Johannes 14, 1-6
Jesus sagte zu seinen Jüngern:
Euer Herz soll nicht aufgewühlt werden! Glaubt an Gott und glaubt an mich!
In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen.
Wäre dem nicht so, hätte ich euch dann etwa gesagt:
‚Ich gehe hin, euch den Ort zu bereiten?‘
Und wenn ich hingegangen bin und euch den Platz bereitet habe, werde ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, damit wo ich bin, auch ihr seid.
Und wohin ich gehe, den Weg wisst ihr.
Da sagt der Jünger Thomas zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir den Weg wissen?
Jesus sagt zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, außer durch mich.
Liebe Gemeinde,
an diesen Sonntag fallen viele Themen zusammen. Wir sind gerade erst in ein neues Jahr eingetreten, und es liegt jetzt wie ein unbekanntes Land vor uns. Über allem liegt noch der Glanz von Weihnachten. Der Alltag wird uns nun nach vielen Feiertagen wieder einholen.
Und zu diesen Stimmungen kommen noch die verschiedenen Themen, die die Kirche vorsieht: Die Kindheit Jesu, von der wir in der Evangelienlesung gehört haben. Der Segen für das neue Jahr. Und am Neujahrstag feiern wir eigentlich das Fest des Namens Jesu, denn am achten Tag nach seiner Geburt gaben Maria und Joseph ihrem neugeborenen Sohn den Namen Jesus.
Das ist viel. Aber es passt doch irgendwie zusammen.
Und so will ich versuchen, diese Fäden zusammenzuführen. Das soll alles passieren unter dem bekannten Wort Jesu: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Der Name ist Programm.
Der Name „Jesus“ ist nicht nur ein Rufname, den Maria und Joseph ausgesucht haben.
Am Jahresende werden ja immer verschiedenen Statistiken mitgeteilt. Da werden oft die beliebtesten Namen für Neugeborene erfasst. „Noah“ ist es in Deutschland, wobei „Leo“ immer beliebter wird. Bei den Mädchen ist Sophia ganz vorne. Das sind Wunschnamen oder Modenamen, die sich die Eltern nach langem Überlegen aussuchen.
Die Evangelien betonen eigens, dass der Name im Fall von Jesus von einem Engel vorgegeben wurde: Sowohl Maria (Lk 1,31) als auch Joseph bekommen diesen Auftrag. „Du sollst ihm den Namen Jesu geben, denn er soll ein Volk retten von seinen Sünden.“ (Mt 1,21). Hier folgt bei der Begründung auch gleich die Übersetzung des Namens „Jesus“: Das hebräische Wort bedeutet: Gott rettet.
Dieser Name ist Programm.
Dieser Name steht wie eine Überschrift über dem ganzen Lebensweg Jesu, den uns die Evangelien zeigen.
Gott rettet.
Und dann sehen wir, wie Jesus die verkorkste Hochzeit von Kana rettet, indem er für Wein sorgt.
Dann sehen wir, wie Jesus der vereinsamten Frau am Jakobsbrunnen den inneren Weg öffnet, der sie in die Freiheit führt, weil Gottes Geist auch in ihr ruht.
Dann sehen wir, wie er am Teich Bethesda einem Gelähmten nach 38 Jahren Krankheut wieder den freien Gang eröffnet, ihn wieder die Freude der Bewegung spüren lässt.
Dann sehen wir, wie Jesus selbst vor seinen Jüngern auf die Knie geht und ihre verunreinigten Füße wäscht.
Ja, eigentlich ist jedes einzelne Evangelium eine einige Illustration des Namens Jesu: Gott rettet. Gott hilft. Gott heilt.
Dieser Name ist Programm.
Und dazu passt die vielleicht anspruchsvollste Selbstbezeichnung Jesu: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Eine derart hochgeschraubte Selbstbezeichnung ist ja vollkommen schräg.
Stellen Sie sich einmal vor, jemand würde am Arbeitsplatz oder hier in der Gemeindeversammlung oder im Freundeskreis von sich sagen:
Ich bin der Weg. Ich bin die Wahrheit. Ich bin das Leben.
Wir könnten das nicht stehen lassen. Wir könnten das nicht ernstnehmen. Wir würden an dieser Person größte Zweifel anmelden – zu Recht!
Allein schon mit Absolutheit zu sagen „Ich weiß die Wahrheit.“ ist ziemlich anmaßend. Aber dann sogar „Ich bin die Wahrheit.“: Da hört unser Verständnis auf.
