13. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Schröter

Apostelgeschichte 6, 1-7

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.
Der Predigttext für den heutigen Sonntag, liebe Gemeinde, steht im sechsten Kapitel der Apostelgeschichte. Es heißt dort:
1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, gab es Unmut unter den griechisch sprechenden Juden in der Gemeinde gegenüber den hebräisch sprechenden, weil ihre Witwen bei der täglichen Versor-gung übergangen wurden. 2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sagten: Es darf nicht sein, dass wir das Wort Gottes ver-nachlässigen, um uns um die Versorgung der Gemeinde zu kümmern. 3 Darum, Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geist und Weisheit sind. Die wollen wir zu diesem Dienst einsetzen. 4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben. 5 Dieser Vorschlag gefiel der versam-melten Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll des Glaubens und des Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia. 6 Die führten sie vor die Apostel. Diese beteten und legten ihnen die Hände auf. 7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.

Wir können uns, liebe Gemeinde, nicht um alles kümmern, schon gar nicht gleichzeitig. Arbeitsteilung ist deshalb das Gebot der Stunde. Da-rum scheint es in unserem Predigttext zu gehen. Die Apostel haben ge-nug damit zu tun, das Evangelium zu verkündigen, da können sie sich nicht auch noch um den täglichen Kleinkram der Gemeindeorganisation kümmern. Sowie auch heute ein Pfarrer und eine Pfarrerin nicht alle Aufgaben selbst erledigen kann, die in einer Gemeinde anfallen. Vermut-lich es ist auch besser, dass er oder sie das gar nicht erst versucht, son-dern die Arbeit auf viele Schultern verteilt wird. Manch ein Pfarrer, ich zum Beispiel, wäre zudem hoffnungslos damit überfordert, etwa für ein Gemeindefest einen leckeren Kuchen backen oder eine schmackhafte Suppe kochen zu sollen. Niemandem wäre damit gedient, der Gemeinde zuallerletzt. Begabungen sind unterschiedlich verteilt, jeder und jede kann und soll seine oder ihre Fähigkeiten einbringen, damit das Ganze gelingt.
So scheint es auch schon an den Anfängen des Christentums gewesen zu sein. Auch hier war Arbeitsteilung die Lösung auftauchender Fragen und Probleme. So erzählt es jedenfalls unser Predigttext aus der Ge-meinde von Jerusalem. Sie war die erste christliche Gemeinde über-haupt. Gleich nach den Ereignissen von Passion und Ostern hatte sie sich gegründet. Geleitet wurde sie zunächst von den zwölf Aposteln, den Jüngern Jesu, die mit ihm aus Galiläa nach Jerusalem gekommen wa-ren. So berichtet es die Apostelgeschichte und gibt damit einen überaus interessanten Einblick in die Entstehungszeit des Christentums.
Am Beginn des Textes findet sich eine kleine Bemerkung, die man leicht überlesen kann, die aber dafür, wie es im Folgenden weitergeht, wichtig und überhaupt sehr bemerkenswert ist. Die Zahl der Jünger nahm zu, so beginnt der Text. Und am Ende, nach der kleinen Episode über das Ver-sorgungsproblem, wird das noch einmal wiederholt: Das Wort Gottes breitete sich aus, die Zahl der Jünger wurde sehr groß. Probleme mit Mitgliederschwund in der Kirche kannte man damals offensichtlich nicht, ganz im Gegenteil. Die Botschaft des Evangeliums griff rasch um sich, sie begeisterte die Menschen und zog sie in ihren Bann. Viele schlossen sich der Gemeinde an; so viele, dass man der Lage nicht mehr Herr wurde und Regeln entwickelt werden mussten, um mit dem Ansturm zu-rechtzukommen. Das muss man sich mal vorstellen! Es ging zu wie auf dem Petersplatz beim Weihnachts- oder Ostersegen des Papstes. Auch da strömen Menschen aus aller Herren Länder zusammen, um live da-bei zu sein. Etwas kleiner kennen wir das von unserem Adventsbasar. Nicht ganz so wie auf dem Petersplatz, aber immerhin: für uns als evan-gelische Gemeinde in Rom durchaus beachtlich.
