2. Timotheus 1,7-10
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der eindrückliche Film „The King’s Speech“ aus dem Jahr 2010 erzählt davon, dass Herzog Albert
seit seiner Kindheit an einer scheinbar unheilbaren Sprachstörung leidet. Die Blockade, ganze
Worte und Sätze ohne Stottern zu formulieren, lässt ihn zu einem zurückgezogenen, scheuen
Menschen werden. Als sein Vater stirbt, muss er ihn auf dem Thron folgen und wird als George VI.
englischer König. Das trifft ihn völlig unvorbereitet und lässt ihn schier verzweifeln. In dieser
aussichtslosen Situation tritt der australische Sprachtherapeut Lionel Logue auf den Plan. Ihm
gelingt es in langen und aufwändigen Sitzungen, nicht nur das schwere Sprachleiden des jungen
Königs zu heilen, sondern ihm auch seine Verzagtheit zu nehmen. Beim Ausbruch des Zweiten
Weltkriegs soll der König eine live im Radio übertragene legendäre Rede an sein Volk halten.
Lionel Logue, sein Therapeut ist mit ihm Raum und ermuntert ihn mit festem Blick dazu, es zu
wagen und die Rede tatsächlich durchzustehen. Das Gelingen dieses Auftritts ist für King George
VI. ein großer Erfolg, der ihm Mut und Selbstvertrauen gibt. Eine wunderbare Geschichte über
Verzagtheit und neuen Mut. Sie beruht auf historischen Gegebenheiten und wird in dem Film
meisterhaft umgesetzt.
Diese Geschichte führt uns direkt zum Predigttext für den heutigen Sonntag. Auch in diesem geht
es um Verzagtheit und neuen Mut – und darum, was unser Glaube damit zu tun hat. Dieser Text
steht im 2. Timotheusbrief, im 1. Kapitel. Er lautet folgendermaßen:
Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und
der Besonnenheit. 8 Darum schäme dich nun nicht des Zeugnisses unseres Herrn und auch nicht
meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium gemäß der Kraft Gottes,
9 der uns gerettet hat und berufen mit einer heiligen Berufung, nicht nach unsern Werken, sondern
nach seinem Ratschluss und der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor ewigen Zeiten,
10 jetzt aber offenbar gemacht wurde durch die Erscheinung unseres Retters Christus Jesus, der
den Tod vernichtet hat und Leben und Unvergänglichkeit ans Licht gebracht hat durch das
Evangelium.
Unser Glaube, liebe Gemeinde, ist die Kraft, die unserer Verzagtheit, unserer Mutlosigkeit, unserer
Ängstlichkeit widersteht. „Fürchte dich nicht“ – diesen Aufruf zur Zuversicht und zum Vertrauen
finden wir in der Bibel immer wieder. Gott redet Menschen so an, um ihnen Mut zuzusprechen,
sich auf neue Wege zu begeben, auf Gottes Beistand und seinen Schutz zu vertrauen. Die
Ermunterung, sich nicht zu fürchten, sondern zuversichtlich und hoffnungsvoll zu sein, begleitet
Menschen, die sich auf Gottes Wege einlassen, darum seit jeher. Gott redet so zu Abraham, zu
Josua, zu Daniel, später spricht dann der Engel so zu Maria und zu den Hirten. Auch Jesus fordert
seine Jünger auf, sich nicht zu fürchten.
„Fürchte dich nicht“ – diese Aufforderung steht auch hinter unserem Predigttext. Gott hat uns nicht
einen Geist der Verzagtheit gegeben, so heißt es da. Mutlosigkeit, Angst, Besorgnis – all dem
begegnet dieser Text mit der kraftvollen Zusage, dass es eine Haltung gibt, all dem zu begegnen,
was uns Grund gibt, verzagt und mutlos zu sein. Und davon gibt und gab es genug, heute, in unserer
Welt, und damals, als der Brief verfasst wurde.
Paulus schreibt diesen Brief an seinen Mitarbeiter Timotheus. Das ist jedenfalls die Situation, die
der Brief voraussetzt. Vielleicht ist es auch eine erst später, im Rückblick, entworfene, fiktive
Situation, aber das braucht uns jetzt nicht weiter zu kümmern. Entscheidend ist: Es wird eine
Haltung geschildert, die Timotheus und die auch wir gegenüber dem Evangelium einnehmen
sollen.
