5. Mose 7. 6-12
Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.
Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.
Liebe Gemeinde,
auf welchem Boden stehen wir?
Was ist die Grundlage?
Unseres Lebens, unseres Glücks, unseres Schicksals?
Was ist die Grundlage unserer Kirche und dieser Gemeinde?
Was gibt uns Sicherheit? Auf welchem Boden stehen wir?
Ist es unsere Kraft und Leistung, unsere Gesundheit und unsere finanzielle Vorsorge?
Und bei unserer Gemeinde:
Ist es ihre Tradition und Geschichte, ihre Kraft uns Anstrengung beim Bazar und sonst, ihre Bekanntheit in der römischen Ökumene oder gar ihr Pfarrer?
Was trägt?
Das wunderbare Gotteswort aus dem 5. Buch Mose spricht Klartext. Liebevoll, aber doch gleichzeitig entwaffnend klar.
Da wird die Frage beantwortet nach Grund und Fundament, nach Sicherheit und Zukunft – im Blick auf das Volk Gottes:
Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern.
Wir könnten vom Propheten Jesaja hinzufügen:
Fürchte dich nicht, Israel, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein. (Jes 43, 1)
Es ist die Zugehörigkeit, die Halt gibt.
Du bist mein. Gott hat dich zum Eigentum erwählt.
Was sich erst einmal schön anhört, löst ja bei uns ja auch Widerstand aus.
Zum einen sind wir als moderne aufgeklärte Menschen nicht gerne jemandes Eigentum, sondern individuelle freie Personen.
Zum andern definieren wir uns tendenziell lieber über unsere Leistungen und Verdienste, als über unsere Beziehung zu Gott.
Wie oft habe ich in dieser Gemeinde gehört, was jemand alles gemacht hat und geleistet hat beim Bazar oder im Frauenverein oder bei anderen Aktivitäten! Das ist alles wunderbar und verdient höchste Ankerkennung!
Aber wie selten habe ich gehört, dass jemand sagte: Ich gehöre zu dieser Gemeinde, weil ich hier Halt und Zugang zu meinem Gott finde.
Selbst im Glauben, selbst als Christenmenschen, selbst als Lutheraner im so katholischen Italien neigen wir eher dazu, uns über unsere Taten zu definieren. „Ich habe doch…“
Aber Gott unterbricht uns bei dieser Auflistung sofort und sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“
Er sagt nicht: „Ich lasse mir gerne vorrechnen, was du alles getan hast und wie leistungsfähig du bist, und entscheide mich dann vielleicht für dich.“
Er sagt: „Du bist mein.“ – schon bevor wir irgendetwas für ihn getan haben, schon in der Taufe, schon zum Säugling.
Es ist wie die Liebe einer Mutter, die ihr neugeborenes Kind nicht wegen seiner Leistungen liebt – die gibt es noch gar nicht! – , sondern allein wegen der Beziehung, wegen der Zugehörigkeit: „Du bist mein.“
Es ist schwer, sich das gefallen zu lassen, weil wir alle keine Babys mehr sind und auch keine Kinder mehr sein wollen. Aber im Glauben, in der Gottesbeziehung ist das leider die Wahrheit. Warum sonst nennt uns die Bibel an so vielen Stellen „Kinder Gottes“? Warum sonst nimmt Jesus die kleinen Kinder als Beispiel und sagt: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Mk 10,15)?
Wir sind von Gott aus definiert über unsere Beziehung zu ihm und nicht durch unsere Leistungen in dieser Welt.
Und diese Beziehung ist ziemlich einseitig gestaltet. Diese Beziehung hat ein eindeutiges Gefälle.
Gott hat dich erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern.
Jesus sagt später noch zugespitzter: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt (Joh 15, 16).
Gott hat dieses Verhältnis bestimmt. Er ist der Erste. Er macht die Regeln. Er hat alles in der Hand.
Eine junge Kollegin hat dieses Gefälle kritisiert. Ihr gefalle dieses Gottesverhältnis nicht. Sie wolle eine Partnerschaft in Freiheit und auf Augenhöhe. Gott und der Mensch als gleichberechtigte Partner, die sich annähern oder aus dem Weg gehen können…
Aber Gott ist der Schöpfer und wir seine Geschöpfe!
Er ist der Herr, und wir sind Ton in seinen Händen (Jer 18,6)!
