- Korinther 15,19-28
Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen.
Nun aber ist Christus auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.
Denn da durch einen Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch einen Menschen die Auferstehung der Toten.
Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus;
danach die Christus angehören, wenn er kommen wird;
danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird,
nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.
Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« (Psalm 110,1).
Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7).
Wenn es aber heißt, alles sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist,
der ihm alles unterworfen hat.
Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, auf dass Gott sei alles in allem.
Nun bitten wir dich Jesu Christ,
weil du vom Tod erstanden bist,
verleihe, was uns selig ist.
Amen.
Liebe Gemeinde,
das gemeinsame Essen ist für die Menschen bei uns das Wichtigste am Osterfest. Das ergab eine aktuelle Umfrage. Viel wichtiger als der Gottesdienstbesuch ist den Menschen nach der Statistik an diesem Tag das festliche Essen in der Familie.
Natürlich würde ich mir ein höheres Ranking des Kirchgangs wünschen.
Natürlich wäre es schlüssig und schön, wenn die Auferstehung als Grund für diese Fest überall und bei allen zum Ausdruck käme.
Aber gegen gemeinsames Essen als Element eines Festes kann man ja schlecht etwas sagen.
Gerade am Osterfest. Die Fastenzeit ist vorbei.
Alle christlichen Länder kennen besondere Spezialitäten, die für diesen Tag gebacken werden.
Hier in Italien ist es die süße Colomba, im Norden ist es der Hefezopf, im Osten das Osterbrot mit eingebackenen rotgefärbten Eiern. Man könnte eine ganze Predigt damit füllen, verschiedenes Ostergebäck aufzuzählen und zu beschreiben: salzig oder süß, schlicht oder verziert, selbstgemacht oder gekauft.
Ich hoffe, Sie hatten heute schon gutes Gebäck auf dem Tisch, denn Ostern ist in der Tat ein Fest des guten Essens.
Wenn Sie sich jetzt langsam fragen, warum diese Predigt bisher um das Gebäck auf dem Ostertisch kreist und nicht um die Auferstehung Jesu, dann ist der Auslöser dafür die uralte Symbolik des biblischen Osterfestes.
Sie erinnern sich vielleicht, dass die Evangelien an mehreren Stellen betonen, dass Jesu Passion und Auferstehung auf das „Fest der ungesäuerten Brote“ fielen (etwa Mk 14,1). Das damit zusammenhängende Passa-Fest hat durchaus mit besonderem Gebäck zu tun, nämlich mit ungesäuertem Brot. Die alte, inzwischen leider abgeschaffte Epistellesung des Ostersonntags aus dem 1. Korintherbrief lässt diese Symbolik noch erkennen:
„Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Darum schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr ein neuer Teig seid. Denn auch wir haben ein Passalamm, das ist Christus, der geopfert ist (1Kor 5,6f.)“.
Ich habe mich schon oft gefragt, warum dieser Bibeltext aus den österlichen Lesungen verschwunden ist. Vielleicht liegt es daran, dass in Zeiten schwindender Sühne-Theologie ein geopfertes Passa-Lamm nicht mehr als angemessenes Bild für den auferstandenen Jesus gilt.
Vielleicht ist es für die zu Ostern versammelte Gemeinde auch keine besonders einladende Aufforderung, ein „neuer Teig“ zu werden.
Vielleicht liegt es aber auch daran, dass wir heute die jüdischen Festgebräuche nicht mehr vor Augen haben und vermutlich auch nicht mehr alle regelmäßig selbst Brot backen.
Wer aber dennoch (auch Kuchen) auf die altmodische Weise backt, kennt den Umgang mit Hefe, mit dem Vorteig, den man mit warmer Milch behutsam in einer Mulde des Mehls anrührt und nachher mit dem ganzen Mehl verknetet. Für die Bibel sind die damals für jeden Haushalt vertrauten Backtriebmittel Hefe oder Sauerteig jedenfalls oft Bilder für geistliche Dinge:
„Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.“, sagt Jesus einmal (Mt 13,33) und führt uns damit vor Augen, dass ein wenig „Vorteig“ genügt, um eine große Teigmenge zu durchwirken. Und das ist ja bis heute beeindruckend: Ein bisschen Hefe sorgt dafür, dass der ganze Teig „aufgeht“, sein Volumen oft verdoppelt und nach dem Backen für luftiges, leichtes Gebäck sorgt.
