Hebräer 13,8+9

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben,

denn es ist heilsam, dass das Herz fest werde,

welches geschieht durch Gnade.

 

Liebe Gemeinde!

„Gott, Vater und Sohn und Heiliger Geist, o Segensbrunn, der ewig fleußt“ (EG 140, 5) – so haben wir gerade gesungen und damit das Grundgeheimnis unseres Glaubens genannt, nämlich, dass unser Gott dreifaltig ist, nämlich ein Gott in den drei Personen Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Auch im Glaubensbekenntnis unterzeichnen wir jedes Mal dieses Gottesbild. Dreifaltigkeit oder Dreieinigkeit: drei, die doch gleichzeitig eins sind. Das kann man sich schwer vorstellen; und es gibt genug Stimmen, die sagen, dieses Gottesbild sei zu kompliziert, zu schwer, ja unzutreffend.

Und das kostbare Glaubensbekenntnis von Nizäa, das im zu Ende gehenden Jahr 2025 sein 1700. Jubiläum feierte, hält diese Wahrheit für alle unsere Kirchen fest:

Dreieinigkeit: drei, die doch gleichzeitig eins sind.

Doch keine Angst, es gibt heute keine Predigt zu Glaubensbekenntnissen und ihrer Geschichte.

Aber dass drei gleichzeitig eins sein können, das ist uns gar nicht so fern; das ist uns näher, als wir denken, das leben wir selbst eigentlich die ganze Zeit.

 

Jede und jeder von uns lebt in drei Zeitstufen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jede und jeder von uns hat mit dem zu tun, was war, was gerade ist, und was sein wird.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Die stehen uns heute zum Jahreswechsel vor Augen. Die Gedanken gehen zurück und nach vorne.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Und auch unser Gotteswort für heute Abend stellt sie uns vor Augen: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

 

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Drei Zeitstufen in meinem Leben, drei Zeitstufen, mit denen ich immer gleichzeitig umgehen muss – und da mag nochmal jemand sagen, dass die Dreieinigkeit Gottes schwer vorstellbar sein.

 

Jetzt könnte man ja sagen: Nein, du lebst nicht immer in drei Zeitstufen gleichzeitig, du lebst immer nur in der Gegenwart. Was vergangen ist, ist vorbei, und was kommt, das spielt noch keine Rolle.

„Ich lebe ganz in der Gegenwart.“, sagte vor Kurzem eine Schauspielerin in einer Talkshow, und sie stellte das auch als die einzige richtige Lebenseinstellung für unsere Zeiten dar: „Ich verstehe gar nicht, wie man es dauernd mit Vergangenheit und Zukunft haben kann. Lebt doch ausschließlich den Augenblick, so findet ihr das Glück!“

Ich konnte es in diesem Moment gar nicht fassen, das so eine Aussage unwidersprochen im Fernsehen stehengelassen werden kann!

Klar kann sich das diese Schauspielerin leisten, die übrigens im gleichen Atemzug sagte, dass sie nach Ibiza umgesiedelt sei, um dort ihr Leben zu genießen. Klar kann sie dort – in ihrer privilegierten Lage – ausschließlich den Augenblick leben.

Aber können wir, kann die Gesellschaft allein angesichts des Klimawandels den Gedanken an die Zukunft einfach weglassen und schlichtweg die Gegenwart genießen? Ich konnte es, wie gesagt, nicht glauben, dass so eine Aussage im öffentlich-rechtlichen Fernsehen unkommentiert stehenbleiben konnte!

Ist unser Leben nicht immer auch Verantwortung für die Zukunft, und damit Vorsorge für unsere Kinder, unsere Mitgeschöpfe, für unsere Institutionen und Länder, aber auch für uns selbst und die Rente im Alter?

Es ist verantwortungslos, ohne Gedanken an die Zukunft zu leben, und eigentlich unmöglich. Ausnahme ist vielleicht diese kleine Elite, die sich mit Champagner und Pool auf die eigene Finca zurückzieht.

Ich habe Verantwortung auch für das, was nach mir kommt!

Die Zukunft kann uns nicht kalt lassen. Die Zukunft ist Teil unseres Lebens.

Sie alle leben nicht notwendigerweise alle in der Zukunft. Ich bin mir sicher jeder und jede von Ihnen weiß, was Sie heute zu Abend essen. Sie haben sich Gedanken gemacht, sie haben geplant. Wir müssen zumindest die nächsten Schritte im Kopf haben. Die Zukunft ist Teil unseres Lebens.

 

Nun gibt es aber auch die Menschen, die ganz in der Vergangenheit leben.

