Liebe Gemeinde,

den Predigttext haben wir gerade schon als Evangelienlesung gehört. Ich möchte nur einen Vers daraus nochmals vorlesen, denn er hat es in sich. Er ist in gewisser Weise das Zentrum dieses Textes, in vielen Bibeln erkennbar am Fett- oder Kursivdruck. „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Wenn ich jetzt mit Ihnen über diesen Vers nachdenke, dann will ich vorausschicken: Es ist für mich ein sehr persönliches Nachdenken, denn ich habe diesen Vers vor bald einem halben Jahr­hundert für mich persönlich als Konfirmationsspruch ausgewählt. Er hat mich seither begleitet und immer wieder ins Nachdenken gebracht, und daran will ich Sie teilhaben lassen.

Ich weiß bis heute eigentlich nicht so recht, was mich damals dazu gebracht hat, gerade diesen Vers zu wählen. Es ist ja schwere Kost, und es hätte so viel Leichteres und Schöneres gegeben: Ich habe dich bei meinem Namen gerufen, du bist mein. Oder: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Oder, oder, oder…

Ich weiß aber noch gut, dass es ganz meine Entscheidung war, nicht etwas Empfohlenes von Eltern, Lehrer oder Pfarrer. Ich glaube, es war ein Ausdruck von Neugier und Ratlosigkeit. Neugier, weil ich die harte Nuss gerne knacken wollte. Ratlosigkeit, weil ich dachte, der Spruch ja so schön ist, aber den nimmt ja sonst keiner.

Es war unter der vorgelegten Liste der dogmatischste, der lehrhafteste Text – aber das würde ich heute so ausdrücken, nicht damals. Für mich war er damals auf abstrakte Weise unverständ­lich und dennoch schön.

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ Unklar ist daran Vieles. Warum muss man, wenn man etwas liebt, seinen eingeborenen Sohn dafür geben? Was ist überhaupt ein eingeborener Sohn? Gibt es auch einen zweigeborenen Sohn? Wie, wodurch und wem gibt man einen Sohn? Warum werden Personen, die an ihn glauben, nicht verloren? Oder genauer: Geht das nicht auch anders, einfacher irgendwie?

Nur zu gefragt! Antworten auf alle diese Fragen hatte ich damals nicht, und um ehrlich zu sein: Ich habe sie vielfach bis heute nicht. Ich kann mich nicht an viele Predigten aus meiner Kindheit und Jugend erinnern, aber ich erinnere mich an die Predigt meines Pfarrers zur Konfirmation. Darin sagte er sinngemäß zu uns, den Konfirmanden: Wenn ihr jetzt Ja sagt zu eurem christ­lichen Glauben, dann sagt ihr nicht Ja zu etwas Fix-Fertigem, Abgeschlossenen. Und er hat das Bild von der halbvollen Tasse gebraucht. Man muss nicht eine ganz volle Tasse haben, um Ja sagen zu können, und das Spiel von halbvoll und halbleer wird sich ein Leben lang weiter­ziehen. Gut, es mag sein, dass diese letzte Formulierung eher meine heutigen als seine damali­gen Gedanken sind.

Wie dem auch sei – ich habe das damals als entlastend empfunden, und zwar auch und gerade im Bezug auf meinen Konfirmationsspruch. Und ich empfinde es bis heute als weise. Denn es ist ja nicht so, dass die Fragen, die sich mit diesem schwierigen Vers verbinden, dann auf einmal verschwinden. Sie verschwinden auch nicht durch ein Theologiestudium, durch viele Jahre Forschung und Lehre in diesem Fach und durch lange Predigtpraxis (wo man ja in der Ver­suchung ist, immer mehr Antworten als Fragen zu liefern).

Was ich unterdessen gelernt habe, sind Erklärungen, von denen viele eher historischer Art sind. Wie kommt jemand dazu so zu formulieren? Welche gedanklichen Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Hörerinnen und Hörer so etwas einordnen können? Welche nächsten Parallelen gibt es?

Das ist alles ganz interessant, und wenn wir hier eine Vorlesung hätten, würde ich das gerne vertiefen. Aber die gestellten Fragen, die Fragen nach der inneren Logik dieses lehrhaften Textes würde es nicht so recht beantworten. Ich sage es noch einmal: Viele dieser Fragen haben für mich bis heute keine einfache und klare Antwort. Vielleicht gehört das auch zum Christsein, zum Vertreter einer text-gebundenen Religion, dass man ständig mit Texten konfrontiert ist, die auf Distanz bleiben, die größer sind als man selbst und die nicht so ganz aufgehen in unseren Erklärungsversuchen.