Gott und Mensch stehen nie auf gleicher Ebene, gehen nie von denselben Voraussetzungen aus. Er ist der Unbedingte und wir, wir sind durch allerlei Voraussetzungen bedingt, limitiert, begrenzt.
Und es ist allein schon ein Wunder, dass sich dieser unendlich erhabene und ewige Gott für uns interessiert und sich zu uns hinabbeugt und uns in eine Beziehung anbietet.
Dich hat der Herr erwählt zu seinem Eigentum.
Das ist Beziehung. Das ist eine rettende Beziehung. Das ist Gemeinschaft, die uns trägt und hält.
Aber eben auch eine Beziehung mit Gefälle. Er ist der Herr!
Und er macht die Regeln: „So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.“
Es ist eine sonderbare Mode im gegenwärtigen Christentum, dass man (demokratisch verbrämt) jegliche Hierarchie im Gottesverhältnis verbannt und Gott zum bloßen Partner an deiner Seite macht.
Gott ist der Herr! Und wir sind seine Geschöpfe.
Es ist wie in der Beziehung vom Säugling zu seiner Mutter. Diese Beziehung hat auch ein Gefälle – aber eben auch die unbedingte Liebe.
Liebe, Beziehung und Demut im Gottesverhältnis zusammen zu denken, das ist die Stärke des 5. Buches Mose, des Deuteronomiums.
Gott liebt, erwählt, bindet sich, rettet und fordert, dass man dieser Bindung gerecht wird und entsprechend lebt. Das ist wunderbar auf den Punkt gebracht. Das Neue Testament wird diese Dynamik nicht ändern, sondern nur weiter vertiefen.
Haben wir uns schon einmal bewusst gemacht, dass die Heilige Schrift unser Verhältnis zu Gott nicht als Vertrag, nicht als Kalkulation, nicht als physikalische Formel darstellt, sondern als Liebe.
Es gibt genug Religionen, in denen die Kategorie der Liebe gar nicht vorkommt.
Bei unserem Gott kommt sie nicht nur vor, sondern ist sie leitend. Sie ist leidenschaftlich, so leidenschaftlich, dass sie das Leiden nicht ausschließt, sondern sich hinabbegibt bis in den Tod am Kreuz, um uns in blutiger Umarmung heimzuholen.
Ich sage nicht, dass das alles ohne Zumutung an uns ist. Aber seien wir ehrlich: Echte Liebe ist immer auch eine Zumutung.
Und wir, wir müssen uns diese erwählende, diese leidenschaftliche, diese uns zuvorkommende Liebe nur gefallen lassen – abseits aller Leistungen, Vergleiche und Erfolgsbilanzen.
Wie hieß es im 5. Buch Mose?
Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat.
Ist Israel nun klein oder groß?
Das kann man auch im Alten Testament ganz unterschiedlich sehen.
Natürlich war Israel im Vergleich mit den großen Nachbarvölkern immer klein.
Aber dennoch wurden sie in Ägypten auch groß – zu groß für den Pharao. Natürlich waren sie immer auch stark, so dass andere Völker zurückwichen.
Natürlich hatte Gott dem Abraham verheißen:
„So zahlreich wie die Sterne am Himmel werden deine Nachkommen sein“ (Gen 15,5).
Wir sehen: Die Größe und die Macht und Stärke Israels ist nie Vorbedingung von Gottes Liebe, sondern immer deren Folge!
Groß oder klein – wichtig oder unwichtig:
Alles eine Frage der Selbstdefinition.
Ist unsere Gemeinde klein oder groß, wichtig oder unwichtig?
Alles eine Frage der Selbstdefinition.
Natürlich sind wir zahlenmäßig verschwindend klein. Natürlich ist unser Einfluss ausgesprochen begrenzt und unsere Geschichte jung. Natürlich sind wir nur ein Teil der ELKI.
Aber doch sind wir auch immer wieder wichtig. Manchmal auch über die Maßen wichtig: Wenn deutsche Medien sich mehr für uns interessieren als für vielfach größere Gemeinden in Deutschland, wenn die Päpste uns besucht haben, wenn wir in der Ökumene ernstgenommen und geschätzt werden. [Und ich danke an dieser Stelle unseren anwesenden Freunden Pater Augustinus und Matthew Lafferty für Ihre geschwisterliche Treue!]
