Jeremia 31,31-34

Liebe Gemeinde,
Wir stehen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. In dieser Zwischenzeit.
Am Donnerstag haben wir mit vielen lieben Freunden und Gästen
gefeiert, dass es Jesus Christus ist, der als König herrscht über dieser
Welt und doch auch mitten in ihr. Und wie viele das bekennen, durch
Kirchen und Konfessionen hinweg, ist für mich wieder einmal
beeindruckend gewesen. Und nächste Woche feiern wir Pfingsten, dass
Gott den Heiligen Geist schickt, der uns glauben lässt und sprachfähig
macht. Und mit den Konfirmanden werden wir uns freuen und sehen, wie
dieser Glaube auch heute Menschen begeistert und bewusst mit Gott
aufbrechen lässt – hinein ins Leben. Aber heute? Zwischenzeit.
Zwischen den großen Festen, in dieser lauten und trubeligen Stadt leise
Töne.
Und ein von Gott auserwählter Rufer, den wir hören. Einen Mutmacher
im Exil. Auch er irgendwie dazwischen. Zum einen gefragter
Gesprächspartner seiner Zeit. Hochgeschätzt und gleichzeitig abgelehnt,
ausgestoßen. Leidend. Der Rufer, den wir heute hören, sieht sich in der
Nachfolge des Mose, vereint in sich die Züge so vieler Propheten.
Vielleicht sagen ihnen einige Namen etwas. Da gibt es fantastische,
bildreiche Visionen wie bei Amos. Die Ankündigung von Zerstörung und
Unheil wie bei Micha. Die Nähe des Wortes Gottes wie bei Ezechiel,
dazu ein Prophet, der selbst leidet, klagt, krank ist und trotzdem Gottes
großen Heilsplan für sein Volk nicht aus den Augen verliert. Jeremia
heißt er. Jeremia, JHWH erhört, ist sein Name und sein Programm.
Warum hat Gott die Zerstörung Jerusalems nicht verhindert? Wie geht es
weiter, was ist der Plan für sein Volk? Das ist die zentrale Frage beim
Propheten Jeremia. Hierauf gibt er Antwort. Hier nimmt uns der Prophet
mit hinein. JHWH erhört. Und heute hören wir einen Abschnitt aus dem
31. Kapitel:
Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause
Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie
der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei
der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den
sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht
der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel

schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in
ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und
sie sollen mein Volk sein. Und es wird keiner den andern noch ein
Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie
sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr;
denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr
gedenken. (Jer 31,31-34)
Es kommt die Zeit. Diese Worte befinden sich auf der Trostrolle. So heißt
dieser Abschnitt bei Jeremia. Trostrolle. Gott verwandelt das Leid. Noch
mehr, er wird sich wieder neu zu Israel wenden. Mitten in die schlimmste
Zeit hinein kommt diese Ansage. Es kommt die Zeit. Ist das eine
Vertröstung auf später oder ein wirklicher Mutmacher? Das Volk ist
gefragt, muss Position beziehen: Vertraue ich dieser Zusage? Dass die
Zeit kommen wird? Sie hatten sich in der Fremde eingerichtet, arrangiert
mit der Obrigkeit. Weiter vorn ruft Jeremia aus, das Beste aus dieser Zeit
zu machen, sogar für das fremde Volk zu beten. Mitten hinein in das
Arrangement fällt das Wort des Propheten: Es kommt die Zeit. Eure Zeit
in der Fremde ist begrenzt. Richtet euch nicht zu sehr ein. Gott hat
Heilsgedanken für sein Volk. Er wird es wenden, hin zum Guten. Und
wie? Indem er selbst aktiv wird. Einige Kapitel weiter vorn beschreibt der
Prophet wie die Sünde dem Volk ins Herz graviert ist. Wie gemeißelt.
Das Herz erstarrt zu Stein. Hinfort alles Vertrauen. Aller Glaube, der
Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war. Die Rede ist
natürlich vom Bund am Sinai, von Geboten und Weisungen, von Gesetz
und Bewahrung, vom Auszug aus der Sklaverei, Schutz und Durchzug
durch das Meer, die Freiheit im Blick. Und doch haben sie den Vertrag
mit Gott, ihren Bund, immer wieder gebrochen. Sind abgewichen von
dem Weg, den JHWH ihnen bestimmt hat, so beschreibt das der
Prophet. Aber beim Unheil, bei der Schuld bleibt er nicht stehen. Nein,
das wird sich ändern. Die Gravur wird überschrieben. Neu gemeißelt.
Denn mitten ins Herz wird sie gehen, die Weisung Gottes, seine Tora,
der neue Bund. Nicht auf steinerne Tafeln, die so schnell aus dem Sinn
sind, sondern mitten ins Herz. Und er selbst, Gott, wird sie schreiben,
wird diese Herzoperation vornehmen. Denn wenn das Gesetz, die
Weisung im Herz angekommen ist, dann ist sie am richtigen Ort. Dort,
wo Denken und Fühlen zusammenkommen. Wo die Weisheit ihren Sitz
hat. Dort gehört sie hin. Ein großes Versprechen, das der Prophet gibt.
Und was für ein Vertrauen: Wer Gottes Weisung im Herzen hat, der wird
ein weites Herz haben. Der wird Keinen mehr brauchen, der ihn belehrt.
Keine religiösen Experten, das Ende allen Priestertums, sondern dem

