Lukas 18,31-43
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserm Vater und unserem Herrn
Jesus Christus. Amen.
Mit dem Sonntag Estomihi, liebe Gemeinde, gehen wir auf die Passions-
und Fastenzeit zu. Der Weg Jesu ans Kreuz rückt ins Zentrum: sein Weg
durch Leiden und Tod, hin zu seiner Auferstehung, die wir an Ostern feiern.
Dieser Weg ist lang, es ist ein Leidensweg. Ein Weg, für den Jesus Gott
um Beistand angerufen hat. Ein Weg, den wir mit Jesus mitgehen und für
den auch wir Gott anrufen, er möge uns ein starker Fels sein und eine
Burg. So haben wir es vorhin im Psalm gebetet, von dem sich der Name
dieses Gottesdienstes herleitet: Esto mihi in lapidem fortissimum – sei mir
ein starker Fels. Nachfolge Jesu bedeutet darum: Wir lassen uns ein auf
seinen ganzen Weg, mit all seinen Tiefen und seinen Ängsten, seiner
Verlassenheit und seinem Leiden. Ein Weg, für den wir Beistand, Trost und
Zuversicht brauchen. Das ist das Thema des heutigen Sonntags Estomihi.
Unser Weg mit Jesus führt durch das Bedenken seiner Passion, seines
Todes, den er gestorben ist, damit wir leben können. Dass Gott uns
beistehen möge, wenn es schwer wird auf den Wegen, die vor uns liegen,
darum bitten wir. Jesus nimmt seine Jünger mit auf den Weg nach
Jerusalem, dorthin, wo sich sein Weg am Kreuz vollenden wird. Im Licht
dieses Weges wird das Osterlicht erstrahlen, auch für uns.
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Im Predigttext aus dem Lukasevangelium stimmt Jesus seine Jünger auf
diesen Weg ein. Wir haben vorhin schon einmal eine ähnliche Version
gehört, die sich im Markusevangelium findet. Bei Lukas lautet der Text so:
31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen
hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was
geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32 Denn er
wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und
misshandelt und angespien werden, 33 und sie werden ihn geißeln und
töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden
nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie
begriffen nicht, was damit gesagt war.
35 Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein
Blinder am Wege und bettelte. 36 Als er aber die Menge hörte, die
vorbeiging, erkundigte er sich, was dies wäre. 37 Da gaben sie ihm
Bescheid, dass Jesus von Nazareth vorübergehe. 38 Und er rief: Jesus,
du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vorweg gingen, fuhren
ihn an, er solle schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids,
erbarme dich meiner! 40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich
zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich
für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus
sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dich gerettet. 43 Und sogleich
wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das
es sah, lobte Gott.
Der Menschensohn muss viel leiden, er muss getötet werden und nach drei
Tagen auferstehen. Die Jünger verstehen nicht, worüber Jesus da spricht.
„Der Menschensohn“ – schon diese Bezeichnung mutet rätselhaft an.
Redet Jesus über sich selbst? Oder über einen anderen? Und warum
„muss“ das alles sein? Wer ordnet so etwas an, woher soll die
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Notwendigkeit des Weges durch Leiden und Sterben kommen, hin zur
Auferstehung dieses „Menschensohnes“ von den Toten? Rätselhaft, in der
Tat.
Das Leiden und Sterben Jesu ist der größte Anstoß, das größte Ärgernis
seines Weges. Das war von allem Anfang an so. Wie sollten seine Jünger
das verstehen? Wie sollten sie sich einen Reim darauf machen? Das war
und das blieb die größte Herausforderung für die Christen. Nicht zufällig
wurden sie schon bald dafür verspottet, dass sie einen Gekreuzigten
anbeten. Die älteste Kreuzigungsdarstellung ist ein Graffito, das hier in
Rom, auf dem Palatin, gefunden wurde. Es zeigt einen Gekreuzigten mit
Eselskopf, daneben einen jungen Mann mit erhobenem Arm. „Alexamenos
betet zu Gott“ ist darunter eingeritzt. Eine Verhöhnung des Glaubens an
den Gekreuzigten durch einen römischen Spötter. Leicht hatten es die
Christen noch nie mit ihrem Bekenntnis zu dem gekreuzigten Jesus.
Das ist auch in unserer heutigen Welt nicht anders. Und es fehlt nicht an
Versuchen, damit irgendwie zurechtzukommen – auch nicht an
Vorschlägen, auf dieses Bekenntnis am besten ganz zu verzichten. So ist
mitunter zu hören, Jesus habe die Liebe Gottes verkündigt, aber nicht,
dass er im Auftrag Gottes für die Menschen in den Tod gehen müsse. Wir
sollten uns besser an die Botschaft der Liebe Gottes halten als an den
Glauben an einen auferweckten Gekreuzigten. Wer so denkt und redet, hat
die Tiefe des Glaubens an Jesus Christus nicht verstanden. Denn dieser
Glaube schließt sein Leiden und seinen Tod immer mit ein. Gerade
angesichts dieses Leidens und dieses Todes bekennen wir uns zu Jesus
Christus, niemals ohne es.
