Jeremia 1, 4-10

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn

Jesus Christus. Amen.

 

Kennen Sie das Gefühl, liebe Gemeinde, dass Sie sich zu schwach, zu

klein, zu wenig vorbereitet fühlen für eine Aufgabe, die vor Ihnen liegt oder

die Sie sich vielleicht selbst vorgenommen haben? Dass wie ein großer,

unbezwingbarer Berg vor Ihnen steht, was Sie in den nächsten Tagen oder

Wochen bewältigen müssen? Eine traurige Nachricht, die Sie überbringen,

eine Operation, der Sie sich unterziehen, eine neue Lebenssituation, der

Sie sich stellen müssen? Etwas, das Sie nicht einfach unberührt lässt; dass

Ihr Leben vielleicht sogar nachhaltig verändern kann und bei dem Sie noch

nicht wissen, wie es danach weitergehen kann. Solche Situationen, in

denen wir in besonderer Weise herausgefordert werden, sind

Bewährungsproben. Sie können uns verunsichern, uns Angst machen.

Aber solche Herausforderungen können uns auch die Erfahrung vermitteln,

dass wir zu Dingen in der Lage sind, die wir uns zuvor gar nicht zugetraut

hätten. Es ist ja eine vielfach zitierte Lebensregel, dass man Situationen,

die beunruhigend oder bedrohlich erscheinen, nicht ausweichen, sondern

sich ihnen stellen soll. Sicherheit gewinnen und Zuversicht: das geht nicht

ohne, dass wir auch solche Lebenslagen meistern, die uns beim ersten

Gedanken daran, was da auf uns zukommt, einen Schreck einjagen und

die wir uns lieber ersparen würden.

Von einer solchen Situation erzählt unser heutiger Predigttext. Wir haben

ihn vorhin in der alttestamentlichen Lesung bereits gehört. Er steht ganz

am Anfang des Jeremiabuches. Jeremia erhält einen Auftrag von Gott. Das

trifft ihn völlig unvorbereitet und er fühlt sich auch in keiner Weise in der

Lage dazu, was von Gott von ihm verlangt. Er hatte sich das nicht etwa

selbst vorgenommen, sich nicht angeboten oder gar danach gedrängt.

Aber das spielt alles keine Rolle. Er soll, so lautet Gottes Auftrag, vor das

Volk treten und ihm die Botschaften überbringen, die Gott Israel

mitzuteilen hatte – und die waren alles andere als angenehm. Eine harsche

Kritik sollte er vortragen, daran, wie sich Israel verhalten hatte. Dass es

abgewichen war von Gottes Weg, sich auf sich selbst verlassen hatte. Er

sollte dem Volk ins Stammbuch schreiben, dass es umkehren soll zum

Gehorsam gegenüber Gott, seinen Eigensinn aufgeben, dorthin

zurückkehren, was gut und heilvoll ist. Wer ist schon gerne der Überbringer

solcher Nachrichten, wer übt gerne eine so scharfe Kritik am eigenen Volk,

der eigenen Gemeinde, an denen, die uns nahestehen? Man macht sich

damit unbeliebt, setzt sich einem Shitstorm aus, wir kennen das heute zur

Genüge.

Und so verwundert es nicht, dass Jeremia alles andere als begeistert von

seinem Auftrag war. Er wäre lieber etwas anderes geworden als

ausgerechnet Prophet, noch dazu einer, der nichts gilt im eigenen Land. Er

wehrt sich dagegen, fühlt sich zu jung, der Aufgabe nicht gewachsen, die

ihm da aufgeladen wird. Aber Gott sieht das ganz anders. Gott besteht

darauf, Jeremia zum Volk Israel zu schicken und es zur Besinnung zu

rufen. Gott weiß, dass Jeremia dazu in der Lage sein wird, auch der selbst

sich das in keiner Weise zutraut. Gott sieht mehr in Jeremia als dieser

selbst in seinem Zögern und Zagen. Und Gott sagt Jeremia seinen Beistand

  1. Er wird ihm helfen, ihn beschützen, ihn nicht allein lassen, wenn die

äußeren Widerstände und die inneren Selbstzweifel übermächtig

erscheinen.

