Römer 5,1-5

Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im fünften Kapitel des Römerbriefes. Ich lese:

1 Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus.

2 Durch ihn haben wir auch den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird.

3 Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt,

4 Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5 Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext hat einen ruhigen Grundton. Er spiegelt die Erfahrung eines Menschen wider, der Gott gefunden hat und sein Leben – und das seiner Gemeinde – aus der Perspektive Gottes betrachtet.

Und doch ist uns vielleicht ein Schauer über den Rücken gegangen, als wir die Evangeliumslesung gehört haben. Besonders die Stelle, an der Johannes schreibt: „Das Licht ist in die Welt gekommen, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Werke waren böse.“

Unsere Welt ist weiterhin von Kriegen, Ungerechtigkeiten und vielfältiger Bosheit gezeichnet. Ein Krieg steht seit einigen Jahren vor unserer Haustür, und ein weiterer ist in diesen Tagen im Nahen Osten ausgebrochen.

Hinzu kommen die Nachrichten über die berüchtigten Epstein-Akten. Man beginnt zu ahnen, dass hinter den Gräueltaten von Menschen, die sich ihrer Straflosigkeit sicher fühlen, mehr steckt als nur ein gewöhnlicher Mangel an Gottesglauben. Es wird deutlich, dass dahinter ein eigentlicher Wille zum Bösen steht. Das Böse als Grundkriterium der Existenz zu wählen. Das Böse statt des Guten.

Ich liebe keine Verschwörungstheorien. Ich bin eher vorsichtig. Dennoch halte ich es für angebracht zu fragen, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen der moralischen Krise des Westens und der Weltanschauung eines Teils der westlichen Elite.

Die Krise des Westens hat viel mit einer Betonung des „Ich“, der persönlichen, individuellen Dimension, und mit einer Reduzierung des „Wir“ zu tun.

Wir sind in der Krise, weil der Mensch letztlich dazu gedrängt wird, das Leben nur in seiner materiellen Dimension zu verstehen.
Es gibt eine systematische Ablehnung der Transzendenz – nicht nur der metaphysischen, sondern auch jener Transzendenz, die den Menschen dazu bewegt, über sich selbst hinauszugehen. Dieses Hinausgehen über sich selbst kann bedeuten, eine Familie zu gründen oder Werte und Kultur, kulturelle Identität und eine Lebenssicht weiterzugeben, eingebettet in den großen Zusammenhang der Geschichte.
All das sind Werte, die den Menschen moralisch ansprechen; die ihm Kraft geben; die seinem Leben tiefen Sinn verleihen; die verhindern, dass sich der Sinn des Lebens auf das reduziert, was man besitzen kann oder wie nützlich man erscheint.

Die Globalisierung verfolgt zugleich zwei scheinbar gegensätzliche Ziele: Einerseits spricht sie viel von Respekt vor Vielfalt und von Inklusion; andererseits tendiert sie dazu, Unterschiede einzuebnen und verschwinden zu lassen.
Der Punkt, an dem sich diese Linien treffen, ist die Ablehnung jeglicher Transzendenz.

Jede Form von Transzendenz wurde entmutigt und bekämpft. Zunächst natürlich die Transzendenz im eigentlichen Sinn – die Beziehung zwischen dem Menschen und Gott. Aus dieser Beziehung erwächst immer auch eine Haltung gegenüber den Mitmenschen, die von Altruismus und Solidarität geprägt ist.
Die Beziehung zu Gott lässt ein „Wir“ entstehen, das sich weitet, um andere Menschen und schließlich auch andere Geschöpfe und die gesamte Schöpfung einzuschließen.
Es ist ein „Wir“, das danach fragt, wie wir uns richtig zu anderen Lebewesen und zur Schöpfung verhalten. Es ruft zur Verantwortung; dazu, die Schöpfung als etwas zu verstehen, das wir verwalten und nicht ausbeuten sollen – um es kommenden Generationen weiterzugeben.
Im zwischenmenschlichen Bereich setzt sich dieses „Wir“ gegen Ungerechtigkeiten ein.
Und dieses „Wir“ ist – genau wie jedes der „Ich“, aus denen es besteht – von außen geleitet. Wie wir in der Kirche sagen: Es lässt sich von Gott führen.
Das bringt jeden Glaubenden – und damit auch uns Christen – in ein mögliches Spannungsverhältnis zu den Inhabern weltlicher Macht.