So ungefähr muss es auch damals in Jerusalem gewesen sein, wenn man der Apostelgeschichte folgt. Von überallher kamen die Menschen, um die Apostel zu hören. Sie waren fasziniert von der Botschaft des Evangeliums und schlossen sich der Gemeinde an. Nun sind die Apos-tel nicht der Heilige Vater und Jerusalem zur Zeit der ersten Christen war nicht das Rom unserer heutigen Zeit. Aber ein religiöses Zentrum war es auch, nämlich dasjenige des Judentums. Hier, mitten in diesem religiö-sen und politischen Hotspot, entstand die erste christliche Gemeinde. Hier verkündigten die Apostel die Botschaft von Jesus Christus. Und sie fanden damit so viel Zulauf, dass sich die Gemeinde vor die Frage ge-stellt sah, wie sie das alles bewältigen und organisieren soll.
Die Botschaft des Evangeliums, das ist ein erstes, das wir aus unserem Predigttext entnehmen können, ist eine kraftvolle, eine anziehende Bot-schaft. Diese Kraft und Anziehungskraft hat sie auch in unserer Zeit nicht eingebüßt. Noch immer verbreitet das Evangelium Zuversicht, noch immer gibt es uns Kraft für unser Leben. Aber wie das bei in die Jahre gekommenen Institutionen manchmal so ist: Auf die Freude, die Inspira-tion, das Heilvolle des Evangeliums kann sich der Staub der Ämter, Ak-ten und Verordnungen legen. Dann muss die Botschaft, um die es ei-gentlich geht, wieder neu entdeckt, entstaubt und zu Gehör gebracht werden. Dazu ist Gemeinde, dazu ist Kirche da, zuerst und vor allem. Das müssen wir uns immer wieder deutlich machen. Der Predigttext des heutigen Sonntags bietet dafür einen willkommenen Anlass.
Die Gemeinde in Jerusalem wuchs also und wurde immer zahlreicher. Nicht etwa, weil sie prachtvolle Gebäude besessen hätte, in die die Menschen geströmt wären, oder weil sie allerlei attraktive Veranstaltun-gen angeboten hätte, um damit Aufmerksamkeit zu erregen – sondern, weil sie die Botschaft des Evangeliums glaubhaft lebte und verkündigte.
Diese Botschaft besagt, dass Gottes heilvolle Nähe die Menschen von Angst und Schuld befreit; dass wir darauf vertrauen dürfen, dass Gott uns in Jesus Christus nahegekommen ist; dass er uns angenommen hat, so, wie wir sind, als fehlbare, unvollkommene Menschen; dass er uns die Kraft seines Geistes geschenkt hat, damit wir daraus leben; dass er unser Leben und diese Welt zu einem guten Ende führen wird. Und schließlich: dass diese Botschaft allen Menschen gilt, egal woher sie kommen, was sie mitbringen und wie sie aussehen.
Diese Botschaft hat die Menschen überzeugt, begeistert und motiviert. Sie vermittelte ihnen die Gewissheit, dass es gut und heilvoll für sie ist, darauf zu vertrauen, dass Gott es gut mit uns meint und wir mit den Sor-gen und Ängsten unseres Lebens nicht allein sind. Es ist beeindru-ckend, wie die Botschaft von Jesus Christus so schnell eine solche Kraft entfalten und sich verbreiten konnte; wie sie alle Widerstände überwand und schließlich das gesamte Römische Reich verwandelte. Bis dahin hat es zwar noch eine ganze Zeit gedauert, aber hier, in der zunächst kleinen, dann rasch wachsenden Gemeinde von Jerusalem treten uns die Anfänge dieses überaus erstaunlichen und faszinierenden Weges vor Augen.
Das schnelle Wachstum der Gemeinde war aber nicht nur eine Erfolgs-geschichte. Es brachte vielmehr auch Probleme mit sich. Von einem sol-chen Problem, konkret: einem Versorgungsproblem, erzählt unser Pre-digttext. Was sich dahinter verbirgt, können wir uns ungefähr so vorstel-len: In der Jerusalemer christlichen Gemeinde wurde sehr bald schon eine Fürsorge für die Bedürftigen eingerichtet, ganz so, wie es auch im Judentum üblich war. Witwen gehörten zu diesen Bedürftigen, weil mit dem Tod ihres Ehemannes auch ihre Versorgungsgrundlage weggefal-len war. Sozialsysteme, wie wir sie heute kennen, gab es in der Antike nicht. Die Versorgung bedürftiger Menschen oblag vielmehr Familien, Vereinen oder religiösen Gemeinschaften. So war es auch in der christli-chen Gemeinde von Jerusalem, die mit der Witwenversorgung ein Insti-tut geschaffen hatte, das sie aus dem jüdischen Kontext kannte, aus dem sie alle stammten.
