbild: Wir sollen fragen. Wir dürfen Jesus alles fragen – auch das, was wir theoretisch schon wissen. Er gibt uns Antwort. Er gibt uns Antworten, die unser Herz berühren. Ihr könnt euch vorstellen, wie dieses Gleichnis jenen Pharisäer damals bewegt hat. Er wird es nie mehr vergessen haben.

Jesu Antworten sagen nicht „richtig“ oder „falsch“; Jesu Antworten sind keine moralische Lehre, nein, Jesu Antworten sind, wie das Evangelium nach Johannes (6,68) sagt, Worte des ewigen Lebens. Sie führen uns in eine neue Realität.

In einer Zeit, in der sich viele von der Kirche abwenden, weil die Herausforderungen zu kompliziert erscheinen, fragt uns der Herr selbst: „Wollt ihr auch weggehen?“ Und wir sollten wie Petrus antworten: „Herr, wohin sollen wir denn gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.“

Ein Christ, der aufhört, Antworten bei Jesus zu suchen, ist kein Christ mehr. Er wird früher oder später geistlich verdursten.

Stellen wir unsere Fragen, wie immer sie auch aussehen, so wie dieser anonyme Gesetzeslehrer am Anfang unseres Evangeliums!



II Der Priester

Wer sind wir? In unserem Gleichnis erscheinen ein Priester und ein Levit. Sie gehen am Verwundeten vorbei. Damit werden sie zu den bad guys unserer Geschichte. Wir alle sind schockiert, wenn wir lesen, dass sie an dem halb Toten einfach vorbeigingen.

So wollen wir nicht sein! Auch wenn viele unter uns heute Priester sind, mit diesen Klerikern wollen wir uns auf keinen Fall identifizieren.

Aber auch in diesem Fall sollten wir mit einer vorschnellen Verurteilung vorsichtig sein.

Dieser Priester tat seine Pflicht. Er tat das, was notwendig war und was seine Regelungen sagten.

Er musste stets pünktlich im Tempel sein. Hätte er geholfen, wäre er zu spät gekommen. Er musste seinen heiligen Dienst tun. Hätte er geholfen, hätte er sich verunreinigt.

Der Priester ist kein Bild eines bösen, grausamen Menschen. Der Priester ist ein Bild für uns moderne Bürger mit allen unseren Verantwortlichkeiten und Pflichten, mit allen unseren Sorgen und Ideen.

Wir können manchmal so gut und so moralisch sein, dass wir uns in unseren Regeln verlieren und den Menschen übersehen, der neben uns am Boden liegt. Auch unsere aktuellen Idealismen und Engagements können zu einer Ideologie werden, in der wir gefangen und letztlich blind werden. Modern sein bedeutet nicht automatisch offen Sein. Alten Traditionen treu bleiben heißt nicht automatisch kalt und unbarmherzig Sein.

Dieser Priester im Gleichnis ist keine abschreckende Figur oder die Karikatur des Klerus an sich, sondern eine Warnung an uns:

Pass auf, dass du dich in allen deinen Pflichten und Ideen nicht verlierst!

Bleibe immer so frei, dass du siehst, was rechts und links von dir passiert!

Und das möge auch uns heute in unseren ökumenischen Kontakten gesagt sein:

Wir sollen immer so offen bleiben, dass wir immer sehen, was rechts und links von unserer eigenen Konfession oder Kirche passiert.

Wir sind alle in unserem heiligen Dienst auf dem Weg nach Jerusalem. Aber rechts und links von uns gehen auch andere!



III Der Verwundete

Wer sind wir? Da ist im Gleichnis schließlich noch der namenlose Verwundete und Ausgeraubte. Er geriet an die Räuber und ist verwundet liegen geblieben. Er löst unser Mitgefühl aus; aber identifizieren wir uns mit ihm?

Wir wollen im ökumenischen Dialog unsere starken Seiten darstellen. Wir wollen bei ökumenischen Treffen bella figura machen. Wir wollen bei den Statistiken zeigen, dass sich unsere Kirche gut entwickelt.

Und dann verweisen wir auf die Stärken unserer Traditionen: Unsere tiefe Theologie, unsere ästhetische Form der Liturgie, unsere kulturelle Wirkung, unsere sozialen Projekte. Und ich möchte niemanden diese Stärken absprechen! Alle Kirchen und Traditionen, die hier anwesend sind, haben ihre besonderen Charismen und Stärken.

Aber wir könnten auch unsere Wunden zeigen – auch und gerade vor den anderen Christen!

Es soll niemand sagen, dass seine Kirche nicht auch krank sei. Die Kirche in der Welt ist angegriffen von vielen verschiedenen Räubern. Sie ist vielfach verwundet und oft kann sie nur noch hinken. Dann gibt es noch die Angriffe von innen, die uns lähmen und verletzen: Streit und Spannungen, Trägheit und Müdigkeit.

Auch unsere Straße von Jerusalem nach Jericho ist voller Steine und Gefahren. Und wir fallen immer wieder.



Wie sollten uns andere zur Hilfe eilen, wenn sie gar nicht wissen, dass wir gefallen sind, dass wir geschwächt sind, wo unsere Institutionen verwundet sind durch die Angriffe der laizistischen Welt, wo unsere geistlichen Ressourcen ausgeraubt wurden?