Und genau diese Einsicht ist notwendig, um die Argumentation zu verstehen, die Paulus für die Auferstehung in unserem Wort für heute verwendet:
Christus ist auferweckt von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind.
Und weil Christus auferstanden ist, werden auch alle auferstehen, die an ihn glauben.
Warum ist das so? Wir verstehen diesen Rückschluss nicht, wenn wir nur lesen: Christus ist „als Erster“ auferweckt von den Toten.
Hier steht aber „als Erstling“. Und das ist für die Bibel nicht nur der Erste in einer Zählung, sondern die Erstlingsgabe von Lebensmitteln an Gott.
Die ersten Erträge jeder Ernte hat man in Israel Gott geopfert. Auch vom Brotteig hat man ein Erstlings-Brot geformt und Gott gewidmet. Mit diesem Erstlings-Brot war der ganze übrige Teig Gott geweiht und geheiligt (Lev 23,20). Die Heiligkeit des Erstlings-Brotes wirkt sich aus auf den ganzen anderen Teig, denn es handelt sich ja um die gleiche Substanz!
Jesus ist nicht einfach nur als Erster auferstanden, sondern als Erstling, als heiliger Vorteig, der die ganze Masse der Gläubigen mitprägt und mitnimmt. Als wahrer Mensch, der unter uns gelebt und gelitten hat, ist er ja von derselben Substanz wie wir, durchmischt und eingemischt in unsere Menschlichkeit.
Ich vermute, wir sehen uns selbst nicht gerne als Teigmasse; aber hier sind wir es: Eine neue Teigmasse, die von Christus „durchsäuert“ ist. Dieser Teig wird „aufgehen“, nicht im Backofen, sondern ins ewige Leben.
Jesus ist uns mit seiner Auferstehung nicht nur vorausgegangen, sondern er bleibt uns verbunden.
Dieser „Erstling“ ist uns nicht davongelaufen wie der Erste bei einem Wettlauf, der seine Konkurrenten hinter sich lässt, dem wir nur bewundernd nachblicken können, sondern dieser Erstling ist mit uns „verbacken“. Luther sagt: Christus und der Gläubige sind „ein Kuche“.
Wenn Ihnen das Bild vom Teig zu süßlich ist, dann nehmen Sie Luthers Bild vom Haupt und den Gliedern:
Das Haupt ist auferstanden. Christus ist das Haupt aller Christen. Wenn der Kopf bei der Geburt aus dem Mutterschoß heraus ist, dann folgen auch die Glieder. Der Leib hängt aneinander. Wenn das Haupt draußen ist, müssen Schultern, Rücken usw. folgen. Es wird sich nicht der Kopf für sich halten, sondern den ganzen Leib nach sich ziehen. Wie die Frauen sagen: Ist erst der Kopf des Kindes draußen, ist es geschafft. (Vgl. Luthers Predigt über 1Kor 15)
Von Paul Gerhardt wie immer wunderbar ins Lied gesetzt (EG 112,6):
Ich hang und bleib auch hangen an Christus als ein Glied;
wo mein Haupt durch ist gangen, da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod,
durch Welt, durch Sünd, durch Not,
er reißet durch die Höll,
ich bin stets sein Gesell.
Die Auferstehung Jesu ist keine individuelle Siegergeschichte. Das ist ein Geschehen für uns. Jesus kehrt nicht nur als Sohn Gottes – schlüssiger weise! – in die Sphäre Gottes zurück, woher er kam.
Er nimmt seine Menschheit mit. Dass Christus als wahrer Gott das ewige Leben hat, ist eigentlich klar. Dass er es aber durch seinen Tod uns schenkt, die wir es nicht haben, das ist das Besondere!
Das eigentliche Osterwunder besteht ja nicht darin, dass der Schöpfer des Universums jenseits aller natürlichen Limits neues Leben schaffen kann, sondern darin, dass er es will.
