Liebe Gemeinde,

der heutige Bibelabschnitt richtet unseren Blick auf eine Stadt, eine Stadt die immer mal auch als der Mittelpunkt der Welt bezeichnet wird.

  • Nein es geht nicht um Rom, „caput mundi“, wie man überall lesen kann…
  • Es geht natürlich um Jerusalem. Die Stadt, um die sich in der Bibel alles dreht und die auch in unseren Tagen häufig Schlagzeilen macht.

Jes 66,10-14

Freuet euch mit Jerusalem!

  • Gilt das auch für uns heute hier in Rom?
  • Gilt das auch gerade in diesen Tagen, in denen wir mit bangen Blicken in den Nahen Osten schauen?

 

Es ist ja schon generell ungewöhnlich, sich mit einer Stadt zu freuen

  • Über oder mit einem Land, das kommt mir schon vertrauter vor.
  • Und meistens ist das dann das eigene Land – wie bei den Olympischen Winterspielen vor einigen Wochen oder jetzt bei den Parolympics.
  • Allerdings war es für Deutschland im Februar lange nicht so freudig wie für Italien, 14 vierte Plätze, vielleicht wird das jetzt bei den Parolympics besser.

 

Es ist schon generell ungewöhnlich, sich über eine Stadt zu freuen, aber hier geht es natürlich nicht um irgendeine Stadt.

  • Jerusalem – bei vielen löst diese Stadt ganz zwiespältige Gefühle aus
  • Wer schon einmal dort war, weiß: diese Stadt ist sehr besonders. Zentrum für drei Weltreligionen, der Kontrast von modern und alt, von jüdisch-orthodoxen und arabischen Vierteln, Begegnung von westlicher und östlicher Kultur, ein sehr, sehr lange wechselhafte Geschichte.
  • Auf der anderen Seite steht die Stadt eben auch im Zentrum vieler Auseinandersetzungen und Kriege, das war die letzen zweieinhalb Jahre so und das ist jetzt wieder der Fall.

 

Freut euch mit Jerusalem!

  • Natürlich hat dieser alte Bibeltext nicht unsere heutigen Verhältnisse vor Augen.
  • Aber auch schon damals konnte man den Text nicht einfach so verstehen, als ob man sich eben mit einer bestimmten politischen Größe freuen sollte.
  • Die Verse stammen aus dem letzten Kapitel des Jesajabuches.
  • Wenn man das Buch von vorne liest, dann bemerkt man: Schon damals löste die Stadt sehr zwiespältige Gefühle aus, geradezu eine Achterbahn der Gefühle:
  • Gleich in 1 kündigt der Prophet Gericht und Untergang an, das Land soll verwüstet, die Städte verbrannt werden. Jerusalem, die „Tochter Zion“, bleibt trostlos zurück „wie eine Nachthütte im Gurkenfeld“ (1,8).
  • Doch schon in 2 lesen wir dann, wie alle Völker zum Haus des Herrn in Jerusalem pilgern werden. Von dort wird Weisung ausgehen und nie mehr Krieg, Schwerter zu Pflugscharen, Spieße zu Sicheln
  • Und auch die politische Geschichte, die sich im Jesjabuch spiegelt, ist sehr wechselhaft:
  • Mal wird die Stadt bedroht, dann wieder wunderbar gerettet (Jes 39), am Schluss von den Feinden eingenommen und zerstört – und trotzdem bleibt die Hoffnung, Kap. 40: „Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich.“

 

Wer sich in Jesaja vertieft oder auch in die Psalmen, merkt schnell:

  • Bei Jerusalem geht es um mehr als eine Stadt, mehr als eine große Siedlung
  • Wenn Jerusalem als der Mittelpunkt der Welt gepriesen wird, dann meint das nicht die politische Bedeutung.
  • Und wenn der Zion als der höchste Berg hervorgehoben wird, dann hat das nichts mit Geographie zu tun.
  • Jerualem steht für den Ort, den Gott erwählt hat.
  • Jerusalem steht für den Ort, an dem der Tempel steht.
  • Jerusalem ist der Ort, wo Gottes Gegenwart ganz konkret erfahrbar wird.
  • Der Ort, von dem Frieden, Freude und Leben ausgehen.

 

 

Gerade das macht es ja so schwer verkraftbar, dass die Realität Jerusalems oft so ganz anders aussah und aussieht.

  • Sie ist die Stadt, mit der so viele große Verheißungen verbunden sind – sie klingen auch in diesem Bibelabschnitt an: „Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach.“
  • Sie ist aber auch die Stadt, an der sichtbar wird, wie Menschen an diesen Verheißungen vorbeileben und alles aufs Spiel setzen.

 

Warum sind mit Jerusalem so viele Verheißungen verbunden?

Ich möchte grundsätzlicher fragen: Warum sind Gottes Verheißungen für eine friedliche und heilvolle Welt ausgerechnet mit einer Stadt verbunden?

  • Heute suchen viele Frieden und Ruhe eher auf dem Land.
  • Biblisch würde man vielleicht an den Paradiesgarten denken – und manche malen sich das ja auch so aus: dass wir eines Tages wieder in das Paradies zurückkehren werden, in den Garten Eden.
  • Die biblische Storyline ist eine andere: Es geht vom Garten in die Stadt.
  • Das Bild für gelingendes Leben, für das größte Glück, für Gottes heilvolle Gegenwart ist keine Naturidylle, sondern eine Stadt.

 

Warum ist das so?