Jeremia hat keine Wahl. Gott beruft ihn zum Propheten, stattet ihn mit

einem Auftrag aus, dem sich Jeremia nicht entziehen kann. Ab sofort hat er

eine neue Lebensaufgabe, muss sich der Herausforderung stellen, die jetzt

vor ihm liegt. Er muss Israel von Angesicht zu Angesicht gegenübertreten,

ihm ins Gewissen reden, unangenehme Wahrheiten aussprechen. Jeremia

wäre lieber ausgewichen, aber Ausflüchte gelten nicht, wenn das Leben

uns in Situationen stellt, die wir bestehen müssen.

Gott lässt Jeremias Ausreden nicht gelten. Er versichert ihm vielmehr, dass

er sehr wohl dazu in der Lage sein wird, wozu er ihn auserwählt hat. Gott

hat Großes mit Jeremia vor. Er soll an sich glauben, Mut fassen,

zuversichtlich sein. Er soll darauf vertrauen, dass Gott ihn nicht allein

lassen, dass er ihm beistehen und ihm die Kraft dazu geben wird, was er

tun soll. Als Jeremia sich dann tatsächlich daran macht, die ihm

übertragene Aufgabe anzugehen, kommt es ganz anders, als er es erwartet

hatte. Jeremia wird zu einem der großen und wichtigen Propheten des

Volkes. Sein Lebensweg ist nicht leicht, aber er fühlt sich seiner Aufgabe

verpflichtet und auch gewachsen. Sie eröffnet ihm neue Horizonte, auch

wenn sie sein Leben auf eine Weise lenkt, die er sich selbst niemals

ausgemalt hätte.

Die Berufung des Jeremia zum Propheten gehört zu den

außergewöhnlichen Erzählungen der Bibel über Menschen, die von Gott in

den Dienst genommen werden. Es ist eine außergewöhnliche Geschichte,

aber sie ist nicht völlig einzigartig. Die Bibel erzählt häufiger davon, dass

Gott im Leben von Menschen plötzlich und unerwartet in Erscheinung tritt,

sie in die Verantwortung nimmt, etwas für die Menschen, für unsere

Gesellschaft, für diese Welt zu tun. Der Apostel Paulus ist ein anderes

solches Beispiel. Wie Jeremia wurde auch er dazu ausgewählt, Gottes

Wort zu verkünden. Auch für Paulus kam das gänzlich unerwartet und hat

seinen Lebensweg völlig auf den Kopf gestellt. Diese Wende im Leben des

Paulus vom Verfolger der Jesusanhänger zum Verkünder des Evangeliums

von Jesus Christus war so spektakulär und eindrücklich, dass sie nicht nur

viele Male nacherzählt, sondern auch oft bildlich dargestellt worden ist. Das

Gemälde von Caravaggio in der Cerasi-Kapelle in Santa Maria del Popolo

ist ein Beispiel für eine Interpretation dieser Begebenheit in der Form eines

bemerkenswerten Gemäldes.

Weder Jeremia noch Paulus hatten sich selbst als Propheten oder

Glaubenszeugen gesehen. Sie wurden das vielmehr wider Willen. Dann

aber haben sie sich dieser Aufgabe voll und ganz gewidmet, ohne jede

Einschränkung und auf die Gefahr hin, verspottet und verfolgt zu werden.

Weder Jeremia noch Paulus ging es dabei um sich selbst. Sie wollten sich

nicht in Szene setzen, vor anderen groß dastehen mit ihren Taten, Eindruck

machen damit, was sie vollbringen. Ganz im Gegenteil. Jeremia wäre lieber

davongelaufen als das Volk zur Umkehr zu rufen, es zu warnen vor den

Folgen, die seine Abkehr von Gott nach sich ziehen würde. Das Volk hatte

sich abgewendet von Gott, hatte seinen eigenen Willen über die Treue zu

Gott gestellt, hatte die Liebe Gottes und seine Heilstaten vergessen.