Vielleicht können wir uns auch gegenseitig unsere Wunden heilen mit unseren unterschiedlichen kulturellen und historischen Erfahrungen, mit den Schwerpunkten unserer Lehre, mit der Tiefe unserer Frömmigkeit.

Nichts hat die Christenheit in der Geschichte mehr wachsen lassen als die Verfolgung. Und nichts hat verschiedene christliche Kirchen mehr zusammengeschweißt als das Martyrium. Das kann ich euch im Blick auf die deutsche Geschichte versichern. Da saßen Priester und Pastoren gemeinsam in den Konzentrationslagern.

Verschweigen wir das Leiden unserer Kirche nicht!

Verbergen wir unsere Wunden nicht voreinander, sondern verbinden wir sie uns gegenseitig!

Wie gut würden uns das Öl und der Wein der anderen tun, wenn er in unsere Wunden, in unsere Schwächen hineingegossen wird. Wir können uns nicht selbst heilen – auch als Kirchen nicht. Der Herr muss seine heilenden Kräfte an uns wirken lassen – und er tut es auch durch die Worte und Taten anderer Christen an uns. Das ist dann genauso unerwartet und überraschend wie die Hilfe in unserem Gleichnis, die von dem kommt, von dem man sie gar nicht erwartet hätte: dem Fremden, dem Samariter.

Auch wenn wir alle hoffentlich aufrecht und gesund in dieses neue Jahr gehen – wir sind dem Verwundeten im Gleichnis näher als wir denken.



Ihr Lieben, am Ende habe ich uns nun gar nicht mit dem guten Samariter identifiziert!

Das habe ich aus diplomatischen Gründen nicht getan. Denn wen hätte ich denn identifizieren sollen: Die eine oder die andere Konfession, die eine oder die andere Kirche hier in Rom, euch alle hier und auch mich selbst?

Ich habe das auch aus theologischen Gründen nicht getan. Denn das ist gar nicht meine Aufgabe, den einen oder den anderen mit dem guten Samariter zu identifizieren!

Denn diese Identifikation geschieht auch nicht in einer Predigt oder in unserer persönlichen Reflexion, sondern sie geschieht da draußen, im Leben, in eurem Alltag, auf der Straße. Sie geschieht, wenn wir Menschen begegnen und auf ihre Not reagieren.

Diese Identifikation, die machen ja überhaupt nicht wir, sondern die machen ganz andere:

Schenke uns der Herr, dass andere Menschen einmal über uns sagen: Sie ist meine Nächste; er ist mein Nächster geworden. Amen.
05.11.2023ReformationsfestLied "Eine feste Burg"Prof. Dr. WendebourgLiebe Gemeinde!



Als vor gut zweihundert Jahren, im Oktober 1817, Studenten auf der Wartburg für ein geeintes, freiheitliches Deutschland demonstrierten, sangen sie das Lutherlied Ein feste Burg ist unser Gott. Als einige Jahrzehnte später ein wenig freiheitliches, aber geeintes Deutsches Reich zustandegekommen war, besangen es Protestanten als das Reich, „das uns doch bleiben“ müsse. Als vor gut 100 Jahren der Erste Weltkrieg begann, schmetterten die Massen auf dem Berliner Schloßplatz dasselbe Lied. Nicht viel später beschworen die sog. Deutschen Christen und andere braun begeisterte Protestanten mit ihm das Tausendjährige Reich. Aber auch außerhalb Deutschlands sang man den Lutherchoral in Momenten militärischer und politischer Zuspitzung. Für die Finnen wurde das Lied zum Mittel des Protests gegen die russische Oberherrschaft, für die Esten gegen die Bedrückung durch die Sowjetunion. Die Norweger sangen „Ein feste Burg“, als Nationalsozialisten den Dom von Trondheim besetzten. Ja, selbst im Fernen Osten wurde der Lutherchoral zum Fanal, als Koreaner ihn gegen die japanische Besatzungsmacht aufboten. Die „Marseillaise der Reformation“, wie Heinrich Heine das Lied begeistert nannte, hatte es weit gebracht. Sie war aus den Räumen der Kirche ausgewandert, hatte Straßen, Plätze und Schlachtfelder erobert. Es verwundert nicht, daß manche das Lied angesichts dieser Geschichte für hoffnungslos politisiert und militarisiert halten, so hoffnungslos, daß man es heute nicht mehr singen könne.



Psalm 46

Psalm 46, das Lied des Volkes Israel, von dem der Choral Ein feste Burg seinen Ausgang nahm. Ein Lied des Gottvertrauens und der Angstlosigkeit: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke.“ „Der Herr ist mit uns, ist unser Schutz.“ „Darum fürchten wir uns nicht.“ Dabei gäbe es allen Grund zu Furcht und Angst. Der Psalm spricht von den „großen Nöten, die uns getroffen haben.“ Worin diese Nöte bestehen, wird in zwei dramatischen Panoramen entfaltet, einem Panorama wütender Naturgewalt und einem Panorama wütender kriegerischer Aggression.

