Lukas 9, 57-62

Als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu Jesus:

Ich will dir folgen, wohin du gehst.

Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe.

Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind

Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

 

Liebe Gemeinde,

einladende Kirche sollen wir sein: eine Gemeinschaft, die Menschen anzieht und gewinnt.

Einladende Gemeinde wollen wir sein, und immer wieder fragen wir uns, wie wir Menschen ansprechen und integrieren können: durch Angebote und Gesten.

Der einladende Charakter der Kirche oder einer Gemeinde ist keine Wahl, keine Entscheidung von uns. Wir könnten nicht von uns aus sagen: Wir bleiben lieber eine geschlossene Gesellschaft. Das offene, einladende Wesen der Kirche ist uns vorgegeben. Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1Tim 2,4). Jesus hat uns zu Menschenfischern gemacht (Mk 1,17).

Der einladende Charakter steht fest. Nicht erst jetzt, wenn die Kirchen in Europa Mitglieder verlieren – sondern schon immer, weil er gottgeben ist.

Nun versucht eine nervös gewordene Kirche da und dort, diesen einladenden Charakter so umzusetzen, dass die Hürde ganz niedrig gehängt wird. Es werden sogenannte „Pop-up-Taufen“ angeboten. Spontane Taufmöglichkeiten ohne Vorbereitung und Anmeldung. Die Zeiten eines lang währenden Taufunterrichts, des alten Katechumenats, scheinen ewig weit in der Vergangenheit zu liegen. „Einfach Heiraten“ ist eine andere Aktion: Sich einfach ohne lange Überlegungen und Planungen segnen lassen: Ein kurzes Gespräch und ein Ritual. Mehr ist es nicht.

Zugang zum Heiligen Abendmahl – oft auch für alle ohne Bezug, Kenntnis oder Bekenntnis.

Ich sage es noch einmal: Das einladende Wesen der Kirche steht fest. Aber ob das Niederlegen von Schwellen, Ansprüchen und Erwartungen damit identisch ist, ist die Frage.

 

Jesus, so wie wir ihn heute gehört haben, legt keine Schwelle nieder. Im Gegenteil: Er hängt die Hürde erschreckend hoch:

Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.

Das sind schroffe Worte. In einer geradezu verletzenden Härte stehen sie da, um klarzustellen, was das heißt: Jesus nachfolgen.

Jesus nachfolgen heißt: sich auf das Himmelreich, sich auf Gott selbst einlassen. Und worauf man sich dabei einlässt, das sagen diese schroffen Worte.

Werbung für das Himmelreich ist das offensichtlich nicht. Gute Propaganda sieht anders aus.

Dafür sind diese Sätze Jesu viel zu deutlich. Wie Mauern stehen sie da: wenig einladend, wenig ermutigend.

 

Und dabei redet Jesus in diesen Worten doch mit Menschen, die guten Willens sind, diese Männer, die sagen „Ich will dir folgen.“

Und dann sollte man meinen, ein Prediger des Himmelreichs sollte sich doch freuen, wenn da schon einer mitmachen will. Viele sind es ja bis heute nicht! Und dann macht er es auch den wenigen noch schwer, unnötig schwer, können wir denken.

 

Lass die Toten ihre Toten begraben: Das ist schon logisch eine Provokation.

Kein Blick zurück soll erlaubt sein, kein Blick in die Vergangenheit, weder in Sorge, noch im Zorn.

Wer Jesus nachfolgen will, der darf keinen Blick auf das Grab seiner Vergangenheit werfen, das Grab, in dem alles angesammelt ist, was einmal wichtig war. Die Verantwortung für das eigene Haus, für die Menschen, mit denen man lebt, für die Welt, für die wir uns einsetzen.

Das alles wird fast schon gewissenlos überboten von der Verantwortung für das Reich Gottes.

 

Es gibt keinen Zweifel: Jesus hat es denen, die ihm folgen wollen, nicht leicht gemacht. Jesus macht es uns vielmehr so schwer wir möglich.

