Erntedankfest – Prof. Dr. Jens Schröter

Markus 8,1-9

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Markus 8,1-9
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn Jesus
Christus. Amen.
Es ist genug da für alle, keiner muss hungern, alle werden satt. Es bleibt sogar noch
viel übrig. Das kennen wir, liebe Schwestern und Brüder. Wenn wir feiern, wird
reichlich aufgetragen, manchmal auch zu viel, wie mitunter beim Oktoberfest in
München, das heute zu Ende geht. Essen und Trinken sind wichtig, hier in Italien
besonders. Nachher werden wir es wieder miteinander erleben. Wir werden
gemeinsam Suppen genießen, die fleißige Helferinnen und Helfer vorbereitet haben.
Wir werden eine fröhliche Gemeinschaft im Pfarrgarten sein, es wird genug da sein
für alle und vielleicht bleibt sogar noch etwas übrig – das muss es aber nicht, Sie
können sehr gerne alles aufessen!
Gaben in Fülle. Auch unser festlich geschmückter Altar gibt einen Eindruck davon,
wofür wir heute Dank sagen. Wir danken Gott für den reichen Segen, den er dieser
Welt schenkt. Wir dürfen uns an der Schöpfung erfreuen, jeden Tag aufs Neue. An
den Pflanzen, auch hier im Pfarrgarten, der als Bibelgarten gestaltet ist; an den
Tieren, an dem Wasser, das wir immer noch reichlich zur Verfügung haben. Hier in
Rom sprudeln die Nasoni an unzähligen Stellen. Ich empfinde es immer wieder als
großartig und überhaupt nicht selbstverständlich, besonders an heißen Tagen, dass
man an so vielen Stellen in der Stadt seine Wasserflasche auffüllen kann. So viele
Güter, von denen wir tagtäglich leben. So viel Grund dankbar zu sein. Heute, am
Erntedankfest steht das im Mittelpunkt.
Unsere Freude an der Schöpfung ist aber nicht ungetrübt. In sie hinein mischt sich
Sorge. Sorge um den Erhalt unserer Lebensgrundlagen; Sorge um die
Erderwärmung, die wir immer deutlicher spüren; Sorge um knapper werdendes
Wasser in vielen Teilen der Erde; Sorge um aussterbende Pflanzen- und Tierarten.
Niedrige Flusspegel in Deutschland, die Sorge um den Ernteertrag nach langen
Trockenperioden, die jährlich steigenden Temperaturen in unseren Ländern – all das
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lässt sich nicht übersehen. Das Erntedankfest 2026 stellt uns mitten hinein in die
Ambivalenz zwischen der Freude über die Schöpfung und die Sorge darüber, wie
wir mit diesem großen Geschenk verantwortungsvoll umgehen.
Und noch etwas gehört dazu: Nicht allen Menschen geht es so gut wie uns. Die
Welthungerhilfe nennt 645 Millionen Menschen, die unter Hunger leiden. Eine
unglaubliche Zahl. Zum Vergleich: in der Europäischen Union leben derzeit etwa
452 Millionen Menschen, fast 200 Millionen weniger. Vor allem in Afrika und im
Südasien sind sehr viele Menschen von Dürren oder Überschwemmungen, aber auch
von Kriegen betroffen. Die wachsende globale Ungleichheit ist ein massives
Problem. UN-Generalsekretär António Guterres hat das der Staatengemeinschaft im
Rahmen der UN-Generaldebatte in dieser Woche gerade erneut ins Gedächtnis
berufen. Die wohlhabendsten 0,001 Prozent der Menschen haben etwa dreimal so
viel Vermögen wie die ärmere Hälfte der Menschheit zusammen. Ein unglaubliches
Gefälle. Der ungleiche Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnraum,
sauberem Wasser oder Nahrung stellt grundlegende Fragen an die globalen
politischen und wirtschaftlichen Strukturen. Bei unserer Freude über Gottes gute
Gaben müssen wir darum auch im Blick haben, dass eine gerechte Verteilung der
Güter und ein verantwortungsvoller Umgang mit der Schöpfung, die uns anvertraut
ist, zu unseren Aufgaben gehören.