Das ist ein anderer Menschentypus. Es gibt Menschen, die messen alles an der Vergangenheit, die dann meist immer besser war. „Früher hatten wir das so.“ „Früher haben wir das so gemacht.“ Es ist kein Geheimnis, dass gerade unsere Kirchengemeinden oft ein Hort für solche Haltungen sind. In der Kirche war früher alles besser, heute geht alles schief. Die Kirchen machen heute sicher nicht alles richtig, aber die reine Wiederholung dessen, was einmal war, kann nicht die Lösung sein.

In der Kirche muss etwas gelten und zur Geltung kommen, das vor uns getragen hat und auch nach uns noch tragen wird.

Die Kirche lebt von ihren Traditionen, aber sie ist mehr als ein Museum.

 

Jede und jeder von uns hat Erinnerung an goldene Zeiten im eigenen Leben, Zeiten, die wir genossen haben, Zeiten, die uns geprägt haben. Aber seien wir ehrlich: Wir vergolden meistens in der Erinnerung. Je länger etwas zurückliegt, desto goldener strahlt es.  Aber auch vergangene Zeiten hatten ihre Schwierigkeiten.

 

Manche Menschen leben so sehr in der Vergangenheit, dass sie der Gegenwart gar keine Chance lassen.

Wie dem auch sei, es steht fest:

Die Vergangenheit gehört zu unserem Leben. Sie füllt unser Denken mit Erinnerungen. Sie hat uns zu dem geprägt, was wir heute sind.

Wir messen die Gegenwart an den, was wir in der Vergangenheit erlebt haben. Wir können die Zukunft nicht angehen ohne Rückgriff auf Erfahrungswerte aus der Vergangenheit.

Zukunft ist immer auch Herkunft.

 

Ein dritter Typ von Menschen scheint ganz in der Zukunft zu leben. Sie lassen die Vergangenheit gerne hinter sich. Sie haben große Pläne und immer neue Projekte vor Augen. Die Vergangenheit wird kritisiert und die Gegenwart kaum genossen. Ich habe solche Bekannte, die sind im Kopf immer schon bei der nächsten Sache. Wenn sie am Tisch sitzen, denken sie an die nächste Unternehmung; wenn sie etwas unternehmen, denken sie ans nächste Essen. Wenn sie im Urlaub sind, planen sie schon den nächsten. Sie scheinen nie wirklich an einem Ort angekommen zu sein. Hier bin auch ich versucht zu sagen: Lebe doch auch einmal den Augenblick! Das Leben ist doch keine Flucht.

 

Ich habe jetzt mit der Schilderung dieser drei Charaktertypen jetzt bewusst manches überzeichnet.

Man könnte auch politische Typen den drei Zeitstufen zuordnen. Die Konservativen, die – wie der Namen schon sagt – das Vergangene bewahren wollen; die Progressiven, die vor allem Veränderung wollen, die Utopisten, die von einer perfekten Zukunft träumen; die Realos, denen es um eine einigermaßen gestaltete Gegenwart geht, und so weiter…

 

Wie gesagt, die Einteilung in drei feste Zeit-Typen ist holzschnittartig und überzogen. Aber wir sehen zwei Dinge:

Man kann sich nicht ganz auf eine Zeitstufe begrenzen – weder auf die Gegenwart, noch auf die Vergangenheit oder Zukunft.  Das geht notwendigerweise schief.

Und wir tragen alle, alle, die drei Anteile in uns.

Schon die Weise, wie wir diesen Jahreswechsel begehen, zeigt es.

Wir halten Rückblick auf das vergangene Jahr. Wir fragen uns, was das neue Jahr bringen wird. Wir machen uns heute alle einen schönen feierlichen Abend.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Der Mensch lebt wohl oder übel in allen drei Zeiten- und zwar gleichzeitig.

Und das ist gar nicht so einfach! Das treibt uns um. Das macht unser Herz unruhig. Da kommt vieles zusammen: Alte Wunden, die in der Erinnerung nicht verheilt sind, Schuld, die noch an uns nagt, Angst vor der Zukunft, Fristen, die ablaufen, Informationen, die unsere gegenwärtige Stimmung prägen.

Das menschliche Herz ist unruhig. Es geht gar nicht anders. Und es ist kein Wunder, dass es gerade Augustinus ist, der diesen berühmten Satz gesagt hat. Er hat sich ausführliche Gedanken über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gemacht. Mit dem Spitzensatz, dass es die Gegenwart eigentlich gar nicht gibt. Denn wenn sie uns bewusst wird, ist sie bereits Vergangenheit.

 

Unser menschliches Herz flackert wie ein unruhiges Kerzenlicht im Fluge und Wandel der Zeiten: Vergangenes, Kommendes und Aktuelles: Alles strömt auf uns ein; und wir müssen alles irgendwie zusammenkriegen – im Kopf, aber auch im Herzen.