Wer ihm folgen will, wird gewarnt. Es werden zwar keine Hindernisse künstlich erzeugt. Da werden keine Steine extra in den Weg gelegt. Aber die Hindernisse, die da sind, werden klar und deutlich benannt, rücksichtslos.

Oder müssten wir sagen: Höchst rücksichtsvoll?

Ist es nicht die höchste Form von Rücksicht, wenn Menschen gewarnt werden, wenn Menschen von einem Weg gewarnt werden, der sie wegführt – wegführt nicht nur von diesem und jenem, sondern von sich selbst?

Rücksichtslos ist Jesus mit dieser Warnung nicht!

Er warnt vor seiner Nachfolge.

Rücksichtslos war er nur mit sich selbst. Und darin zeigt sich sein göttliches Geheimnis.

 

Nun sind da zwei entscheidende Hindernisse, mit denen man rechnen muss.

Das erste entscheidende Hindernis ist Jesus selbst. Und das zweite sind wir selbst.

Wer sich von diesen beiden Hindernissen nicht abschrecken lässt, ist geschickt, ist geeignet für das Reich Gottes.

 

I

Jesus zu folgen, heißt einer Person zu folgen, der auf Erden kein bestimmbares Ziel hat. (Sein Reich ist nicht von dieser Welt.)

Er hat keine Postadresse. Keine App kann ihn tracken.

Sein Weg führt über diese Welt und über diese Welt hinaus.

Und das unterscheidet ihn von uns Menschen, die die Erde bebauen und bewohnen. Wir richten uns ein. Wir suchen uns Wohnungen. Wir bauen uns Nester. Und wir finden in unseren vier eigenen Wänden Geborgenheit. Ohne Wohnung zu sein, ertragen wir auf Dauer nicht.

Ohne Meldeadresse (oder residenza) zu sein, erträgt auch der Staat auf Dauer nicht. Der Mensch muss wohnen. Deshalb baut er auch unentwegt an seiner Welt, deshalb bastelt er auch immer an seiner Welt herum.

Sich in dieser Welt einzurichten – das ist sein Ziel.

 

Jesus hat dieses Ziel nicht. Er hat sich nie in dieser Welt eingerichtet. Sein Ziel geht über diese Welt hinaus.

Und deshalb hat er auch keine Bleibe.

Darum vergleicht er sich auch gar nicht erst mit Menschen, die Wohnungen haben oder bauen oder zumindest suchen.

Er vergleicht sich mit Tieren. Füchse und Vögel müssen herhalten.

Und auch die haben ihm noch etwas voraus.

Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

 

Füchse sind in den alten Geschichten unheimliche Tiere. Der Mensch mag sie nicht. Sie sind ihm zu unstet. Man kann sich Füchse aus gutem Grund nicht als Haustiere vorstellen. Sie sind schlecht zu fassen. Sie passen nicht in das bewohnte Land. Sie schweifen umher. Und doch haben sie ihre Höhlen, von denen sie aufbrechen und in die sie zurückkehren.

 

Vögel kommen noch weiter herum. Der Mensch mag sie. Sie sind Boten der Ferne. Sie zeigen ihm die Weite der Welt. Und man bewunderte ihre Ungebundenheit, die es ihnen erlaubte, sich hoch in die Lüfte zu schwingen und das Weite zu suchen. Der Mensch hat das immer beneidet.

Aber auch sie haben ihre Nester, von denen sie starten und in die sie zurückkehren.

 

Jesus von Nazareth hat weder noch. Ohne festen Ort, von dem er aufbricht und in den er zurückkehrt, ist er noch unsteter als Fuchs und Vogel.

Der Fuchs beunruhigt zwar den Bauern, wenn er an seinen Zäunen erscheint oder eindringt oder es ihm gelingt, eine Gans zu stehlen.

Aber er gehört eben zur Natur – so wie Risiko und Gefahr zu dieser Natur gehören.

