Epheser 3, 1-7
Deshalb sage ich, Paulus, der Gefangene Christi Jesu für euch Heiden –
ihr habt ja gehört, worin das Werk der Gnade Gottes besteht,
die mir für euch gegeben wurde:
Durch Offenbarung ist mir das Geheimnis kundgemacht worden,
wie ich zuvor aufs Kürzeste geschrieben habe.
Daran könnt ihr, wenn ihr’s lest,
meine Einsicht in das Geheimnis Christi erkennen.
Dies war in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht,
wie es jetzt offenbart ist seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist;
nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheißung in Christus Jesus sind durch das Evangelium, dessen Diener ich geworden bin durch die Gabe der Gnade Gottes, die mir nach seiner mächtigen Kraft gegeben wurde.
Liebe Gemeinde!
Das Geschehen, das wir an Weihnachten feiern, ist spektakulär.
Die Tatsache, dass Gott als Mensch geboren wurde, sprengt alle Vorstellungen.
Die Erkenntnis, dass in dem Kind von Bethlehem der lebendige Gott in das Leben der Welt tritt, hat gewaltige Konsequenzen.
Gott wird Mensch. Er erscheint so auf Erden. Das stellt alles auf den Kopf.
Und vielleicht wird uns daran auch klar, dass die Kirche dieses Geschehen, diese Erscheinung Gotte in der Welt, nicht nur mit einem Fest begeht und zu erschließen versucht, sondern noch mit einem zweiten, dem, das wir heute feiern: Epiphanie – Erscheinung.
Es sagt nichts anderes als das Weihnachtsfest: Gott ist erschienen. In dem Kind von Bethlehem kommt er uns ganz nah. Christ ist erschienen, uns zu versühnen. Mit diesem Mann setzt Gott unsere Erlösung ins Werk.
Die Folgen sind gewaltig: Wenn Gott hier in Bethlehems Stall wirklich erschienen ist, dann muss man vieles neu denken:
- Das Gottesbild
- Die Erlösung
- Die Geltung dieser Wahrheit
Wer bei Gott nur an einen fernen, unsichtbaren Herrscher denkt, der unnahbar und entzogen bleibt, der muss nach Bethlehem gewaltig umdenken. Dieser Gott bleibt der Welt nicht entzogen; der versteckt sich nicht hinter den Wolken, sondern der tritt mitten hinein. Nicht nur als göttlicher Besucher von oben herab, sondern als wahrer Mensch unter wahren Menschen in ganz und gar menschlichen Bedingungen: Geboren von einer Frau und unter die Bedingungen dieser Welt gestellt: Armut, Schmerzen, Schwäche, Schmutz: Alles, was wir kennen: Er macht es mit. Schon von Anfang an.
Er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein.
Gott wird verletzlich und angreifbar. Und der Angriff auf ihn bleibt auch nicht aus: Am Kreuz ist Schluss. Der verletzliche Gott wird von verletzenden Menschen ausgeschaltet. Erst die Auferstehung setzt diesen wahrhaft verletzlichen Gottessohn wieder ins Recht.
Dass Gott so sein kann, so schwach, so verletzbar, so klein, so nackt, so blutverschmiert, das konnte sich vorher niemand vorstellen. Kein Jude und auch keine Anhänger anderer Weltanschauungen: Wenn schon Götter, dann sind diese unangreifbar und stark.
Noch heute ist die Menschlichkeit Jesu ein harter Brocken im Dialog mit anderen Religionen und einzigartig im Vergleich.
Auch die Erlösung müssen wir nach der Erscheinung Jesu anders sehen: Sie wird nicht erreicht durch eigene Verbesserung, durch Anstrengung, durch Gehorsam. Erlösung ist keine Besserung, sie ist Heilung eines totgeweihten Patienten. Welt ging verloren: Christ ist geboren.
Hier kommt der Retter. Wir werden gerettet. Das ist passives Geschehen. Wir können uns nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Und diese Vorstellung passt einer hochmütigen Menschheit nicht.
Wenn etwas nicht passt, dann machen wir das doch selber. So dachten immer schon die stolzen Menschenkinder.
Die Wahrheit von der Erlösung durch ein göttliches Kind ist eine tiefe Demütigung für eine eitle Menschheit. Vielleicht erfährt der Glaube deshalb gerade so viel Ablehnung – nach dem Motto: Erlösung? Brauch ich nicht!
Auch hier muss die Welt nach Bethlehem neu denken.
Der dritte Punkt, an dem wir neu denken müssen, ist der Geltungsbereich Jesu. Er ist auch das Thema für Paulus, das in unseren Worten aus dem Epheserbrief im Mittelpunkt steht.
Die Geltung unseres Glaubens ist nicht begrenzt auf eine bestimmte Gruppe oder Nation oder Kultur, sondern sie ist universal.
Was ich mit „universal“ so modern sage, heißt bei Paulus so:
Die Heiden sind auch einbezogen in das Heil Israels.
Das war damals und das war besonders für Paulus eine Revolution.