Zunächst die Naturgewalt: Ein Erdbeben, ein Seebeben. Die Berge erzittern, das Meer tost, die Berge stürzen hinein, alles geht unter. Das kannte man aus Erfahrung, wo das Volk Israel lebte. Erdbeben, Seebeben, das hatten die Leute durchgemacht, oder sie hatten immer wieder davon erzählen hören, wie es war. Wenn die Erde wankte und das Meer in turmhohen Wellen landeinwärts raste, wenn die Häuser zusammenbrachen, Mensch und Tier unter sich begruben. Und das Schlimmste, wenn der Boden unter den eigenen Füßen wankte, Oben und Unten durcheinandergerieten. Die elementare Orientierung ging verloren, das Chaos ringsum wurde zum Chaos im eigenen Inneren, umfassende Haltlosigkeit.

Sodann die kriegerische Gewalt: Bogen, Spieße, Gefechtswagen. Ansturm der Feinde, Völker und Reiche im Kampf. Auch das kannte man, wo der Psalm gesungen wurde – und gerade gewinnt der Schrecken dort wieder grausame Aktualität. Damals blickte man zurück auf den brutalen Eroberungszug der Assyrer, die den Norden des Landes erobert und einen Teil der Einwohner verschleppt hatten. Vor vier Wochen kam der Überfall vom Süden her, und er kam mit Messern und modernen Feuerwaffen. Angst und Schrecken überall.



Naturgewalt und Kriegsgewalt, Grund für immer wieder ausgelöste Existenzängste der elementarsten Art. Und dennoch beginnt der Psalm mit einem Gegenakkord: Nicht Haltlosigkeit und Angst, sondern inmitten der Bedrohung durch Naturchaos und Kriegsgewalt „Zuversicht und Stärke“. Der trotzige Ruf: „Wir fürchten uns nicht, wenngleich die Welt unterginge.“ Denn wir sind nicht allein, „der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz.“ Er ist stärker als jedes Chaos. Denn er hat schon am Anfang das Chaos gebändigt, so eine verbreitete Vorstellung im Orient; er hat Ordnung gestiftet, indem er Wasser und Erde trennte, die Zeiteinteilung schuf, verschiedene Lebewesen für verschiedene Lebensräume vorsah. So läßt er auch weiterhin das Chaos nicht überhandnehmen, sorgt für Ordnung, Schutz, Überleben inmitten einer Welt, in der es drunter und drüber geht. Aber er ist nicht nur stärker als das Chaos, er ist auch stärker als jeder menschliche Gewalttäter, jeder Aggressor. Nicht umsonst lautet einer seiner Beinamen „Herr Zebaoth“, „Herr der Heerscharen“. Er kann in Kämpfe eingreifen, einem Volk den Sieg verschaffen, die Gegenseite fallen und verzagen lassen, ihre Waffen zerschlagen und ihre Wagen verbrennen.



Diese göttliche Kraft der Ordnung und Bewahrung – an einer Stelle hat sie sich handgreiflich erwiesen, an einer Stelle haben die alten Psalmsänger sie erfahren: in der Geschichte der „Stadt Gottes“, Jerusalems. Inmitten der anbrandenden Chaoswogen steht, wie es die Lutherübersetzung in bewußtem Kontrast ausdrückt, „fein lustig“ die Stadt Gottes, d.h. sie steht dort unbeschwert und voller Freude. Für sie ist das Wasser keine Bedrohung, sondern es speist ihre vielen Brunnen und dient den Bewohnern. Und inmitten der heransprengenden Feinde „bleibt“ diese Stadt „fest“; die fremden, heidnischen Völker und Reiche mit all ihren Truppen und Waffen können ihr nichts anhaben. Jerusalem hat es erlebt, zwanzig Jahre nach dem Untergang des Nordens waren die Assyrer auch im Süden eingefallen und mit einem großen Heer vor Jerusalem erschienen. Dann aber hatten sie nach biblischer Überlieferung die Belagerung in schmählicher Schwäche abgebrochen, die Stadt blieb unversehrt. Das Zweite Buch der Könige beschreibt diesen Vorgang als unmittelbares Eingreifen Gottes (Kap.18f.), und der Psalm weiß es auch. Weil Jerusalem Gottes Stadt ist, weil er hier im Tempel anwesend ist wie nirgends sonst auf der Welt, deshalb konnten andere Völker, „die Heiden“, auch mit größter Übermacht nichts ausrichten. Seine Gegenwart hat Jerusalem zu einer uneinnehmbaren Festung, zu einer Burg gemacht. Ja, genaugenommen muß man umgekehrt sagen, er selbst, Gott, ist die uneinnehmbare, feste Burg, in der die Bewohner Jerusalems sicher sind. Und in der Tat kann der erste Satz im Hebräischen auch so wiedergegeben werden: „Gott ist unsere Burg und Festung.“ Indem die Feinde zurückweichen, schwach werden mit ihrer großen Armee, scheitern sie also an Gott selbst, der der Herr der Heerscharen ist. Den Bewohnern bleibt nur eins: Gott für die Bewahrung zu danken, den göttlichen Sieger zu preisen, anzuerkennen, daß er Gott ist und daß sie „stille sein“, sich auf ihn verlassen können.



Liebe Gemeinde, es ist eine alte Vorstellung, daß Gottes Nähe gerade in Krieg und Sieg erfahren wird; wir finden sie nicht nur in unserem Psalm, sondern auch an anderen Stellen des Alten Testaments, wir finden sie in anderen Religionen, und wir finden sie in unserer eigenen christlichen Geschichte. Spätestens mit einer Erfahrung kommt diese Vorstellung an ihre Grenze: wenn das Ergebnis eine Krieges nicht Sieg, sondern Niederlage, nicht Bewahrung, sondern Vernichtung heißt. Was ist dann mit Gott, der festen Burg – ist sie geschleift? Auch Jerusalem sollte in die Lage kommen, sich dieser Frage stellen zu müssen: In der Auseinandersetzung mit dem nächsten Großreich, dem der Babylonier, kam die Stadt Gottes nicht so glimpflich davon, nun wurde sie dem Boden gleichgemacht, hieß das Schicksal auch im Süden Deportation.



