Offenbarung 1, 9-18*

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen.

Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden.

Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel.

Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.

Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach:

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.

Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle.

 

Liebe Gemeinde!

Feiern wir noch Weihnachten oder schon Ostern? Wir stehen am heutigen Sonntag ganz am Ende der weihnachtlichen Zeit im Jahr der Kirche. Noch steht die Krippe. Bald wenden wir uns dem Osterfest zu.

Feiern wir also noch Weihnachten oder schauen wir schon auf Ostern?

Oder anders gefragt: Denken wir noch an das Jesuskind in der Krippe oder schon an den erwachsenen Mann, der am Kreuz stirbt und wieder aus dem Grab steigt.

Wer ist Jesus eigentlich für uns, wenn wir an ihn denken? Was haben wir unterbewusst vor Augen: Das kleine Kind in der Krippe oder den erwachsenen Mann? Was feiern wir lieber, Weihnachten oder Karfreitag und Ostern?

Es gibt sogar statistische Untersuchungen dazu. Die haben das Ergebnis, dass die Christen bei uns wesentlich lieber Weihnachten feiern als Ostern, weil sich die Geburt eines Kindes besser fassen lässt als die Auferstehung eines Toten.

Klar ist, dass das keine echten Alternativen sind. Man kann nicht entweder an das Jesuskind glauben, noch bloß an den erwachsenen Jesus von Nazareth. Beides gehört zusammen, beides hat wichtige Bedeutung für die Person Jesu. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Er lag in Windeln gewickelt wie wir, aber stand auch aus seinem Grab auf, was wir alle nicht von uns aus können.

„Gottheit und Menschheit vereinen sich beide. Schöpfer, wie kommst du uns Menschen so nah.“, werden wir heute noch singen.

Jesus ist beides, Kind und Mann, Gottessohn und Menschenbruder, blutendes Opfer und strahlender Held.

Jesus wird nicht erst interessant, als er groß ist und auf sich aufmerksam macht. Jesus ist schon wichtig, als er noch als Baby auf Marias Schoß sitzt. Denn in ihm ist die Gottheit schon voll da. Hunderte Weihnachtslieder feiern diese Wahrheit.

Und manche Darstellungen in der Kunst zeigen das auch auf. Da wird in der Krippe schon ein Kreuz angedeutet. Da wird gezeigt, dass die Erniedrigung Gottes in der armseligen Geburt nicht aufhört, sondern erst der Anfang ist, von dem, was am Stamm des Kreuzes zur Vollendung kommt.

Von der Krippe zum Kreuz zu springen, das sind wir in der Tradition einigermaßen gewohnt.

Aber von der Krippe zur Auferstehung zu springen, das ist einigermaßen selten.

Aber es ist ja klar: In der Krippe begegnet uns nicht nur ein süßes, tatenloses Baby, sondern auch der Mann am Kreuz und der Auferstandene.
Jesus ist einer. Und im Lichtglanz der Engel in der Heiligen Nacht und im wunderbaren Strahlen des Sterns von Bethlehem strahlt dasselbe göttliche Licht auf, das Jesus am Ostermorgen als strahlenden Sieger umgibt.

Und dazwischen steht das sonderbare Intermezzo, von dem wir in der zweiten Lesung heute gehört haben: Jesus wird vor den Augen einiger Jünger verklärt, in strahlendes Licht gehüllt, erscheint für ein paar Augenblicke eben nicht als der Nachbar von nebenan, sondern als der, der eigentlich Gott ist.

Dass diese Verklärung, diese Verwandlung in eine Lichtgestalt nur im Zusammenhang mit Ostern zu verstehen ist, machen die Evangelien klar:

Jesus verbietet den Jüngern, davon zu erzählen, bis er von den Toten auferstanden sein wird (Mt 17,9). Dieser Lichtglanz war nur ein Vorgeschmack dessen, was an Ostern dauerhaft wird, und ein Nachklang dessen, was die Engel in Bethlehem sangen.

Die Engel deuteten an, wer dieses neugeborene Kind in Wirklichkeit ist, und Ostern zeigt, wer dieser Mann wirklich ist.

Alle diese Lichterscheinungen zeigen Jesus, wie er wirklich ist.

 

Das gilt auch für die Vision, die der Apostel Johannes hatte, und die am Anfang des letzten Buchs der Bibel steht. Jesus erscheint dem Johannes und beauftragt ihn, dieses Buch der Offenbarung zu schreiben.

 

Wir haben es gehört.

Johannes befindet sich auf der kleinen Insel Patmos. Da erscheint ihm am Tag des Herrn, also am Sonntag, eine Gestalt in strahlendem Licht, einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht.

Schon das Stichwort „Menschensohn“ sagt uns, dass es sich um Jesus handelt. Jesus hatte sich selbst am liebsten immer als „der Menschensohn“ bezeichnet.