Die Anstößigkeit dieses Bekenntnis bleibt aber dennoch. Die Evangelien
machen das sehr deutlich. Gleich dreimal kündigt Jesus seinen Jüngern
sein bevorstehendes Leiden, seinen Tod und seine Auferweckung an. In
unserem Predigttext aus dem Lukasevangelium steht dabei das
Nichtverstehen der Jünger im Zentrum. In drei aufeinander folgenden
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Wendungen wird es betont: „Sie verstanden nichts davon; der Sinn der
Rede war ihnen verborgen; sie begriffen nicht, was damit gesagt war.“ So
heißt es bei Lukas.
Die Schwierigkeit des Verstehens des Weges Jesu ans Kreuz wird damit
mehr als deutlich. Die Jünger können es nicht fassen: Jesus, der doch das
Heil bringen sollte, wird ins Leiden und in den Tod gehen? Hatten sie nicht
darauf gehofft, dass er als der Messias Israel befreien würde? Dass Leid
und Ungerechtigkeit endlich ein Ende haben würden? Nun müssen sie
stattdessen hören, dass ihr Weg sie, gemeinsam mit Jesus, auf ganz
andere Weise nach Jerusalem führen wird, als sie es erwartet hatten. Nicht
als machtvoller Antritt seiner Herrschaft, sondern als Weg in Leiden und
Tod. Das war und das ist zutiefst verstörend. Und doch ist es zugleich das
Zentrum unseres Glaubens.
Das führt zum zweiten Teil unseres Predigttextes. Nach Jesu Worten über
seinen bevorstehenden Leidensweg treffen er und seine Begleiter auf
einen Blinden. Blindheit war in der Antike nicht nur eine körperliche
Beeinträchtigung. Blind zu sein, bedeutete auch den Ausschluss vom
sozialen und religiösen Leben. Blinde waren auf sich allein gestellt; sie
mussten sehen, wie sie sich durchs Leben schlugen. Der Blinde sitzt
darum am Straßenrand und bettelt. Er muss sich das Notwendigste für
seinen Lebensunterhalt von anderen erbitten. Als er erfährt, dass Jesus
von Nazareth vorbeikommt, ist ihm sofort klar, dass das die Chance seines
Lebens ist. Die Chance auf Heilung, auf Heil. Und er ruft laut: „Jesus, Sohn
Davids, erbarme dich meiner!“ Für die Menschen, die Jesus begleiten, ist
er aber nur ein Störer, der sie unnötig aufhält. Darum wollen sie ihn mit
groben Worten zum Schweigen bringen. Der Blinde aber lässt sich nicht
beirren. Ganz im Gegenteil. Er ruft noch lauter zu Jesus, bittet ihn um Hilfe
in seinem Leid. Er ist sich gewiss, dass dieser Jesus ihm in seinem Elend
helfen kann.
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Der Blinde „sieht“ auf seine Weise. Er sieht mit den Augen des Glaubens.
So kann er in Jesus denjenigen erkennen, der ihn von seinem Leiden
heilen wird. Er ist überzeugt: Jesus ist der von Gott gesandte Retter, der
Sohn Davids, der Herr. Die Jünger „sehen“ dagegen mit ihren Augen, aber
sie verstehen nicht, was Jesus ihnen zuvor gesagt hat. Eine
bemerkenswerte Verkehrung von Blindheit und Sehen.
Jesus gewährt dem Blinden seine Bitte. Er macht ihn heil, stellt ihn wieder
her. Und diese Heilung hat noch eine weitere, eine grundsätzliche
Bedeutung. Jesus sagt zu ihm: „Dein Glaube hat dich gerettet“. Das ist
mehr als nur die Heilung seiner Blindheit. Es ist auch mehr, als es in der
Lutherübersetzung zum Ausdruck kommt, die übersetzt: „Dein Glaube hat
dir geholfen“. Es geht nicht nur um Hilfe, nicht nur um körperliche Heilung –
das auch. Aber es geht zugleich um mehr: um Rettung, um Heil. Nicht nur
das Augenlicht des Blinden wird wieder hergestellt. Sein Leben wird neu,
es wird heil.