In einer ganz kurzen Passage des Psalms, die wohl nachträglich hinzugekommen ist, spiegelt sich diese Erfahrung. Es geht um Vers 10. Da soll Gott eigentlich angeschaut werden als der, der auf Erden „solch ein Zerstören anrichtet“, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Kriegswagen verbrennt. Das ist ursprünglich eine Beschreibung dessen, was Gott mit den Feinden Jerusalems tut oder was Jerusalem von ihm erwartet. Eingeschoben aber werden die Worte: Gott ist der, „der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt!“. Diese wenigen Worte signalisieren eine Drehung um 180 Grad, die eine spätere Generation von Psalmsängern hier vollzieht. Die Erfahrung von Niederlage und Kriegsnot hat dazu geführt, die Vorstellung von einem Gott, der im Krieg den Sieg gibt, der das eine Volk jubilieren und das andere verzagen läßt, zu verabschieden. Ein kleiner Stachel im Text, der nicht von Krieg und Sieg spricht, sondern vom Frieden und nicht von Israel und den Heidenvölkern, sondern gleichermaßen von allen Völkern der Welt. Von den Völkern, die immer wieder die Erfahrung machen, daß auf Krieg, auch den siegreichen Krieg, früher oder später der nächste folgt. Die angedeutete Hoffnung auf den Gott, „der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt!“ – ein kleiner Überschuß im Psalm, der auf einen weiteren Horizont verweist.



*



„Ein feste Burg ist unser Gott“ – Luthers Lied trägt ausdrücklich den Titel „Der 46. Psalm, Gott ist unsere Zuflucht und Stärke“. Und die ersten Zeilen dichten den Psalm bis in wörtliche Formulierungen hinein nach. Die Rede von Gott als fester Burg verbildlicht die Rede von „Zuflucht und Stärke“. Daß dieser Gott „uns frei [hilft] aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen“, gibt den Halbsatz des Psalms wieder, der von Gott als „Hilfe in den großen Nöten“ spricht, „die uns getroffen haben.“ Und doch werden gleich in diesen selben ersten Zeilen die Weichen grundlegend anders gestellt: Der Gott, der die feste Burg ist, ist auch „ein gute Wehr und Waffen“. Das heißt, Gott hilft hier nicht in Kriegen, die mit Waffen geführt werden, verleiht keinen Sieg und bewahrt nicht vor Niederlagen durch die Armeen feindlicher Völker. Von einem militärischen Krieg ist in dem Lied, anders als im Psalm, mit keinem Wort die Rede. Von handgreiflichen, eisernen Waffen ebensowenig. Gott wirkt selbst als abwehrendes, schützendes, siegreiches Kriegsgerät. Dem entspricht, was das Lied von dem Feind zu sagen hat, gegen den Gott als Burg, Wehr und Waffe steht: Hier ist nicht von feindlichen, heidnischen Völkern und Reichen die Rede, die zurückzuschlagen und militärisch zu besiegen wären. Sondern der Feind ist der Gegenspieler Gottes selbst, der Teufel.



Liebe Gemeinde, was wir hier vor uns haben, und die weiteren Strophen werden das noch deutlicher machen – was wir hier vor uns haben, ist die vollständige Entmilitarisierung eines Psalms, der von militärischen Erfahrungen geprägt ist und militärische Erfahrungen religiös deutet. Sie konnten es schon an der Melodie spüren, die wir gesungen haben, der ursprünglichen lutherschen Melodie; nach diesen Rhythmen läßt sich nicht marschieren – jeder Soldat, der das versuchte, würde unweigerlich ins Stolpern geraten. Und so sind alle Vokabeln, die militärischen Zusammenhängen entstammen, in dem Lied nur noch Bilder. Damit aber wird die Botschaft nicht harmloser, sondern sie wird ungeheuer verschärft. Denn der Teufel spielt in einer anderen Liga als die feindlichen Völker mit ihren Waffen und Armeen, seien es selbst die Assyrer oder die Hamas. Vom Teufel gilt, was die letzte Zeile der ersten Strophe mit dem Buch Hiob sagt: daß „auf Erden nicht seinesgleichen“ ist (Hiob 41,25). In einer unendlichen Vielzahl von Teufeln auf Erden präsent und aktiv, knechtet er, wie es im Epheserbrief heißt (Eph. 6,11f.), als „Fürst dieser Welt“ die gesamte Menschheit mit tausenderlei Plagen. Das hat er, der „alt böse Feind“, schon immer getan. Doch jetzt meint er es mit besonderem „Ernst“, stellt er sich besonders „sauer“. Jetzt kämpft er ums Ganze. Das Lied bezieht seine Dramatik eben daraus, daß es vom äußersten Ernstfall singt.