Der, der hier dem Johannes erscheint, ist der, der am Ende der Zeiten auf den Wolken für alle sichtbar erscheinen wird, und der, der den drei Jüngern auf dem Berg der Verklärung erschienen ist, und der, der dem Christenverfolger Saulus vor Damaskus erschienen ist: Jesus Christus in seiner ganzen Herrlichkeit und Kraft.

Wir kennen diese Geschichten, aber sie sind uns doch auch fern. Denn Jesus ist so – auf diese spektakuläre Weise – uns selbst noch nicht erschienen.

Es mag ja sein, dass Jesus bestimmten Menschen in biblischer Zeit so spektakulär begegnet ist; aber für uns ist das doch auch weit weg.

Was haben wir davon, dass Jesus strahlend wie die Sonne dem Johannes auf Patmos erschien? Er sollte doch in unserem Leben auftreten; oder zumindest dort, wo man ihn dringend bräuchte: auf den Schlachtfeldern der Kriege, in den Straßen der Kämpfe, in den Krankenzimmern der Not.

Jesus erscheint dem Johannes; aber nicht uns. Was bringt uns der Bericht von dieser Erscheinung?

Gar nicht so wenig, liebe Gemeinde!

Denn Johannes schreibt das alles nicht auf, um von sich zu erzählen, sondern um uns mit dieser Erscheinung etwas mitzuteilen, ja, um seine Glaubensgeschwister, zu denen auch wir gehören, zu trösten.

Drei Dinge können wir an diesem Jesus erkennen, der Johannes erschien, drei Dinge, die auch für uns gelten.

 

  1. Jesus erscheint am Sonntag

Die Zeitangabe der Erscheinung ist kein Zufall. Es war die Zeit des Gottesdienstes. Johannes kann nicht mit seiner Gemeinde in Ephesus den Sonntagsgottesdienst feiern, sondern sitzt im Exil auf der kleinen Insel Patmos 100 Kilometer vor Ephesus. Aber was er erlebt, ist genau das, was in jedem Sonntagsgottesdienst passieren soll – auch bis uns.

Jesus tritt in seiner ganzen Herrlichkeit und Kraft vor unsere Augen.

Damit gibt Johannes eine wunderbare Definition von Gottesdienst.

Jesus soll in seiner ganzen Schönheit vor uns treten. In unserer Kirche haben wir ja ein wunderbares Mosaik von Jesus vor uns, das uns seine Schönheit und seinen Glanz vor Augen stellt. Aber es geht ja nicht nur um dieses Bild. Sein Licht soll uns erwärmen und sein mächtiges Wort soll uns treffen. Nicht zufällig sieht Johannes, dass aus dem Mund Jesu ein scharfes Schwert kommt. Das ist schon immer das biblische Bild für das treffende, zielsichere, scharfe Wort Gottes.

Wir evangelischen Christen sehen den Gottesdienst ja oft als etwas Belehrendes. Im Gottesdienst lernen wir etwas. Im Gottesdienst werden wir über etwas informiert. Aber das ist nicht ganz richtig. Im Gottesdienst werden wir nicht über etwas informiert, sondern im Gottes passiert etwas.

Hier versammeln sich nicht nur ein paar Menschen, die an Glaubensfragen interessiert sind, und der Pfarrer hält ein Referat für sie. Nein, mitten unter goldenen Kerzenleuchtern ist der Herr selbst gegenwärtig, tritt auf, wirkt an uns. Gottesdienst ist nicht Informationsveranstaltung, sondern Erscheinung Gottes unter uns. Deshalb die Festlichkeit, deshalb die besondere Musik, deshalb Kerzen und Glanz und in anderen Konfessionen noch Weihrauch: weil der der König kommt.

Jesus, der die Sterne des Universums in der Hand hält, und damit alle Macht, der ist bei uns. Ist das nicht großartig?

Jesus, der in der Erscheinung vor Johannes wie der jüdische Hohepriester angezogen ist, feiert sein Opfermahl mit uns und gibt sich uns im Abendmahl selbst zum Essen. Jesus erscheint nicht nur dem Paulus und den Jüngern und dem Johannes, sondern Jesu tritt auch für uns auf.

 

  1. Die Herrlichkeit Jesu steht gegen die Herrlichkeit der Welt.

Johannes befindet sich, wie gesagt, auf der kleinen und kargen Insel Patmos. Von Herrlichkeit ist da nicht viel zu sehen. Die fand sich damals eher im Ort, von dem aus er verbannt wurde: Ephesus war ein Zentrum des Kaiserkults. Domitian ließ sich als Kaiser und Gott verehren – mit Glanz und Gloria, mit Musik und Weihrauch, mit Ehrentiteln und mit verpflichtenden Gebeten für alle. Die Christen konnten diese Gebete nicht mitsprechen und bekamen deshalb große Probleme.