Jeremia sah das Unglück kommen. So, wie die Verhältnisse geworden

waren, wie das Volk Recht und Gerechtigkeit mit Füßen trat, auf Macht und

Ansehen mehr setzte als auf Recht und Barmherzigkeit – so konnte es

nicht weitergehen. Und Jeremia sollte Recht behalten. Es kam in der Tat

schlimm für Israel. Das Land wurde erobert, viele wurden ins Exil gebracht,

auch Jeremia selbst.

In keinem Buch der Bibel tritt uns die Gestalt eines Propheten so deutlich,

so drastisch vor Augen wie bei Jeremia. Das macht dieses Buch, das macht

die Person des Jeremia so einzigartig. Und das lässt diesen Propheten

zugleich in sehr direkter Weise in unsere Zeit hinein sprechen. Hören wir

die Warnungen, die unsere Zeit aussendet, die Signale, die ausgehen von

den Umständen, in die wir die Welt gebracht haben? Die Gefahren sind ja

nicht eben kleiner geworden gegenüber der Zeit, in der Jeremia Israel

Gottes Botschaft ausgerichtet hatte. Wir spüren heute die Folgen

europäischen Expansionsdranges und kolonialer Attitüden vielleicht so

deutlich, wie sie noch nie zuvor zu bemerken waren. Die ungleiche und oft

schreiend ungerechte Ressourcenverteilung, die verzweifelten Versuche

von Menschen, aus Kriegs- und Hungergebieten nach Europa zu gelangen,

sprechen eine deutliche Sprache. Gerade erleben wir das wieder sehr

drastisch. Auch die Folgen der Klimaveränderungen lassen sich nicht mehr

übersehen, hier in Europa nicht und in anderen Ländern der Erde noch viel

weniger. Alexander von Humboldt hatte schon am Anfang des 19.

Jahrhunderts vor den Folgen einer rücksichtslosen Abholzung der

Regenwälder in Südamerika gewarnt, mit denen die Europäer dort

begonnen hatten. Seltsam modern und geradezu prophetisch mutet es

heute an, dass Humboldt erkannte, wie Ökosysteme funktionieren, dass

Bäume als Wasserspeicher wichtig sind und Sauerstoff produzieren, dass

die Natur nicht rein mechanisch und funktional, sondern als lebendiger und

zu schützender Organismus zu begreifen ist.

Wir spüren die Folgen unseres Tuns auch an den fragilen Strukturen des

Miteinanders, hier in Europa, aber auch darüber hinaus. Die vielen

Menschen, die derzeit vom Verlust ihrer Lebensgrundlagen bedroht sind,

stellen uns nicht nur vor finanzielle und organisatorische

Herausforderungen, sondern auch vor die Fragen nach einer gerechten

Weltordnung, nach der Verantwortung europäischer Kolonial- und

Expansionspolitik an den Verhältnissen in Afrika und im Nahen Osten, nach

der Gestaltung von Handels- und Wirtschaftsstrukturen und der

moralischen Verantwortung für drastische Unterschiede zwischen reich und

arm – nicht nur zwischen Ländern, sondern auch mitten in unseren

Städten, in unserem eigenen Umfeld, hier in Rom, in Berlin und andernorts.

Wie Jeremia das Volk seiner Zeit warnte, gibt es auch heute warnende

Stimmen, denen es nicht um Selbstinszenierung, sondern um

verantwortliches Handeln geht. Es gibt solche Stimmen in der Politik, in der

Wissenschaft, in der Kirche. Wir sind gut beraten darauf zu achten,

sensibel dafür zu sein, was geschützt und bewahrt werden muss,

aufmerksam zu sein auf Beobachtungen und Hinweise, die vom hektischen

und selbstverliebten Medienbetrieb viel zu oft in den Hintergrund gedrängt

werden.

