15. Sonntag nach Trinitatis – Past. Patrick Spitzenberger

Mose 2,4b-9.15

Liebe Schwestern und Brüder,
wenn ich in diesem Jahr an Gärten denke, an Wälder, an die wunderbare
Natur, dann ist es zwiespältig in mir: Zum einen sehe ich unseren
Bibelgarten, den es sich wirklich lohnt, einmal genauer anzuschauen, auch
gleich nach dem Gottesdienst. Ein wunderbarer Ort, Schöpfung vor unserer
Kirchentür, kuratiert, gepflegt, bewusst angelegt als eine grüne Oase.
Vielleicht denken sie, habt auch ihr wunderbare Gärten vor Augen: Im
Studentato, den großen Park direkt vor dem Haus für schöne Stunden abseits
der Fakultäten sehr zu empfehlen. Die Villa Borghese oder andere grüne Orte
hier in Rom, die so wichtig sind, gerade weil so viel Beton und Zement in der
Stadt vorherrscht.
Gleichzeitig denke ich auch an die Bedrohung unserer Natur. An Waldbrände,
wie sie viele Menschen erlebt haben in diesem Sommer an so vielen Orten in
Italien und auch in Deutschland, in Frankreich und Spanien. Wir haben in
diesem Sommer die Grenzen, die Rauheit der Natur erleben müssen, viele
haben liebe Menschen und persönlichen Besitz verloren und erlebt, wie
gefährdet unsere Schöpfung ist. Heute sind wir im Predigttext in einem
Garten. In dem Garten der Bibel. Garten Eden. Garten der Freude. Er hat
schon immer die Fantasie der Menschen beflügelt. Hören wir hinein in das
zweite Kapitel im Buch Genesis, lassen wir uns hineinnehmen in diesen
Garten:
4Dies ist die Geschichte von Himmel und Erde, da sie geschaffen wurden. Es
war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte. 5Und alle die
Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf
dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der Herr hatte noch nicht
regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land
bebaute; 6aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte alles
Land. 7Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und
blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein
lebendiges Wesen.
8Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte
den Menschen hinein, den er gemacht hatte. 9Und Gott der Herr ließ
aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu
essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der
Erkenntnis des Guten und Bösen. 15Und Gott der Herr nahm den Menschen
und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.
Im Anfang fehlt das Entscheidende, das auch in diesem Sommer an vielen
Orten fehlte: Gott hatte es noch nicht regnen lassen, der Regen als
Lebensspender blieb aus. All das, was es braucht, damit Natur und Mensch
leben können. Ohne Wasser kein Leben. Kein Wasser von oben und
niemand, der sich um das Land kümmern kann. Aber damit ist es nun vorbei:
Gott sorgt für seine Schöpfung. Eine Quelle steigt aus dem Boden empor,
Acker ist da und so erschafft Gott den Menschen kunstvoll wie ein
Handwerker. Ich staune immer wieder, wenn ich diesen Text lese, wie
detailliert hier Schöpfung ausgeschmückt wird: Gott nimmt die Ackerkrume,
den Staub des Ackers adama und formt daraus adam. Den Menschen.
Diesem Staub vom Acker wird menschliches Leben eingehaucht. Gottes
Odem. Seine Lebenskraft. Gott und der Mensch ganz nah. So entsteht der
Mensch und Gott legt für ihn einen Garten an. Und setzt ihn mitten hinein.
Mit einer Aufgabe. Bewahren und bebauen, das wird seine Aufgabe sein.
Bewahren und bebauen, bevor er dann einmal, nach einem arbeitsreichen
Leben, wieder zum Staub zurückkehren wird. Vom Staub bist du genommen
und zu Staub kehrst du zurück (1. Mose 3,19).
Dieser Mythos vom Urbeginn der Welt, von ihrer Genesis, ist von der
Gegenwart der damaligen Menschen zu lesen. Er will ja nichts anderes als
die Frage nach dem Warum beantworten. Der Tenor hinter diesem Text ist,
dass alles Gegenwärtige sein Wesen im Anfang erhalten hat. Und so fragen
sich die Menschen damals und heute, warum der Mensch Begabungen und
Mängel hat, warum er zerstören und bewahren kann, warum er leben und
lieben kann, arbeiten, leiden und sterben muss. Es sind die großen Fragen
des Lebens. Und die Genesis lenkt unseren Blick auf Gott, der den Menschen
gewollt hat. Das ist seine Antwort. Gott will das Leben, die Beziehung zu
seinen Geschöpfen.
Im Sein des Menschen ist sein Angewiesensein auf Gott angelegt, der ihm
das Leben schenkt. In jeder Sekunde neu. Ohne Gott kann der Mensch nicht
sein, im ganz existenziellen Sinne. Es ist ein unverdientes Geschenk, dass