Eine Person, die so etwas sagt, ist entweder verrückt, oder sie ist Gottes Sohn. So sagte es einer meiner besten Professoren immer wieder:
„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“
Eine Person, die so etwas sagt, ist entweder verrückt, oder sie ist wirklich Gottes Sohn.
Die Selbstbezeichnung Jesu steht nun nicht einfach so im Raum und fällt im Neuen Testament aus dem Rahmen, sondern sie passt zu dem, was im Namen Jesu schon alles impliziert ist und mitschwingt.
Die Selbstbezeichnung Jesu im Johannesevangelium passt zu dem, was auch sonst über seinen Namen gesagt wird:
Es ist in keinem andern das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben (Apg 4,12),
als in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters,
dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Ende sind (Phil 2,10f).
Es gibt eine Menge Theologen, denen dieser hochgeschraubte Anspruch unangenehm und fast schon peinlich ist. Sie versuchen dann auf alle mögliche Weisen, den Absolutheitsanspruch Jesu abzumildern oder zumindest zu relativieren.
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, außer durch mich.
Da wird dann gesagt, dass sei alles bildlich gemeint: Jesu zeige einen Weg, der wahrhaftig ist und dem Leben dient und so weiter.
Aber warum steht dann bei Johannes nicht: Ich zeige den Weg, sondern ich bin der Weg?
Dahinter steht der unerhörte Anspruch Jesu, nicht nur über Gott zu reden, sondern sich als Gott zu offenbaren.
So wie Gott einst dem Mose im brennenden Dornbusch erschien und auch sagte „Ich bin der, der ich sein werde.“ (Ex 3,14).
Ich wiederhole, was ich gesagt habe:
Entweder ist Jesus von Nazareth mit diesem Selbstanspruch völlig verrückt geworden und wir halten ihn dann zurecht für einen Spinner. Oder aber es stimmt und er ist der Sohn Gottes.
Und dann informiert dieser Sohn Gottes nicht über den rechten Weg und das richtige Leben, sondern dann ist er der Weg zurück ins Vaterhaus Gottes und dann ist er das Leben in uns, das nicht einmal der Tod mehr auslöschen kann.
Dieser in der Tat anmaßende und provokative Selbstanspruch Jesu ist entweder verrückt oder aber die Wahrheit. Das können und das müssen Sie alle selbst für sich entscheiden! Das ist Glaube.
Der Name Jesu ist kein Wunschname, unter dem wir uns zusammensuchen, was uns an ihm gefällt.
Der Name Jesu ist kein Modename, den wir jeweils an die geltende politische Stimmung anpassen.
Der Name Jesu ist der Menschheit zum Heil gegeben und kein anderer Name unter dem Himmel.
„Dieser ist gesetzt zum Fall und zum Aufstehen für viele in Israel und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird.“, wie der alte Simeon über das Jesuskind sagte (Luk 2, 34). Wir haben es letzten Sonntag gehört.
In dem Namen Jesu steckt sein ganzes Programm, seine Sendung, sein Wesen, sein absoluter Anspruch. Unter diesem Preis ist er nicht zu kriegen.
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Das steht heute am Anfang des Jahres vor uns. Und wir können uns fragen, ob das ein weiterer netter Spruch ist, den wir zum neuen Jahr lesen auf den vielen Karten und Nachrichten und dann zur Seite legen, oder ob das das Motto ist, unter dem wir leben wollen.
Der hohe Anspruch steht.
Nun steht aber wie gesagt der hohe Name Jesu nicht einfach im Raum, sondern ist eingebettet in und angebahnt von ganz bestimmten Ereignissen.
Das Kind heißt nicht nur einfach „Gott rettet“, sondern seine Empfängnis war etwas Außergewöhnliches, die Engel bei seiner Geburt und das Wirken des erwachsenen Mannes aus Nazareth.
Der Name hängt nicht einfach in der Luft. Nein, er ist eingebettet in das Wesen und in das Handeln dieser Person. Er heißt nicht nur „Gott rettet“. Er tut das auch. Nur so ist zu erklären, dass die Menschen ihn damals angenommen haben.
Sein Name hing nicht nur einfach in der Luft. Wir kennen das ja auch heute, dass Menschen einen hohen Selbstanspruch in den Raum stellen bei Bewerbungen oder bei der Selbstdarstellung im Internet, und dass diese Selbstdarstellung überhaupt nicht der Realität entspricht. Wenn wir so etwas durchschauen, dann hat diese Person in der Regel verloren. Namen können in der Tat Schall und Rauch sein.
