2 Kor 5

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Aber das alles ist von Gott, der uns mit sich selber versöhnt hat durch Christus und uns das Amt gegeben, das die Versöhnung predigt. Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

 

Liebe Gemeinde!

Was sehen Sie, wenn Sie in unserer Kirche nach vorne schauen? Wohin blicken Sie, wenn Sie hier nachdenken oder beten?

Auf den lebendigen, goldumstrahlten Jesus oben im Mosaik oder auf den gekreuzigten Jesus unten auf dem Altar?

In unserer Kirche habe Sie ja gewissermaßen die Wahl.

Aber es geht mir natürlich nicht nur um Ihre Blickrichtung hier in der Kirche, sondern vielmehr darum, welches Bild von Jesus Sie vor sich haben, wenn Sie an ihn denken, wenn Sie sich ihn vorstellen, wenn Sie sich an ihn wenden.

Welches innere Bild von Jesus haben wir im Herzen?

Ist da nur Platz für den sympathischen Geschichtenerzähler und Heiler aus Galiläa oder ist dort auch Platz für den Schmerzensmann mit der Dornenkrone?

Denken wir bei Christus nur an den Weltenherrscher, der uns in jeder Lage helfen kann, oder auch an den, der passiv und geschunden am Kreuz stirbt?

„Schönster Herr Jesu“ oder „Lamm Gottes“?

Und dabei geht es nicht um eine echte Alternative oder Geschmacksfragen oder unsere jeweilige Situation, sondern es geht darum, ob der leidende, elende, sterbende, ja tote Jesus wirklich einen Platz in unserer Glaubensverstellung hat, und wenn ja, welche.

Es gibt und gab immer wieder Strömungen in der Kirche, die diese unangenehmen und schockierenden Bilder des Gekreuzigten wegschieben wollen – oder zumindest so zurückfahren, dass sie nicht im Mittelpunkt stehen.

Karfreitag gewissermaßen als kleiner Zwischenfall in der Geschichte, als unangenehme Zwischenepisode der Story Jesu, als ungeliebte Station im Kirchenjahr.

Karfreitagsfrömmigkeit, Kreuzesmystik, Passionslieder, Sühnevorstellung: Das sei alles nicht nur traurig und depressiv, sondern das sei pathologisch, lautet der Vorwurf, also schädlich für die seelische Gesundheit der Menschen.

Also lieber Finger weg vom Karfreitag, und weg mit dem Kreuz als Zentralbild unseres Glaubens, und den Blick nach draußen in die Natur oder auf fröhlichere Jesusbilder?

 

Was sehen Sie, wenn Sie in unserer Kirche nach vorne schauen?

Genau diese Frage war es, die vor kurzem an einem Abend zu einer heftigen Diskussion führte.

Es ging dabei konkret um eine römische Kirche, die wohl wichtigste römische Kirche, den Petersdom. Dort ist ganz vorne – Sie wissen es – der sogenannte Kathedra-Petri-Altar von Bernini. Und so unumstritten großartig dieser Altaraufbau aus künstlerischer Sicht ist, so bedenklich ist er aus theologischer Sicht. Es fehlt nämlich der sichtbare Bezug zu Christus. Es fehlt vor allem: das Kreuz.

Nun ließ Papst Franziskus vor einigen Jahren unten über der Tischplatte ein großes Kreuz aufstellen, das vor dem schwarzen Marmor gut zur Geltung kam.

Und an genau diesem Kreuz entzündete sich bei einer abendlichen Einladung von Journalisten, bei der ich auch dabei war, eine heftige Diskussion. Die erste Feststellung war die, dass dieses Kreuz eine sehr positive Neuerung des Papstes gewesen sei. Sie stelle endlich den Mittelpunkt des christlichen Glaubens in die zentrale Blickachse des Petersdoms. Nicht so sah das eine katholische Journalistin. Das Bild eines sterbenden Mannes könne doch nicht im Mittelpunkt unsers Glaubens stehen. Diese Bild passe doch nicht zu einem Gott des Lebens. Und sie holte aus zu einer großen Abrechnung mit allen Kreuzen, weit über den Petersdom hinaus. Es sei krankhaft und schädlich, einen toten Mann vor Augen zu haben. Andere anwesende Journalisten und Theologen widersprachen ihr; und schon waren wir in einer angespannten Diskussion um den Tod Jesu, obwohl es sich um ein vorweihnachtliches Abendessen im Kerzenschein handelte: Karfreitag im Advent.

 

Die Stimmung drohte fast zu kippen. Und der Tod Jesu war Anstoß zum Streit, weit entfernt von dem, was wir heute bei Paulus gelesen haben: Er spricht von Versöhnung. Dreimal kommt dieses wichtige Wort in unserem Abschnitt vor:

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber.

