11. Sonntag nach Trinitatis – Prof. Dr. Schröter

Lukas 18,9-14

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag, liebe Gemeinde, ist eine
Erzählung über Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit. Im Gleichnis aus
dem Lukasevangelium, das wir vorhin in der Lesung des Evangeliums
gehört haben, stellt Jesus die gängigen Vorstellungen davon, wodurch wir
vor Gott gerecht werden, auf den Kopf. Der Pharisäer ist überzeugt, dass
er alles richtig macht in seinem Leben. Der Zöllner dagegen weiß, dass er
vor Gott als Sünder dasteht. Dann aber kommt es anders. Der Zöllner geht
gerechtfertigt davon, der Pharisäer dagegen nicht. Die Szene spitzt sich
außerdem dadurch zu, dass sich der Pharisäer über den Zöllner erhebt. Er
hält sich für besser als dieser, dankt Gott dafür, dass er nicht so ist wie
der. Er ist überzeugt, fromm und gerecht zu sein, anders als die anderen.
So, wie es zu Beginn des Gleichnisses heißt: Jesus erzählt das Gleichnis
ebensolchen Menschen, die sich für gerecht halten und andere verachten.
Der Pharisäer ist dafür ein Beispiel. Er ist so, wie Pharisäer eben sind. Und
so scheint das Gleichnis zu bestätigen, was wir ohnehin schon wissen:
Pharisäer sind selbstverliebte Leute, die viel von sich und wenig von
anderen halten. Wahre Gerechtigkeit ist bei ihnen bestimmt nicht zu
finden.

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Bevor wir uns nun aber zu schnell mit dieser Gewissheit begnügen, uns
damit beruhigen, dass wir nicht so sind, wie dieser Pharisäer, müssen wir
zunächst einmal eine Pause einlegen und uns fragen: Was waren das
eigentlich für Leute, die Pharisäer? Warum kommen sie hier und in vielen
anderen Texten des Neuen Testaments so schlecht weg? Warum wird
ihnen permanent Selbstgerechtigkeit und Heuchelei vorgeworfen? Die
Pharisäer waren eine Gruppierung im Judentum zur Zeit Jesu, die sich
besonders um die Auslegung des jüdischen Gesetzes bemühte. Daran ist
zunächst einmal nichts verkehrt. Jesus hat schließlich nichts anderes getan.
Beiden, Jesus und den Pharisäern, ging es darum, die Menschen ihrer Zeit
über ein Leben nach dem Willen Gottes zu belehren. Dabei kam es zu
Auseinandersetzungen darüber, wie genau das geschehen soll, weil beide
den Anspruch erhoben, Gottes Weisung so auszulegen, wie sie gemeint ist.
Dass man über die Auslegung der Bibel unterschiedlicher Meinung sein
kann, ist nichts Ungewöhnliches. Das wissen wir aus eigener Erfahrung und
das war noch nie anders.
Die Pharisäer sollten darum nicht vorschnell als selbstgerecht und
heuchlerisch verurteilt werden, denn das waren sie nicht, jedenfalls nicht
mehr als andere, auch nicht als wir selbst. Das Gleichnis zeichnet ja auch
ein durchaus differenziertes Bild des Pharisäers, der sich genau an die
Gebote hält. Dennoch geht er nicht gerecht aus dem Tempel, anders als
der Zöllner. Es geht also darum, woher die Gerechtigkeit kommt, mit der
wir vor Gott bestehen können, und woher nicht. Können wir uns auf uns
selbst verlassen – darauf, was wir im Leben erreicht und geleistet haben –
oder müssen wir uns eingestehen, dass wir fehlbare, unvollkommene
Menschen sind? Und so finden wir uns schnell selbst in der Lage des
Pharisäers wieder, denn schließlich versuchen wir ja alle, uns an die
Gebote zu halten und ein Leben nach Gottes Willen zu führen. Ob es uns
so gut gelingt, wie dem Pharisäer, können wir uns selbstkritisch fragen.

