Markus 14,1-9
Gerade sind wir mit Palmzweigen in den Händen in die Kirche gegangen. Ein Zeichen der Freude.
Und zugleich ein Zeichen, das schon den Schatten der kommenden Tage in sich trägt. Denn
dieser Sonntag steht an einer Schwelle: zwischen Jubel und Passion, zwischen Erwartung und
Bedrohung, zwischen Hoffnung und Gewalt. Zwischen diesen Polen bewegt sich auch der
Predigttext dieses Tages. Er führt uns nach Bethanien. In ein Haus am Rand der großen
Ereignisse. Zu einem Tisch, an dem Jesus mit seinen Freunden sitzt. Ein Moment der Ruhe –
vielleicht der letzte.
Denn während sie dort zusammen sitzen, essen, trinken und erzählen, laufen andernorts bereits
konkrete Planungen. Die Gegner Jesu haben beschlossen, ihn aus dem Weg zu räumen. Sie
planen seine Verhaftung. Sie warten auf den richtigen Moment. Bald wird einer von denen, die in
Bethanien mit Jesus zusammensitzen, zu ihnen kommen. Dreißig Silbergroschen werden sein
Preis sein. Dreißig Silbergroschen für den Verrat eines Menschen.
Während die einen essen und trinken und andere berechnend planen, betritt in Bethanien eine
Frau den Raum. In ihren Händen trägt sie ein Fläschchen mit kostbarem Nardenöl. Sein Wert:
dreihundert Silbergroschen – damals ein Jahreslohn. Die Frau geht auf Jesus zu, zerbricht das
Gefäß – und gießt das Öl über den Kopf Jesu. Überraschend, schnell, geschieht das. Ich stelle mir
vor, dass alle am Tisch für einen Moment die Luft anhalten. Dass sie gar nicht so schnell fassen
können, was da geschieht.
Ein winziger Augenblick nur – und ein Jahreslohn ist dahin. Der Protest kommt schnell. Empörung
macht sich breit. „Was soll eine solche Verschwendung?“ Nun – wenn wir ehrlich sind – so ganz
von der Hand weisen lässt sich diese Frage nicht. Wir lernen immer mehr, dass wir sorgfältig mit
dem umgehen müssen, was uns anvertraut ist: Ressourcen, Finanzen, Rohstoffe. Und uns
machen die gegenwärtigen globalen Krisen, mit wirtschaftlicher Unsicherheit, ökologischen
Bedrohungen, wachsender sozialer Ungleichheit, deutlich: Verschwendung können wir uns nicht
leisten. In einem religiösen Kontext schon gar nicht. Das kostbare Öl hätte man doch besser teuer
verkaufen und den Erlös den Armen geben können. So jedenfalls sagt es die nüchterne Stimme
der Rationalität.
Doch das Evangelium stellt dieser Stimme eine andere gegenüber. Die einer namenlosen Frau.
Sie handelt nach einer anderen Logik. Denn sie erkennt: Jesus selbst lebt verschwenderisch. Wie
ist das zu verstehen? Jesus bleibt stehen bei Bartimäus, dem blinden Bettler. Er setzt sich an den
Tisch des verachteten Zöllners Zachäus. Er wendet sich einer gekrümmten Frau zu. Er verbringt
also seine Zeit mit Menschen, die viele längst abgeschrieben haben. Die Kranken, die Armen, die
Vergessenen. Er verschenkt seine Zeit – an Menschen, die politisch bedeutungslos sind. Seine
Aufmerksamkeit – an die, die ins Abseits gestellt werden. Seine Liebe – an die, um die sich keiner
kümmert. Jesus verschwendet seine Zeit, seine Aufmerksamkeit, er verschwendet sich selbst.
Wäre es nicht besser, er würde seine Zeit mit denen verbringen, die das Sagen haben, den
Einflussreichen, denen, die über Geld und Macht verfügen?
Was für andere Zeitverschwendung, Liebesverschwendung ist, das ist für ihn: das Eigentliche.
Kern eines Lebens im Glauben und Vertrauen auf Gott, der selbst die Liebe ist zu allem, was lebt.
Deshalb ist der Gott, von dem Jesus spricht, kein Gott der knappen Kalkulation. Sondern der Gott
der überfließenden Gnade. Es ist der Gott, der – wie es im Johannesevangelium heißt – „die Welt
so sehr liebt“, dass er sich selbst und sein Leben hingibt. Genau das sieht die Frau in Bethanien.
Darauf antwortet sie ihrerseits mit verschwenderischer Hingabe.
In diesem kurzen Moment entsteht eine erstaunliche Symmetrie: Göttliche Hingabe und
menschliche Antwort berühren sich. Jesus gibt das Kostbarste, was er hat – sein Leben. Die Frau
gibt das Kostbarste, was sie hat – ihr wertvolles Öl. Dadurch erscheint ihre Handlung in einem
neuen Licht. Was wie Verschwendung aussieht, ist ein Akt der Erkenntnis. Die namenlose Frau
versteht etwas, das die anderen noch nicht sehen. Sie salbt Jesus mit kostbarem, duftendem Öl.