Was ist der Ernstfall? Das Lied singt in der ersten Person Plural, da singen wir, wir singen von uns. Und so beschreibt es auch den Ernstfall als etwas, was mit uns geschieht. Als eine Gefahr, die uns bedroht, die uns zu „verschlingen“ droht. Aber worin besteht sie? Das wird kaum ausbuchstabiert, der Dichter scheint vorauszusetzen, daß es für die, die sein Lied singen, auf der Hand liegt. Erst von der letzten Strophe her, die nicht mehr in Bildern spricht, wird die Richtung klar. Weshalb, nebenbei bemerkt, der verbreitete Brauch, nur die ersten drei Strophen zu singen, nichts weniger bedeutet, als das Lied zu kastrieren. „Das Reich muß uns doch bleiben“ – auf diese Schlußzeile läuft es hinaus, darum soll es gehen. Das Reich, von dem die Evangelien sprechen, das Himmelreich, das Gottesreich, in dem Sinn und Ziel des Christenlebens liegen. Das ist bedroht – daß es uns nicht „bleibt“, ist die Gefahr. Uns da heraus-, von Gott wegzuziehen, ist des Teufels Ziel.

Martin Luther und seine Glaubensgenossen erfuhren den Ernstfall im Schicksal der Reformation und ihrer Anhänger. In der Unterdrückung des Evangeliums und der Verfolgung der Evangelischen erlebten sie den Teufel selbst am Werk, der sie mit allen Mitteln, mit List und Tücke und nackter Gewalt, von Gott, wie sie ihn endlich erfahren hatten, wieder abbringen wolle. Doch Luther erlebte dasselbe Drama auch auf einer anderen Ebene, die nicht an jene besondere Epoche gebunden war. Darin, daß er selbst keineswegs unangefochten im Gottesreich saß, daß Zweifel, Phasen der Glaubensdürre, Erfahrungen des Versagens sein eigenes Herz regelrecht zum Schlachtfeld machten. Es waren Anfechtungen von solcher Macht, daß er sie nur als widergöttliche Angriffe verstehen konnte, und es erschien nicht immer ausgemacht, wer „das Feld behalten“ werde.



Liebe Gemeinde, indem das Lied auch von solchen Kämpfen spricht, ist es vielen von uns nicht fern. Zweifel, Glaubensdürre, Schuldbedrückung – das kennen wir. Und dazu gehört auch, daß solche Erfahrungen nicht in unserer Gewalt liegen, daß sie uns in der Hand haben, von größerer Macht sind als wir selbst. Von feindlicher, unsere tiefsten Gewißheiten, unser Verhältnis zu Gott bedrohender Macht. „Mit unsrer Macht“ ist dagegen „nichts getan“, heißt es im Lied. Und so bietet es keinen Geringeren auf als Gott selbst, der die feindlichen Attacken zurückschlagen, der uns bei sich halten wird. Den „Herrn Zebaoth“, „Herrn der Heerscharen“, wie es pointiert mit dem Psalm heißt. Nur, und hier erreicht die Entmilitärisierung des Psalms ihren Höhepunkt – das Lied weiß über diesen Gott etwas zu sagen, was zu dem machtvollen Titel in vollkommenem Gegensatz steht: Er ist ein Gott in Menschengestalt. Mehr noch, in Knechtsgestalt, wie der Philipperbrief sagt, ein Mensch, der waffen- und wehrlos am Kreuz starb – „er heißt Jesus Christ.“ Einen anderen Gott, der für uns antreten könnte, als diesen gibt es gar nicht – „und ist kein andrer Gott“. Erstes Gebot. Weil hier aber tatsächlich Gott für uns antritt, ist das Lied sich sicher: „Das Feld muß er behalten.“



Die Verleihung militärischer Kraft und Siege ist es nicht, wodurch er das Feld behält. Womit er für uns und in uns kämpft, sagt die letzte Strophe: mit seinem „Wort“, seinem „Geist und Gaben“. Wort, Geist und Gaben, die unsere Zweifel überwinden, wo sie überhand zu nehmen drohen, die unseren Glauben lebendig machen, wo er zu verdorren droht, die unser bedrücktes Herz der vergebenden Liebe Gottes gewiß machen, wo es sich mit der Last des Versagens quält. Wort, Geist und Gaben, die unser hartes Herz zur Liebe erweichen, wo es auf Abgrenzung und Selbstdurchsetzung gepolt ist, bis hin zu Krieg und Gegenkrieg. So hält der „Herr der Heerscharen“ der den Namen Jesu Christus trägt, uns in seinem Reich. So muß dieses Reich uns und werden wir darinnen bleiben. Hier auf Erden angefochten, rückfallgefährdet und voller Schwächen – dereinst, so dürfen wir hoffen, mit allen Fasern unseres Lebens.



Der Ernstfall teuflischer Attacke, der nicht nur unserem Herzen gilt, sondern zugleich unserer körperlichen, materiellen und sozialen Existenz, bleibt uns hier und heute erspart. Den Angriff, der um des Glaubens willen „Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib“ oder Mann nimmt, brauchen wir nicht zu fürchten. Ein Blick nicht nur in die Reformationszeit, sondern in die Gegenwart anderer Länder zeigt, wie wenig selbstverständlich das ist. Er sollte uns präsent halten, daß die Möglichkeit solchen Schicksals zum christlichen Glauben hinzugehört und daß daraus schneller Wirklichkeit werden kann, als wir denken, auch in unseren Breiten. In Norwegen erschien vor 60 Jahren ein Büchlein mit dem unserem Lied entnommenen Titel: „Nehmen sie den Leib“. Das Büchlein, das schnell zum Bestseller wurde, handelt vom Widerstand der lutherischen Kirche des Landes um des Evangeliums willen gegen die nationalsozialistische Besatzungsmacht. Einem Widerstand, der Hunderte von Geistlichen, Pfarrer wie Bischöfe, ins Lager führte. Derselbe Titel könnte über den Lebensgeschichten unzähliger Christen unserer Tage stehen. Singen wir mit ihnen! Hoffen wir, ihrem Vorbild, falls es dazu käme, gewachsen zu sein! Vor allem aber: teilen wir mit ihnen die Gewißheit, daß Christus selbst in und um uns „das Feld behält“!