 

Jetzt gewinnt der schlichte Satz Kontur, den uns der Hebräerbrief heute Abend vor Augen stellt:

Es ist heilsam, dass das Herz fest werde.

Es ist kostbar, wenn wir ein festes Herz haben. Denn wir haben es nicht schon automatisch. Wie oft rutscht uns das Herz in die Hose, wie der Volksmund sagt. Wie oft ist unser Herz wie „zerschmolzenes Wachs im Leibe“, wie Psalm 22 sagt.

 

Das menschliche Herz, in dem so viel zusammenkommt, kann doch gar nicht fest sein, wo doch hier Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenkommen und eine Spannung erzeugen, die zum Zerreißen ist.

Man kann sein Herz verhärten. Das ist die Reaktion viele Menschen. Aber das kann es ja für uns nicht sein. Gott will kein Herz aus Stein – und unsere Mitmenschen bestimmt auch nicht.

Der Hebräerbrief spricht ja auch vom festen Herzen, nicht von einem harten Herzen. Das ist ein wichtiger Unterschied.

Nehmen wir das biblische Bild vom Wachs: Wachs kann fest sein. Es bleibt aber weich und flexibel. In der entsprechenden Situation wird es weich und dann wieder fest.

Unser Herz soll wie eine Kerze sein: Leuchtend und warm, aber doch auch fest. Billige Kerzen zerfließen und lassen das Wachs über den ganzen Tisch laufen. So nicht! Harte Kerzen brechen und splittern. So auch nicht!

Es ist heilsam, dass das Herz fest werde.

Und wir brauchen ein festes Herz, wenn wir von einem Jahr ins andere treten.

Und unsere Welt braucht Menschen mit einem festen Herzen: Menschen, die nicht sofort immer gleich jammern und klagen, Menschen, die sich nicht von jedem neuen Trend beeindrucken und umstimmen lassen, Menschen, die Verantwortung übernehmen, und sie nicht beim ersten Druck wieder abgeben.

Ja, der Hebräerbrief hat Recht:

Es ist eine kostbare Sache, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Ja, aber wie?

Jetzt kommt der Vers davor ins Spiel.

Er steht auch so schön in der Mitte unsere Altarnische:

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

 

Er bringt Ruhe ins Spiel, denn er besteht in allen drei Zeitstufen.

Er flackert nicht zwischen allen Zeitstufen umher wie wir.

Er gehört nicht nur in die Vergangenheit, wie manche denken.

Ihm gehört die Zukunft, wie immer die auch aussehen mag.

Er prägt die Gegenwart, wo immer man ihm mit offenem Herzen begegnet.

Und – das ist das Entscheidende:

Er ist immer derselbe. Er ist verlässlich. Er bringt Ruhe ins Spiel.

Unsere Eindrücke wechseln; unsere Stimmungen ändern sich; unsere Informationen sind heute so und morgen so, je nach Weltlage oder Nachrichtensender.

Er ist immer derselbe.

Anker in der Zeit. Zufluchtsort. Orientierungsmarke.

 

Die sogenannte Drei-Zeiten-Formel über Jesus ist nicht nur schön; sie zeigt uns eben auch, wie das Herz fest wird:

Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart ihm überlassen.

 

Drei Zeiten kommen in unserem einen Herzen zusammen.

Drei sind gleichzeitig eins.

[Und dass Sie mich richtig verstehen. Das ist keine trinitätstheologische Aussage. Ich will keinesfalls Vater, Sohn und Heiligen Geist den verschiedenen Zeitstufen zuordnen. Alle drei Personen sind gleich ewig; Gott wirkt immer und überall in Allem.]

Und wir sehen: Gott hält alle drei Zeitstufen zusammen.

Drei sind gleichzeitig eins.

Wir leben das. Und wir können das leben mit ihm,

weil er alle drei Zeitstufen zusammenhält.

Gott ist nicht statisch, apathisch oder zeitlos.

Er ist ewig. Und Ewigkeit ist mehr als eine Zukunft ohne Ende.

Ewigkeit ist die Fülle der Zeit, so etwas wie das Konzentrat der Zeit. In der Ewigkeit kommt alles zusammen, ist alles aufgehoben, geht nichts verloren.
In Gottes Gegenwart passt wirklich alles zusammen.

„Mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in jedem Augenblick, das ist die Unsterblichkeit der Religion“, das bietet uns unser Glaube.

Jesus kommt an alle unsere Zeitstufen ran: Die Vergangenheit mit unserer Schuld, die Zukunft nach unserem Tod, das Glück oder die Sorge des Augenblicks. Das kann wirklich unser Herz ruhig machen, egal ob wir eher zurückschauen oder nach vorne.

Denn in seiner Gegenwart werden auch wir ewig. Amen.

Altjahrsabend 25 – Pfr. Dr. Jonas