Wir waren wichtig, wenn wir hier bei aller Limitierung Menschen Rückhalt und Anbindung geboten haben. [Und ich danke an dieser Stelle allen, die in dieser Gemeinde dazu beitragen, besonders auch dem Vorstand mit seinem Präsidenten.]
Klein oder groß: Das ist alles eine Frage der Selbstdefinition.
Bist du klein oder groß, wichtig oder unwichtig, bedeutend oder leicht zu übersehen?
Das kannst du dich fragen, Israel. Das kannst du dich fragen, Christuskirche. Das kannst du dich fragen, Mensch, ob italienisch oder deutsch, ob reich oder arm, ob alt oder jung.
Klein oder groß: Das ist alles eine Frage der Selbstdefinition.
Nein! Nicht der Selbst-Definition, sondern der Gottes-Definition.
Er sagt Israel, was es wert ist.
Er schenkt dir die Augenblicke, in denen du dich wertvoll und angenommen fühlst.
Er ist es, der unser Leben am Ende beurteilt.
Von der Selbstdefinition zur Gottes-Definition überzugehen, das ist eigentlich das ganze Evangelium.
Mein Leben, meinen Wert, meine Größe nicht von anderen oder meinen eigenen Launen bestimmen zu lassen, sondern vom ewigen, lebendigen, wahren Gott: Das ist der Schritt ins Licht.
Deine wahre Größe erkennst du nicht beim Blick auf dein Konto, sondern am Handeln deines Schöpfers.
Deine wahre Schönheit siehst du nicht beim Blick in den Spiegel, sondern im makellosen Angesicht Jesu, das dir der Schöpfer anrechnen wird.
Deinen wahren Wert erkennst du nicht beim Blick auf deinen Leistungen, sondern in den Augen Jesu Christi, die dich auch noch anblicken, wenn du ganz unten bist.
Von der Selbstdefinition zur Gottes-Definition.
Das ist der Schritt, den die lutherische Lehre immer in die Mitte gestellt hat.
Das ist der Schritt, zu dem auf dieser Kanzel hoffentlich immer eingeladen werden wird.
Das ist der Schritt, der nie ins Leere treten wird, sondern in eine ewige Zukunft. Du bist mein!
Amen.5. Mose 7. 6-12
Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat.
Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten. So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten, und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen. So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat.
Liebe Gemeinde,
auf welchem Boden stehen wir?
Was ist die Grundlage?
Unseres Lebens, unseres Glücks, unseres Schicksals?
Was ist die Grundlage unserer Kirche und dieser Gemeinde?
Was gibt uns Sicherheit? Auf welchem Boden stehen wir?
Ist es unsere Kraft und Leistung, unsere Gesundheit und unsere finanzielle Vorsorge?
Und bei unserer Gemeinde:
Ist es ihre Tradition und Geschichte, ihre Kraft uns Anstrengung beim Bazar und sonst, ihre Bekanntheit in der römischen Ökumene oder gar ihr Pfarrer?
Was trägt?
Das wunderbare Gotteswort aus dem 5. Buch Mose spricht Klartext. Liebevoll, aber doch gleichzeitig entwaffnend klar.
Da wird die Frage beantwortet nach Grund und Fundament, nach Sicherheit und Zukunft – im Blick auf das Volk Gottes:
Du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern.
Wir könnten vom Propheten Jesaja hinzufügen:
Fürchte dich nicht, Israel, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: du bist mein. (Jes 43, 1)
Es ist die Zugehörigkeit, die Halt gibt.
Du bist mein. Gott hat dich zum Eigentum erwählt.
Was sich erst einmal schön anhört, löst ja bei uns ja auch Widerstand aus.
Zum einen sind wir als moderne aufgeklärte Menschen nicht gerne jemandes Eigentum, sondern individuelle freie Personen.
Zum andern definieren wir uns tendenziell lieber über unsere Leistungen und Verdienste, als über unsere Beziehung zu Gott.
Wie oft habe ich in dieser Gemeinde gehört, was jemand alles gemacht hat und geleistet hat beim Bazar oder im Frauenverein oder bei anderen Aktivitäten! Das ist alles wunderbar und verdient höchste Ankerkennung!
Aber wie selten habe ich gehört, dass jemand sagte: Ich gehöre zu dieser Gemeinde, weil ich hier Halt und Zugang zu meinem Gott finde.