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Woher also kommt die Gerechtigkeit, mit der wir Gott treten können;
worauf können wir unser Leben gründen? Diese Frage ist von zentraler
Bedeutung für uns alle, die wir unser Leben in Verantwortung vor Gott
führen. Die Bibel erzählt immer wieder davon, dass Menschen nicht aus
sich selbst heraus vor Gott bestehen können. Wir können nur in der
Hoffnung vor Gott treten, dass er selbst uns gerecht spricht, uns unsere
Sünden vergibt, uns trotz unserer Unzulänglichkeiten annimmt. Aus dieser
Einsicht heraus hat Martin Luther im 16. Jahrhundert seine reformatorische
Entdeckung formuliert. Grund genug also, am heutigen Sonntag darüber
nachzudenken, was es bedeutet, dass unsere Gerechtigkeit von Gott
kommt und nicht aus uns selbst.
Schauen wir auf die biblischen Texte, die wir in den Lesungen gehört
haben, scheint klar und eindeutig zu sein, wie das gemeint ist. Dort werden
diejenigen kritisiert, die mit ihrer Selbstgerechtigkeit gegen Gott und seine
Gebote verstoßen. David wird von Nathan überführt. Er meint, den Mann
aus dem Gleichnis verurteilen zu können, das Nathan ihm erzählt. Und
unversehens fällt das Urteil auf ihn selbst zurück: Du bist der Mann, hält
ihm Nathan vor! Du hast dich auf Kosten eines anderen bereichert. Du hast
Uria an die Front geschickt, damit er dort umkommt, und du dir seine Frau
nehmen kannst. Du bist nicht besser als der Mann im Gleichnis, der den
Armen um sein einziges Schaf bringt, obwohl er selbst mehr als genug hat.
Das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner geht in dieselbe Richtung.
Der Pharisäer dankt Gott, dass er nicht so ist wie dieser Zöllner dort. Der
Pharisäer ist fromm, der Zöllner dagegen ist sich bewusst, dass er ein
Sünder ist. Und dann geht der Zöllner gerechtfertigt davon, der Pharisäer
dagegen nicht. Das Urteil über uns selbst kann sich vor Gott schnell in sein
Gegenteil verkehren. Darin liegt die Provokation des Gleichnisses.
Die Selbstgerechten – das sind natürlich immer die anderen. Schnell sind
wir dabei, diese Texte so zu verstehen. Natürlich sind wir nicht wie David

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oder wie der Pharisäer. Wir stehen auf der anderen, der richtigen Seite. Ist
das aber wirklich so? Oder ist ein solches Urteil schon der Anfang der
Selbstgerechtigkeit? Den Demütigen gibt Gott Gnade, heißt es im
Wochenspruch. Die Demütigen – das sind die, die auf Gott vertrauen und
sich nicht selbst für gerecht halten. Die nicht auf andere herabschauen und
sich über sie erheben.
Schauen wir etwas genauer auf das Gleichnis, das Lukas erzählt. Das
Vertrauen darauf, die Gebote zu befolgen, so wird dort erzählt, führt nicht
dazu, dass der Pharisäer als Gerechter von dannen geht. Er steht mit
leeren Händen vor Gott, genau wie der Zöllner, obwohl er doch meinte, auf
der sicheren Seite zu stehen. Was ihm fehlt, so erzählt es das Gleichnis, ist
das Verständnis der eigenen Unzulänglichkeit. Ihm fehlt die Einsicht, dass
wir nur aus Gottes Gnade gerecht gemacht werden und nicht aus uns
selbst. Das hinterfragt unser gängiges Selbstverständnis und auch
dasjenige der christlichen Kirche. Martin Luther hat das im Gegenüber zur
spätmittelalterlichen Kirche seiner Zeit energisch ins Zentrum gerückt. Die
Beschäftigung mit der Heiligen Schrift führte ihn dazu, die Rechtfertigung
allein aus Glauben als den Kern christlichen Glaubens und Lebens zu
verstehen. Diese Einsicht war für Luther der Schlüssel, um die Botschaft
Bibel zu verstehen und ihren Inhalt in prägnanter Weise auf den Punkt zu
bringen. Für Luther gab es in der Bibel Sätze, die eine Leitfunktion besitzen
und diesen Inhalt besonders klar zum Ausdruck bringen. „Kernstellen“
heißen diese Sätze darum in der lutherischen Tradition. Bis heute gibt es
sie in Lutherbibeln, um das Zentrum der biblischen Botschaft sichtbar zu
machen.
Die Bibel war für Luther also kein Buch, in dem ein Text so wichtig ist wie
der andere. Sie hat vielmehr ein klar zu benennendes Zentrum, einen
Maßstab, der ihrer Auslegung zugrunde zu legen ist. „Christum treiben“
oder auch „Christum lehren“ nannte Luther das; und er scheute sich nicht,