Als Christen sind wir aufgerufen, uns nicht einfach abzufinden mit

ungerechten Verhältnissen. Wir stehen in der Verantwortung, wie seinerzeit

Israel, dem Jeremia vor Augen führte, was es seinem Gott zu verdanken

hat. Er hatte es befreit aus Ägypten, bewahrt in der Wüste, es in das Land

geführt, in dem sie zu einem großen Volk geworden waren. Gott hat auch

uns bewahrt in großen Nöten; bis hierher hat er uns geführt, und wir

dürfen dankbar sein für alles, was wir von ihm erhalten haben: dass wir in

sicheren Verhältnissen leben dürfen und uns um unser tägliches

Auskommen nicht sorgen müssen; die Menschen, die um uns sind, uns

tragen uns Geborgenheit und Liebe schenken; das Land, in dem wir leben

und das wir mitgestalten dürfen; unsere christliche Gemeinde, die uns Halt

gibt und in der wir uns zu Hause fühlen.

All das Gute, das Gott uns zugewendet hat, dürfen und wollen wir nicht

vergessen. Es gibt uns Kraft geben und Zuversicht, auch schwere Zeiten zu

bestehen im Vertrauen darauf, dass Gott unsere Welt erhält, dass unser

Leben bei ihm geborgen ist, auch und gerade in Herausforderungen und

den schweren Zeiten.

Die Geschichte von Jeremia ist die Geschichte eines Menschen, der von

Gott in besonderer Weise in die Pflicht genommen wurde. Es lassen sich

auch Beispiele nennen, die uns näher sind als die Zeit des Jeremia. Dietrich

Bonhoeffer, ein engagierter und konsequenter Theologe des 20.

Jahrhunderts, hat sich aus Verantwortung gegenüber seinem christlichen

Gewissen dazu entschlossen, in den Widerstand gegenüber dem

nationalsozialistischen Regime zu treten. Das hat sein Leben nicht weniger

nachhaltig verändert, als es bei Jeremia und Paulus der Fall war. Für

Bonhoeffer bedeutete es, dass sein gerade erst begonnener Weg in die

Theologie und ins Pfarramt jäh abgebrochen wurde. Er wurde ins

Gefängnis geworfen und schließlich hingerichtet. Seine Briefe, die er aus

der Haft geschrieben hat, sind überaus tiefe und eindrucksvolle Zeugnisse

dafür, dass sein christlicher Glaube ihm die Kraft gegeben hat, diese

überaus schwere Zeit in seinem jungen Alter zu bestehen. Auch in unserer

unmittelbaren Gegenwart gibt es mutige und aufrechte Menschen, die sich

nicht korrumpieren und sich keine Angst einflößen lassen, sondern mutig

und konsequent zu ihrer Überzeugung stehen.

Was wir an diesen Menschen lernen können, liebe Gemeinde, ist das

Vertrauen, dass Gott uns die Kraft dazu geben wird, die Aufgaben, vor die

das Leben uns stellt, bewältigen zu können. Diese Aufgaben sind ganz

unterschiedlicher Art und es ist dafür auch nicht notwendig, dass wir uns

mit so eindrucksvollen Menschen wie Jeremia, Paulus oder Bonhoeffer

direkt vergleichen. Aber auch für jeden und jede von uns hält Gott eine

Aufgabe bereit. Diese Aufgabe kann schwer erscheinen, manchmal sogar

so schwer, dass sie uns Angst macht und wir uns zu schwach vorkommen.

Die Geschichte vom Propheten Jeremia macht uns dabei Mut. Sie macht

uns gewiss, dass Gott auch unseren Lebensweg begleitet; dass er uns für

die Aufgabe, der wir uns stellen sollen, auch die Kraft geben wird. Und so

ist unser Predigttext in seinem Kern eine große Ermutigung für uns alle. Er

ist die Ermutigung dazu, voller Hoffnung und Zuversicht für diese Welt

dasjenige zu tun, das wir als richtig und heilvoll erkannt haben. Er ist die

Ermutigung, dass unser Leben in Gottes Hand liegt und er es zu einem

guten Ende führen wird. Er ist die Ermutigung, dass wir nicht allein sind

mit unseren Sorgen und Ängsten, sondern Gott mit uns ist, uns bewahrt

und sicher geleitet. Amen.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre

unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

9. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Schröter