Im Judentum und im Christentum gehört es seit jeher zum Selbstver-ständnis, für die bedürftigen Gemeindeglieder da zu sein, sich um sie zu kümmern, sie zu unterstützen. Das zeigt sich etwa an der Einrichtung der Armenfürsorge, dem Almosenwesen, das seit jeher im Judentum und Christentum verankert ist. Es zeigt sich auch daran, dass man sich um die Verstorbenen kümmerte, wenn es niemanden gab, der für ihre Be-stattung sorgte. Die jüdischen und die christlichen Katakomben hier in Rom sind genau darum entstanden: als unterirdische Friedhöfe, die es ermöglichten, allen Mitgliedern der Gemeinden ein Begräbnis zu ver-schaffen. Die große Anzahl christlicher Katakomben in Rom ist dabei üb-rigens ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie sich die christlichen Ge-meinden entwickelt und auch hier, in der damaligen wie heutigen Haupt-stadt, zahlenmäßig angewachsen waren.
Dass sich christliche Gemeinden auch heute in vielfacher Weise sozial engagieren, ist deshalb ein Aspekt christlicher Ethik, der sich bis an die allerersten Anfänge des Christentums zurückverfolgen lässt. Auch in un-serer eigenen Gemeinde gibt es solche Projekte, vor allem die Poveri-Arbeit und das Orsachiotto-Projekt. Sie richten sich an Menschen in der Stadt, die der Hilfe bedürfen, weil sie nicht genug zu essen oder zu we-nig Kleidung besitzen oder sonst der Hilfe und Zuwendung bedürfen. Diese Aktivitäten lassen sich mit der Fürsorge der frühen Gemeinde von Jerusalem für die Hilfebedürftigen durchaus vergleichen. Sie sind Zeug-nisse dafür, dass die Weitergabe von Gottes Barmherzigkeit an Men-schen, die der Hilfe bedürfen, zu den grundlegenden Merkmalen unse-res Glaubens gehört.
Aber die Jerusalemer Gemeinde kam, so erzählt es unser Predigttext, an ihre Grenzen. Weil die Gemeinde immer größer wurde, konnte die Ver-sorgung der Witwen nicht mehr gewährleistet werden. Was also tun? An dieser Stelle fällt auf, dass unser Predigttext eine Unterscheidung zwi-schen den Witwen der griechisch sprechenden und der hebräisch spre-chenden Juden nennt. Zunächst zeigt das, dass alle, die zur christlichen Gemeinde von Jerusalem gehörten, natürlich jüdischer Herkunft waren. Nichtjuden kamen erst später dazu. In Jerusalem wohnten zu dieser Zeit – der heutigen Situation gar nicht unähnlich – Juden ganz unterschiedli-cher Herkunft. Sie kamen aus verschiedenen Ländern und siedelten sich, ähnlich wie heute, in der Stadt an, die das Zentrum des jüdischen Glaubens war und in der der Tempel stand, das wichtigste Heiligtum des Judentums. Die griechisch sprechenden Juden kamen aus verschiede-nen Regionen des Mittelmeerraums, wo die griechische Sprache zu die-ser Zeit weit verbreitet war. Vermutlich waren sie sozial bessergestellt als die hebräisch sprechenden Juden, die mit Jesus aus dem ländlichen Galiläa nach Jerusalem gekommen waren. Sie konnten darum auch eher als die Witwen der Galiläer, die nicht Griechisch, sondern Hebrä-isch bzw. Aramäisch sprachen, auf die Unterstützung durch die Ge-meinde verzichten. Ganz gerecht war das nicht, denn auch sie hatten eigentlich Anspruch auf Unterstützung. Aber die Gemeinde musste of-fenbar eine solche Regelung treffen. Wenn die Ressourcen knapper werden, sind solche Entscheidungen manchmal unvermeidlich. Das steht hinter dem Konflikt, von dem unser Predigttext erzählt.