Amen.
28.06.2022100 Jahre Christuskirche in Rom Römer 1, 8-12EKD-Ratsvorsitzende Dr. h.c. Annette KurschusWie soll ich Sie eigentlich anreden, verehrte hier Versammelte? Liebe Gemeinde? Das ist schön und vertraut, aber eigentlich zu „normal“ heute. Etwas Größeres, Gediegeneres, etwas Festlicheres muss her zu diesem besonderen Kirchengeburtstag mitten in Rom.

Biblisch will ich anfangen – „sola scriptura“! Wie denn anders in einer lutherischen Gemeinde? Ich beginne mit dem allerersten Gruß, der an die Gemeinde Jesu Christi in Rom überliefert ist:



An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Zuerst danke ich meinem Gott durch Jesus Christus für euch alle, dass man von eurem Glauben in aller Welt spricht. Denn Gott ist mein Zeuge, dem ich in meinem Geist diene durch das Evangelium von seinem Sohn, dass ich ohne Unterlass euer gedenke und allezeit in meinem Gebet flehe, ob sich’s wohl einmal fügen möchte durch Gottes Willen, dass ich zu euch komme. Denn mich verlangt danach, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile an geistlicher Gabe, um euch zu stärken, das ist, dass ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben.



Tatsächlich habe ich in meinem Gebet gefleht, dass ich zu Ihnen komme: Mehr als 30 Stunden habe ich gebraucht, zusammen mit meinen beiden Gefährten aus dem EKD-Amt in Hannover.

Doch nicht nur deshalb leihe ich mir die Worte, die Paulus einst aufgeschrieben hat, heute allzu gern aus. Mich hat tatsächlich verlangt, Sie zu sehen, mit Ihnen zu feiern und dabei zu spüren, wie wir in aufgewühlten und bedrohten Zeiten gemeinsam getröstet werden durch den Glauben, den wir miteinander haben. Und es war ein Trost besonderer Art, wie fürsorglich wir gestern Abend nach turbulenter und hindernisreicher Reise hier empfangen wurden. Gott und Ihnen sei Dank.



Nun bin ich nicht Paulus. Für den bedeutete eine Reise ins Herz des Römischen Reichs eine buchstäblich tödliche Gefahr. Sein Besuch in Rom wurde bekanntlich ein Besuch, bei dem der Apostel ein Martyrium erlitt und den Tod fand. Über seinem mutmaßlichen Grab steht heute die großartige nach ihm benannte Basilika „Sankt Paul vor den Mauern“.



Im Vergleich zur Geschichte dieser Basilika oder auch gemessen an der Geschichte des Petersdoms, ist die 100-jährige Geschichte Ihrer Christuskirche eine überaus kurze. Oder auch nicht, denn wann fängt diese Geschichte an? Es gibt ja keinen absoluten Nullpunkt der Historie, den wir setzen und ab dem wir die Jahre zählen könnten. Dieses evangelische Gotteshaus steht im breiten Strom der zweitausendjährigen Geschichte der Christen in dieser Stadt, die die ewige genannt wird. Die hundert Jahre, die wir heute feiern, rechnen sich nach dem Einweihungsdatum der Christuskirche im Jahr 1922.



II.

Dieses Datum war nicht der Anfang, dieses Datum hatte selbst schon eine Geschichte. Und zwar eine, die es in sich hat.

Geplant wurde die Kirche, als in Deutschland und Italien noch Kaiser und König regierten, selbstbewusst und prächtig. Es waren die Zeiten von Pickelhaube und Zwirbelbart, strotzend selbstverständlich schienen Monarchie und Protestantismus. Einige träumten sogar von einer „Lutherkirche“ vor den Toren des Vatikans.

Eingeweiht wurde die Kirche nach dem Ersten Weltkrieg – von einer zahlenmäßig stark dezimierten deutschen Gemeinde, die verunsichert war und sich tastend neu orientierte.

Das evangelische Gotteshaus wurde denn auch nicht als Lutherkirche, es wurde als Christuskirche eingeweiht.

„Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“: Nicht von ungefähr war dies der Leitvers im feierlichen Gottesdienst am

November 1922. Sehnsucht nach Beständigkeit: Wer könnte die in diesem Sommer 2022 nicht von Herzen nachvollziehen? Einer soll bleiben, wenn alle vergehen. Einer, der Worte hat, die auch dann noch gelten, wenn alle anderen Worte fraglich werden. Einer, der die Welt auch dann in Händen hält, wenn die vertraute Welt untergegangen ist. Einer, dessen Reich kommt, wenn die Reiche der Gewalt vergehen und mit ihnen die Herren, die sie beherrschen. Einer, der sagt: „Fürchte dich nicht“ und „Friede sei mit dir“.