Paulus befindet sich in Gefangenschaft. Er weiß nicht, was ihn erwartet, eine Anklage mit
ungewissem Ausgang steht ihm bevor. Eigentlich hätte er also allen Grund dazu, verzagt zu sein.
Stattdessen spricht er dem Timotheus Mut zu. Timotheus soll mit Paulus für das Evangelium leiden,
er soll sogar in seine Fußstapfen treten. Die Gabe Gottes, die ihm verliehen wurde, soll er zur
Entfaltung bringen. So heißt es unmittelbar vor dem Satz, mit dem unser Predigttext beginnt.
Verzagtheit ist nicht angesagt, wenn es darum geht, sich für die Botschaft des Evangeliums
einzusetzen. Stattdessen: Kraft, Liebe und Besonnenheit. Das ist es, was Gott uns gegeben hat,
damit wir unser Leben darauf gründen, zuversichtlich und gewiss für die Botschaft des
Evangeliums einstehen. Eine solche Haltung gründet auf der Gewissheit, dass wir uns nicht
ängstlich zu sorgen brauchen darum, dass unser Leben gelingt und es ein gutes Ende nehmen wird
mit uns und dieser Welt. Es ist die Gewissheit, dass wir schon gerettet sind, aus der diejenige
Haltung erwächst, die unser Predigttext beschreibt. Sie gründet auf der Zusage, dass wir schon
gerettet sind.
Kraft, Liebe und Besonnenheit – das ist eine prägnante Zusammenfassung dessen, was unsere
Lebenshaltung als Christenmenschen charakterisieren soll. Wir leben aus der Kraft, der inneren
Stärke, die aus der Zugehörigkeit zu Jesus Christus, dem Retter, erwächst. Das Evangelium ist eine
solche Kraft, eine dynamis, wie es im griechischen Text heißt und wie Paulus auch an anderen
Stellen Gottes kraftvolles Wirken durch das Evangelium beschreibt. Wir dürfen auf diese Kraft
vertrauen, unsere Zuversicht auf sie gründen, auch in unserer heutigen Welt, die uns viel Grund zur
Sorge gibt.
Die Liebe erwächst aus dem Wissen, dass wir von Gott zuerst geliebt wurden. Wir mussten nicht
erst nachweisen, dass wir dieser Liebe würdig sind. Unsere Rettung war Gottes freie Entscheidung,
seine Gnade, seine Liebe. Wir dürfen getrost und gewiss sein, dass diese Liebe uns trägt; wir dürfen
und wir sollen sie zur Grundlage unseres Zusammenlebens in unserer Gemeinde, in unseren
Familien, in unserer Stadt, in unserem Land machen. Die Liebe, die agape, steht gegen Spaltungen,
gegen Ausgrenzung und Hass. Es ist eine christliche Grundhaltung, die Paulus immer wieder
hervorhebt. Das Evangelium ist eine Botschaft, die integriert und nicht ausgrenzt, das müssen wir
uns gerade in diesen Zeiten immer wieder vor Augen führen.
Und schließlich: Besonnenheit – eine Anspielung auf die antike Tugend, die die rechte Mitte
zwischen Maßlosigkeit und Gleichgültigkeit beschreibt und hier, in unserem Text, den durch Gottes
Geist bewirkten Einsatz für das Evangelium kennzeichnet. Weder das ungezügelte Streben nach
Genuss noch ein Desinteresse an den Dingen dieser Welt sind für den Menschen gut, das hatte
schon Aristoteles gelehrt. Unser Predigttext bindet diese Tugend ein in die christliche
Lebenshaltung, die auf der Gewissheit unserer bereits geschehenen Rettung gründet. Besonnenheit
bedeutet, dass wir uns mit Augenmaß einsetzen dafür, was gut und heilvoll ist für diese Welt. Eine
besonnene Haltung weiß darum, dass Geduld und Gelassenheit notwendig sind, Toleranz
gegenüber anderen Auffassungen, aber auch Beharrlichkeit im Einsatz dafür, was wir als richtig
und notwendig erkannt haben. Der erste Satz unseres Predigttextes kann darum als die
Zusammenfassung einer Lebenshaltung betrachtet werden, die auf der Gewissheit gründet, dass
wir unser Heil nicht selbst bewirken können, sondern uns in der Gewissheit unserer Rettung für die
Welt einsetzen, sie zu einem lebenswerten, einem freundlichen Ort werden lassen.