Das bringt uns zu unserem Predigttext für den heutigen Sonntag. Dieser Text steht
im Markusevangelium. Er erzählt eine Geschichte, in der alle satt wurden. Wir haben
es vorhin in der Lesung des Evangeliums bereits gehört. Eine große
Menschenmenge ist versammelt, alle haben Hunger. Stellen wir uns eine große
Schar hungernder Kinder aus Somalia oder dem Südsudan vor, dann wird konkreter,
worum es hier geht. Jesus kann das nicht mit ansehen. Es schneidet ihm ins Herz, er
will unbedingt Abhilfe schaffen. Das wird am Beginn des Predigttextes sehr deutlich
betont. Jesus will, dass die Menschen heil werden an Leib und Seele. Ganz
buchstäblich, ganz konkret. Darum erzählt er der hungernden Menge nicht, dass es
im Reich Gottes schon besser werden wird und sie sich nur etwas gedulden sollen.
Er macht seinen Jüngern die Lage dieser Menschen deutlich: Drei Tage haben sie
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schon nichts zu essen, wenn sie sich jetzt so auf den weiten Weg nach Hause
machen, werden sie unterwegs entkräftet zusammenbrechen. Das können wir nicht
zulassen. Wir müssen etwas tun, um das Leid dieser Menschen zu lindern. Jesus
fühlt mit, er will die Not der Menschen wenden, ihr Leid beenden.
Als Christen handeln wir im Auftrag und in der Nachfolge Jesu, wenn wir uns um
notleidende Menschen kümmern. Das tun die großen Werke wie Brot für die Welt
und Caritas, das tun Initiativen von Sant’ Egidio, der ELKI und der
Waldenserkirche. Es ist wichtig, diese Arbeit christlicher Organisationen zu
unterstützen, die sich gegen den Hunger in der Welt engagieren. Es ist wichtig,
Strukturen aufzubauen, die sich gegen die schreiende Ungerechtigkeit engagieren.
Das Mitfühlen Jesu mit den hungernden Menschen bietet dafür eine wichtige
biblische Grundlage. Die Situation, die er schildert, fordert uns dazu heraus, uns für
die notleidenden Menschen in unserem konkreten Umfeld einzusetzen.
Natürlich, es ist oftmals leichter, sich für nicht zuständig zu erklären, buchstäblich
über die Menschen hinwegzusehen, die uns um ein Almosen bitten; die auf der
Straße leben und nicht genug zu essen haben. Jesus hat es in der Geschichte, die
unser Predigttext ist, nicht getan. Er hat die Not gesehen, es hat ihn bewegt und er
hat Abhilfe geschaffen.
Wie aber soll nun diese große Menge satt werden? So fragen die Jünger besorgt im
Fortgang unseres Textes. Sie sehen die praktischen Probleme. Wir sind hier mit einer
riesigen Menschenmenge mitten in der Einöde, wie sollen wir da eine
Massenspeisung veranstalten? So ein Versorgungsproblem ist nicht zu lösen.
Genauso hätten wir vermutlich auch gefragt. Schnell sind die passenden Argumente
zur Hand. Wir können schließlich nicht die Strukturen dieser Welt ändern, was
können wir schon tun, wir können die Armut und Obdachlosigkeit, die wir tagtäglich
um uns herum sehen, nicht beseitigen. Also versuchen wir es gar nicht erst, es führt
ja doch zu nichts.
So reden auch die Jünger Jesu in unserer Geschichte. Sie sagen: Was können wir
schon tun gegen dieses Elend, wie sollen wir den Hunger so vieler Menschen
lindern? Wir können es nun mal nicht ändern, nehmen wir die Dinge, wie sie sind.