Gott hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott.

Schöne Sätze sind das; Sätze, gegen die wohl kaum jemand etwas haben kann.

Von Versöhnung hören wir gerne. Versöhnung brauchen wir in dieser Welt, untereinander, mit uns selbst und vielleicht auch mit Gott. Daran würde sich kein Widerspruch entzünden, nicht einmal von Atheisten. Daraus würde sich kein Streit beim Tischgespräch ergeben.

Sollten wir also lieber von Versöhnung durch den lieben Gott reden als von Jesus am Kreuz, der unter Todesqualen die Sünde der Menschheit trägt?

Kreuzloses Christentum?

In der Tat fehlt in unserem Abschnitt aus dem 2. Korintherbrief das Wort „Kreuz“. Wir lesen auch nichts von Blut, Nägeln oder Dornenkrone.

Hätten wir hier vielleicht einen Ausgangspunkt für ein Christentum ohne Kreuz und ohne Sühnevorstellung?

 

Liebe Gemeinde, wenn wir Paulus im Zusammenhang sehen, dann erkennen wir schnell, dass es für ihn nicht ohne Kreuz und Sühne geht. „Wir aber verkündigen Christus, den Gekreuzigten“, stellt er am Anfang des ersten Korintherbriefs klar. Und er sieht auch klar die konfliktbildende Wirkung dieser Verkündigung. Das Kreuz muss als Ärgernis und Dummheit erscheinen (1Kor 1,23f).

Gott hat Jesus für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut (Röm 3,25), schreibt Paulus an zentraler Stelle.

Er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht.

Wir können also die Versöhnung nicht gegen Sühne ausspielen!

Es wird vielmehr alles daran liegen, dass wir das zentrale Wort „Versöhnung“ im 2. Korintherbrief und am Karfreitag richtig verstehen und klar konturieren.

 

  1. Versöhnung

Das Erste, was wir klären müssen, ist, wer sich hier mit wem versöhnt.

Bei Versöhnung denken wir ja meist an zwei gleichberechtigte Partner.

Zwei Kollegen haben sich gestritten, aber versöhnen sich nach einer Aussprache wieder. Zwei Freundinnen sprechen nicht mehr miteinander, aber nach einiger Zeit springen sie über ihren Schatten und versöhnen sich wieder. So oder ähnlich stellen wir uns Versöhnung vor. Jede Seite gibt etwas nach, jede Seite gesteht Fehler ein, jede Seite nimmt sich etwas zurück: So ist Versöhnung.

Nicht so bei unserem Fall am Kreuz! Denn da besteht schon allein zwischen den beiden entfremdeten Parteien ein gewaltiger Unterschied. Der eine ist Gott und der andere Mensch. Der eine ist der Schöpfer, der andere das Geschöpf. Hier versöhnen sich nicht zwei gleichberechtigte Partner auf einer Ebene. Selbst wenn wir wollten, könnten wir dem ewigen, erhabenen Gott nicht einfach die Hand reichen.

Und wenn wir fragen, wer sich etwas zuschulden kommen ließ, dann trifft es hier auch nur die eine Seite: Es war der Mensch, der sich von Gott entfernt hat, im Paradies nach der verbotenen Frucht gegriffen, Gottes heilige Gebote verachtet, weggelaufen ist aus dem Vaterhaus wie der verlorene Sohn – oder welches biblische Bild der Sünde Sie auch immer wollen.

Hier stehen sich nicht zwei Parteien feindlich gegenüber. Gott wurde nie zum Feind des Menschen. Es war der Mensch, der gegen Gott rebellierte und sich von ihm entfernte.

Der Vater hat dem Verlorenen Sohn nie die Feindschaft erklärt. Er hat nur verletzt und traurig auf ihn gewartet.

Liebe Geschwister, das Missverhältnis ist einseitig! Und die Wiederherstellung dieser zerbrochenen Beziehung ist auch einseitig.

Sie geht von Gott aus.

Gott war in Christus und versöhnte sich Welt mit sich selbst.

Das Subjekt der Versöhnung ist Gott!

Am Kreuz handelt Gott, nicht der Mensch.

Es liegt alles daran, zu erkennen, wer hier Subjekt und wer Objekt der Versöhnung ist.

Gott selbst hat im Kreuzesgeschehen von sich aus die Feindschaft des sündigen Menschen beseitigt, seine Rebellion überwunden und ihn zu sich ins rechte und heilvolle Verhältnis gesetzt.

Diese Versöhnung verändert uns Menschen, aber nicht den ewigen Gott!

