Jeremia 20, 7-11
Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen.
Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.
Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des Herrn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen.
Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht.
Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!«
Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«
Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.
Liebe Gemeinde!
Man ist in einem christlichen Haushalt aufgewachsen. Als Kind wurden einem von Eltern die Religion von Anfang an vorgelebt. In Schule und Kirche wird man in den Glauben eingeführt, feiert dann Erstkommunion oder Konfirmation. Mit dem Alter reift der Glaube und wird immer fester oder zumindest abgeklärter. Man entscheidet sich mehr oder weniger bewusst, an Gott zu glauben oder nicht. Und dann versucht man sein Leben lang den Glauben einigermaßen zu leben, ein anständiger Mensch zu sein. Und man geht auch mehr oder weniger bewusst davon aus, dass einen dieser Glaube bewahrt vor schlimmen Unheil: von schweren Krankheiten oder Schicksalsschlägen.
Liebe Gemeinde,
von solch einem religiösen Lebensweg, von solch einer Glaubens-Biographie gehen wir doch alle irgendwie aus.
Es beginnt im Elternhaus. Es zieht sich im besten Fall durch das ganze Leben. Es gibt keine Brüche. Es passt alles in ein bürgerliches Leben.
Es wird auch niemals irgendwie übertrieben, sondern läuft irgendwie mit.
Ich selber ertappe mich oft dabei, dass ich von solch einem bruch- und krisenlosen Glaubensweg ausgehe und ihn mir für mich auch wünsche – stabilisierend bis hin zu meiner letzten Stunde.
Dabei fehlt bei mir schon die erste Bedingung: Mein Elternhaus war gar nicht besonders religiös und schon gar nicht kirchlich. Woher mein Glaube kam, lässt sich gar nicht so leicht sagen. Das Elternhaus war es jedenfalls nicht, weder durch Zwang noch durch Vorbild. Es müssen wohl die Inhalte selbst gewesen sein, die mich angesprochen haben, oder noch besser: Gott selbst hat mich durch diese Inhalte angesprochen.
Und so wünsche wohl nicht nur ich mir so einen harmonischen, stabilen Bogen, den der Glaube über das Leben legt. Und so wünschen wir uns wohl alle, dass er uns zumindest motiviert, stärkt und stabilisiert.
Nun passt diese – soll ich sagen: bürgerliche? – Vorstellung der religiösen Biographie überhaupt nicht zu den Erfahrungen, die uns der Prophet Jeremia offenbart, man muss sagen: in geradezu peinlicher Direktheit offenbart:
Du, Gott, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen.
Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen.
Du, Gott, hast mich über den Tisch gezogen!
Nichts von softem langsamen Zugang zum Glauben, nichts von freier eigener Entscheidung, nichts von intellektueller Durchdringung der Inhalte!
Nein, du, Gott, hast mich über den Tisch gezogen!
Du hast mich verführt wie ein raffinierter Mann eine junge unbedarfte Frau.
Der Gottesmann Jeremia schaut nicht zurück auf eine abgeklärte, bruchlose Gottesbeziehung. Er findet sich in einer leidenschaftlichen Beziehung zu diesem übermächtigen Gott, aus der er nicht mehr rauskommt.
Nichts mit stärkendem und stabilisierenden Effekt des Glaubens:
„Ich bin zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.
Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des Herrn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.“
Jeremias Nähe zu Gott bringt ihm Ärger, Spott und Widerstand der anderen ein.
Es macht ihm keinen Spaß, zu diesem Gott zu gehören. Er würde lieber aufhören zu glauben. Er sagt sich:
„Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen.“
Aber er schafft es nicht, sich loszusagen:
„Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht.“
Ähnliche Worte hören wir an ganz anderer Stelle der Bibel von den Aposteln Petrus und Johannes, als sie einmal von den jüdischen Machthabern zum Schweigen verdonnert werden. Da sagen sie: „Wir können’s ja nicht lassen, von Jesus zu reden, von dem was, wir mit ihm erlebt haben.“ (Act 4,20)
Ganz ähnlich Paulus, als ihm sein Dienst für Christus große Schwierigkeiten bereitet: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht predige.“ (1Kor 9,11) „Ich kann gar nicht anders, selbst wenn ich wollte.“
Der Glaube kann so tief im Herzen verankert sein, dass man ihn gar nicht mehr ablegen kann, selbst wenn man wollte.
Wir kennen das von Liebesbeziehungen. Wir kennen das, wenn man aussichtslos oder unglücklich verliebt ist: Alle Argumente sprechen dafür, sich von dieser Person zu lösen. Freunde sagen einem das. Die eigene Vernunft sagt einem das. Aber das Herz lässt sich dann nichts sagen!