Nicht als König im politischen Sinn, sondern als den, dem Leid und Tod bevorstehen. Sie salbt ihn
für sein Begräbnis. An diesem Tag in Bethanien wird Jesus zum Gesalbten – zum Christus. Nicht
durch eine eindrückliche Demonstration seiner Macht. Nicht durch politische Anerkennung. Nicht
durch öffentlichen Applaus. Sondern durch einen Akt der Liebe, die nicht berechnet. Die
namenlose Frau in Betanien tut einfach das, was in diesem Moment richtig ist.
Und Jesus sagt: „Lasst sie. Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ Mehr noch: „Wo das Evangelium
gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis.“ Diese namenlose
Frau wird ein Teil der Geschichte Gottes. Nicht weil sie mächtig wäre. Nicht weil sie ein Amt hätte.
Sondern weil sie im richtigen Moment das Richtige getan hat. Bis heute erzählen wir von ihr.

II

Liebe Gemeinde, wir leben in einer Zeit, in der politische und gesellschaftliche Debatten stark von
strategischem Denken geprägt sind. Interessen werden kalkuliert. Mehrheiten werden organisiert.
Sicherheit wird gegen Freiheit abgewogen. Kriege werden geführt, als wären sie bis ins letzte
planbar. Knallharte Kosten-Nutzenrechnungen bestimmen viele Entscheidungen. Worte werden
schärfer und Grenzen härter. Menschen werden gegeneinander ausgespielt. Manchmal scheint es,
als wäre die Welt ganz von der Logik der Effizienz bestimmt: Alles muss sich rechnen. Alles muss
einen messbaren Nutzen haben. Oder noch zugespitzter: Was nützt es mir? Welchen Vorteil bringt
es für mich? Was könnte es mich kosten?
Da wirkt die Frau von Bethanien wie eine Provokation. Sie tut etwas, das sich gerade nicht
rechnet. Schon gar nicht für sie selbst. Sie handelt aus Liebe. Und genau darin liegt ihre
Bedeutung. Denn das Evangelium erinnert uns daran: was wirklich wertvoll ist, lässt sich nicht
unbedingt berechnen. Liebe lässt sich nicht berechnen. Barmherzigkeit lässt sich nicht kalkulieren.
Vergebung lässt sich nicht ökonomisieren.
Eine Gesellschaft, die nur noch nach Effizienz fragt, verliert etwas Entscheidendes:die Fähigkeit
zur Großzügigkeit des Herzens. Die Spielräume der Barmherzigkeit. Die Frau in Bethanien erinnert
uns: Es gibt Momente, in denen nicht Berechnung zählt, sondern Hingabe. Momente, in denen
jemand Zeit verschenkt. Zuwendung. Mut. Barmherzigkeit. Momente, in denen jemand sagt:
Dieser Mensch vor mir ist jetzt wichtiger als alles andere.
Solche Momente verändern die Welt. Momente, in denen jemand einfach tut, was jetzt getan
werden muss. Ohne Kosten-Nutzenrechnung. Ohne Applaus. Oft sind solche Momente klein.
Unscheinbar. Fast unsichtbar. Aber so sind sie umso kostbarer. Bestimmt haben auch Sie den
Satz schon gehört: „Damit verschwendest du doch nur deine Zeit.“ Vielleicht wenn Sie jemandem
zuhören, der kein Ende findet. Wenn Sie sich engagieren, vielleicht für die Gemeinde hier. Wenn
Sie anderen helfen, obwohl es Ihnen persönlich nichts einbringt. Aber genau diese
„verschwendeten“ Momente sind es, in denen etwas von Gottes Reich aufleuchtet. Für einen
Augenblick berühren Himmel und Erde. Gott und Mensch.
Jesus sagt über die namenlose Frau: „Sie hat getan, was sie konnte.“ Ein erstaunlich schlichter
und klarer Satz. Diese Frau hat nicht die Welt verändert. Aber sie hat getan, was sie tun konnte –
im richtigen Augenblick. Genau deshalb wird bis heute von ihr erzählt. Darin liegt auch eine
Ermutigung für uns. Wir müssen nicht die Welt retten. Das liegt bei Gott in guten Händen. Aber wir
können tun, was uns möglich ist. Wann ist der Moment, in dem wir heute das Richtige tun können?
Wer ist der Mensch, der jetzt unsere Zeit braucht? Wann ist Liebe wichtiger ist als alle
Berechnung?
Niemand von uns muss tun, was Jesus getan hat. Aber wir alle können tun, was der Liebe
entspricht. Nach unseren Möglichkeiten. In unserer jeweiligen Situation. Denn genau in diesen
Momenten wird schon jetzt etwas von Gottes Wirklichkeit sichtbar. Möge Gott uns schenken,
solche Momente zu erkennen. Vielleicht wird dann auch einmal von uns erzählt – nicht in den
großen Geschichtsbüchern, aber in den Erinnerungen anderer Menschen: Da war jemand, der

oder die im richtigen Moment das Richtige getan hat. Aus Liebe. Und wer weiß: vielleicht verändert
genau das die Welt …
Amen.

Palmsonntag – Bischöfin Kühnbaum-Schmidt