Unsere Rettung, so sagt es der Predigttext, gründet darauf, dass Jesus Christus den Tod vernichtet
hat. Dieser Text ist darum eigentlich ein Ostertext und der heutige Sonntag kann durchaus als ein
kleines Osterfest verstanden werden. Wir haben in der Geschichte von der Auferweckung des
Lazarus gehört, wie Jesus durch sein Wirken den Tod überwindet. Diese Geschichte, die das
Johannesevangelium erzählt, zeigt, wie im Wirken Jesu dem Tod die Macht genommen wurde:
Lazarus kommt wieder aus dem Grab heraus und kehrt ins Leben zurück. Seine Schwestern wurden
getröstet, weil sie erfahren haben: Der Tod ist nicht unüberwindbar. Das Leben ist stärker als der
Tod.
Das ist auch die Botschaft des Evangeliums, das in unserem Predigttext genannt wird: Gottes Macht
ist stärker als Leid und Tod. Jesus Christus hat dem Tod die Macht genommen, nicht nur einmal,
bei Lazarus, sondern endgültig. Das Leben hat über den Tod triumphiert, seither steht unser
irdisches, vergängliches Leben unter der Verheißung des ewigen Lebens bei Gott. Weil Paulus im
Gefängnis darauf vertraut, kann er Timotheus dazu auffordern, mit ihm für das Evangelium zu
leiden.
Das führt uns mitten hinein in die Situation, in der wir das Evangelium bezeugen – in die damalige,
zur Zeit der Entstehung des Textes, und in die heutige, in unsere eigene Welt. Die Aufforderung,
nicht zu verzagen, sondern auf die Botschaft des Evangeliums zu vertrauen, kommt ja nicht von
ungefähr. Es gibt Grund dazu, sich das immer wieder in Erinnerung zu rufen. Das war zu der Zeit
so, als der Brief, in dem sich unser Text findet, geschrieben wurde, das ist heute nicht anders. Wenn
wir in unsere Welt schauen, kann einen schon die Verzagtheit überkommen. Liebe und
Besonnenheit sind oft nicht diejenigen Werte, die das Zusammenleben in unseren Ländern und
Städten prägen und nach denen Entscheidungen in Politik und Wirtschaft getroffen werden. Auch
jüngste Wahlergebnisse in Deutschland können Verzagtheit aufkommen lassen. Das Erstarken
rechter Parteien in vielen Ländern, die Aggressivität gegen Menschen aus anderen Ländern und
Kulturen, die geringere Bindungskraft der Kirchen in unseren Gesellschaften – all das gibt Anlass
zur Sorge und zum Nachdenken darüber, wo wir eigentlich bleiben, wen wir eigentlich erreichen
mit dem Evangelium, mit der Botschaft von Liebe und Besonnenheit. Wir müssen uns fragen, ob
wir als Kirche, als Gemeinde, als Christenmenschen, noch durchdringen mit der Botschaft von der
Rettung aus der Verlorenheit und vom Sieg des Lebens über den Tod.
All diese Fragen und diese Sorgen sind berechtigt. Sie können uns ratlos machen, uns eher das
Gefühl von Ohnmacht geben als dasjenige, mit einer kraftvollen Botschaft ausgestattet zu sein, mit
der wir die Welt verwandeln. Das ist nicht einfach wegzuwischen. Unser Predigttext tut das auch
gerade nicht. Er setzt sich vielmehr dem aus, dass das Leben Anfechtungen und Verunsicherungen
mit sich bringt, bis hin zu persönlich beängstigenden Situationen wie diejenige, in der sich Paulus
befindet, als er den Brief schreibt.