eigenen Herzen wird man vertrauen können. Weil Gott selbst, in seiner
Weisung, dort zu Hause ist. Und es wird keiner den andern noch ein
Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie
sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr. Gott
ist so nah, inwendig in mir, dass ich ihn im Herzen habe und halten kann.
Erkennen werden sie Gott, das übersteigt eine bloße Kenntnis. Erkennen
ist im Hebräischen ein persönliches Verhältnis, eine Intimität. Dass sie
Gottes Stimme trauen können. Ja, er ist es. Und er hat gute Gedanken
für sein Volk. Ein weites Herz hat, wer Gott in sich trägt. Und ein großes
Zutrauen: Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde
nimmermehr gedenken. Weil Gott den neuen Anfang, den neuen Bund,
die neue, tiefe Beziehung setzt und nicht mehr an das denkt, was
zwischen ihm und seinem Volk steht, kann es aufatmen. Es kann neu
vertrauen. Aufbrechen und den Weg durch die Zeit bestehen. Ja, es
kommt die Zeit.
Große Worte – großer Trost für sein erwähltes Volk. Und wir? Wir stehen
zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. In dieser Zwischenzeit. Jesus fährt
auf zum Vater und gleichzeitig verspricht er Beistand. Er selbst wird nicht
mehr leiblich da sein. Aber er lässt uns nicht allein. Er verspricht den
Geist, der von ihm und vom Vater ausgeht. Der also Beziehung ist und
uns mit ihm in Beziehung setzt. Den Geist, der die Augen öffnet über
Sünde, Gerechtigkeit und Gericht. Der den klaren Blick schenkt auf das
eigene Leben und das, was Erneuerung bedarf. Wenn aber jener kommt,
der Geist der Wahrheit, wird er euch in aller Wahrheit leiten. (Joh 16,13)
In die Wahrheit leiten. In die Wahrheit unseres Glaubens und in die
Wahrheit, die diese Welt braucht. Eine Wahrheit, der Vereinfacher und
Populisten nicht widerstehen können. Eine Wahrheit, die Bestand hat
gegen Krieg und Gewalt. Eine Wahrheit, die trägt, in diesem Leben und
über den Tod hinaus. Nach diesem Geist strecken wir uns aus. Ihn
erbitten wir in diesen 10 Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Wir
bitten um den Geist, den alle empfangen, die an ihn glauben.
Der schon in uns ist, aber vielleicht neu zum Vorschein kommen muss.
Es ist kein fremder Geist. Fremd ist nur das, was uns einsperrt. Weil das
steinerne Herz so schwer aufzubrechen ist. Die alten Fesseln, die mich
halten. Das Aufgesetzte, die Maske, die Rolle, die wir so oft spielen und
uns Sicherheit verspricht. „Dagegen bringt der Geist Gottes unser Eignes
zur Geltung.“ (Franz Kamphaus) Er löst das steinerne Herz und schenkt
ein neues Herz, seinen Sinn. Schenkt Verstehen und Zuversicht. Gibt
den Mut, die eigene Blase zu verlassen. Gottes Geist verwandelt uns. Er
lässt uns Gott erkennen und das, was gut ist und dem Leben dient. In

diesen Bund Gottes sind wir durch Jesus Christus mithineingenommen.
Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben,
und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Ein großes
Versprechen, mitten in der Zwischenzeit. Amen.

Exaudi – Pfr. Patrick Spitzenberger