Selbst im Glauben, selbst als Christenmenschen, selbst als Lutheraner im so katholischen Italien neigen wir eher dazu, uns über unsere Taten zu definieren. „Ich habe doch…“
Aber Gott unterbricht uns bei dieser Auflistung sofort und sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“
Er sagt nicht: „Ich lasse mir gerne vorrechnen, was du alles getan hast und wie leistungsfähig du bist, und entscheide mich dann vielleicht für dich.“
Er sagt: „Du bist mein.“ – schon bevor wir irgendetwas für ihn getan haben, schon in der Taufe, schon zum Säugling.
Es ist wie die Liebe einer Mutter, die ihr neugeborenes Kind nicht wegen seiner Leistungen liebt – die gibt es noch gar nicht! – , sondern allein wegen der Beziehung, wegen der Zugehörigkeit: „Du bist mein.“
Es ist schwer, sich das gefallen zu lassen, weil wir alle keine Babys mehr sind und auch keine Kinder mehr sein wollen. Aber im Glauben, in der Gottesbeziehung ist das leider die Wahrheit. Warum sonst nennt uns die Bibel an so vielen Stellen „Kinder Gottes“? Warum sonst nimmt Jesus die kleinen Kinder als Beispiel und sagt: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Mk 10,15)?
Wir sind von Gott aus definiert über unsere Beziehung zu ihm und nicht durch unsere Leistungen in dieser Welt.
Und diese Beziehung ist ziemlich einseitig gestaltet. Diese Beziehung hat ein eindeutiges Gefälle.
Gott hat dich erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern.
Jesus sagt später noch zugespitzter: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt (Joh 15, 16).
Gott hat dieses Verhältnis bestimmt. Er ist der Erste. Er macht die Regeln. Er hat alles in der Hand.
Eine junge Kollegin hat dieses Gefälle kritisiert. Ihr gefalle dieses Gottesverhältnis nicht. Sie wolle eine Partnerschaft in Freiheit und auf Augenhöhe. Gott und der Mensch als gleichberechtigte Partner, die sich annähern oder aus dem Weg gehen können…
Aber Gott ist der Schöpfer und wir seine Geschöpfe!
Er ist der Herr, und wir sind Ton in seinen Händen (Jer 18,6)!
Gott und Mensch stehen nie auf gleicher Ebene, gehen nie von denselben Voraussetzungen aus. Er ist der Unbedingte und wir, wir sind durch allerlei Voraussetzungen bedingt, limitiert, begrenzt.
Und es ist allein schon ein Wunder, dass sich dieser unendlich erhabene und ewige Gott für uns interessiert und sich zu uns hinabbeugt und uns in eine Beziehung anbietet.
Dich hat der Herr erwählt zu seinem Eigentum.
Das ist Beziehung. Das ist eine rettende Beziehung. Das ist Gemeinschaft, die uns trägt und hält.
Aber eben auch eine Beziehung mit Gefälle. Er ist der Herr!
Und er macht die Regeln: „So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.“
Es ist eine sonderbare Mode im gegenwärtigen Christentum, dass man (demokratisch verbrämt) jegliche Hierarchie im Gottesverhältnis verbannt und Gott zum bloßen Partner an deiner Seite macht.
Gott ist der Herr! Und wir sind seine Geschöpfe.
Es ist wie in der Beziehung vom Säugling zu seiner Mutter. Diese Beziehung hat auch ein Gefälle – aber eben auch die unbedingte Liebe.
Liebe, Beziehung und Demut im Gottesverhältnis zusammen zu denken, das ist die Stärke des 5. Buches Mose, des Deuteronomiums.
Gott liebt, erwählt, bindet sich, rettet und fordert, dass man dieser Bindung gerecht wird und entsprechend lebt. Das ist wunderbar auf den Punkt gebracht. Das Neue Testament wird diese Dynamik nicht ändern, sondern nur weiter vertiefen.
Haben wir uns schon einmal bewusst gemacht, dass die Heilige Schrift unser Verhältnis zu Gott nicht als Vertrag, nicht als Kalkulation, nicht als physikalische Formel darstellt, sondern als Liebe.
Es gibt genug Religionen, in denen die Kategorie der Liebe gar nicht vorkommt.
Bei unserem Gott kommt sie nicht nur vor, sondern ist sie leitend. Sie ist leidenschaftlich, so leidenschaftlich, dass sie das Leiden nicht ausschließt, sondern sich hinabbegibt bis in den Tod am Kreuz, um uns in blutiger Umarmung heimzuholen.