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Bücher an den Rand der Bibel zu verweisen, bei denen das seiner Meinung
nach nur wenig oder gar nicht der Fall ist. Für Luther war die konsequente
und energische Betonung der Gerechtigkeit aus dem Glauben von ganz
besonderer Bedeutung. Entschlossen und voller Leidenschaft hat er ins
Zentrum gerückt, was die Kirche den Menschen zu sagen und wofür sie
einzustehen hat. Die biblischen Texte des heutigen Sonntags bringen das
in aller Klarheit zum Ausdruck.
Der Mensch wird dadurch gerecht, dass er seine eigene Unvollkommenheit
erkennt. In unserem Gleichnis tut das der Zöllner. Er, von dem man
erwarten würde, dass er sich auf sich selbst verlässt und sich um Gott
wenig schert, ausgerechnet er bekennt im Gebet zu Gott, dass er ein
Sünder ist. Der Pharisäer und der Zöllner in unserem Gleichnis sind darum
Modelle für Selbsterkenntnis – dem einen fehlt sie, bei dem anderen ist sie
vorhanden. Wir könnten heute einen gewissenhaften Christen, der sein
Leben an Gott ausrichtet und regelmäßig in den Gottesdienst geht, auf der
einen, einen erfolgreichen Manager, der sein Leben an Aktienkursen und
Dividenden orientiert und sich nur selten in einen Gottesdienst verirrt, auf
der anderen Seite, an deren Stelle setzen. Mit wem würden wir uns
identifizieren? Diese Frage macht die Provokation des Gleichnisses deutlich.
Wir finden uns schnell in der Rolle des Pharisäers wieder, nicht in
derjenigen des Zöllners. Das rückt nicht nur unser Urteil über die Pharisäer
gerade, es macht auch deutlich, dass wir dazu neigen, unsere eigenen
Verdienste und Erfolge als dasjenige zu betrachten, worauf wir uns in
unserem Leben verlassen. Dass wir uns für andere Menschen eingesetzt,
dass wir uns engagiert haben in der Gemeinde, dass wir uns an die
biblischen Gebote gehalten haben – all dies hat ja der Pharisäer auch
getan, und es wäre töricht, ihn dafür zu kritisieren.
Das Gleichnis stößt uns darauf, dass wir oftmals sehr schnell dabei sind,
unsere gutgemeinten und oftmals ja auch tatsächlich guten Taten als die