Darum möchte ich heute eigentlich nur einen ganz kleinen Schritt für mich und für uns alle machen, nämlich nur die ersten paar Worte betrachten. „Also hat Gott die Welt geliebt:“ Was danach kommt, lassen wir für den Moment einmal weg.

Schon das sind erstaunliche Worte. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass ganz unglaubliche und schwer verständliche Dinge geschehen, eigentlich Unerhörtes. Das weitere ergibt sich dann.

Also hat Gott die Welt geliebt, dass… Davon geht alles weitere aus. Dass Gottes Beziehung zur Welt mit dem Wort Liebe beschrieben wird: das ist doch ganz und gar nichts Selbstverständ­liches! Das ist etwas Unerhörtes! Die Bibel beginnt mit der Schöpfung Gottes: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Was dann erzählt wird, ist eine Geschichte der Fabrikation, der Herstellung von Dingen, von Umwelt, Pflanzen, Tieren, Menschen.

Und es hat nicht an Vorstellungen gefehlt, die Gottes Rolle damit auch als abgeschlossen betrachtet haben. Gott hat all das großartig und weise eingerichtet, und sich dann weitgehend zurückgezogen. Oder man hat einen Schöpfergott und einen Erlösergott voneinander getrennt.

Das alles ist nicht die Meinung der Bibel, nicht die Meinung des Christentums, wie wir es kennen. Gott zieht sich nicht einfach zurück, und die Beziehung zwischen Gott und Welt wird nicht angemessen beschrieben, wenn man nur sagt: Gott bringt etwas aus dem Nicht-Sein zum Sein.

Es ist vielmehr – eine Liebesbeziehung. Davon spricht die Bibel mal mehr lehrhaft, wie in unserem Text, mal mehr erzählend, wie in vielen Geschichte des Alten und Neuen Testaments, ja sogar in der Passionsgeschichte. Auch das ist eine Geschichte, die zeigt: Gott engagiert sich, und es ist ihm nicht egal, was aus der Welt wird.

Wenn man wie Goethes Faust fragt, welche Kraft die Welt im Innersten zusammenhält, dann ist die Antwort so einfach wie banal. Es ist die Liebe, dieses unendlich abgegriffene Wort.

Es ist die Liebe, und was unser Text sagt, ist ebenfalls so einfach wie banal: Gott hat zuerst geliebt. Also hat Gott die Welt geliebt, dass sich alles andere daraus ergibt. Es ist also nicht unsere Liebesfähigkeit oder unsere Liebesleistung. Die Liebe in unseren Leben kommt nicht aus uns, sondern sie kommt daher, dass wir zuerst geliebt worden sind. Lieben ist ein eigen­artiges Verb, denn es wird zuerst im Passiv konjugiert.

Ich werde geliebt, zuerst von Vater und Mutter, dann auch von Familie und Freunden, vielleicht auch von Partner und Kindern, und was ich zurückgeben kann, ist immer nur ein Bruchteil dessen, was ich empfangen habe. Wir sind Mond, nicht Sonne. Wir sind Reflektoren, nicht Quelle.

Das Gegenteil der Liebe ist ja nicht etwa Hass, wie man oft denkt oder hört. Das Gegenteil ist kalte, gedankenlose Gleichgültigkeit. Eine Beziehung ist nicht tot, wenn sie in Hass umschlägt. Sie ist erst dann tot, wenn gar keine Empfindung mehr da ist, reine Indifferenz und Kälte. Aber dass wir in einer Welt leben, in der Zuwendung da ist und nicht Desinteresse, dass da Wärme ist und nicht kosmische Kälte, dass da Liebe ist und nicht achselzuckende Lethargie – alles das verdanken wir Gott, Gottes Liebe, seiner Zuwendung zur Welt. Das ist geschehen, bevor wir etwas tun und sagen konnten, und es ist die Grundlage für alles, was wir tun und sagen können.

Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass auch wir lieben können, dass Heil und Erlösung möglich werden. Amen.

Liebe, die du mich zum Bilde | deiner Gottheit hast gemacht: Liebe, dir ergeb ich mich, | dein zu bleiben ewiglich.

Das ist unser Gebet, das ist unser Lied, das ist unsere Verheißung. Das wollen wir singen.

Amen.

Reminiszere – Prof. Dr. Wallraff