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Es ist zwar ein Jammer, dass diese Menschen Hunger leiden, während andere im
Überfluss leben. Und wir können fortfahren: Es ist traurig anzusehen, wie lange es
dauert, bis nachhaltiges Wirtschaften und Klimaschutz als Ziele anerkannt werden,
die für eine gerechte und ökologische Wirtschaftsordnung unverzichtbar sind. Es ist
frustrierend zu erleben, wie Engagement und gute Ideen immer wieder im Sumpf
von Einzelinteressen und politischem Gerangel versinken. Die Probleme sind groß,
unsere Mittel und Kräfte dagegen gering – woher sollen wir den Mut und die
Zuversicht nehmen, die großen Aufgaben anzupacken, die zu lösen wären, um diese
Erde zu retten, sie zu einem gerechten und menschenfreundlichen Ort für alle zu
machen?
Die Jünger übernehmen den Part der Unsicherheit und Verzagtheit, die wohl jeden
und jede von uns von Zeit zu Zeit überfallen, wenn wir die eigenen Möglichkeiten
gegen das stellen, was notwendig wäre, um zum Guten zu wenden, was im Argen
liegt. Wie sollen wir das schaffen? seufzen wir dann mit den Jüngern. So viele
Menschen, die hungrig und verzweifelt sind, die auf der Suche sind nach einem
besseren Leben. Es dauert viel zu lange, bis notwendige Maßnahmen ergriffen
werden, um den Klimawandel zu stoppen – wie sollen wir dagegen ankommen mit
unseren bescheidenen Kräften? Man kann auch schon einmal die Geduld verlieren
und zu Sofortaktionen aufrufen, wie das mitunter Aktivisten tun, die die
haarsträubenden Ungerechtigkeiten und die mangelnde Bereitschaft, endlich das
Notwendige zu tun, mit spektakulären Aktionen erzwingen wollen. Das ist nicht
immer sinnvoll, oft auch nicht von Erfolg gekrönt. Es rüttelt aber auf und führt die
Dringlichkeit vor Augen, die notwendig ist, um Ungerechtigkeit und den uns alle
gefährdenden Klimawandel zu stoppen.
Kehren wir zurück zu unserem Predigttext. Jesus ficht die Situation der großen
Menge mitten in der Einöde nicht an. Sieben Brote sind da, das muss reichen, so
reagiert er. Und es kommt noch besser: So viel bleibt übrig, dass man es einsammeln
muss, sieben Körbe stehen am Ende da. Genug, um noch viel mehr hungrige Mägen
zu füllen. Das Problem der Verköstigung von ein paar tausend Menschen ist im
Handumdrehen gelöst. Die Ausrichter von Großveranstaltungen dürften vor Neid
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erblassen. Die großen Hilfsorganisationen würden sich freuen, wenn sich die
Probleme so einfach lösen ließen. Und auch für unsere fleißigen Helfer in der
Gemeinde wäre es gut, wenn sich ein Gemeindefest so unproblematisch organisieren
ließe.
Wie aber passt das mit der Wirklichkeit zusammen, die wir Tag für Tag erleben?
Wird in der Erzählung von der wunderbaren Speisung nicht etwas dick aufgetragen?
Müssen es gleich ein paar tausend Leute sein – hätten es nicht auch etwas weniger
getan? Von nur wenigen Broten werden sie satt – ist das nicht reichlich übertrieben?
Es bleiben sogar noch reichlich Reste übrig – wird der Bogen jetzt nicht endgültig
überspannt?
Es ist nicht zu übersehen, liebe Gemeinde: die Geschichte von der Speisung so vieler
Menschen mit ein paar wenigen Broten irritiert. Sie scheint nicht in unsere Welt zu
passen, die nach vernünftigen Argumenten und nachprüfbaren Fakten fragt. Und so
bereiten Erzählungen wie diese uns aufgeklärten Menschen oft mehr
Kopfzerbrechen als Freude. Wie soll man mit solch einer eigenwilligen Geschichte
umgehen? Soll man trotzig ihre Wahrheit behaupten – nach dem Motto: Es wird
schon so gewesen sein, man muss es eben glauben? Damit würden wir uns in einen
Sonderbereich zurückziehen, in dem andere Regeln gelten als „draußen in der Welt“.