Man kennt das von altgewordenen Beziehungen. Da lebt man oft nebeneinander her. Da giftet man sich regelmäßig an, weil man sich eben viel zu gut kennt. Aber da wäre trotz allem Ärger ein Leben ohne den anderen nicht denkbar. Man kommt nicht vom anderen los, auch wenn man wollte.
Die Gottesbeziehung als manipulative Bindung, aus der man nicht mehr aus eigener Kraft rauskommt. Das steht tatsächlich in der Bibel!
Hunderte von Religionskritikern und Psychologen würden sagen: Genauso ist es wir haben es euch ja schon immer gesagt.
Glaube ist Manipulation. Da werden schwache Menschen beeinflusst und über den Tisch gezogen. Da werden emotionaler Bindungen aufgebaut, sodass man sich dann nicht mehr davon lösen kann.
Religion ist gefährlich. Religion sollte verboten werden.
Liebe Gemeinde,
dem ersten Satz stimme ich mit Jeremia zu. Dem zweiten – ebenfalls mit Jeremia – nicht.
Religion ist in der Tat gefährlich. Sie ist kein Spiel. Gott ist wie offenes Feuer. Man kann sich gewaltig die Finger verbrennen. Wer es mit dem lebendigen Gott zu tun hat, der hat es mit dem Urgrund des Universums zu tun.
Das Festhalten an Gott und seinen Prinzipien kann – wie bei Jeremia – zu massiven Angriffen im Leben führen. Tausende verfolgte Christen in aller Welt könnten ihre Erfahrungen heute dazulegen.
Aber diese Angriffe führten weder bei Jeremia, noch bei Bonhoeffer oder bei vielen Christen in der DDR dazu, den gefährlichen Glauben abzuwerfen.
Trotz seiner schmerzhaften Erfahrungen hält Jeremia an Gott fest.
Nicht nur, weil er der von ihm festgestellten Überwältigung durch Gott nichts entgegenzusetzen hat, nicht etwa, weil er einer Manipulation erliegt, sondern weil er sicher ist:
„Der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.“
Die Angriffe und der Schmerz und das Leid werden nicht das letzte Wort behalten.
Hier haben wir bei allen zugegeben intimen Gedanken Jeremias doch noch eine klare rationale Überlegung:
Der Gott, der so stark ist, dass er mich in seinen Bann gezogen hat, der Gott, der so starke und wirksame Worte spricht, dieser Gott muss doch auch anderen und Feinden gegenüber so stark sein, dass er am Ende als Held dasteht und Recht behält.
Ja, Jeremia, ist überwältigt, aber nicht von einem bösen Geist, nicht von einer manipulativen Idee, sondern von dem Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und allem seine Richtung und seinen Sinn gibt.
Ja, Jeremia, ist überwältigt, so wie wir überwältigt sind, wenn wir verliebt sind. Das ist dann auch keine rationale Entscheidung. Das ist dann hoffentlich auch kein langes mathematisches Abwägen von Vorteilen und Nachteilen einer Beziehung. Das ist dann auch nur eine Anziehungskraft, der man sich ergibt, der man sich nicht widersetzen kann. Wer liebt, wirft seinen Verstand nicht über Bord. Aber wer liebt, rechnet nicht.
Und so ist der Glaube! Er ist keine rationale Entscheidung, keine intellektuelle Meinung, kein Gehorsam gegenüber Eltern oder Kirche.
Glaube ist eine Liebesbeziehung zu Gott. Man ist von ihm angezogen und ergriffen, und man will nicht mehr ohne ihn sein.
Auch wenn wir keine Propheten sind, so können wir das doch an Jeremias Erfahrung sehen:
Glaube ist Leidenschaft!
Und jetzt verstehen wir vielleicht auch, warum wir diesen emotionalen und ehrlichen Abschnitt des alten Propheten Jeremia in der Passionszeit hören, also in der Zeit, in der wir vor Ostern an das Leiden und Sterben Jesu denken.
Glaube ist Leidenschaft! Und Leidenschaft schließt – wie das Wort schon sagt – das Leiden ein.
Eine politische Haltung kann ich ändern, wenn es opportun ist.
Einen Vertrag kann ich kündigen, wenn er mir nicht mehr passt.
Aber zu einer Liebesbeziehung muss ich stehen, auch wenn es schmerzhaft wird!
Was wäre das für eine Mutter, die ihr Kind abgibt, wenn es ihr Sorgen macht? Was wäre das für ein Ehemann, der seine Frau verlässt, weil sie schwer krank wurde?
Zu Liebesbeziehungen gehört es ja gerade dazu, dass man in schweren Momenten zusammenhält und das Leiden in Kauf nimmt. Zum Verliebtsein gehört der Herzschmerz dazu.