Der Allmächtige kann nicht nur theoretisch alles, sondern er tut hier etwas Bestimmtes:
Gott öffnet seinen Himmel dem, der sich mit den Sündern vollkommen identifiziert hat. Und dieser heimkehrende Gottessohn bringt allerlei verdächtige Freunde mit – wie ein Junge allerlei schmuddelige Spielkameraden oder ein Teenager die zwielichtigen Mitglieder seiner Clique; und die Eltern lassen um ihres Sohnes willen alle ins Haus.
Paulus stellt Christus einen anderen Erstling gegenüber:
Adam hat als erste Person der Menschheit nicht nur selbst Fehler gemacht, sondern damit den ganzen Teig verdorben.
Auch im Blick auf eine Definition von Sünde hilft der Blick auf den Brotteig. Ist der erst vom falschen Sauerteig durchsäuert, bekommen Sie den nicht mehr raus. Die ganze Menschheit ist seit Adams Abwendung von Gott mit dem Tod kontaminiert. Und wir sehen hier zurecht: Sünde ist nicht der eine oder andere moralischer Fehler, sondern ein Verhängnis, aus dem wir nicht rauskommen.
Keiner kann selbst nochmal ganz neu ansetzen. Wir sind aus demselben Teig wie Adam. Da kann sich keiner selbst zum Brötchen formen. Das kann nur der Bäcker selbst.
Er tut es, in dem er den Teig durch Jesus neu ansetzt und in seinen Händen formt.
Wollen wir uns in diese Backstube begeben? Auferstehung wird nicht übergestülpt, sie wird im Glauben angenommen. Auferstehung ist – wie Rechtfertigung – keine weltweite Pauschalamnestie nach dem Motto „Alles wird gut.“, sondern ein Geschehen in Christus.
Die Tür zu Gottes Auferstehungswelt ist die persönliche Glaubensentscheidung.
Der alte Adam muss sterben und wir sollten ihm nicht nachtrauern.
Dass viele Menschen mit dem Glauben an eine Auferstehung Probleme haben, kann doch auch daran liegen, dass sie sich das ewige Leben als Weiterleben des alten Adam vorstellen, so als würde unser – durchaus schwieriges! – irdisches Leben einfach nach hinten hinaus verlängert. Aber das ist es nicht. Uns das sagt auch keiner. Adam muss sterben und auch wir werden biologisch sterben. Was danach kommt, dafür ist Christus Vorbild, nicht Adam, dafür ist Gott leitend und nicht die Schlange.
Ewiges Leben als endlose Verlängerung unseres menschlichen Daseins zu denken, ist nicht nur falsch, sondern auch fatal. Endloses menschliches Dasein wäre wie Jean-Paul Sartre zeigt, die Hölle (Huis clos), oder wie Ludwig Thoma erzählt, unerträgliche Langeweile (Der Münchner im Himmel).
Wir müssen schon verwandelt werden, so wie der Teig im Ofen.
Am Ende steht ja wohlriechendes Gebäck und nicht der Teig. Aus dem formlosen Teig hat sich einzigartiges Backwerk gebildet. So ist das auch bei der Auferstehung der Toten: Kein Aufgehen im Nichts, sondern jede und jeder als einzigartiges Geschöpf.
Mit wieviel Vorfreude stehen Kinder vor der Backofentür und können gar nicht erwarten, dass ihre selbstgemachten Backwaren aus dem Ofen kommen!
Genauso erwartet uns Gott in seinem Himmel.
Wie viele Erfahrungen, wie viele Verletzung verderben uns den Brei!
Wie viel zieht uns runter und verhindert, dass unser Leben aufgeht wie ein Hefekuchen – so wie es Gott eigentlich gedacht hätte!
Haltet euch fern vom Sauerteig dieser Welt, ruft Paulus uns heute zu!
Hier ist das ganz andere, das ganz neue Brot, das Gott der Welt seit diesem denkwürdigen Passafest anbietet.
Ihr seid zum süßen Brot geladen!
Greift zu! Nehmt diesen Jesus in euch auf! Im Glauben und im Heiligen Abendmahl.
Jesus sagt: Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es macht uns nicht nur satt. Es verbindet sich mit uns.
Und wenn dieses Brot lebt, dann leben auch wir!
Der Herr ist aufstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden! Amen.