Wie aber nun umgehen mit einer solchen Situation? Die Lösung, von der unser Predigttext berichtet, klingt so ungefähr wie: Wir gründen erst ein-mal einen Ausschuss, dann sehen wir weiter. Das wäre die Lösung, auf die vermutlich eine deutsche, vielleicht auch eine italienische politische oder kirchliche Behörde verfallen würde. Aber so ist das hier nicht ge-meint. Unser Text erzählt vielmehr, dass der entstandene Konflikt auf ei-ne sehr produktive Weise gelöst wurde. Die sieben Männer, deren Na-men alle aufgezählt werden – es sind übrigens alles griechische Namen, sie gehörten also zu den vorhin erwähnten griechisch sprechenden Ju-den – diese sieben Männer fungieren ab sofort als zweites Gremium in der Gemeinde, neben den zwölf Aposteln.
Dass sie sich nur um Versorgungsfragen in der Gemeinde gekümmert hätten, darf man dabei füglich bezweifeln, auch wenn unser Text diesen Eindruck erwecken will. Von zweien von ihnen hören wir später noch Genaueres, nämlich von Stephanus und Philippus. Sie treten als Ver-kündiger und Missionare auf, die das Evangelium von Jesus Christus in Jerusalem und auch andernorts bezeugen. Sie sind also keine Armen-fürsorger in Jerusalem, sondern aktive Zeugen für das Evangelium und missionarisch aktive Verkündiger. Eine gewisse Spannung im Text lässt sich also nicht verkennen. Sie zeigt sich auch daran, dass ja das Ver-sorgungsproblem durch die Berufung eines Kreises von Zuständigen nicht einfach gelöst war, denn die Ressourcen sind ja dadurch nicht mehr geworden. Außerdem wird auch gar nicht erzählt, wie denn das entstandene Problem genau behoben wurde.
Die Arbeitsteilung, von der unser Text erzählt, geht also tiefer. Sie ist im Kern eine Ausdifferenzierung verschiedener Formen der Verkündigung des Evangeliums. Neben die Apostel treten die Sieben mit ihrer eigenen Form der Verbreitung des Evangeliums. Auch dies, die Vielfalt der For-men, in denen das Evangelium verkündigt wird, hat sich bis heute nicht geändert. Diese Vielfalt ist sogar noch größer geworden, was in unseren Kirchen vielfach zu erkennen ist, hier in Rom und anderswo.
Ein Stück Anfangsgeschichte der Gemeinde von Jerusalem ist es also, von der unser heutiger Predigttext erzählt. Er führt uns vor Augen, wo-rauf es in christlicher Gemeinde von allem Anfang an ankam und noch heute ankommt. Unterstützung derer, die unserer Hilfe bedürfen, achten auf Gemeinschaft und Solidarität, Bereitschaft zu konstruktiver Konflikt-lösung und nicht zuletzt: Vielfalt der Formen, in denen das Evangelium verkündigt und gelebt wird. Die Gemeinde von Jerusalem hat von der beschriebenen Konfliktsituation offensichtlich profitiert. Das betont die Apostelgeschichte am Schluss noch einmal ausdrücklich: die Gemeinde wuchs, das Evangelium breitete sich aus.
Die übrigen Texte für den heutigen Sonntag werfen weitere Streiflichter auf dieses Thema: Der Wochenspruch spricht davon, dass wir einst da-ran gemessen werden, wie wir mit den Geringsten unter uns umgegan-gen sind, wie wir also auf die Bedürftigen geachtet haben. Der Text aus dem Alten Testament berichtet von den Regeln, die Gott seinem Volk für das gemeinsame Leben gegeben hat, damit es heilig sei. Im Zentrum steht dabei das Gebot der Nächstenliebe. Das Gleichnis vom barmher-zigen Samariter aus dem Lukasevangelium schließlich schildert einen konkreten Fall von Nächstenliebe. Der Samariter fragt nicht danach, wer der ist, der da ausgeraubt und entkräftet am Wegesrand liegt. Er sorgt für ihn, gibt ihm, was er braucht in seiner Notlage.
Unser Predigttext aus der Apostelgeschichte zeigt uns somit, gemein-sam mit den anderen Texten für den heutigen Sonntag, wie wir als christliche Gemeinde in dieser Welt leben können. Diese Texte zeigen uns, worauf es ankommt im Umgang miteinander und im Bezeugen des Evangeliums in der Welt und für die Welt. Lassen wir uns von diesen Texten aus der Frühzeit des Christentums und aus dem Alten Testament dazu inspirieren, unseren Glauben im Hier und Heute lebendig zu be-zeugen und ihn zu leben. Dazu helfe uns Gott. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

AnhangPredigt_30_08_202687,3 KB
PDF herunterladen