III.

Dieser Sehnsucht nach Beständigkeit hat Ihre Christuskirche immer wieder ein bergendes Dach und eine tiefe Erfüllung gegeben. Sie war als Repräsentationsbau gedacht – und wurde ein Raum zum Schöpfen neuer Kräfte. Ungezählte Menschen hat sie in Todesängsten Geborgenheit geschenkt und Heimat gegeben.

Pfarrer Jonas hat mir dazu eine Geschichte erzählt: Im Herbst 2018 steht ein amerikanisches Ehepaar vor seiner Tür. Die Eheleute übergeben ihm eine alte Postkarte. Der Vater der Frau, Lawrence F. Fritz, hatte sie im Juni 1944 aus Rom in die USA geschickt. Die Postkarte zeigt ein Foto der Christuskirche als „Deutsche Evangelische Kirche in Rom“. Der junge Sergeant Lawrence F. Fritz berichtet seinen Eltern von einem lutherischen Abendmahlsgottesdienst für amerikanische Frontsoldaten. Er schreibt: „Die Christuskirche ist gesteckt voll gewesen mit Soldaten; kräftig und froh haben sie gesungen.“ Die Befreiung Roms von den nationalsozialistischen Besatzern am 4. Juni 1944 lag nur wenige Tage zurück. Der damalige Pfarrer an der Christuskirche, Erich Dahlgrün, war nach Abzug der deutschen Gemeindeglieder im Oktober 1943 in den Räumen der Gemeinde zurückgeblieben. Ob er den Amerikanern damals freiwillig die Kirche öffnete oder ob es eine Anordnung der Militärs war, wissen wir nicht. Was wir aber wissen: Diese Kirche hat für die amerikanischen Lutheraner jener Tage ihrem Namen alle Ehre gemacht. Sie ist eine Christus-Kirche geworden, wo Lawrence F. Fritz und seine Kameraden, die Sieger und zugleich Heimwehkranken und vom Krieg Gezeichneten, erhielten, was Paulus meint: geistliche Gabe, um sie zu stärken, um zusammen getröstet zu werden durch den Glauben, den sie miteinander haben. Wo sie also Christus begegnet sind.

„Es war ein wirklich gottgefälliger Gottesdienst, ein Gottesdienst voller Dank an den Herrn“, schreibt der junge Sergeant 1944 an die Eltern. Und seine Freude von damals wirkt weiter in seiner Tochter, die mit ihrem Ehemann 74 Jahre später in diese Kirche zurückkommt.



IV.

Wer die Kirche betritt und den Blick in die Höhe aufs Eingangsportal richtet, sieht Petrus und Paulus, zwischen ihnen Christus. Petrus und Paulus wurden beide hier in Rom gefoltert und hingerichtet für ihren Glauben an Christus. Zu Lebzeiten haben sie über ihren Glauben mächtig miteinander gestritten; es hat lange gedauert, bis sie sich gütlich einigen konnten – immer noch ein wenig grollend. Petrus und Paulus waren – gelinde gesagt – nicht gerade die besten Freunde. Ausgerechnet diese beiden Streithähne und Stadtpatrone Roms flankieren die große Christusstatue in der Mitte.



Auf der einen Seite also Petrus. Bis heute beruft sich die Römisch-katholische Kirche auf dessen kräftiges Bekenntnis zu Christus und auf die Zusage, die Christus ihm gibt: „Du bist der Fels, auf dem ich meine Kirche baue.“

Auf der anderen Seite Paulus. Bei ihm machte Martin Luther seine grundstürzende und befreiende Entdeckung: Gottes Gerechtigkeit richtet nicht, sondern sie richtet auf. Gott rechnet nicht Sünden an, sondern er rechnet Gnade zu.

Und zwischen beiden Christus.

Der Clou daran: So fern die beiden Apostel einander zeitweise waren, so sehr man sie als Konkurrenten, streckenweise gar als Gegner ansehen mag – keinem von beiden ist Christus näher. Sie kommen vielmehr von unterschiedlichen Seiten zu ihm, und so begegnen sie einander.



V.

Die Begegnung von Petrus und Paulus hat erneut Fleisch und Blut angenommen, als im Jahr 1983 Papst Johannes Paul II. die Christuskirche besuchte und hier predigte. Es war der welteit erste Besuch eines Papstes in einer evangelischen Kirche. Mittlerweile gibt es solch petrinisch-paulinische Begegnungen auch mit Benedikt XVI. und Franziskus. Der war am 15. November 2015 hier, und da gab es diese kleine, denkwürdige Begebenheit. Eine evangelische Christin fragte ihn, ob sie denn nicht endlich, nach 30 Ehejahren mit ihrem katholischen Mann, gemeinsam die Kommunion empfangen könnten. Franziskus antwortete ihr: „Eine Taufe, ein Herr, ein Glaube. Sprecht mit dem Herrn und geht weiter. Mehr wage ich nicht zu sagen.“

Damit hat Franziskus die Frage der Abendmahlsgemeinschaft in den weiten Horizont gestellt, in dem uns Christus miteinander verbindet. Was bedeutet es, dass wir gemeinsam an Christus glauben? Welche Konsequenzen hat das, und zwar in jeder Hinsicht? Lasst uns mit Christus sprechen. Auch Mutiges sollten wir ihm sagen. Auch Großes sollten wir ihn fragen.

