Hesekiel 2, 1 -3,3
Der Herr sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.
3Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 4Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der Herr!« 5Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. 9Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. 10Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel! 2Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen 3und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.
Liebe Gemeinde!
In der Schule behandle ich mit den Grundschülern gerade die 12 Apostel. Als wir gemeinsam versucht haben, ihre Namen aufzuzählen, da nannten mir Schüler auch Namen wie „Sacharja“ oder „Jeremia“. Und dann sagte ich gleich besserwisserisch „Nein, das sind keine Apostel, das sind Propheten!“ „Aber Herr Jonas“, kam gleich die Reaktion, „was sind Propheten?“.
Ja, liebe Gemeinde, was sind eigentlich Propheten; und was ist der Unterschied zwischen Aposteln und Propheten? Könnten Sie das sofort erklären? Und auch ich musste mich in der Schule erst kurz sortieren, um einigermaßen zutreffend zu antworten.
Propheten gehören in der Alte Testament, also in die Zeit vor Jesus.
Die Apostel sind die Jünger, die Jesus berufen hat. Die gehören also in die Zeit nach Jesus.
Apostel bezeugen das, was sie mit Jesus erlebt haben.
Propheten verkünden das, was ihnen Gott auf irgendeine Weise gesagt hat.
Propheten sind Menschen, die Gott auf besondere Weise beauftragt hat, seine Meinung und seinen Willen zu sagen.
Und so steht am Anfang einer Prophetentätigkeit immer eine Berufung – meistens verbunden mit einer Vision, also einer geistigen Schau.
Mose sah Gott im brennenden Dornbusch und hört ihn rufen. (Ex 3).
Jesaja sieht, wie der Saum von Gottes Gewand den Tempel ausfüllt, und wie die Engel singen „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth.“ (Jes 6)
Jeremia sieht, wie Gott seine Hand ausstreckte und sein Wort in Jeremias Mund legte (Jer 1).
Amos sah einen Korb mit überreifem Obst; und Gott sagte: So reif ist mein Volk für das Gericht. (Amos 8)
Berufungsvisionen von Propheten sind immer wieder sonderbar.
Die sehen und erleben allerhand Dinge.
Hesekiel erlebt eine ganz eigenartige Berufungsvision. Die haben wir heute ausführlich gehört: Er bekommt eine Schriftrolle überreicht und soll diese aufessen. Er tut das auch; und sie schmeckt süß wie Honig. Was sagt uns dieser sonderbare Bericht? Schauen wir am heutigen Sonntag des Wortes Gottes einmal genau auf seinen Wirkungen!
- Gottes Wort irritiert erst einmal
Es ist völlig normal, dass uns die eigenartige Schilderung von Hesekiel erst einmal wundert. Visionen haben wir selbst vielleicht nicht. Vielleicht stört uns auch – und nicht nur hier – die alte biblische Sprache und Bilderwelt.
Vielleicht stört uns auch das Irrationale, also alles, was wir uns nicht selbst aus eigener Erfahrung erklären können.
Und dann sagen manche Theologen: Das muss alles weg! Alles Übernatürliche und Wunderhafte. Es soll nur das stehenbleiben, was wir selber auch so erleben und nachvollziehen können.
Aber was bleibt dann übrig? Menschliche Geschichten? Regeln und Gebote? Gesammelte Weisheit? Die Moral?
Wer Gottes Wort so domestizieren will, reduziert es auf die Ebene des Alltäglichen und des Gewöhnlichen, und macht es damit zum Menschenwort. Und Menschenworte, liebe Gemeinde, Menschenworte haben wir in dieser Welt schon mehr als genug.
Gottes Wort muss immer mehr sein als Menschenwort. Gottes Wort spricht hinein in die Menschenwelt, aber passt sich nicht an die Menschenwelt.
Wir sehen das nicht nur an den sonderbaren Sprachbildern und Visionen der biblischen Gestalten. Wir sehen das in der Beruf des Hesekiel auch konkret.