Aber die Führung Gottes anzunehmen und zu lernen zu unterscheiden, wann etwas Gottes Wille ist und nicht bloße Projektion menschlicher Wünsche – genau das geschieht im Glaubensleben.
Es gibt eine Spannung zwischen menschlichem Willen und Gottes Willen, zwischen menschlicher Wirklichkeit und göttlicher Wirklichkeit.

Hier kommt die Erfahrung ins Spiel, von der der Apostel Paulus spricht. Der christliche Glaube war zur Zeit des Paulus nicht weniger beim Machtapparat verhasst und nicht weniger verspottet als heute.
Und doch kann Paulus dank des Glaubens positiv leben: „Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld wirkt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung.“

Welche Hoffnung? In Italien sagt man: „Wer hoffend lebt, stirbt verzweifelt.“ Manchmal stimmt das – wenn Hoffnung die Realität ausblendet. Aber das ist nicht die Hoffnung, von der Paulus spricht. Diese Hoffnung ist Frucht der Glaubenserfahrung und „lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“. Wir haben uns den Glauben nicht selbst erarbeitet. Er ist uns geschenkt worden. Christliche Hoffnung ist nicht das Erzählen angstlösender Märchen. Sie gründet in der Erfahrung, dass Gottes Gegenwart im eigenen Leben konkret spürbar ist.

Dieser Glaube lässt uns die Welt sehen, wie sie ist – ohne zugleich zu verzweifeln.

Der Dichter Giovanni Pascoli schrieb ein Gedicht zum Gedenken an seinen Vater, der auf dem Weg nach Hause ermordet wurde. In diesem Gedicht nannte er die Erde „ein trübes Atom des Bösen“, weil sie von Bosheit und Leid durchdrungen sei.

Auf diesem „trüben Atom des Bösen“ begehen Menschen böse Taten. Warum lieben Menschen – zumindest ein Teil von ihnen – die Finsternis mehr als das Licht? Ein Albert Einstein zugeschriebenes Wort lautet: „Das Böse ist das Ergebnis der Abwesenheit Gottes im Herzen der Menschen.“
Denn wenn man sich nicht von Gott leiten lässt, wird man von etwas anderem geleitet – und das ist nicht das Höchste Gut.

„Trübes Atom des Bösen“ – manchmal scheint das tatsächlich die einzig mögliche Bezeichnung für die Welt zu sein.

Doch dann erinnern wir uns an unseren Glauben, der uns durch den Heiligen Geist geschenkt wurde. Wir erinnern uns, dass Jesus Christus gekommen ist, um auf der Seite der Menschheit zu stehen und ihr die Versöhnung mit Gott zu ermöglichen. Und wir erinnern uns, dass die ganze Schöpfung seufzt und auf die Erlösung wartet.

Dann erinnern wir uns auch daran, dass „trübes Atom des Bösen“ nicht der einzige Name für die Erde ist. Vom Weltraum aus gesehen ist die Erde der „Blaue Planet“, weil sie von einem blauen Licht umhüllt erscheint.

Ein Atom im Universum – ja. Aber ein Atom, umhüllt von der Farbe des Himmels.
Und mit diesem Bild im Herzen denken wir an den Namen dieses Sonntags: „Reminiscere“.

„Reminiscere“ – „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit“ – und lass uns, auch in den Stürmen des Lebens, stets an dich denken, der du die Welt in deine Gnade hüllst, und auf dich vertrauen.

Amen.

 

Reminiscere – Prädikantin Anna Belli