Und der Vogel erweckt zwar die Sehnsucht der Menschen, die ihn weglockt aus allen eingefahrenen und zu engen Bindungen. Aber auch diese Sehnsucht gehört zu unserer eingerichteten Welt – so wie die Vögel an den Himmel.

 

Jesus von Nazareth gehört nicht dazu. Er ist nirgends daheim. Er ist ohne Bürgerrecht oder Residenza unterwegs. Damals unter seinem Volk. Und seit seinem Tod ist er in derselben Weise unterwegs auf seinem Weg durch die Zeiten. Nicht mal sein Grab wurde ihm zu einem Ruheort – wie sonst für alle.

Jesus wanderte nicht nur durch das Heilige Land. Er wandert durch die Geschichte.

Und wenn man auf Erden jemanden vergleichbares finden will, dann muss man schon ganz an den Anfang der Bibel zurückgehen und an den gezeichneten Menschen denken, der seinen Bruder erschlagen hat: Kain, den ersten Mörder. Unstet und flüchtig sollte er auf Erden sein. (Gen 4,12). Das war seine Strafe.

 

Seine Geschichte und sein Name wurden nicht nur um seinetwillen weitererzählt, sondern als Inbegriff menschlicher Schuld. Alle Schuldigen der Welt können sich in ihm erkennen – Mörder oder nicht.

Und nun finden diese Menschen Jesus in letzter und tiefster Solidarität mit diesem schuldbeladenen Menschen ebenfalls unstet unterwegs. Ohne Schuld, aber wie der Schuldige unterwegs. Er nimmt unsere Unrast auf sich.

 

Wer Jesus nachfolgen will, muss ihm in dieser Solidarität folgen. Die Schuldigen sind sein Ziel. Bei ihnen macht er Halt. Er sucht sie, um sie auf ihre Schuld anzusprechen. Jesus nennt Schuld beim Namen. Und damit macht man sich in der Welt keine Freunde.

Aber Jesus tut das ja nicht, um sich wichtig zu machen. Er nennt Schuld beim Namen, um sie zu vergeben.

Und damit macht man sich in der Welt erst recht keine Freunde. Die Menschen mögen es lieber, wenn die Schuld – der anderen natürlich! – betont und ausgetreten wird.

Jesus hat sich in dieser Hinsicht nichts vorgemacht.

Und er hat auch uns in dieser Hinsicht nichts vorgemacht.

Wer ihm folgt, wird in dieser schuldbeladenen Welt keine Ruhe finden.

Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

 

II

Das andere Hindernis, das der Nachfolge Jesu im Wege steht, sind wir selbst. Wir stehen uns selbst im Weg, wenn es um das Himmelreich geht.

Denn wir lassen uns von unserer Vergangenheit bestimmen.

Unsere Herkunft und unsere Erfahrungen bestimmen unsere Zukunft.

Und unsere Erfahrungen sind jedenfalls eines nicht: das Himmelreich.

 

Wer zurückblickt, der sieht zwar auch glückliche Werke, die uns einzeln oder gemeinsam gelungen sind.

Wer zurückblickt, der sieht aber auch die riesigen Trümmerhaufen der Geschichte, die ihre gespenstischen Schatten auch auf unsere Gegenwart und Zukunft werfen.

Und in dieser eng gewordenen globalisierten Welt fallen diese Schatten nicht nur auf die Übertäter selbst, sondern auf viele andere.

Wir können unser eigenes Umfeld, unsere Gemeinschaft, unser Land nicht bauen, ohne dass uns die Vergangenheit zu schaffen macht.

Wir sind weit über den Friedhof hinaus damit beschäftigt, die Toten zu begraben.

 

Lass die Toten ihre Toten begraben:

Das ist nicht den Trauernden gesagt, sondern einer Welt, die von ihrer Vergangenheit bestimmt ist.

Diese Welt, zumindest der Teil, der Jesus nachfolgen will, wird aufgefordert, sich ganz auf die Zukunft einzulassen. Freiheit wird hier verstanden als Freiheit von der Vergangenheit.