Gott rechnet gar nicht mit der vollen Zustimmung durch die Hörer! Er sagt zu Hesekiel:
„Ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Sie sind ein Haus des Widerspruchs.“
Gottes Wort löst schon immer Widerspruch aus. Die Menschen saugen es nicht durstig auf wie ein trockener Schwamm. Die Menschen nehmen es nicht dankbar auf wie wissbegierige Schüler. Die Menschen hören nicht zu wie aufmerksame Zuhörer.
Die Menschen widersprechen, vergessen, oder lenken sich ab. Das ist seit den Tagen von Noah und seiner Arche nicht anders geworden.
Gott weiß das. Die Propheten wissen das. Jesus weiß das. „Wer Ohren hat zu hören, der höre.“, sagt er deshalb mehrfach (Mk 4,9).
Und wir, wir sollten das auch wissen, wenn wir Sonntag für Sonntag kommen, um uns Gottes Wort sagen zu lassen.
Die Welt wartet nicht auf dieses Wort. Mit diesem Wort werden wir keine allgemeine Zustimmung erreichen, ja nicht einmal einen Blumentopf gewinnen. Gottes Wort irritiert, weil es uns in Frage stellt. Deshalb gefällt es den Menschen nicht.
Alle Propheten mussten das erfahren. Sie wurden verspottet, verbannt, für verrückt erklärt oder ignoriert.
„Den einen schlugen sie, den zweiten töteten sie, den dritten steinigten sie.“ So bitter resumiert Jesus das Schicksal der Propheten (Mt 21, 35).
Wer Gottes Wort in den Mund nimmt, tritt einem Haus des Widerspruchs gegenüber. Das wird dem Propheten Hesekiel nicht verschwiegen; und das wird auch uns nicht unterschlagen.
Gottes Wort macht dich nicht zum Liebling der Menschen, sondern es löst Widerspruch aus, manchmal Spott, manchmal Verachtung und für viele auch handfeste Verfolgung.
Überspringen wir diese ernsthafte Wahrheit nicht! Gottes Wort macht uns zu ganz bestimmten Hörern und nicht zur Vertretern allgemein anerkannter Wahrheit.
Gottes Wort irritiert. Das ist richtig. Aber damit korrigiert es auch, fordert uns heraus, spricht eine ganze andere Sprache als die Welt.
Und das ist gut so. Denn, wie gesagt, wenn es das Selbe sagen würde wie die Welt, dann wäre es überflüssig.
Wer es hören will und ernstnimmt, den kostet es aber auch etwas. Und das bringt uns zum zweiten Punkt.
- Gottes Wort geht durch Mark und Bein
Hesekiel soll in seiner Vision eine Schriftrolle essen. Das ist kein dümmliches Bild, sondern Ausdruck einer tiefen Wahrheit.
Gottes Wort ist nicht nur für die Ohren bestimmt. Es geht nicht zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus. Es bleibt nicht beim akustischen Eindruck. Gottes Wort erfasst den ganzen Körper. Es geht durch Mark und Bein. „Das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“, sagt der Hebräerbrief (4,12).
Worte – auch Menschenworte! – die treffen, bleiben bei uns nicht einfach auf der akustischen oder rationalen Ebene. Sie betreffen unseren ganzen Körper, unser ganzes Dasein, sie haben psychosomatische Wirkung, wie die Mediziner sagen.
Und wer über Hesekiels sonderbare Vision von der Schriftrolle schmunzelt, sollte erst einmal die Bilder unserer Sprache anschauen:
Wir sprechen von „bitteren“ Worten, obwohl bitter ein (gustatorischer) Geschmack ist.
Wir reden von Botschaften, die wir zu schlucken haben, weil sie uns nicht gefallen.
Wir reden von Nachrichten, die wir erst einmal verdauen müssen, weil sie uns zu denken geben.
Wie viele bittere Menschenworte mussten wir alle schon runterschlucken; und da soll Gottes Wort nur unser Gehirn erreichen?
Nein, Gottes Wort muss uns durch und durch erfassen. Es musst uns mit Haut und Haar treffen.
Es muss durch uns hindurchgehen.