Ich sage nicht, dass das alles ohne Zumutung an uns ist. Aber seien wir ehrlich: Echte Liebe ist immer auch eine Zumutung.
Und wir, wir müssen uns diese erwählende, diese leidenschaftliche, diese uns zuvorkommende Liebe nur gefallen lassen – abseits aller Leistungen, Vergleiche und Erfolgsbilanzen.
Wie hieß es im 5. Buch Mose?
Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –, sondern weil er euch geliebt hat.
Ist Israel nun klein oder groß?
Das kann man auch im Alten Testament ganz unterschiedlich sehen.
Natürlich war Israel im Vergleich mit den großen Nachbarvölkern immer klein.
Aber dennoch wurden sie in Ägypten auch groß – zu groß für den Pharao. Natürlich waren sie immer auch stark, so dass andere Völker zurückwichen.
Natürlich hatte Gott dem Abraham verheißen:
„So zahlreich wie die Sterne am Himmel werden deine Nachkommen sein“ (Gen 15,5).
Wir sehen: Die Größe und die Macht und Stärke Israels ist nie Vorbedingung von Gottes Liebe, sondern immer deren Folge!
Groß oder klein – wichtig oder unwichtig:
Alles eine Frage der Selbstdefinition.
Ist unsere Gemeinde klein oder groß, wichtig oder unwichtig?
Alles eine Frage der Selbstdefinition.
Natürlich sind wir zahlenmäßig verschwindend klein. Natürlich ist unser Einfluss ausgesprochen begrenzt und unsere Geschichte jung. Natürlich sind wir nur ein Teil der ELKI.
Aber doch sind wir auch immer wieder wichtig. Manchmal auch über die Maßen wichtig: Wenn deutsche Medien sich mehr für uns interessieren als für vielfach größere Gemeinden in Deutschland, wenn die Päpste uns besucht haben, wenn wir in der Ökumene ernstgenommen und geschätzt werden. [Und ich danke an dieser Stelle unseren anwesenden Freunden Pater Augustinus und Matthew Lafferty für Ihre geschwisterliche Treue!]
Wir waren wichtig, wenn wir hier bei aller Limitierung Menschen Rückhalt und Anbindung geboten haben. [Und ich danke an dieser Stelle allen, die in dieser Gemeinde dazu beitragen, besonders auch dem Vorstand mit seinem Präsidenten.]
Klein oder groß: Das ist alles eine Frage der Selbstdefinition.
Bist du klein oder groß, wichtig oder unwichtig, bedeutend oder leicht zu übersehen?
Das kannst du dich fragen, Israel. Das kannst du dich fragen, Christuskirche. Das kannst du dich fragen, Mensch, ob italienisch oder deutsch, ob reich oder arm, ob alt oder jung.
Klein oder groß: Das ist alles eine Frage der Selbstdefinition.
Nein! Nicht der Selbst-Definition, sondern der Gottes-Definition.
Er sagt Israel, was es wert ist.
Er schenkt dir die Augenblicke, in denen du dich wertvoll und angenommen fühlst.
Er ist es, der unser Leben am Ende beurteilt.
Von der Selbstdefinition zur Gottes-Definition überzugehen, das ist eigentlich das ganze Evangelium.
Mein Leben, meinen Wert, meine Größe nicht von anderen oder meinen eigenen Launen bestimmen zu lassen, sondern vom ewigen, lebendigen, wahren Gott: Das ist der Schritt ins Licht.
Deine wahre Größe erkennst du nicht beim Blick auf dein Konto, sondern am Handeln deines Schöpfers.
Deine wahre Schönheit siehst du nicht beim Blick in den Spiegel, sondern im makellosen Angesicht Jesu, das dir der Schöpfer anrechnen wird.
Deinen wahren Wert erkennst du nicht beim Blick auf deinen Leistungen, sondern in den Augen Jesu Christi, die dich auch noch anblicken, wenn du ganz unten bist.
Von der Selbstdefinition zur Gottes-Definition.
Das ist der Schritt, den die lutherische Lehre immer in die Mitte gestellt hat.
Das ist der Schritt, zu dem auf dieser Kanzel hoffentlich immer eingeladen werden wird.
Das ist der Schritt, der nie ins Leere treten wird, sondern in eine ewige Zukunft. Du bist mein!
Amen.