Das heißt ja Sünden vergeben.

Jesus tritt zwischen uns und unsere Vergangenheit.

Was gewesen ist, soll euch nicht mehr belasten.

Jesus tritt zwischen uns und unsere Schwächen, damit sich weder unsere Vergangenheit noch unsere Gegenwart sich uns in den Weg stellen, wenn es um das Himmelreich geht.

 

Vergessen wir das auch jetzt, mitten in der Passionszeit, mitten in einer von neuen Kriegen aufgeschreckten Welt nicht: Es geht um das Reich Gottes, um eine herrliche Zukunft.

Jesus redet davon, weil es zu haben ist.

Und er nennt die Schwierigkeiten, die da sind und die man kenn soll.

Jesus steht im Weg und wir stehen im Weg.

Aber er hat auch deutlich gemacht, dass bei diesen zwei Schwierigkeiten die eine Schwierigkeit die andere aufhebt.

 

Wer sich den Menschensohn gefallen lässt, wer sich nicht geniert, mit ihm unterwegs zu sein, der wird auch mit sich selbst fertig.

Der hat gar keine Gelegenheit, sich von der Vergangenheit runterziehen zu lassen, weil der Blick nach vorn viel lohnender ist.

Denn mit Jesus nach vorn, also in die Zukunft zu blicken, das heißt, Gott entgegenzublicken.

Und Gott entgegenzublicken heißt, dem Leben entgegenzublicken.

Einem neuen Leben, das nicht schon mehr oder weniger verbraucht oder aufgewärmt erscheint, und das nicht durch Versagen oder Schuld kontaminiert ist.

Jesus nachfolgen: Das heißt, in ein neues, sich ständig erneuerndes Leben hineingehen.

 

Und wo das passiert, da überlässt man die Toten den Toten.

Arbeit für das Reich Gottes ist Abschied vom Tode.

Das ist uns zugemutet, liebe Geschwister, mitten im Leben und in allen Bereichen des Lebens den Tod zu verabschieden.

Nachfolge heißt Abschied vom Tode zu nehmen, nicht vom Leben!

 

Wohlgemerkt: Es geht um den Tod, den wir alle noch sterben müssen.

Dieser uralte (bis auf Adam und Eva zurückgehende) Schatten der Vergangenheit wirft seinen Schatten bis in unsere Zukunft.

 

Der Schatten ist aber nicht lang genug, um Jesus ins Dunkel zu ziehen. Nicht einmal das Dunkel das Todes war dunkel genug, um ihn zu halten.

Jesus nachfolgen heißt, in seinem Licht zu stehen und der Welt um uns herum zu zeigen, dass die Schatten der Vergangenheit nicht lang genug sind.

 

Das, liebe Gemeinde, ist die Einladung, die von der Kirche ausgehen soll.

Es ist keine Einladung zu Kaffee und Kuchen, keine Einladung zum fröhlichen Beisammensein im Pfarrgarten oder zum Mitmachen beim Bazar, keine Einladung zu einer mehr oder weniger gelingenden Geselligkeit und auch keine Einladung zu niedrigschwelligen Segenshandlungen.

Es ist eine Einladung, die das alles übersteigt: Eine Einladung zum Leben, eine Einladung, mit Jesus zu gehen.

Und wer diese Einladung annimmt, der nimmt Abschied von der Vergangenheit und vom kommenden Tod.

In der Nachfolge Jesu Abschied zu nehmen heißt: Adieu sagen.

Und „Adieu“ heißt auf Deutsch: „Gott befohlen.“

Wir befehlen Gott, was war, was ist, und was sein wird.

Damit bekommen wir nicht nur die Freiheit von der Vergangenheit, sondern können auch unserem kommenden Tod schon jetzt Adieu sagen.

Und wer das sagen kann, der steht ganz und gar im Leben. Amen.

 

Oculi – Pfr. Dr. Jonas