Und Johannes ruft ihnen mit seiner Vision von der Insel aus zu: Die wahre Herrlichkeit ist doch nicht bei dem Kaiser, der sich selbst inszeniert und wichtig macht. Die wahre Herrlichkeit und das wahre Licht liegt doch bei dem, der wirklich Macht hat über Leben und Tod. Der Kaiser ist doch bei all seiner Macht am Ende ein sterblicher Mensch, der irgendwann abtreten muss. Unser Herr aber ist das A und das O, der lebt und lebendig bleibt und die Schlüssel des Todes und der Hölle in den Händen hat.

Der wahre Glanz und die wahre Herrlichkeit liegt doch nicht in der Inszenierung von Menschen auf dieser Erde – egal, ob das im Kaiserkult damals, oder in den sozialen Medien heute der Fall ist. Alle, die sich heute als schön und erfolgreich und mächtig darstellen, die sind morgen schon wieder weg.

Lasst euch nicht von dieser vorgespielten Herrlichkeit täuschen. Wie das wahre Licht von der Sonne kommt, so kommt die wahre Herrlichkeit von Gott, und immer nur von Gott.

Die Tatsache, dass wir in unseren Gottesdiensten Gott loben und feiern, hat immer auch den Effekt, dass wir damit auch andere Machthaber begrenzen, relativieren, entlarven. Gott ist der einzige, der ewig ist; Jesus ist der einzige, der die Sterne in der Hand hat und mit dem ganzen Universum auch unser Leben.

Jesu Herrlichkeit ist ein Gegenbild zur Herrlichkeit der Welt.

Nicht nur Abschreckung, sondern zur Entlastung. Du musst nicht mitspielen beim Wettbewerb um die beste Performance um dich herum. Du musst nicht die Schönste und der Schlauste und die Erfolgreichste sein mit den meisten Followern. Genieße die Schönheit und den Glanz, den Gott dir gegeben hat. Nie bist du schöner, als wie er dich haben wollte!

 

  1. Jesus erscheint nicht nur; er legt seine Hand auf uns.

Johannes sieht Jesus nicht nur; er hört ihn nicht nur, sondern er spürt ihn auch. Es bleibt nicht bei einem optischen Auftritt. Es bleibt nicht bei einem belehrenden Wort. Die Lichtgestalt Jesus legt seine Hand auf den gebeugten Johannes und sagt: Fürchte dich nicht!

Jesus erscheint nicht, um sich groß zu machen. Jesus erscheint nicht, um sich selbst zu beweisen. Jesus erscheint nicht, um andere einzuschüchtern.

Jesus erscheint, um andere zu berühren.

Der auferstandene, himmlische Jesus tut nichts anderes, als es der irdische Jesus getan hat: Er berührt Menschen, um sie zu trösten und zu heilen.

Erwarten wir das vom Gottesdienst? Erwarten wir eine interessante Predigt oder andere interessante Menschen oder eine perfekte Musik?

Oder erwarten wir, dass Jesus uns berührt – um uns zu verändern?

Als Johannes ihn sah, fiel er zu seinen Füßen wie tot; und Jesus legte seine rechte Hand auf ihn und sprach:

Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige.

Das ist hart: Johannes realisiert, dass er im Gegenüber zur Herrlichkeit und Macht Gottes eigentlich eine ganz kleine Nummer ist. „Ich fiel ich zu seinen Füßen wie tot.“, sagt er.

Wie oft kommen wir und sind ganz klein.

Wie oft stehen wir da und sind wie tot.

Weil in den letzten Tagen alles schief ging, weil uns niemand wirklich versteht, weil uns eigentlich niemand so richtig liebt, weil unsere Gesundheit eine Katastrophe ist: Wie oft fühlen wir uns wie tot.

 

Dann tritt Jesus zu uns, legt seine rechte Hand auf uns und sagt:

Fürchte dich nicht. Ich bin doch alles für dich! Ich habe doch alles, was dir fehlt: Liebe, Lebenskraft, Ewigkeit.

Das Erscheinen Jesu ist kein Selbstzweck, sondern soll uns aufrichten und korrigieren und stark machen.

Kaiserkult macht den Kaiser stark. Jesuskult macht dich stark.

Das hat Johannes begriffen; und das sollen wir begreifen.

Deshalb wird uns bis heute von dieser Erscheinung Jesu berichtet. Und dann ist es eigentlich egal, ob gerade Weihnachten oder Ostern ist, oder nur ein ganz normaler Tag. Hauptsache, wir haben Jesus vor Augen. Amen.

Letzter Sonntag nach Epiphanias – Pfr. Dr. Jonas