Als Christen leben wir aber mitten in der Welt, haben eine Botschaft auszurichten,
die die Welt verändern soll. Wie passen die Geschichten der außergewöhnlichen
Taten Jesu damit zusammen?
Nicht zufällig sah der große Berliner Theologe und Prediger Daniel Friedrich
Schleiermacher in den Wundergeschichten des Neuen Testaments eine Gefahr für
den Glauben. Er brachte das in dem berühmten Satz zum Ausdruck: „Soll der Knoten
der Geschichte so auseinandergehen: Das Christentum mit der Barbarei, und die
Wissenschaft mit dem Unglauben?“ Schleiermacher sah sich dem Problem
gegenüber, dass die Wunder in der Bibel schwierige Berichte sind. Sie sind, so
meinte er, dazu angetan, den Spott der Wissenschaft hervorzurufen. Darum empfahl
er, dem Glauben einen eigenen, von der Wissenschaft unabhängigen Bereich
zuzuweisen, denn nur so könnten Glaube und Wissen angemessen zueinander ins
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Verhältnis gesetzt werden. „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“, so beschrieb er
die Religion. Sie zeigt uns, wie die Welt sein kann, nicht wie sie mit den Mitteln der
exakten Wissenschaft beschrieben wird.
Schleiermacher hat zu Recht betont, dass die Wundergeschichten faszinierende
Erzählungen der Bibel sind. Sie lehren uns, die Welt mit anderen Augen zu sehen.
Sie laden dazu ein, unsere Strukturen und Institutionen nicht als festgefügt und
unveränderlich zu betrachten, sondern als von Menschen gemachte, veränderbare
Ordnungen, die der stetigen Verbesserung bedürfen. Diese Geschichten rufen dazu
auf, sich dafür zu engagieren, dass die Welt besser und gerechter wird. In unserem
Predigttext geschieht das dadurch, dass Jesus sich von der skeptischen Frage der
Jünger, wie denn die große Menge mitten in der Einöde satt werden soll, nicht
abhalten lässt, das Brot an sie zu verteilen, das vorhanden ist. Man könnte es auch
so sagen: Wenn wir die Dinge einmal anpacken, kann Erstaunliches dabei
herauskommen. Viel mehr, als wir uns selbst zugetraut, viel mehr, als wir selbst
erwartet hatten.
Die Episode, die unser Predigttext erzählt, zeigt uns, dass Barmherzigkeit mit denen,
die der Hilfe bedürfen, Teilen des Vorhandenen, Vertrauen auf die verändernde
Kraft unseres Tuns, Großes bewirken können. Wir müssen nicht verzagt fragen, ob
sich denn der Einsatz überhaupt lohnt. Wir dürfen vielmehr darauf vertrauen, dass
wir die Welt zum Besseren verändern können, dass sie ein Ort werden kann, an dem
Gerechtigkeit und Barmherzigkeit regieren.
Die Episode von der Speisung der vielen Menschen zeigt uns auch, dass die von
Menschen geschaffenen Strukturen keine unveränderlichen Gesetze sind, denen wir
uns fügen müssten. Sie macht deutlich, dass offene Augen und Ohren für die Nöte
dieser Welt, Zuversicht und Tatkraft Erstaunliches bewirken können. Nehmen wir
das zum Anlass, uns die gerechte Teilhabe an Nahrung und Bildung für alle
Menschen als Aufgabe neu ins Bewusstsein zu rufen. Sagen wir nicht: Die Probleme
sind zu groß, wir können nichts dagegen ausrichten mit unseren wenigen
Möglichkeiten. Vertrauen wir vielmehr darauf, dass die Vision einer gerechten Welt
Veränderungen hervorbringen kann, wenn wir damit beginnen, sie in praktisches
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Tun zu übersetzen. Nehmen wir das Erntedankfest 2026 zum Anlass dafür, den
reichen Segen, den Gott uns geschenkt hat, in dieser Welt zur Wirkung zu bringen,
wo immer wir Gelegenheit dazu haben. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen
und Sinne in Christus Jesus. Amen.

AnhangPredigt_04_10_202693,4 KB
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