  • Die Stadt ist der Ort der Gemeinschaft – und zwar einer realen Gemeinschaft, wo Menschen Menschen begegnen, ja, wo man sich eingentlich gar nicht aus dem Weg gehen kann (merkt man hier in dieser Stadt …)
  • Die Stadt ist der Marktplatz und zwar kein digitaler, sie ist der Raum, wo man als ganze Person da ist und interagiert.
  • Darum ist die Stadt, die Polis, die civitas schon immer der Ort, wo darum gerungen wird, wie menschliches Miteinander aussehen kann.
  • Sie verspricht Wohlstand und Freiheit, aber lässt gleichzeitig auch in die tiefsten Abgründe des Menschseins blicken.

 

Dass Gott seine Verheißungen an eine Stadt bindet, macht deutlich:

  • Wir finden unsere Bestimmung im Miteianander, in der Begegnung, in Gemeinschaft.
  • Dazu gehört unsere ganze Person mit Leib und Seele: wir sehen uns, begegnen uns, spüren einander, manchmal auch unangenahm, wenn wir uns durchdrängeln oder anrempeln
  • In der Stadt spüren wir sehr deutlich, was es heißt, ein leiblicher Mensch unter anderen zu sein.
  • Und jetzt ist auffällig, dass der Bibel so sehr daran liegt, dass wir mit Leib und Seele neu und gerettet werden.
  • Auch die Stadt Gottes ist keine Versammlung von leiblosen Geistern oder Seelen und alle, die ihre Hoffnung darauf setzen, dass wir eines Tages unseren Geist per mind-uploading irgendwohin retten können, sind auf dem Holzweg.
  • Wir sind Menschen mit Leib und Seele – so sehr, dass hier in diesen Versen sogar die Stadt wie ein Mensch erscheint: wie eine Mutter, die ihr Kind stillt an ihrer Brust.
  • Die das Kind, das gerade noch geschrien und über irgendetwas geklagt hat, an sich drückt und es stillt – bis es friedlich einschläft.
  • Die Stadt als Ort der Fürsorge, des Trostes.

 

Wir denken bei Städten eher an große Häuser, an viele Autos und Stau, an Luftverschmutzung und Asphalt, aber „Jerusalem“ steht für etwas anderes:

  • Für den Ort, wo unsere tiefsten menschlichen Bedürfnisse gestillt werden.
  • Wo wir miteinander leben, aber so, dass wir uns an- und miteinander freuen
  • Wo Shalom herrscht.

 

Aber: Wo ist dieses Jerusalem? Wie kann dieses Jerusalem werden?

  • Lasst es uns bauen! Lasst uns daran arbeiten! Eine Stadt voller Gerechtigkeit und Freiheit! Wie built the city!
  • Natürlich müssen wir das. Und wir tun unser Bestes.
  • Doch das ist nicht das Jerusalem, von dem die Bibel spricht.
  • Im Gegenteil: Gerade wo wir mit unserer Kraft, unserer Weisheit und unseren Ideen die Stadt des Friedens verwirklichen wollen, da kommen auch immer wieder unser Egoismus, unsere Fehleinschätzung, unsere Selbstüberschätzung ans Licht.

 

Auch das kann man im Jesjabuch lesen:

  • Der König, der auf militärische Stärke setzt, wird gewarnt
  • die Menschen, die auf Reichtum setzen, verlieren alles – und auch die, die meinen mit Religion, mit Opfern und rituellen Handlungen das Böse überwinden zu können, müssen scheitern. So beginnt Kapitel 66.

 

Was aber dann?

  • „denn so spricht der Herr: Siehe, ICH breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom …“, „ICH will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, „Meine Hand, die Hand des Herrn wird man erkennen an seinen Knechten“
  • Das wahre Jerusalem verlangt von seinen Bewohnern nur eines: Gottvertrauen. Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzer Kraft.
  • Ihm allein zu vertrauen und ihm alles zuzutrauen – das sind die, die Jerusalem liebhaben.

 

Wie Kinder sind diese Einwohner von Jerusalem.

  • hilflos und angewiesen auf den Arm und die Brust der Mutter
  • „kaum in Wehen, hat Zion schon ihre Kinder geboren“, heißt es zwei Verse vor unserem Text.
  • Es ist die Stadt der Neugeborenen, die Stadt der aus Gott Geborenen.

 

Auch Jesus hat in dieser Weise von der Stadt Gottes, vom Reich Gottes gesprochen:

  • „Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“ (Mk 10,15)
  • Wie Kinder müssen wir sein, neu geboren
  • Das ist eine schwer zu verkraftende Aussage für Menschen, die selbst gerne an Städten und Häusern oder auch am Reich Gottes bauen.
  • Sind nicht wir es, die die Stadt Gottes bauen müssen?

 

Es wurde schon oft versucht und wird sicher noch oft versucht werden…

  • …bis die Verheißung wahr wird, die auf den letzten Seiten der Bibel steht.
  • „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erst Himmel und die erste Erde sind vergangen und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann […].
  • Und der auf dem Thron saß, sprach: „Siehe, ich mache alles neu!“

 

Das verheißene Jerusalem wird von Gott gebaut. Aber können wir dann wirklich gar nichts machen?

  • „Freut euch mit Jerusalem …
  • Sich auf dieses Jerusalem zu freuen und dieses Jerusalem lieb zu haben, das macht den Unterschied.
  • Auch heute schon.

Amen.

 

Laetare – Pfr. Dr. Matthias Deuschle