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Grundlage des Lebens zu verstehen, das wir vor Gott führen. Auch der
Pharisäer im Gleichnis macht nichts falsch, sondern im Grunde alles richtig.
Er tut das, was man von einem Menschen erwartet, der sein Leben in
Ehrfurcht vor Gott führt. Er fastet regelmäßig, gibt den Zehnten, hält sich
an die Gebote. Das ist keineswegs eine nur äußerliche oder gar
heuchlerische Frömmigkeit. Der Pharisäer lebt vielmehr gottesfürchtig und
verantwortungsvoll. Kein Wunder, dass er den Zöllner, als er ihn im Tempel
erblickt, als das Gegenteil seines eigenen Lebens betrachtet. Der Zöllner
tut das alles nicht. Umso überraschender ist dann das Ergebnis: Der
Zöllner, geht als Gerechter von dannen, weil er seine eigenen Sünden
bekennt, der Pharisäer, der alles getan hat, um vor Gott ein gerechtes
Leben zu führen, dagegen nicht. Der Zöllner, der bekennt, dass seine
Gerechtigkeit nur von Gott kommen kann, hat etwas Entscheidendes
verstanden, das dem Pharisäer in unserer Geschichte fehlt.
Natürlich will das Gleichnis damit nicht sagen, dass der Pharisäer aufhören
soll, ein gottesfürchtiges Leben zu führen – oder dass wir damit aufhören
sollen, unseren Glauben in gelebte Praxis umzusetzen. Alles, was wir tun,
um anderen zu helfen, wenn wir unser Leben daran ausrichten, was die
Bibel sagt, wird in keiner Weise ins Unrecht gesetzt. Das Gleichnis lehrt
vielmehr, dass wir uns darauf nicht allein verlassen dürfen, sondern dass
wir Gott um sein Erbarmen bitten sollen für all das, worin wir uns verfehlt
haben, wo wir anderen etwas schuldig geblieben sind. Dass wir uns als
unvollkommene Menschen erkennen sollen, auch und gerade in unserem
Bemühen um ein gerechtes und gottesfürchtiges Leben; dass wir uns
unserer Begrenztheit bewusst werden. Wir verfehlen uns immer wieder,
tun Dinge, die uns im Nachhinein leidtun, leben nicht so, wie wir es
eigentlich tun sollten. Wir alle wissen das und können uns doch nicht
vollständig aus dieser Situation befreien.

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Dass unsere Gerechtigkeit von Gott kommt, nicht durch unser Tun – das
bedeutet also nicht, dass unser Tun unwichtig wäre. Es bedeutet vielmehr:
Wir leben aus der Gnade Gottes, die uns von unseren Sünden freispricht.
Wir sind von Gott angenommen, mit all unseren Fehlern und Schwächen.
Das gilt für den Zöllner genauso wie für den Pharisäer, für den Reichen
genauso wie für den Armen, für den Erfolgreichen genauso wie für den,
der keine große Karriere vorzuweisen hat. Das ist die befreiende Botschaft
des Evangeliums: Alles Gute, das wir im Namen unseres Glaubens
bewirken, das Engagement und der Einsatz für die Sache Gottes, all das ist
nicht die Voraussetzung dafür, dass wir von Gott angenommen werden,
sondern es folgt daraus. Wir dürfen leben aus der Freiheit, dass Gott uns
nicht bei unseren Fehlern und Schwächen behaftet. Dass er uns dazu
befähigt, voller Freude und Energie in seinem Namen zu wirken, in unserer
Gemeinde, unserer Stadt, unserer Familie. Das Evangelium ist die Botschaft
von der Würde jedes Menschen, die darauf gründet, dass er Gottes
Geschöpf und durch seine Gnade gerettet ist.
Zum gelingenden Leben, zum friedvollen Miteinander von Menschen in
unserem Land, unserer Stadt, unserer Gemeinde, unseren Familien, führt
darum das, was der Wochenspruch als Demut vor Gott bezeichnet. Dass
wir von Gott angenommen sind, so wie wir sind, entlastet von der Angst,
unser Leben könnte misslingen, weil wir nicht vollkommen sind, Fehler
machen, unser Tun Stückwerk bleibt. Es entlastet uns davon, uns über
andere zu erheben, um vor Gott, vor anderen und vor uns selbst gut
dazustehen. Es gibt uns die Gelassenheit, als Gottes geliebte Kinder in
dieser Welt Gutes zu wirken. Dabei möge Gott uns helfen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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