Zwischen dem auserwählten Volk der Juden und all den anderen Heidenvölkern wurde sauber unterschieden.
Alle Verheißungen, Gaben und Gesetz des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs galten natürlich nur für das Volk Israel.
Wenn ein Messias kommen sollte, dann natürlich, um Israel zu erretten – vor den bösen Heidenvölkern!
Dass nun mit Jesus aber ein Messias nicht nur für Israel, sondern für alle Völker gekommen war, das war neu. Das war für die erste Generation von Jesusnachfolgern schwer zu denken.
Das war, wie Paulus so feierlich sagt, ein Geheimnis, das Gott erst jetzt enthüllt hat.
Paulus spricht vom „Geheimnis Christi“, das in früheren Zeiten den Menschenkindern nicht kundgemacht war.
Aber jetzt ist es offenbart seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist, nämlich dass die Heiden Miterben sind und mit zu seinem Leib gehören.
Vorher herrschte – übrigens nicht nur in Israel – eine ganz andere Vorstellung: Jedes Volk hat seinen Glauben. Jedes Volk hat seinen Gott; und die kämpfen gelegentlich auch gegeneinander: Marduk gegen Kos, oder Mars gegen Baal. Wenn die Völker Krieg führen, dann kämpfen auch die Kriegsgötter gegeneinander, und der stärkere siegt.
Kriegsgötter machen ja nur Sinn, wenn jedes Volk seinen Gott hat.
Ein universaler Gott, der für alle Völker zuständig ist, kann ja schlecht für eine Gruppe Partei ergreifen. Das hat leider bis heute christliche Nationen nicht davon abgehalten, auch im Namen ihres Gottes gegen andere christliche Nationen vorzugehen.
Jedes Volk hat seinen Gott. Und jede Religion hat damit ihre begrenzte Reichweite. Die religiöse Landkarte ist gewissermaßen aufgeteilt.
Es gibt nicht einen Gott für alle, sondern jedes Kultur hat ihren Glauben.
So lächerlich diese Vorstellung schon für die griechischen Philosophen war, die nur von einem Grund des Seins ausgingen, so beliebt ist diese Sicht heute wieder: Religiöse Vielfalt ist in. Jedes Volk, jede Kultur, jede Gruppe soll ihren Glauben haben. Ein einziger Gott, der als einziger Schöpfer auch Anspruch auf alle seine Geschöpfe hat, ist da eine gefährliche imperialistische Vorstellung. Eine Religion, die universale Geltung beansprucht, gilt als verdächtig. Christliche Mission, die in Gebiete vordringt, die noch nie von Christus gehört haben, wird in Frage gestellt.
Lasst doch jeder Kultur ihren Glauben!
Diese vorsichtige Zurückhaltung, diese Begrenzung des Christentums auf den eigenen Zirkel ist vielleicht gut gemeint, aber sie passt nicht zusammen mit dem Weihnachtsgeschehen, mit der Erscheinung Gottes auf Erden.
Diese hat nämlich geltende Grenzen der Religion gesprengt.
Diese hat geltende Grenzen der Kultur gesprengt.
Diese hat geltende Länder-Grenzen gesprengt.
Sie kennen die Geschichten alle; und wir haben sie heute gehört.
Maria und Joseph überschritten verschiedene Ländergrenzen vor und nach der Geburt Jesu. Das göttliche Kind wurde nicht einfach stabil im Zentrum der Macht geboren, sondern gewissermaßen unterwegs.
Es residierte nicht in einem festen Palast, sondern – der Johannesevangelist sagt das so deutlich wie schön – „zeltete“ unter uns (Joh 1,14).
Zum Neugeborenen wurde nicht – wie damals üblich die engste, zunächst nur weibliche, Verwandtschaft eingeladen, sondern wildfremde Hirten.
Und die Kunde von der Geburt erreichte nicht nur fromme Juden, sondern auch Sterndeuter aus dem Morgenland.
Astrologen aus dem Orient, die den Sternbildern am Himmel irgendwelche Informationen über das Weltgeschehen entnahmen und den Gestirnen womöglich noch göttliche Bedeutung gaben: Dabei drehte sich bei jedem frommen Juden der Magen um. Das war Israel fern und fremd.
Und nun kommen gerade solche Magier aus dem Osten, überschreiten mehrere Ländergrenzen und fallen vor dem Jesuskind auf die Knie.
Diese Erscheinung Gottes kann nicht innerhalb der Grenzen Israels bleiben. Dieser Stern am Himmel, den sah man nicht nur genau und ausschließlich oberhalb der Lande Judas, sondern den sah man, wie jeden Stern von weither.
Das Licht der Sonne und der Glanz der Sterne lassen sich nicht auf ein Land, eine Kultur, eine Tradition begrenzen.
Sie strahlen überall. Ihre Strahlen lassen sich weder einfangen, noch abschirmen.
So leuchtet die Geltung Jesu Christi in die ganze Welt.
Die Juden – wie Paulus – müssen erkennen, dass dieser Messias nicht nur ihr Erlöser ist.