Was er gegen die Verzagtheit setzt, die Timotheus und die auch uns überfallen mag, wenn wir auf
die Welt um uns herum schauen, ist das Vertrauen darauf, dass wir gerade dann, wenn uns der Mut
verlassen will und wir eigentlich nicht mehr so richtig wissen, wie diese Welt oder unser eigenes
Leben eigentlich noch zu einem guten Ende kommen soll – dass wir gerade dann darauf vertrauen
dürfen, dass es nicht an unserer Kraft allein liegt, sondern wir auf Gottes rettendes Eingreifen setzen
dürfen. Zweimal ist von dieser Rettung die Rede; Gott hat uns errettet, Jesus Christus ist erschienen
als unser Retter.
Diese so stark betonte Rettung gibt uns die Kraft zum Mitleiden für das Evangelium, zu dem Paulus
den Timotheus aufruft. Sie motiviert auch die Aufforderung, er solle sich des Evangeliums nicht
schämen. Das macht deutlich, dass das Evangelium keine Botschaft ist, die sich einfach nahtlos in
das Weltgeschehen einfügt. Sie steht vielmehr quer dazu, ist anstößig und unbequem. Sie steht quer
zu rücksichtslosen Machtansprüchen, zur Vergötzung von irdischem Besitz, zu Gewalt und
Unterdrückung, zu Überheblichkeit und Herabwürdigung anderer. Die Botschaft des Evangeliums
war darum von Anfang an eine Provokation. Sie provozierte, weil sie sich gängigen Kategorien
von Über- und Unterordnung, von Macht und Ohnmacht, von Recht und Gerechtigkeit widersetzte.
Kein Wunder, dass Paulus für diese Botschaft im Gefängnis saß. Kein Wunder, dass es Menschen
gab, die es sich lieber zweimal überlegten, ob sie sich auf das Abenteuer einlassen wollten, Christ
zu werden. Das war nicht unbedingt eine angenehme und auch keine ungefährliche Angelegenheit.
Die Aufforderung, sich des Evangeliums nicht zu schämen, sondern dafür zu leiden, ist darum alles
andere als eine rhetorische Floskel.
Gefährlich ist es heute in unseren Ländern, Gott sei Dank, nicht mehr, sich als Christ zu bekennen.
Dass man dafür ins Gefängnis kommt, wie Paulus und viele andere seiner Zeit, steht in unseren
Breiten nicht zu befürchten. Eine andere Frage ist allerdings, wie die Botschaft des Evangeliums
in unsere Gesellschaft hineinwirken kann, wie sie die Menschen erreicht, wie wir sie so zu Gehör
bringen, dass sie ihre kraftvolle Wirkung entfaltet. Die Gelegenheiten dazu gibt es, und unser
Predigttext ermutigt dazu, sie auch zu ergreifen. Es gibt sie in den Begegnungen mit Menschen,
hier in der großen Stadt, in unserer Gemeinde, in unseren Familien, mit den Menschen, mit denen
wir im Alltag zu tun haben. Es gibt sie in den Bereichen, in denen wir die Botschaft von der Liebe
und der Besonnenheit zur Wirkung bringen können, wenn wir uns politisch und kirchlich
engagieren. Es gibt sie überall da, wo wir deutlich machen können, dass die vermeintlich
festgefügten Ordnungen, nach denen unsere Welt funktioniert, so unveränderbar nicht sind, wie sie
erscheinen mögen. Gelegenheiten dazu gibt es in diesen Zeiten genug. Die Menschen in Sachsen-
Anhalt und ganz Deutschland, die in den vergangenen Wochen für eine freundliche, eine
menschenwürdige Politik demonstriert haben, haben es eindrücklich gezeigt.
Unser Predigttext, liebe Gemeinde, ist die kühne Zusage, dass die Botschaft des Evangeliums
stärker ist als all unsere Verzagtheit. Er ist die Ermutigung, dass es nicht vergeblich ist, sich für
eine bessere, eine freundlichere, eine menschenwürdigere Welt einzusetzen. Dieser Text ist die
Versicherung, dass Gott es gut mit dieser Welt und uns Menschen meint. Dass er uns gerettet hat
und wir darauf vertrauen dürfen, dass er unser Leben und diese Welt zu einem heilvollen Ende
führen wird. Mit dieser Ermutigung können wir in diesen Sonntag und die neue Woche gehen.
Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in
Christus Jesus. Amen.