Ich verstehe Franziskus so, dass wir weiter reden sollen, dass wir weiter gehen müssen, wo er als Papst nicht mehr wagen kann.

Dass „ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben“: Darum geht´s. Um diese zutiefst ökumenische Frage kommt man hier in Rom überhaupt nicht herum. Für die Gemeinde der Christuskirche ist diese Frage eine Herzensangelegenheit, sie stellt sich sehr praktisch im Alltag. Denn so viele von ihnen sind mit einem katholischen Ehepartner, einer katholischen Ehepartnerin verheiratet, haben katholische Freunde und Kollegen, und die wissen oft wenig übers Evangelisch-Sein. Da muss man miteinander reden, da muss man mutig ausprobieren, was geht.

VI.

Von dem, was 1517 mit Martin Luthers Thesenanschlag begonnen hat, kann man auf sehr unterschiedliche Weise erzählen.

Wir Evangelischen erzählen es gern als eine Geschichte der Wiederentdeckung des Evangeliums, als eine Geschichte der Freiheit und des kirchlichen Aufbruchs. Die katholischen Geschwister – und dafür bin ich dankbar! – haben uns ausdrücklich im Vorfeld des Jubiläumsjahrs 2017 daran erinnert, wie die Geschichte der Reformation auch mit einer ganz anderen Tönung und Tonalität erzählt werden kann. Als Verlustgeschichte, als Geschichte von Rechthaben und Streit, von Spaltung und Abspaltung.



Jahrhunderte hat es gedauert, bis evangelische und katholische Chritinnen und Christen behutsam und ganz allmählich beginnen konnten, die Geschichte der Reformation als gemeinsame Geschichte zu erzählen. Dazu gehörte die Entdeckung: Das, was uns geschenkt wurde, ist nicht zu haben ohne Verluste und Verletzungen. Umgekehrt können die Verluste und Verletzungen, die wir voneinander erlitten und einander zugefügt haben, zum verheißungsvollen Keim werden für gemeinsame neue Wege. Ich erinnere an den eindrucksvollen Gottesdienst zur „Healing of Memories“ in Hildesheim, an dessen Ende wir ehrlichen Herzens wagen konnten, vom Segen der Reformation zu sprechen. Und zwar von einem Segen, der uns beiden zuteil wurde.



VII.

Die Szene über dem Eingangsportal dieser Kirche stellt uns eine tiefe Wahrheit vor Augen: Keiner von uns halte sich selbst für die Mitte! Die Mitte ist Christus. Paulus und Petrus stehen beide an seiner Seite. Und wenn sie einander so betrachten in ihrer jeweiligen Nähe zu Christus, dann ahnen sie hoffentlich: Wie stark könnten wir sein, wenn wir mit gegenseitiger Achtung die Stärken des anderen stärkten und voneinander und miteinander zu lernen versuchten?

Wie stark könnten und müssten wir beide miteinander sein für die leidende Welt? Was bedeuten gläubige Menschen, die Christus in ihre Mitte nehmen, für eine säkulare Gesellschaft? Was können sie bewirken in den gebeutelten Gesellschaften Europas, wo Spaltung und Polarisierung immer mehr zunehmen, die sich aufreiben und zersplittern zwischen Verschwörungsphantasien und Kriegslust und Hassbotschaften und den Kompromiss verachten? Wie segensreich sind sie für jene, die gar nicht mehr zu dieser Gesellschaft gehören und von ihr ausgepien werden? Die Welt braucht Frauen und Männer, die gegen alle Hoffnungslosigkeit an das Evangelium eines Liebenden glauben, der gestern und heute und in Ewigkeit derselbe ist!



VIII.

Zurück zu Paulus. Nicht alle Gemeinden begrüßt er so gediegen und formvollendet. Der kluge jüdische Gelehrte Jakob Taubes vermerkt: „Dies ist der einzige Brief des Paulus an eine Gemeinde, die er nicht gegründet hat. Und: Er hätte es sich sehr verbeten, wenn andere Apostel in seine Gemeinden hineingepfuscht hätten mit einem Brief. … Deshalb zieht er sich also Frack und Weste an wie ein feiner Pinkel und schreibt ungeheuer diplomatisch. Denn er geht auf Glatteis. … Er hatte Sinn dafür, wo die Macht zu finden ist und wo eine Gegenmacht zu etablieren ist.“



Vieles, beinahe alles ist heute anders als in jenen Anfängen der christlichen Gemeinde in Rom. Mein feiner Frack und und die würdigen Westen meiner Gefährten stecken in den verlustig gegangenen Koffern, die hoffentlich irgendwann wieder auftauchen. Ich gehe nicht auf Glatteis, obwohl ich bei der Hitze hier fast was drum geben würde. Aber eines ist doch gestern und heute dasselbe: Sie, liebe Gemeinde, gehören zu den Geliebten Gottes, zu den berufenen Heiligen in Rom. Mich hat verlangt danach, euch zu sehen, damit ich euch etwas mitteile an geistlicher Gabe, um euch zu stärken, das ist, dass ich zusammen mit euch getröstet werde durch euren und meinen Glauben, den wir miteinander haben. Und wir vertrauen gemeinsam auf eine Gegenmacht zu Angst und Gewalt: auf die Macht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.



Amen.