Und die Heidenvölker müssen erkennen, dass dieser ihnen bisher unbekannte Heiland auch für sie Geltung hat.
Dieser Glaube überschreitet Grenzen, von Anfang an.
Und dieses Fest mit seiner Geschichte von den Sterndeutern aus dem Morgenland steht bis zum heutigen Tag als Zeichen für diesen grenzüberschreitenden Glauben an Jesus Christus.
Und der Stern, der damals am Himmel stand, der steht für die universale Geltung dieses neugeborenen Erlösers.
Der Morgenstern, von dem wir so gerne singen, er leuchtet nicht nur für mich persönlich, bescheint nicht nur meine Angst und Pein, sondern er scheint für alle, die in der Finsternis wandeln – auch für die, die noch gar nichts vom Schein dieses Morgensterns wissen.
Sterne leuchten – ob man sie anschaut oder nicht!
Das Christentum – oder sagen wir es präziser: der Glaube an Jesus Christus – ist notwendigerweise grenzüberschreitend. Ein Christentum, das sich an nationale, kulturelle oder ständische Gruppen bindet und auf sie begrenzt, ist verfehlt.
Jesus ist für alle gekommen. Die Reichen und die Armen, die Nahen und die Fernen, die Frommen und die noch nicht so Frommen, ja sogar für die bösesten Sünder.
Das war für Paulus, der so an den Verheißungen für Israel und an dessen Erwählung hing, schwer einzusehen.
Das ist heute für die, die andere Religionen kultursensibel und wertschätzend stehen lassen wollen, ebenfalls schwierig.
Für beide gilt aber: So wahr die universale Geltung Jesu Christi ist, so zart ist ihre Vermittlung. Paulus spricht von einem Geheimnis, das offenbart wurde. Matthäus schreibt von einem Stern, der aufgegangen ist.
Von Gewaltbegriffen finden wir hier nichts.
Gottes Universalität kommt nicht im Gewitter, sondern im Leuchten eines Sterns; sie kommt nicht als amtliche Belehrung, sondern erschließt sich wie ein Geheimnis.
Es lohnt sich auch ein Blick auf den Inhalt dieses Geheimnis, das für alle Völker gilt.
Was soll denn den Völkern vermittelt werden?
Unsere Kultur, unsere Sprache, unsere Werte, unsere Wirtschaftsbeziehungen?
Nein, Paulus spricht allein von der „Verheißung in Christus Jesus“: nicht mehr, aber auch nicht weniger!
Und wie diese angenommen wird, wie Gott dieses versprochene Wirken in Jesus Christus umsetzt, wie die Frucht in anderen Kulturen aussehen wird, das ist seine Sache.
Aber dass Gott Interesse an allen Menschen der Welt hat und in Jesus für sie gekommen ist, das steht außer Frage.
Der Epheserbrief sagt: Die Heidenvölker sind Erben der Gnade Gottes. Sie wissen es nur noch nicht. Erben, die noch nichts von ihrem Erbe wissen. Das gibt es manchmal. Ich habe das schön öfter erlebt, dass jemand als Erbe eingesetzt ist und dann nach dem Tod des Erblassers erst informiert werden muss. Da muss dann meistens ein Anwalt eingeschaltet werden, der die Erben ausfindig macht und informiert. Meiner Mutter ging das einmal so, als ein ganz entfernter Cousin gestorben war, der kinderlos war. Da hat ein Anwalt dann alle Verwandten erfasst, das vorhandene Haus verkauft und den Erlös durch die Anzahl der Erben geteilt. Meine Mutter hatte gar keinen Kontakt zu diesem Mann, und sie wusste nichts von seinem Besitz.
Aber Sie würden doch zustimmen: Erben müssen informiert werden. Es wäre doch sträflich, ein Erbe geheim zu halten. Ein korrupter Anwalt könnte das tun.
Ob das Erbe angetreten wird oder nicht, das ist eine andere Frage. Das kann dann der Informierte selbst entscheiden. Aber informiert werden, das muss er.
Ob man an Jesus Christus glaubt, ob man ihm nachfolgt, das kann und muss jede Person selbst entscheiden.
Aber informiert werden, das muss sie.
Der Schatz im Himmel wartet auf seine Erben und niemand hat das Recht, dieses Erbe zu vorzuenthalten, weder aus religiösem Partikularismus, noch aus falscher Rücksicht.
Geheimnisse wollen erschlossen werden.
Kinder werden immer ganz stolz, wenn man ihnen ein Geheimnis anvertraut, wenn man ihnen etwas ins Ohr flüstert.
Wie schön wäre es, wenn man uns Christen diesen Stolz anmerken könnte, nicht weil wir besser sind als andere,
sondern weil wir eingeweiht sind in das Geheimnis der Welt,
weil es die Engel uns ins Ohr geflüstert haben und auch wir damit zu geschätzten Kreis der Eingeweihten gehören dürfen.
Geheimnisse wollen begriffen werden.
Geheimnisse, die unser Leben betreffen und verändern, umso mehr!
Amen.