Von einer Umstimmung eines bis dahin zornigen Gottes durch das Kreuz weiß Paulus nichts. Das Kreuzesgeschehen hat zur Folge, dass die nun Versöhnten vor dem kommenden Zorngericht gerettet werden.

Das ist der Wandel! Das ist die Veränderung, die der Karfreitag heraufführt. Kein Stimmungswandel einer rachelustigen oder blutrünstigen Gottheit!

Der ewige Gott war in Christus und nimmt die Strafe auf sich – und wir armen Sünder sind frei, versöhnt, haben Frieden mit Gott.

Am Kreuz handelt Gott, nicht der Mensch!

Und sehen Sie, das ist so wichtig, wenn wir auf den Gekreuzigten schauen.

Da sehen wir eben nicht eine leidende Kreatur, sondern Gott selbst.

Da sehen wir eben nicht einen Menschen wie du und ich, der geopfert wird, sondern Gott selbst, der seiner gefallenen todgeweihten Schöpfung bis ins Letzte entgegenkommt.

Am Kreuz sehen wir nicht die hoffnungslos geschundene Menschheit, an der man sich vielleicht noch sadistisch ergötzt, sondern den Sohn Gottes, der in die Tiefe menschlicher Verfallenheit und Bosheit hinabsteigt, um sie zu wenden, um alles neu zu machen.

Wir starren am Kreuz nicht auf einen toten Mann, um vor der Grausamkeit zu erschaudern oder kapitulieren, sondern wir erkennen, dass Gott in diesem Jesus von Nazareth war, um uns zu sich heimzuholen – wie tief auch immer wir gestürzt sind.

Das Kreuz ist deshalb Heilszeichen, kein Denkmal der Grausamkeit.

 

  1. Sünde

Klären wir dann noch, wovon wir geheilt werden müssen, weswegen wir von Gott versöhnt werden müssen.

Wir denken bei der Sünde, an die jetzt ins Spiel kommt, immer an einzelne Taten. Wir haben einiges – nicht alles! – falsch gemacht. Wir scheitern immer wieder. Aber all das ist nicht das biblische Bild der Sünde.

Sünde ist Sein, nicht Tat.

Was bei uns Menschen krank ist und schiefläuft, sind nicht einzelne Taten, die aus dem Ruder laufen, sondern unser ganzes Sein.

Paulus sieht in der Sünde nicht den einen oder anderen Fehltritt, sondern eine Macht, die über uns herrscht, eine Macht, die uns versklavt, eine Macht, die uns wohnt und unser Personenzentrum besetzt.

Der Mensch ist somit Sünder nicht allein in seinem Tun und Handeln, sondern er ist es ganz umfassend in seinem gottfeindlichen und gottfernen Sein.

Dass diesem Menschen die Sünde einfach abgenommen würde, dass der Mensch diese Sünde einfach abladen könnte wie eine Last, das ist für Paulus undenkbar.

Denn Distanzierung von der Sünde: Das könnte für den Sünder ja nur Distanzierung von sich selbst sein! Aufheben der Sündenwirklichkeit: Das könnte ja nur heißen, dass der komplette Mensch selbst aufgehoben würde, damit Platz wäre für einen von Grund auf neuen Menschen!

Trennung des Sünders von seiner Sünde: Das müsste ein Geschehen sein von Tod und Auferstehung, von Untergang und Neuschöpfung!

Und genau das passiert am Karfreitag!

Und genau das bringt uns an den Anfang unseres heutigen Bibelabschnitts:

Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur.

Am Karfreitag werden uns nicht ein paar begangene Fehltritte abgenommen, am Kreuz wird kein zorniger Rachegott befriedigt, am Karfreitag werden wir neu geschaffen, werden von Gott neu ins Licht gestellt, bekommen einen inneren Kompass, der nicht mehr von der Sünde bestimmt ist.

Paulus kann Versöhnung und Sühne und Neuschöpfung in einem Atemzug nennen, denn sie gehören für ihn zusammen, umschließen und beleuchten sich gegenseitig.

Das ist sein Blick auf den Gekreuzigten! Ein steiler Blick – zugegeben!

Ein tiefer Blick in die Abgründe, aber eben kein finsterer fatalistischer Blick.

 

Und unser Blick?

Paulus ruft uns heute zu: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Und jeder Blick auf ein Kreuz – hier, im Petersdom oder sonst will uns dasselbe sagen.

Das Kreuz zieht dich nicht runter, sondern richtet dich auf.

Das Kreuz macht dich nicht krank, sondern heil.

Das Kreuz ist nicht Zeichen für das Ende, sondern der immer neue Anfang.

Amen.

Karfreitag – Pfr. Dr. Jonas