Die Gottesbeziehung ist auch so eine Liebesbeziehung. Die Gottesbeziehung ist keine Geschäftsbeziehung. Sie ist eine leidenschaftliche Beziehung!
Leidenschaft, italienisch: passione: Nicht zufällig verwenden wird diese Wörter für die letzten Tage Jesu auf Erden.
Auch die Beziehung Gottes zu uns schließt das Leiden nicht aus. Gott wendet sich nicht einfach von uns Menschen ab, wie ein unzufriedener Vertragspartner. Er hängt leidenschaftlich an uns. Und deshalb geht dem Leid, das ihm die Menschen bereiten, nicht aus dem Weg, sondern geht mitten hinein.
Jesus haut nicht ab, als es um ihn herum eng wurde, als seine Gegner ihn immer deutlicher aus dem Weg räumen wollten; nein, Jesus geht sehenden Auges mitten hinein in die Verleugnung durch den eigenen Jüngers, in die Anklagen der Gegner, in die Verurteilung der Mächtigen, in den Spott der Soldaten und die Grausamkeit des Todes am Kreuz.
Und wir sehen:
Jesus meint es ernst. Er erzählt nicht nur schöne Geschichten von der Liebe Gottes, sondern er bezeugt diese treue Zuwendung Gottes bis in den eigenen Tod hinein.
Gott liebt diese Welt leidenschaftlich. Jesus wendet sich den Menschen leidenschaftlich zu. Deshalb begehen wir die Passionszeit. Deshalb betrachten wir sein Leiden und Sterben.
„Ich grüße dich am Kreuzesstamm, du hochgelobtes Gotteslamm, mit andachtsvollem Herzen. Hier hängst du zwar in lauter Not und bist gehorsam bis zum Tod, vergehst in tausend Schmerzen.“
Wir tun das nicht aus Sadismus oder Voyeurismus, der sich am Leiden anderer ergötzt oder daran hochzieht.
Wir tun das, weil wir daran sehen, wie tief und wie echt und wie belastbar Gottes Treue zu uns ist.
Wenn Gott uns in Jesus so leidenschaftlich liebt, sollten wir ihn dann nicht auch leidenschaftlich lieben? Also nicht oberflächlich, nicht nur, wenn es opportun ist, nicht nur, wenn es etwas bringt, sondern auf immer und ewig, sondern „whatever it takes“, was es auch kostet?
Der Prophet hat uns heute gezeigt, dass es auf dem Glaubensweg nicht immer rundläuft. Er hat uns bezeugt, dass der Glaube nicht immer eine Linie ist, die sich gerade durchs Leben zieht, sondern dann es Zweifel, Brüche und Unterbrechungen geben kann.
Und wenn es die beim großen Propheten Jeremia geben konnte, warum dann nicht auch bei uns? Das mag uns entlasten, wenn wir meinen, unsere Glaubensgeschichte ist keine durchgehende Erfolgsgeschichte.
Das mag uns als Kirche entlasten, wenn immer gesagt wird: Die Jungen kommen nicht mehr in die Kirche. Das ist schade, aber wer sagt uns denn, dass diese Jungen nicht auch später auf ihrem ruckeligen Lebensweg einmal Gott begegnen?
Glaubensbiographien laufen nicht immer linear.
Und das andere:
Der Prophet Jeremia bewahrt uns heute davor, den Glauben an Gott als eine leichte, die Lebensqualität steigernde, Begleiterscheinung zu sehen. Jeremias ehrliche Worte beschützen uns vor den falschen Worten all derer, die den Glauben an Gott als Stimmungsgarantie und Erfolgsrezept verkaufen.
Nein, es kann dich etwas kosten, wenn du zu diesem Gott hältst.
Jesus zeigt uns gleichzeitig, was es Gott kostet, an uns festzuhalten.
Das ist biblischer Glaube: Leiden wird nicht ausgeblendet, sondern Leiden wird überwunden.
Das ist nicht nur die Wahrheit über Gottes Umgang mit uns, den wir nie so klar sehen wie im Tod und in der Auferstehung Jesu.
Das ist auch die Weise, wie wir mit eigenem Leiden umgehen sollen.
Es geht nicht um Ausblenden oder Leugnen. Wir sollen es ehrlich sehen und mit erhobenem Angesicht angehen. Das können wir nur tun, weil wir wissen: Gott hat jedem Leiden schon jetzt ein Ende gesetzt. Am Ende steht sein Sieg.
Jeremia weiß das: „Der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.“
Und wir sollen es auch wissen.
Leiden wird nicht ausgeblendet, sondern Leiden wird überwunden.
So lässt sich leidenschaftlich glauben und leidenschaftlich leben.
Amen.