ich mein Leben erhalten habe, ich und alle Kreatur, wie Luther es im Kleinen
Katechismus ausdrückt. Und inmitten meiner Mitgeschöpfe erfahre ich so
Gottes Treue. Ich erfahre sie im Glauben.
Durch die Brille des Glaubens wird mir klar, was der Mensch ist. Ein von Gott
gerechtfertigtes, angenommenes Geschöpf.
Gott setzt adam, den Menschen, hinein in das Leben, zunächst mitten in den
Garten. Einen Garten, der ihm Früchte zu essen gibt, alles, was er zum Leben
braucht und auch eine Aufgabe. Bewahren und bebauen. Der Mensch, wie
ein antiker König in seinem Palastgarten gedacht, privilegiert, Flora und
Fauna zu entdecken, die Natur als Gabe Gottes und Ort der Gottesnähe.
Aber hier wird er nicht bleiben können, hier ist er nicht auf ewig
hineingestellt, hier ist nicht seine Zukunft. Sondern mitten im wahren Leben.
Wenn wir weiterlesen in unserer Bibel, dann hören wir von all dem, was
jenseits von Eden passiert. Wie der Mensch in die wahre Welt gestellt ist.
Hinaus aus der Utopie, hinein dort, wo das Leben so ist, wie wir es bis heute
erleben. So utopisch dieser Text von einem Paradies erzählt und so sehr er
uns friedlich und harmlos erscheint, so realistisch ist er doch. Und deshalb
kann aus dieser scheinbar sorglosen heilen Welt im Garten das sorgt euch
nicht Jesu aus dem Evangelium hineinklingen (Mt 6,25).
Liebe Schwestern und Brüder, wir sind mitten in diese Welt gestellt, mitten in
dieses Leben und mitten hinein in das, was wir heute Morgen mitbringen.
Den Beginn eines neuen Abschnitts für die Studentinnen und Studenten des
Studienjahres, für die neuen Melantonini, die wir gleich begrüßen und
segnen werden für ihre Studien und Zeit hier in Rom. Mitten hinein in die
Rückkehr aus dem Urlaub, aus der ruhigeren Sommerzeit in den Übergang
zum Alltag, wenn das trubelige Leben in Rom wieder erwacht. Wenn die
Arbeit neue Herausforderungen mit sich bringt, wenn das Leben belastet ist
mit Sorgen um die eigene Gesundheit, um liebe Menschen. Wenn Einsamkeit
den Alltag beschwert. Das Leben wird nicht ausgeblendet und nach dieser
stillen Zeit des Sommers ist es für manche auch einfach eine Wohltat, dass
es wieder losgeht, dass auch unsere Gemeindeaktivitäten zunehmen und es
die Möglichkeit gibt sich zu treffen und wieder zu vernetzen.
Sorgt euch nicht. Das Leben verbringen wir nicht in Sanssouci, in einem
Schloss ohne Sorgen. Daher darf Jesu Aufruf nicht als unrealistischer, als
naiver Blick auf diese Welt gedeutet werden, genauso wie es unser heutiger
Abschnitt aus der Genesis nicht ist. Es ist der Aufruf mitten in den
Anfechtungen und Sorgen der Zeit mitten in all dem was uns beschwert,
wenn jetzt der Alltag wieder losgeht, auf Gott zu vertrauen, ihn an unserer
Seite zu wissen, jetzt wenn ich eine neue Gruppe, eine neue Stadt erlebe.
Jetzt wenn ich zurück an meinen Arbeitsplatz kehre, jetzt wenn die Sorgen
des Alltags oder die nächste Untersuchung vor der Tür steht. Ja, die Sorgen
sind da und sie werden sich auch nicht in Luft auflösen. Weil wir in dieser
Welt leben. Vom Staub des Ackers genommen. Aber unser Leben ist kein
Sein zum Tode, wie es Martin Heidegger einmal beschrieb. Sorgen können
lähmen und Leben behindern, aber unser Leben ist von Gott zum Leben
bestimmt.
Wer Jesus Christus als Fundament hat, als Herr und Bruder an seiner Seite,
der kann auch all das angehen, was jetzt auf ihn zukommt, die kann sich
immer wieder neu von Christus ansprechen lassen. Sorge dich nicht, weil ich
für dich sorge. Und wir können es gleich erleben in diesem kleinen Stück
Brot, das wir in den Kelch tauchen. Jesus Christus ist wirklich da, er schenkt
sich uns und geht mit in den Sorgen dieser Welt. In den Sorgen meines
Lebens. An dem Ort, an dem wir gestellt sind, können wir dann bewahren
und bebauen, uns für diese Welt einsetzen, damit sie eine lebenswerte Welt
bleibt, ein Ort, an dem an dem gut sein ist für mich und für meinen Nächsten.
Schau an der schönen Gärten Zier / und siehe, wie sie dir und mir, / sich
ausgeschmücket haben (EG 503,1), werden wir gleich singen. Mit Paul
Gerhardt, der diese Zeilen schrieb, der um die Sorgen dieser Welt wusste, sie
am eigenen Leib erfahren hat. Von ihm können wir das auch lernen mitten im
Leben auf Gott zu trauen, in den Höhen und Tiefen, ihn an unserer Seite zu
wissen. Jenseits von Eden zu leben. Im Bewusstsein, von Gott gewollt zu
sein, begabt und mit einer Aufgabe versehen.

AnhangPredigt_13_09_202659,3 KB
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