Deshalb: Bevor Hesekiel gesandt wird, Gottes Wort auszusprechen, muss er es erst einmal verdauen. Ein Vorgang, der nicht nur Zeit kostet, sondern der Hesekiel überhaupt erst zum Propheten macht.
Und das gilt auch für uns: Bevor man Gottes Wort anderen zuspricht, muss man es erst einmal selbst erlebt haben – in all seinen Facetten: in seinem Anspruch, seiner Irritation, mit den Zweifeln, die es auslöst, und der heilsamen Kraft, die es entfaltet.
Wer Gottes Wort nur weiterposaunt wie eine Schlagzeile der Zeitung, der wird keine Wirkung erreichen. Wer Gottes Wort nur weiterleitet wie einen Post bei social media, der wird ihm nicht gerecht.
Gottes Wort muss immer durch uns hindurch, denn es ist keine oberflächliche Information, sondern lebensverändernde Wahrheit.
Sobald die Verkündigung der Kirche zu blutleeren Phrasen verkommt oder zum bloßen Nachsprechen politischer Parolen, wird sie ihre Glaubwürdigkeit und ihre Kraft verlieren.
- Gottes Wort verwandelt
Nach diesen ernsten und kritischen Gedanken zum Wort Gottes kommt aber bei Hesekiel noch ein wunderbarer positiver Aspekt von Gottes Wort zum Ausdruck. Sie erinnern sich:
Hesekiel hat eine Schriftrolle runterzuschlucken. Gottes Hand legt sie ihm vor, und es heißt: Sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh.
Abgesehen davon, dass eine Schriftrolle nicht besonders gut schmeckt, stehen auch noch ausgesprochen bittere Wahrheiten in ihr geschrieben:
Klage, Ach und Weh: Gottes Kritik an der Welt, die sich selbst verrannt hat in ihren Fehlern. Klage, Ach und Weh: Alle die bitteren Erfahrungen, die Menschenkinder immer wieder machen.
Hesekiel schluckt ausgerechnet diese Schriftrolle.
Er schluckt sie hinunter, ohne dass ihm auch nur ein Bissen im Halse stecken bleibt.
Er lässt sich Gottes Wort gefallen. Klage, Ach und Weh gelangen in sein Innerstes. Sie werden ein Teil von ihm. Zwischen Ezechiel und der Botschaft Gottes kann nun nicht mehr unterschieden werden.
Und dann heißt es:
Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.
Da geschieht das Wunder des Glaubens:
Bitteres wird süß bei Gott.
Gottes Wort verwandelt unsere Bitterkeit in Süße.
Gottes Wort klärt unsere Situation.
Gottes Wort relativiert die Urteile der anderen.
Gottes Wort ist identisch mit Jesus Christus,
denn in ihm verwandelt sich sein Gerichtsurteil über uns in Annahme.
Das Bittere wird süß.
Geheimnis des Glaubens! Deinen Tod, o Herr verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir.
Was Hesekiel erlebt, ist genau dieses Geheimnis des Glaubens, das wir im Heiligen Abendmahl feiern.
Gottes scharfes richtendes Wort trifft uns, und wir erkennen, wer wir eigentlich sind, und Gottes rettendes Wort richtet uns wieder auf.
Oder wie Christian Gellert gedichtet hat:
„Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder,
es stürzt mich tief und es erhebt mich wieder,
lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde
zu Gottes Freunde.“
Bitteres wird süß.
Wer sich Gottes Wort gefallen lässt, wird genau das erleben.
Dazu darf man das Wort Gottes aber nicht nur hören, nicht nur intellektuell wahrnehmen, sondern es muss uns durch und durch gehen.
Wer einen Satz wie „Ich liebe dich.“ nur akustisch vernimmt und auf der rationalen Ebene beurteilt, wird ihn nie wirklich verstehen. Er muss das Herz erreichen. Er muss Mark und Knochen erschüttern.
Und genau auf diese Ebene gehört auch Gottes Wort.
Nicht nur bei Propheten und Aposteln, sondern auch bei uns. Amen.