Aber Jesu Name nicht. Dafür ist sein Leben zu authentisch. Es löst ein, was von ihm gesagt ist.
Wir können also Jesu Name als Heiland nicht verstehen ohne die vielen Berichte von seinem Leben und Wirken.
Und wir können Jesu Wort „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ nicht verstehen ohne die Anbahnung und Einleitung dieses Satzes.
Der fällt ja nicht vom Himmel, sondern hinein in eine konkrete Situation.
Und die ist uns näher, als wir denken.
Johannes berichtet, dass Jesus zu den Jüngern sagt: Lasst euer Herz nicht aufgewühlt werden. Geht einfach den Weg, den ich euch vorausgehe.
Und dann sagt der an dieser Stelle sehr sympathische Jünger Thomas:
Nein, Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie sollen wir den Weg wissen?
Thomas spricht doch aus, was wir immer wieder denken.
Wir wollen ja mit Jesus gehen; wir wollen glauben, wir wollen das ewige Leben haben. Aber wir wissen doch oft nicht, wie der nächste Schritt aussieht. Wir wissen doch oft gar nicht, was Jesus genau von uns erwartet und was er mit uns vorhat.
Wir wissen doch gar nicht, was dieses neue Jahr vor uns bringen wird.
Wie sollen wir da den Weg wissen?
Und Jesus sagt nicht: O Thomas, da hast nicht genug aufgepasst! Du muss mehr lernen; du musst dich mehr anstrengen; du musst mehr Bibel lesen, mehr Gutes an anderen tun, mehr meditieren, mehr an dir arbeiten!
Nein, Jesus, sagt: Du musst doch gar nicht genau jeden Schritt wissen und die ganze Strecke auswendig kennen.
Du musst dich nur auf mich verlassen! Ich bin doch der Weg und die Wahrheit und das Leben. Du musst dich nur an mich halten, und dann ergibt sich alles andere von allein.
Liebe Gemeinde,
das ist doch keine unangenehme und steile Selbstdefinition, sondern eine entlastende Zusage!
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Du musst nicht jeden Weg kennen und vorher wissen.
Du musst nicht die Wahrheit selbst finden oder gar herstellen.
Du musst nicht das Leben mit aller möglichen Selbstoptimierung oder medizinischen Hilfe selbst erhalten.
Du hast doch alles in mir.
Wenn du den nächsten Schritt nicht weißt, ich weiß ihn.
Wenn du die Wahrheit über dein Leben nicht findest, ich habe sie.
Wenn dir dein Leben aus der Hand gerät und du es einmal hergeben musst, ich fange dich auf.
Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.
Liebe Geschwister,
das wird uns heute gesagt zum Neuen Jahr. Und das passt so wunderbar beim Blick auf den noch leeren Kalender.
Wir können nicht alles wissen, wir werden nicht alles können. Das Leben liegt – wie in jedem Jahr – nicht in unserer Hand.
Aber Jesus ist alles für uns, was wir nicht haben und nicht können.
Er geht den Weg voran – bis in die himmlischen Wohnungen.
Aber bis dahin wird er uns auch in diesem Jahr viele verschiedene Wohnungen bieten, in die wir einkehren können:
Gottesdienste, in denen er uns nahekommt und uns Kraft gibt.
Begegnungen mit Menschen, die uns von Herzen guttun, weil sie uns verstehen oder neue Wege aufzeigen.
Momente, in denen uns die Macht und die Herrlichkeit Gottes in seiner Schöpfung erfüllt und anrührt.
Augenblicke, in denen er uns vor kleiner oder großer Gefahr bewahrt hat im Autoverkehr oder bei den vielen kleinen und großen Dummheiten, die wir machen.
Wer diese von Jesus eingerichteten Wohnungen erkennt und immer wieder in sie einkehrt, dessen Herz muss wirklich nicht aufgewühlt sein – weder angesichts eines noch unbekannten Jahres, noch angesichts der Probleme unserer Welt.
Weg und Wahrheit und Leben stehen schon fest.
Wir wissen nicht alles, aber er.
Wir können nicht alles, aber er.
Wir haben nicht die Lösung für alles, aber er.
Und so können wir diesen ersten Sonntag im Jahr angemessen begehen.
Wir geben dem Namen Jesu die Ehre.
Wir vertrauen auf sein herrliches Wirken.
Wir gehen voller Zuversicht in die Zukunft.
2026 und immer ist wahr, was Paulus sagt:
Alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus.
Amen.