Die Geschichte des Blinden wird so auf eigene Weise mit der Ankündigung
des Weges Jesu durch Leiden und Tod hin zu seiner Auferstehung
verwoben. Der Blinde wird zu einem exemplarischen Nachfolger. Er „sieht“
in Jesus den Sohn Davids, der zum Heil der Menschen in die Welt
gekommen ist. Er „sieht“, wer Jesus wirklich ist, darum bittet er ihn um
Rettung. Anschließend hält es ihn nicht mehr am Straßenrand. Er steht auf,
er schließt sich der Gemeinschaft Jesu an, zieht mit ihm nach Jerusalem.
Es geht in diesen beiden Geschichten also um eine symbolische
Umkehrung: Die Jünger sind blind für das Verständnisses des Weges
Jesu. Der physich Blinde ruft Jesus dagegen als „Sohn Davids“ an und
bittet ihn um Rettung. Der Blinde ist in Wahrheit sehend, die Sehenden
sind in Wahrheit blind. Sie verstehen nicht, warum Jesu Weg ans Kreuz
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führen muss.
Diese Verkehrung von Sehen und Blindheit ist das Zentrum unseres
Predigttextes. Das wahre Sehen, das Erkennen dessen, worum es bei
unserem Glauben geht, erschließt sich erst dann, wenn wir genau
hinschauen, hinhören, die Botschaft Jesu an uns heran- und in uns
hineinlassen. Wenn wir uns auf den Weg der Nachfolge machen, auch
wenn er unbequem ist und Leiden bedeutet. Wenn wir darauf vertrauen,
dass unser Leben neu und heil werden kann, so wie der Blinde am
Straßenrand.
Gottes Wege können unerwartete Wendungen nehmen. Sie können uns
etwas abverlangen, Standhaftigkeit fordern und Geduld, gerade auch in
Angst und Anfechtung. Die Nachfolge Jesu umfasst all dies. Sie ist ein
Weg, der Selbstlosigkeit, Verzicht und Barmherzigkeit einschließt. Jesu
Weg in Leiden und Tod ist darum ein Weg, an dem wir lernen sollen, unser
Leben am Evangelium auszurichten. Ein Weg, der uns auch und gerade
dann trägt, wenn wir der Zuversicht in der Angst und der Hoffnung in der
Traurigkeit bedürfen. Ein Weg, der uns stark macht, einzustehen für
Frieden und Gerechtigkeit; für eine Welt, in der nicht die Macht des
Stärkeren zählt, sondern Menschen zählen, die der Hilfe und Zuwendung
bedürfen.
Das klingt nicht sonderlich populär in Zeiten, in denen vor allem die
Durchsetzung von Machtinteressen an der Tagesordnung ist. Gerade in
einer solchen Zeit aber müssen wir uns darauf besinnen, was es bedeutet,
uns am Weg Jesu auszurichten. An einem Leben, das er für diejenigen
gelebt hat, die der Hilfe bedurften, wie der blinde Bettler am Straßenrand.
Was sind die Maßstäbe, an denen wir unser Leben orientieren? Was sind
die Überzeugungen, die uns tragen, die unser Denken und Handeln
bestimmen? Es ist wichtig, dass wir uns darauf besinnen; dass wir eine
feste Grundlage für unser Leben haben, eine Grundlage, die auch dann
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trägt, wenn sich die Welt um uns herum an anderen Werten orientiert.
Der Predigttext aus dem Lukasevangelium legt dafür eine wichtige Spur.
Die symbolische Verkehrung von Blindheit und Sehen macht uns darauf
aufmerksam, dass wahres Leben oftmals gerade da ist, wo es den
Maßstäben dieser Welt entgegensteht. Dass Leiden und Tod uns nicht von
Gott trennen; dass sich das Heil gerade da ereignen kann, wo wir es nicht
erwarten. Mit Jesus den unbequemen Weg zu gehen, der auch Nachteile
und Verzicht bedeuten kann, verlangt Aufrichtigkeit, Mut und Anstand. Es
bedeutet, sich auf das Unerwartete einzulassen; dort mit Gott zu rechnen,
wo es den Ordnungen dieser Welt zuwiderläuft.
Das „Wort vom Kreuz“ hat Paulus darum die Botschaft des Evangeliums
genannt. Das Wort vom Kreuz orientiert sich am Weg Jesu, einem Weg,
der uns gewiss macht, dass Leid und Tod nicht das letzte Wort haben, weil
Gott stärker ist als all unsere Angst und Traurigkeit. Darum ist die
Passionszeit, die unmittelbar vor uns liegt, eine so wichtige Zeit im
Kirchenjahr. Eine Zeit, in der wir uns darauf besinnen, dass wir uns als
Christen in die Nachfolge dessen begeben haben, der den Weg in den
bitteren Tod gegangen ist, damit wir leben können. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre
unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.